Überschreitung der Freiheittürm


Published by radivi Pro , 17 October 2011, 00h04.

Region: World » Switzerland » Appenzell
Date of the hike:16 October 2011
Hiking grading: T6+ - Difficult High-level Alpine hike
Climbing grading: IV (UIAA Grading System)
Waypoints:
Geo-Tags: CH-AI   Alpstein 
Route:Wasserauen-Schrennen-Borsthalden-Schafbergsattel-Freiheittürm-Bötzel-Seealpsee-Wasserauen

Zustieg
Um 7:15 starten Maveric und ich in Wasserauen. Über den Schrennenweg geht's auf die Meglisalp. Von dort über die Borsthaldenroute auf den Schafbergsattel. Dort beobachten uns 18 Steinböcke und sind eher unbeeindruckt von unseren Aufstiegskünsten. Auf dem Schafbergsattel gibt es die erste Rast und wir ziehen den Klettergurt an. Dabei können wir auch beobachten, wie der Alpsteinadler den Freiheittürmen und der Freiheit im Abstand von etwa 2m entlang segelt.

Westl. Freiheitturm
Zuerst steigen wir etwa 10m nach Süden ab und queren dann in die Südwand. Dort geht es durch Steilgras auf den Grat. Auf diesem dann über 2 Aufschwünge, die insbesondere mit miserabler Qualität glänzen, auf den Gipfel. Dort machen wir dann den insgesamt 7. Eintrag ins Gipfelbuch. Einer ist von marmotta, die übrigen von Maveric! Weiter gehen wir dem einigermassen breiten Grat entlang bis zu einem letzten Aufschwung am Ostende. Dort gibt es einen massiven Abseilhaken. Wir nehmen die beiden 50m Halbseile hervor und seilen in die Freiheittürmkerbe ab. Von Schafbergsattel bis Freiheittürmkerbe benötigen wir 1h.

Östl. Freiheitturm
Das eigentliche Ziel unserer Unternehmung ist der östl. Freiheitturm. Nach dem Bericht von Urs machen wir uns auf eine eher abenteuerliche Überschreitung gefasst. In der Kerbe seilen wir uns deshalb an und ich ziehe auch noch die Kletterfinken an. Die erste Seillänge ist nur etwa 10 m aus dem Felsenfenster in die Wand darüber. Dort stecken 2 Haken, man richtet den Stand besser beim unteren ein. Die 2. Seillänge quert zuerst etwas in die Südwand und geht dann hoch auf den Grat. Die Wand ist eigentlich gut gestuft, die Qualität einiger Griffe und Tritte ist allerdings sehr zweifelhaft, deshalb ist grösste Vorsicht geboten. In der Wand habe ich 2 Haken gesehen und benutzt. Die 3. Seillänge ist wiederum kurz, aber eine echte Überraschung. Wir haben einen Ritt auf dem Grat erwartet, aber hinter dem Grat tut sich eine regelrechte Terrasse auf und wir können einfach bis zum Gratkopf spazieren. Dort beginnt dann auch die 4. Seillänge. Diese ist zweifellos die Schlüsselseillänge. Der Führer besagt, dass der Gratkopf nördlich umgangen werden soll und dann der Grat durch einen Riss wiedergewonnen wird. Urs hat diesen Durchgang damals nicht gesehen und folgte den Haken im Gratkopf (5 Haken und weitere Holzpflöcke). Durch den Gratkopf führt ein netter Riss, und Urs' Bewertung mit V ist wohl richtig. Ich will allerdings doch erst sicher sein, ob man jetzt den Gratkopf nördlich queren kann oder nicht. Und siehe da, man muss einen beherzten Spreizschritt wagen und sich an einer Platte halten (leicht überhängend). Wenn man dem Fels allerdings etwas vertraut (was nach dem bisherigen Verlauf nicht selbstverständlich ist), ist es eigentlich kein Problem. Kurz darauf erblicke ich auch schon einen Schlaghaken, ich bin also nicht so falsch. Und dann kommt auch der Riss. Dieser kann mit Reibung erklettert werden. Die 5 Haken im Gratkopf lassen aber darauf schliessen, dass es doch einigen schon so wie Urs ergangen ist. Wir sind jedenfalls froh, haben wir den richtigen Weg gefunden. In der letzten Seilänge führt dann Maveric auf den Gipfel.

Von da führt dann ein langer Grat zur Freiheitscharte. Wer schon einmal von der Freiheit hierher geschaut hat, weiss um die Abschüssigkeit dieses Grates. Wir bleiben weiterhin angeseilt und sichern auch beim abklettern. Ein kleines Wändchen stellt dann eine weitere kleine Herausforderung dar. Nach etwa 8-10 Seillängen haben wir dann das Ostende des Grates erreicht. Dort sind wir auf Urs' Reepschnur getroffen. Wir haben diese dann auch noch mit einer Schlinge mit einem Schlaghaken, der auch dort steckte, verbunden. Das Abseilen ist noch einmal eine letzte Nervenprobe, da der Einstieg nicht gerade einfach ist. Danach ist es aber herrlich, volle 50m wird abgeseilt, die ersten 20m frei in der Luft. Offenbar hat die Reepschnur verdächtige Geräusche von sich gegeben, als ich abgeseilt habe. Maveric hat die Abseileinrichtung deshalb mit noch 2 Schlingen verstärkt. Von Freiheittürmkerbe bis Freiheitscharte brauchten wir 4h, 2 für den Aufstieg, 2 für den Abstieg, auch wenn uns der Abstieg länger vorkam. Dies lag sicher daran, dass wir auf dem Gipfel genau wussten, dass noch ein ernsthaftes Stück vor uns lag. Richtige Freude kam dann erst in der Freiheitscharte auf.

Abstieg
Der Abstieg aus der Freiheitscharte folgt dann auf einem Grasrücken entlang der eindrücklichen Freiheit-NW-Wand. Schliesslich via Bötzel, Meglisalp, Seealpsee zurück nach Wasserauen.

Fazit
Diese Tour zählt absolut zu Recht zu den alten Alpsteinklassikern. Der Grat des östl. Freiheitturms sucht seinesgleichen, und der westl. Freiheitturm ist ein lohnender Gipfel der T6-Klasse. Der Fels ist nicht überall wirklich vertrauenserweckend, aber die Schwierigkeiten sind meisterbar. Die Route ist im Führer zweifellos richtig beschrieben. Allerdings ist die Zeitangabe mit 30' sehr ehrgeizig, und wir würden die Tour mit IV und nicht mit III bewerten. Der Spreizschritt, der Reibungskamin, und das kleine Wändchen im Abstieg sprechen für ein IV. Ganz allgemein sind alte Routen doch eher unterbewertet. Dies liegt wohl daran, dass früher ein anderes Verständnis der Schwierigkeitsgrade herrschte, und die Touren wahrscheinlich von keinem der Autoren der verschiedenen Führer je begangen wurden. Der Westkamin an den Altenalptürmen bewerten wir z.B. eher mit IV als mit III. Der Ostaufstieg auf den östl. Freiheitturm sah auch nicht nach IV aus, sondern eher V, und der Freiheitwestgrat sah ebenfalls nach mehr als V aus.

Die Überschreitung der Freiheittürme ist ein Unternehmen der Extraklasse, insbesondere an einem Tag, wo sich Wolken nur unterhalb von 800 m bewegten. 50 m Doppelseil sind aber nötig. Weiter Friends 1-3 und ein paar Expressen und Schlingen.

Hike partners: radivi, Maveric

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Comments (3)


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alpstein Pro says: Alte Bewertungen
Sent 17 October 2011, 06h59
>Dies liegt wohl daran, dass früher ein anderes Verständnis der Schwierigkeitsgrade herrschte, und die Touren wahrscheinlich von keinem der Autoren der verschiedenen Führer je begangen wurden.

Das stimmt wohl. Ich habe gestern eine alte "Bergwelt" aus dem Jahre 1974 gelesen, wo Kreuzberge und der Altmann beschrieben worden sind, als ob es etwas gehobenere Spaziergänge seien. Normalweg, Schaffhauser Kamin und Südkamin am Altmann wurden alle mit I klassifiziert.

Gratulation zu der tollen Tour, atemberaubend.

Grüße
alpstein

Urs says: Gratulation
Sent 17 October 2011, 09h20
Super Leistung. Wundert mich auch nicht, dass sie von euch zwei kommt. Vor allem die nördliche Umsteigung des Gratkopfs überrascht mich sehr, hätte mich nie getraut dort weiterzuklettern. Nochmals gratulation zur tollen Leistung.
Gruss Urs

radivi Pro says: RE:Gratulation
Sent 17 October 2011, 10h06
Besten Dank. Eure Variante am Gratkopf scheint mir noch einen Zacken schwieriger zu sein. Sah aber interessant aus.


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