Val Bavona: Das vergessene Palau


Publiziert von Seeger Pro , 15. Oktober 2010 um 23:09. Text und Fotos von den Tourengängern

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Locarnese
Tour Datum:15 Oktober 2010
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   Gruppo Pizzo Solögna 
Zeitbedarf: 8:00
Aufstieg: 1370 m
Abstieg: 1420 m
Strecke:Sonlert 808m – Corona die Musit – Corte di Val Dentro 1263m – Palau ca.1470m – Mutt 1941m – Sedone 2018m – Corte Grande 1860m – Corte Nuovo 1517m – Costa 1327m – Rosed 741m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Ö.V: Mit FAHT von Locarno nach Bignasco, Postauto nach Sonlerto (Sommerbetrieb, wenige Verbindungen) Auto: Locarno-Ponte Brolla-Cevio-Bignasco-nach der Brücke scharf nach links Richtung Val Bavona-etwa 9 km zum Parkplatz in Sonlerto, links eingangs Dorf
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Ö.V.: Postauto von Rosed nach Bignasco, mit FAHT nach Locarno, Auto: zu Fuss holen in Sonlert
Unterkunftmöglichkeiten:Grotto di Baloi in Fontana und Restaurant Grotto La Froda in Foroglio Hotels: Albergo Posta, Cavergno und Albergo Turisti, Bignasco
Kartennummer:1271 Basodino

Versunken und vergessen: Versunken im Wald und vergessen auf der Landeskarte. Und dennoch nicht von Allen: Im Buch von Cattaneo als Tour 116 beschrieben: „Die Flanke, welche das Oratorium von Gannariente überragt, ist auf der Landeskarte mit „I Bianchi“ bezeichnet, Italienische Übersetzung von „I Binch“. Sie ist überaus abschüssig. Trotzdem hat die Bewirtschaftung nicht einmal hier aufgehört. Noch heute weiden manchmal Geissen und Schafe, möglicherweise zwischen Steinböcken und Murmeltieren“.


Den „ultimate kick“ gab uns das Foto des Fienile auf der zweitletzten Seite des neu erschienen Buches von Giuseppe Brenna „Giuseppe Zan Zanini e la Valle di Foioi (Valle Bavona)“, welches im Verlag SavioniEdizioni dieses Jahr erschienen ist. (Ein MUSS für Bavona-Freunde). zaza und ich planten schon letztes Jahr den Besuch dieser Alp. Gut Ding soll Weile haben!

Und welch eine Überraschung:  berglurch gesellt sich zu uns. Nach anfänglichem Suchen nach dem Einstieg in Sonlerto geht’s recht flüssig bis zu dem Talkessel auf 1050m. Hier verliert sich der Weg komplett. Dank dem Höhenmesser finde ich denselben und möchte dem Bericht anfügen, dass der Weg summa summarum die darüber liegende Blockhalde rechts unten herum umgeht. (Meine beiden Kollegen üben sich weiter oben mit sichtlichem Vergnügen beim Blockklettern). Ich unten herum. Und dies genial! Die kleinste Kapelle ist leer. Weiter vorne ein riesiges Splüi (Splüi du Vald). Danach steil auf die Rippe, welche den Ri Basso säumt. Auf 1250m über diese hinaus und in den Graben hineintraversieren. Auf der Grabenseite befindet sich ein ausgeprägter Weg, welcher sich in „Varianten“ verliert. Oben durch geht es besser. Am andern Ufer, dort wo die Felsen nicht allzu steil sind, weisen im glatten Stein eingeschlagene Stufen auf den genauen Ort der Querung. Etwa 300 m vom Fluss entfernt, nördlich auf 1263 m, befindet sich die kleine Hütte des Corte di Val Dentro. Oberhalb dieser einzigen intakten Hütte hat es allerdings eine ganze Reihe weiterer Ruinen, die nicht auf der LK eingezeichnet sind.

Nun geht’s los! Der Adrenalinspiegel steigt. Gegen NW steigen wir durch den Wald, bis wir auf etwa 1300m unter die auf der LK gut sichtbare Felswand gelangen. Dieser steil entlang bis auf etwa 1420m hinauf, wo wir am oberen Ende derselben gegen N quasi horizontal gegen den nächsten Graben queren. Der Einstieg in diesen Graben erfolgt über einen deutlichen Gemspfad, der am Fusse eines steileren Felsaufschwunges ansetzt (Varianten möglich), die Querung des eigentlichen Bachlaufes ist an mehreren Stellen problemlos möglich.

Da wir die Hütte auf 1500m suchen (Cattaneo), erklimmen wir in Direttissima den Laubwald, um – dank berglurch 's Sperberblick – die Hütte komplett verdeckt etwa 30m weiter unten zu entdecken und zu ihr hinab steigen. Auf den ersten Blick sieht man, dass sich jemand ihrer annimmt. Das Dach ist provisorisch geflickt. Also doch nicht ganz vergessen. Laut einem Local ist ein Mann aus Sonlert der stille Retter. Überglücklich haben wir unser Ziel erreicht.

Doch die Tour geht weiter. Und wie! Unser nächstes Ziel ist Mut (Mött). Der direkte Aufstieg von Palau ist dem Vernehmen nach möglich, aber im oberen Teil kompliziert zu finden. Nach einer kleinen Pause steigen wir darum zum Graben zurück. Etwas höher. Auf der Gegenseite (orografisch rechts des Flusses) üben wir uns auf etwa 100 hm im Steilanstieg durch nasses und steilstes Grasgelände, bespickt mit einigen wenigen Erlen. Diese dienen uns als Steighilfe. In meinen Gedanken spiele ich mit einem Marketing-Konzept, wie man dieses missliche Gelände doch noch schmackhaft machen könnte…

Wildwechsel haben die angenehme Eigenart, dass sie gerne vertikal verlaufen. Angenehm für meine zwei Kollegen, denen eher Gämsen Eigenschaften anhaftet als mir. Auf einem dieser Wildwechsel queren wir auf die markante, auf der LK gut erkennbare grasige Rippe hinaus, die links des Tobels liegt. Und schon bald sind wir 50m oberhalb Schieda. Gerne hätte ich den mir bekannten Weg über die Rippe links aussen unter die Füsse genommen. Schöner Zick-Zack-Weg, wie es sich für Alte Alpwege (und „Alte Berggänger“) geziemt. Aber nein. In Direttissima hüpfen meine Kollegen auf und davon, als seien sie auf der Flucht. Ruhepause und Mittagessen in Mut. Für meine Kollegen sicher 15 Minuten länger. Warum wohl? Sie üben sich in Geduld. Kein Misston. Kein Wort. Einfach tolle Freunde! Menü 1 in wunderbarer Balkonlage und bei allerschönstem Wetter. Wie leuchten die herbstlichen Farben so schön…Von hier ist der Blick auf den Castello, Rosso und Oglie eindrücklich. Dann der Oglie-Graben und das Val Foioi, die sich tief eingepfercht zu Tal stürzen. Schön ausgebaute Hütten auf sauber herausgemähter Wiese.

Das wäre eben das richtige Wetter für Mut. Und nicht wie letzten November….hier begann mein Abenteuer mit einem Wetterwechsel. Die Geröllhalden, welche wir nun passieren, um nach Sedone zu gelangen, sind warm und trocken. Gekonnt sind Steine so gedreht worden, dass sie leicht passierbar sind. Eigentlich richtige Geröll-Schneisen. Wir erreichen in gut einer halben Stunde Sedone. (Im November war ich 50m zu hoch und erreichte trotzdem schliesslich diesen Weg. 2 Std. Gott sei Dank!) Die Häuser von Sedone sind auf Vordermann. Die Haupthütte ist wieder verschlossen. Ob die Verantwortlichen wohl jetzt einen Notschlüssel gelegt haben? Siesta. berglurch freut’s.

Der 1250m Höhenmeter verzehrende Abstieg ins Tal über die Solögna ist abwechslungsreich. Von den Lärchen bis hinunter zu den Kastanienbäumen. Und riesige Weisstannen zwischen Corte Grande und Corte Nuovo. Arbeiter erstellen einen zweckmässigen Übergang über den Ri di Croazzöö. Der zweite dieses Jahr. Der erste ist schon weggespült worden. Wie lange hält wohl dieser zweite? Über hunderte von Treppen hinunter nach Rosed. Meine Kollegen holen das Auto in Sonlert, während dem ich meine Knie schonend langsamer  hinuntersteige. Beinahe gleichzeitig sind alle bereit. Eingespielt, als hätten wir schon Dutzende von Touren miteinander gemacht.

In Foroglio besuchen wir Freunde von mir und werden grosszügig mit Kaffee und Kekse verwöhnt. Grazie mille Bianca e Remo!!!

In Ponte Brolla trennen wir uns. Meine Freunde  kehren über Domodossola nach Bern, respektive Olten heim.
Ein Abschied kann schmerzen.

Ein paar allgemeine Hinweise zu Palau:
  • Das Faszinierende an dieser Hütte ist, dass sie nie auf einer Karte eingetragen war. Es handelte sich vermutlich um eine Hütte der Wildheuer, eine andere Nutzung scheint schwer vorstellbar.
  • Im Buch von Aldo und Nora Cattaneo (Storie e Sentieri di Val Bavona) ist summarisch ein Zugang von unten (Gannarient) beschrieben. Laut einem Gebietskenner handelt es sich dabei jedoch auf keinen Fall um einen einstigen Zugangsweg der Älpler. Dies sei eine alpinistische Route mit sehr ausgesetzten Stellen.
  • Diese Rundtour ist durchaus interessant, aber sie gehört weder landschaftlich noch punkto Wegfindung zu den schönsten Touren im Val Bavona. Wer gerne wirklich komplizierte alte Wege sucht, der ist z.B. mit Bèdu, Chignöö, Cadinc oder Cazzana besser bedient.
 
 
 
 
 

Tourengänger: Zaza, Berglurch, Seeger


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Kommentare (6)


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MicheleK hat gesagt: In meinen Gedanken
Gesendet am 15. Oktober 2010 um 23:55
"spiele ich mit einem Marketing-Konzept, wie man dieses missliche Gelände doch noch schmackhaft machen könnte…"

Zielgruppe: eher klein, dafuer extrem loyal
Trial-rate in der Zielgruppe: sehr hoch; ausserhalb Zielgruppe: relativ klein. Rekrutierung von neuen Usern relativ klein.
Repeat: minimal
Prestige: extrem hoch
Kampagne: deine Beschreibung macht es erst moeglich...

die Kampagne scheint sehr erfolgreich zu sein indem du im Target hoechst erfolgreich mit Minimalaufwand dein Ziel erreichst.

Strategische Ausrichtung: da du die Zielgruppe nur schwierig erweitern kannst und die Repeatrate sehr tief ist, musst du innnerhalb der Zielgruppe immer wieder mit Innovation den Trial erhalten...

also ggf. WE want more....

:-))

Mission accomplished!

und natuerlich

Herzliche Gratulation an alle Drei zum grossen Kino!

Cari saluti autunnali.
Michele


Seeger Pro hat gesagt: RE:In meinen Gedanken
Gesendet am 16. Oktober 2010 um 20:19
Ciao Michele
Freut mich, dass Du meinen Text so genau gelesen hast und den schrägen Humor mit mir teilst. Danke für die Komplimente - auch im Namen der Kollegen.
Schade, dass wir diese Saison nichts gemeinsam machen konnten.
Kommt Zeit - kommt Rat.
Im 2011 ?
Cari saluti
Andreas

Jules hat gesagt:
Gesendet am 16. Oktober 2010 um 08:13
Sempre affascinanti, i tuoi giri!
Ciao Andreas, buon weekend! :)
Jules

Seeger Pro hat gesagt: RE: Grazie
Gesendet am 16. Oktober 2010 um 20:21
Ciao Jules
Grazie per i complimenti. E sempre più difficile di trovare nuove idee.
Cari saluti
Andreas

Henrik Pro hat gesagt: zem Gliick hesch eber
Gesendet am 18. Oktober 2010 um 22:28
gfunde, da duet nooh-me

> Sperbere

als du, ha!

Grandiose Tour und Entdeckungen.

Saluti

silbervogel

Seeger Pro hat gesagt: RE:zem Gliick hesch eber
Gesendet am 18. Oktober 2010 um 23:34
Ciao Henrik
Es war tatsächlich er, welcher sie zuerst entdeckte.
Danke für die Komplimente.
Gruss auch im Namen meiner Kollegen
Cari saluti
Andreas


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