Ich geniesse gerade ein paar wunderbare Ferientage. Wer aber meint, ich sei ständig irgendwo in den Bergen unterwegs, täuscht sich. In der Tat habe ich die ersten paar freien Tage – und dies bei schönstem Wetter, bei prächtigst blühenden Frühlingsblumen draussen und bei fröhlichst zwitschernden Vögeln in den Bäumen rundherum – vor allem im Pyjama verbracht. Dies, weil es für mich so stimmte, und weil die Motivation für grosse Sprünge in der Natur fehlte. Für schöne Bergtouren braucht es halt einiges: gutes Wetter, Motivation, die richtige Begleitung, freie Zeit, gute Bedingungen, und so weiter und so fort. Gestern war es dann endlich wieder einmal so weit – ich habe mich eiligst meines Pyjamas entledigt und bin mit einem Kollegen zum Allalinhorn aufgebrochen. Die Tour war so schön und das Erlebte so innig, dass ich jetzt wieder wie gefangen in meinem Pyjama verharre und nur noch nachspüre, während draussen die Sonne scheint und der Wind mit meinen zum Trocknen ausgehängten Bergkleidern spielt, und drinnen Seil, Steigeisen und vieles mehr in einer Ecke darauf warten, von mir säuberlich gereinigt und versorgt zu werden.
Mit Urs hatte ich schon einiges bestiegen: alle Gipfel des Grand Combins, die Breithornzwillinge, das Alteschhorn und einiges mehr, doch alles vor zwölf Jahren und länger. Jetzt ist der arme Tropf wie ich verheiratet und darf nur noch selten auf die Berge hinauf. Dafür geht er täglich mit dem Hund spazieren, jätet den Hausgarten oder trägt alle Wochen den Abfallsack zur Kehrichtsammelstelle hinunter. Auch das zu besteigende Allalinhorn war für mich ein Altbekannter – ich hatte es bereits auf vier verschiedenen Routen mehrmals bestiegen. Alle kennen es, denn das Allalinhorn zählt zu den beliebten Modegipfeln. Der Berichte gibt es viele, und es werden deren auf den verschiedenen Foren immer mehr. Daher wäre es im Prinzip überflüssig, dass auch ich noch meinen Mais dazugebe.
Zuerst ein paar Bemerkungen zu meinem Weg zum Ziel. Aufmerksame Leser meiner Berichte werden - wie ich vermutet haben - dass jetzt schon meine Reise von Brig nach Visp ein paar Sekunden länger dauern würde als im Winter. Denn, zur Sommerszeit – und da haben sie voll und ganz richtig – kann ich eine Verkehrsinsel eingangs Visp nicht mehr queren und teilweise überspringen, sondern muss sie, da sie nun schön bepflanzt ist, mühsam umgehen. Zur Einstimmung auf Karwoche und Osterzeit wurde ebendiese Verkehrsinsel zusätzlich mit schön in Holz und Textilien gearbeiteten Hasen verziert. Es mag sein, dass ich mich durch ebendiese Hasen in meiner tiefen Konzentration auf dem Weg zum hohen Ziel habe ablenken lassen, oder mich wegen ihrer läppischen Ohren sogar kurz aufgeregt und damit weitere Millisekunden verloren habe. Umso grösser die Überraschung, dass mein Chrono bei der üblichen Messstelle bei der Doppelturnhalle in Visp um 7 (sieben) Sekunden schneller war als auf meiner Strahlhorn Tour. Moral der Geschichte: ich werde meine weltweit zwei Fans inskünftig mit Ratschlägen wie „überspringe dies oder überspringe das, oder quere hier oder quere da auf der Tour nach x“ verschonen und ihnen raten, auf Touren überhaupt nichts mehr irgendwie zu überspringen oder sonstwie zu queren. Dass ich beim nächsten Messpunkt (Ende Chinnbrücke in Stalden) zwei Minuten schneller als das letzte Mal war, mag für dich überraschend sein – für mich ist es dies gar nicht. Denn auf meiner Strahlhorn Tour hatte ich im Orte genannt „Milachru“ einen Boxenstopp gemacht, d.h. ich hatte mich im dortigen Tankstellenshop mit Getränken versorgt. Dabei habe ich (ehrlich) genau zwei Minuten in den Sand gesetzt. Wobei es mich noch heute etwas wurmt, dass ich mir nicht schon auf meinem Weg dorthin überlegt hatte, was ich kaufen wollte. So stand ich quasi während längerer Zeit wie angewurzelt vor den vielen Flaschen und wusste nicht so recht, nach welcher es zu greifen galt. Auf der Allalintour stellte sich dieses Problem Gottlob nicht, denn der Shop war zur Zeit meines dortigen Durchgangs schon lange geschlossen (noch einmal: Gott sei Dank!). Für das weitere Verständnis meiner Ausführungen muss ich klärend sagen, dass ich meine Zeiten in den Bergen schon seit Jahrzehnten nur auf die Minute genau stoppe und später aufschreibe. Einzig auf der Strecke Brig-Visp oder Brig-Mörel wende ich Sekundengenauigkeit an, weil auf diesen kurzen Abschnitten nur eine grössere Genauigkeit etwas über die aktuelle Form aussagt. Okay, dies alles mag dich Ottonormalbergsteiger vielleicht weniger interessieren – darum nur noch dies: In Saas-Fee beim Wartesaal war ich drei Sekunden rascher als das letzte Mal. Immerhin lassen die Zeiten auf eine gewisse (für mich wenig überraschende) Konstanz beim Wandern und Joggen schliessen. „Der Wartesaal ist geschlossen, Alter – der Wartesaal ist um diese Zeit geschlossen, Alter!“ – riefen ein paar bierflaschenbewehrte Jugendliche, während ich mich zu meinem Basislager bei der Felskinnbahn machte. Die Felle waren schon Stunden vorher montiert worden. So galt meine Aufmerksamkeit nur noch der Kleidung und dem Proviant. Auch hier geschah ein kleineres Malheur: In der Hitze des Gefechtes und langsam erwachender Berggeilheit hatte ich völlig vergessen, das Busbillet Brig – Saas Fee, ein Retourbillet zweiter Klasse, von meinem schweren Bergrucksack in den viel leichteren Joggingsack umzuladen. Ich Depp war damit dazu verurteilt, dieses relativ schwere Billet weit über 2000 Meter den Berg hinaufzutragen und damit dann wieder die Pisten hinunterzurasen – eine Kraft- und damit Ressourcenverschwendung sondergleichen. Und dann lag da in meinem Basiscamp noch eine volle Packung mit sechs je fünfzig Gramm wiegenden Snickers. Ich meine, nur schon die Idee, auf eine solche Tour so viele Snickers mitzunehmen! – jemand, der dies tut ist doch nicht normal, kann nicht normal sein. Oder, was meinst du dazu? Irgendwie hat man immer Angst, auf der Tour Hunger zu bekommen, und zu wenig Proviant mit zu haben, und packt dann viel zu viel ein. Oder ergeht es dir nicht auch oft so? – Man isst ja selten mehr als alles. Ich muss aber beifügen, dass ich abends in Naters äusserst rasch packen musste. In der Meinung, Busse würden noch bis spät abends nach Sass Fee und wieder von dort zurück nach Brig fahren, war ich lange bei friedlichem Jäten in unserem Rebberg geblieben. Nur um nachher festzustellen, dass der letzte zu nehmende Bus schon in knapp 45 Minuten abfahren würde. Erstaunlich, dass man (ich) für den Weg hinauf zum Mittel Allalin länger braucht als von Brig nach Saas Fee. Wobei ich nicht einmal zauderte. Habe sechs Leute überholt, die von der Britanniahütte auf das Allalinhorn wollten, die mir dann aber blindlings wie einem „Lammerowji“ zum Mittel Allalin folgten. Und das letzte zu Zeiten: auf dem Abschnitt zum Allalinhorn hinauf brauchten wir noch zwei Stunden und acht Minuten, standen zwischendurch aber auch arg im Stau.
Bedingungen am Allalinhorn
Wie schon mancherorts zu lesen war, steigt man jetzt von der Station Mittel Allalin kommend am Ende der planierten Strasse viel mehr links hoch, um dann oberhalb eines hohen Abbruchs zu traversieren. Diese Passage ist auf ein paar Meter Länge etwas heikel, so dass einige Leute ganz heftig zu zappeln begannen, um damit ihre Situation nur noch zusätzlich zu verschlimmern. Da wir sowieso in einer Art Schlange gefangen waren, leisteten wir als Teil des sich nur langsam fortbewegenden Tausendfüsslers etwas Beistand. Am Schluss geht es rechts zum OSO-Grat hoch. Hier ist die Situation etwas heikel. Steigeisen wären kein Luxus. Ein Ski verabschiedete sich Richtung Mellichgletscher. Ich glaube, er wurde später weiter unten wieder gefunden. An Modegipfeln wie diesem könnten immer wieder Tierfilme wie „entartete Menschen unterwegs in einem ihnen fremd gewordenen Gelände“ gedreht werden. Leute spazieren ohne Klettergurt an tiefen Spalten vorbei – Fussspuren führen in Richtung bodenloser Abbrüche (wohl um diese zu erkunden) – Mann, ebenfalls ohne Klettergurt, aber mit Schneeschuhen und Skistock ausgestattet, wählt für den Schlussaufstieg die steilstmögliche Variante, die von sonst niemand genommen wird (hätte er nach halbem Weg den Abstieg mit Ach und Krach nicht selber wieder geschafft, hätte er wohl vom lokalen Wildhüter abgeschossen werden müssen). Allzu leicht ist das Allalinhorn im Augenblick nicht. Es sollte nicht alleine begangen werden. Die Abfahrt nach Saas Fee hinunter war genial. Die Pisten sind wirklich ausgesprochen gut. Man kann noch bis ins Dorf fahren, auch wenn es unten schon um die Mittagszeit sulzig ist. Es gibt auch noch viele Touristen, die dem Skifahren frönen. Wer bei solchen Bedingungen daheim bleibt, ist wirklich selber schuld, und sündigt, weil er die Schönheiten der Natur nicht schätzt.
Toter Dachs
Der Fast-voll-Mond hat mir in der Nacht den Weg hell erleuchtet. Zeitweise hat er mich fast geblendet. Ein Steinbock oberhalb der Strasse macht durch sein lautes Schnauben selber auf sich aufmerksam. Ich hätte ihn in der Dunkelheit nicht gesehen. Wieso machen sie mit ihren Geräuschen auf sich aufmerksam, wenn sie den Menschen doch scheuen? Später liegt ein toter Dachs auf der Strasse. Frisches Blut glänzt im Mondschein. Mit dem Handrücken befühle ich das tote Tier und spüre seine Kälte. Mein Vater Viktor ist unweit von dort, auf der anderen Talseite im Orte genannt Riedbach geboren und aufgewachsen. Folgende Geschichte, recherchiert von Brigger Rainer, kommt mir in den Sinn: „Ulrich, 1927– 1937, verunglückte als Ziegenhirt in den Felsen hinter dem Hund. Die Ziegen kamen abends ohne Ulrich heim, anderntags wurde Ulrich tot gefunden. Viktor Brigger, der den toten Knaben über seine Schulter gelegt nach Hause trug, soll dessen Kälte noch drei Wochen gespürt haben“ (nachzulesen mit vielem anderen auf www.staldenried.ch/kulturelles“. Auf einer solchen Wanderung in der Nacht das lange Saastal hinein kommt einem vieles in den Sinn.
Vielleicht ein anderes Mal mehr davon. Für heute ist der Tourenbericht voll. Ich hatte leider wieder keine Zeit, einen kürzeren Bericht zu schreiben – bin wieder zu wenig müde dafür.
Ein paar mehr Fotos auf meiner Homepage: www.berge-wallis.org
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