Cima dell´Uomo (2.390 m) und das Stalker-Schaf


Publiziert von dulac Pro , 4. September 2011 um 18:35.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Bellinzonese
Tour Datum:28 August 2011
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   Gruppo Cima dell'Uomo 
Zeitbedarf: 6:30
Aufstieg: 1100 m
Abstieg: 1100 m

Es war ein traumhafter Tag in den Tessiner Bergen - doch vor diesem Schaf muß ausdrücklich gewarnt werden!  

Durch Erziehungsdefizite während seiner Kindheit als Jung-Lamm möglicherweise verzogen, von eintöniger Nahrung, diesem immergleichen faden Gras frustriert  und als vereinsamtes Single-Schaf auf dem Gipfel wohl auf Grund fehlender sozialer Kontakte auch neurotisch geworden, hatte es nichts Besseres zu tun als einem harmlosen Wanderer den Aufenthalt auf dem Höhepunkt der heutigen Tour zu vermiesen. Doch davon später mehr.

Schönes Wetter war für diesen Sonntag für beidseits der Alpen angekündigt, doch für die Alpensüdseite eine Spur schöner, und vor allem aber deutlich wärmer.
 
Ein Ziel war schnell gefunden. Mit der von Bellinzona leicht erreichbaren Mornera-Bahn nach oben und dann auf die Cima dell´ Uomo.

Beim Check der dazu vorhandenen hikr-Berichte, für den nicht mehr viel Zeit zur Verfügung stand, bin ich bald auf die präzisen und detaillierten von Ivo66 *Cima dell' Uomo 2390 m - Cima d'Erbea (West) 2338 m und siso *Cima dell’Uomo (2390 m) gestoßen. Durch die unterschiedlichen Schwerpunkte fühlte ich mich für mein Vorhaben rasch umfassend informiert.

Bereits die frühmorgendliche Anreise über den Gotthard war bei blauem Himmel, nur vereinzelten Restwolken und den frisch weiß-überzuckerten Bergspitzen ein Erlebnis. Zudem war der ICN zu meiner Überraschung allenfalls halbvoll.
 
Gegen 09.45 war ich bei der Talstation der Bergbahn. Die Nachfrage war etwas höher als der Bericht von Ivo erwarten ließ, dennoch kam ich mit der nächsten Gondel nach oben und war damit um 10.00 an der Bergstation.

Dort im Grotto erst einmal einen Kaffee, dann konnte es losgehen. Meine Route im Aufstieg folgte exakt der von Ivo66 beschriebenen, auch seine Differenzierung bei den Schwierigkeitsgraden traf exakt den Punkt. Deshalb spare ich mir an dieser Stelle Wiederholungen.
 
Ergänzen möchte ich allenfalls, daß der kleine Teich, der kurz nach Beginn des Aufstiegs passiert wird, künstlich angelegt wurde. Er dient als Löschwasser-Reservoir für Helikopter bei Waldbränden.
 
Trotz des schönen Wanderwetters waren erstaunlich wenig Wanderer unterwegs, speziell nach der Capanna Albagno.
 
Nach 3,5 Stunden Wanderung über die Bocchetta d´Erbea und die Bocchetta della Cima dell´Uomo war der Gipfel der Cima dell´Uomo erreicht. Die Aussicht von dort einfach phänomenal!
 
Es war mittlerweile 14.00 geworden, somit höchste Zeit für eine Brotzeit.

Ich hatte den Gipfel wieder einmal für mich allein (schon seltsam, daß mir dies in diesem Jahr schon auf sonst so gut frequentierten Zielen wie Spitzmeilen, Chäserrugg oder Schäfler passiert ist) und hatte damit freie Hand bei der Auswahl meines Logenplatzes.

Aber dann war da noch etwas unterhalb des Gipfels dieses Schaf, ein wenig verloren stand es rum, zeigte aber keine Verhaltensauffälligkeiten.
 
Zwar hatte ich im Wallis schon Erfahrungen mit den dortigen Ziegen gemacht (diesen – wie ich finde – besonders fotogenen zweifarbig schwarz-weißen), bei denen das Öffnen eines Rucksacks auch über eine Entfernung von 10 Metern und mehr offensichtlich einen Pawlowschen Reflex auslöst.
 
Doch dieses einzelne Schaf, zudem etwas weiter von meinem Rastplatz entfernt, schien mir keine unmittelbare Gefahr darzustellen. Und so holte ich meine Verpflegung aus dem Rucksack. Doch dann fiel mir nach dem Motto „Erst die Arbeit – dann das Vergnügen“ ein, ich sollte zuvor noch die Gipfel-Fotos machen.
 
Ich war ein wenig abgelenkt, das hinterhältige Schaf nutzte diese Momente mangelnder Aufmerksamkeit, und ehe ich mich versah steuerte es direkt auf meine Brotzeit zu.
 
Ich versuchte sofort es abzudrängen, versetzte ihm auch einige – offensichtlich wenig professionelle - Boxhiebe, es entstand eine Rangelei mit einigem Hin und Her und wenn ich meine Stöcke nicht am Beginn der letzten Steilstufe deponiert gehabt hätte, hätte ich ihm wohl auch damit eine übergebraten.
 
Wie auch immer, das Schaf war von alledem wenig beeindruckt, so daß es mir das klügste erschien, meine Sachen zu packen und mich an einen ruhigeren Ort zurückzuziehen. Doch das ist in einer derartigen Situation leichter gesagt als getan. Und so wurde es ein eher ungeordneter Rückzug mit leichten Kollateralschäden (u.a. ein nicht mehr brauchbares, vom Schaf angebissenes Brot).
 
Ein ruhiges Plätzchen fand ich dann erst wieder an der Bocchetta della Cima dell´Uomo, wo ich die so unvermittelt unterbrochene Mittagsrast dann ungestört fortsetzen konnte.
 
Beim anschließenden Abstieg ließ es sich dann nicht vermeiden, daß mir einige abstruse Gedanken durch den Kopf schwirrten:
 
War das möglicherweise gar kein einheimisches Schaf, sondern ein illegal über die nahe Grenze eingewandertes ausländisches?
Unter Umständen gar ein schwarzes, das sich zur besseren Tarnung das Fell gefärbt hatte?
Seinen Hang zur Kriminalität, zumindest einer Vorstufe dazu, hatte es ja bereits unter Beweis gestellt!


Ehe ich jedoch über mögliche Maßnahmen wie etwa eine Ausschaffung nachdenken und mich weiter in den Tiefen oder Untiefen politischer Fragen verfangen konnte, war ich bereits wieder zurück bei der Capanna Albagno, jetzt ohne Besucher. Doch der Kühlschrank war gefüllt. Ein Bier tat nun gut.
 
Kurz nach mir traf noch ein einheimisches Paar ein. Wir unterhielten uns ein wenig, vor der „pecora“ auf dem Gipfel mußte ich sie nicht warnen, denn sie wollten heute nicht weiter als bis zur Hütte hier.
 
Nach dieser Stärkung der weitere Abstieg zur Bergstation. Dort wurden Platzkarten für die Talfahrt ausgegeben. Da bis zur Abfahrt meines Busses noch etwas Zeit war, entschied ich mich für eine spätere Fahrt. So blieb noch Zeit für eine hier oben unerwartete  „birra spinata“ und dabei Gelegenheit, noch ein wenig die schöne Abendstimmung zu genießen.
 
Gegen Viertel vor Sieben wurde meine Nummer aufgerufen und 12 Minuten später war ich 1.000 Meter weiter unten.
 
Es war ein wunderbarer Tag bis auf ....,  ja bis auf .....
 

Und sorry, daß mein Bericht dadurch etwas schaf-lastig geworden ist.
 
Abschließend noch mein Dank an Ivo66 und siso für ihre Tourberichte, die mir eine große Hilfe waren und die ich allen empfehlen kann, die sich für die Besteigung der Cima dell´Uomo einen "normaleren" Bericht gewünscht hätten.

Nachtrag:
Einen Monat später war ich noch einmal auf der Cima dell´Uomo: Der Gipfel war jetzt erfreulicherweise "schaflos", leider fehlte diesmal jedoch die weite klare Sicht, die mich bei meinem ersten Besuch so beeindruckt hatte.

Jetzt konnte ich auch erstmals das Gipfelbuch in die Hand nehmen: Unter dem Datum meines ersten Besuchs fand sich dort der Eintrag "pecora di merda" (Sch....Schaf)
und einige Zeit später "ricovero pecore smarrite" (Bergung verirrter Schafe). Also doch kein illegaler Einwanderer ;-)

2. Nachtrag
Jetzt aber berichtet fuemm63 in seinem Bericht *Cima-dell'Uomo-Berglauf er hätte das Schaf am 6.10. wieder getroffen. Sehr irritierend und besorgniserregend!







Tourengänger: dulac

Minimap
0Km
Klicke um zu zeichnen. Klicke auf den letzten Punkt um das Zeichnen zu beenden

Galerie


Slideshow In einem neuen Fenster öffnen · Im gleichen Fenster öffnen


Kommentare (4)


Kommentar hinzufügen

Ivo66 Pro hat gesagt: Schafe...
Gesendet am 4. September 2011 um 21:32
Hallo Dulac

Ein köstlicher Bericht, ich habe mich prächtig amüsiert; Deine Schilderungen über das verhaltensgestörte Schaf sind so geschrieben, dass man sich gut in Deine Lage hineinversetzen kann. Es gibt nur eine Erklärung: Das an und für sich bedauernswerte Schaf muss früh in seiner Jugend in schlechte Gesellschaft geraten sein, vermutlich in den Fängen einer mit Drogen handelnden Ziegen-Gang gelandet sein. Anders lässt sich dieses schafatypische Verhalten nicht erklären :-).

Aber im Ernst: Es macht mich glücklich, dass Dir mein Bericht hilfreich war; das Tessin hat so viel zu bieten. Ich wünsche Dir noch viele tolle Touren und freue mich auf Deine Berichte. Und glaub mir: Hätte ich von dem aufdringlichen Schaf gewusst, wäre in meinem Bericht ein Warnhinweis erfolgt ;-)

Herzliche Grüsse

Ivo

dulac Pro hat gesagt: RE:Schafe...
Gesendet am 5. September 2011 um 19:02
Hallo Ivo,

besten Dank für Dein Feedback und keine Sorge, ich mache niemanden verantwortlich für etwaige fehlende Warnhinweise ;-).

Tatsächlich verklärt sich die Episode am Gipfel mit zunehmendem zeitlichen Abstand für mich auch immer mehr. Von (kleinen) Mißgeschicken zu erzählen hat häufig sogar seinen eigenen Reiz. Drum freut es mich sehr, wenn ich Dich damit erheitern konnte.

Auch Dir und Deiner Begleiterin weiterhin viele spannende Touren und immer eine gesunde Rückkehr!

Herzliche Grüße

Wolfgang

gstuermer hat gesagt: Stubaier Schafe
Gesendet am 8. Oktober 2011 um 16:58
Hallo Wolfgang,

ich schätze es wird eines dieser berüchtigten Stubaier-Freßschafe gewesen sein. Bereits 1999 hatten ich da so leichte Problemchen:
http://gipfelstuermer.de/touren/stubaier0799/schafe.jpg

Kopf hoch, wenigstens hat es dich nicht angepinkelt (wie uns). ;-)

Viele Grüße,
Thorsten

dulac Pro hat gesagt: RE:Stubaier Schafe
Gesendet am 9. Oktober 2011 um 01:44
Hallo Thorsten,

da habe ich ja noch einmal Glück gehabt, daß es nur an meinen Proviant wollte ;-)
und daß ich es nichr mit einer ganzen Herde zu tun hatte.

Schöne Fotos!

Viele Grüße und besten Dank für Deine tröstlichen Worte

Wolfgang


Kommentar hinzufügen»