Hohgant: von West nach Ost


Publiziert von LaGazelle , 12. Oktober 2010 um 19:36.

Region: Welt » Schweiz » Bern » Berner Voralpen
Tour Datum: 9 Oktober 2010
Wandern Schwierigkeit: T3 - anspruchsvolles Bergwandern
Zeitbedarf: 7:45
Strecke:Innereriz Säge - Trogenhorn - Hohgant West - Wysschrüzgrat - Hohgant - Furggengütsch - Kemmeriboden-Bad
Zufahrt zum Ausgangspunkt:öV: SBB bis Thun, Postauto bis Innereriz Säge (fährt am Vormittag nur um 07:32 und 10:02)
Zufahrt zum Ankunftspunkt:öV: Postauto ab Kemmeriboden-Bad, SBB ab Escholzmatt
Unterkunftmöglichkeiten:im Eriz und in Kemmeriboden-Bad

Immer wenn in Bern Wanderer in den Zug einsteigen, denke ich, wie gut die es haben: Sie können eine Stunde länger schlafen... An einem Samstag um 04:15 aufstehen ist schon hart. (Dafür hat es andere Vorteile, wenn man in Basel lebt. Man hat nicht nur Schweiz ringsum, und mit einem Schritt ist man im Ausland.)

So stehe ich also schon um 07:30 Uhr auf dem Bahnhofplatz in Thun und warte auf das Postauto, das mich zum Ausgangspunkt meiner heutigen Wanderung bringen soll. Auf der Fahrt durchs Zulgtal macht mein Herz jedes Mal einen Hüpfer: Es ist so schampar schön und bäuerlich und "echt" dort, eine irgendwie heile, stimmige Welt, das gefällt mir sehr. Das Postauto muss mehrmals einer Kuh-Parade den Vortritt lassen, die unterwegs ist zur Viehschau ins nahe gelegene Heimenschwand, wo heute die schönste Berner Kuh gekürt wird. Ich habe mir kurz überlegt, ob ich aussteigen und mir die Bewerberinnen anschauen soll... (Ich bin ein Kuh-Fan.)  Bevor ich hügelan laufe und es ernst wird brauche ich einen Kaffi und, auch wie jedes Mal, einen Nussgipfel im Gasthaus Säge. Um 08:45 Uhr marschiere ich los.

Es geht zuerst gemütlich durch Wald und über ein Natursträsschen beim Ferienheim und dem Hof Ober Breitwang vorbei. Dort quert man die Wiese nach rechts. Und dann beginnt ein steiler zickzackiger Aufstieg unter dem Arnigrat zum Trogenhorn hinauf. Das macht Spass, denn man kommt schnell vorwärts und oberhalb der Baumgrenze ist das Gebiet wild und schön: Gras, Felsen, einzelne Fichten. Der Weg ist nicht schwierig und auch nicht ausgesetzt. Die letzten Höhenmeter aufs Trogenhorn hinauf führen über Blockfelsen. Um 11 Uhr bin ich oben. Es bietet sich einem eine herrliche 360°-Aussicht, theoretisch. Leider aber waren an diesem Tag die Berner Alpen vom Dunst verschleiert und EMJ waren somit kaum auszumachen, der Thunersee lag unter einer dicken Nebeldecke.

Weiter geht es zum zweiten Gipfel: Hohgant West. Beim Abstieg von Trogenhorn über die Blockfelsen muss man etwas aufpassen, wo man den Fuss hinsetzt, eine besonders steile Stelle ist mit einer ca. 1,5 m langen Leiter abgesichert. Via dem Chrinde-Sattel geht es bald um Felsen herum, der Weg ist hier etwas schwieriger und an zwei, drei Stellen ein bisschen ausgesetzt, durch ein felsiges Couloir führen fünf kurze Leitern hinauf. Der restliche Weg zum Buckel des West-Hohgant ist sehr leicht,  über mit Steinen durchsetztes Gras steigt man gemächlich auf. Bis hierher habe ich niemanden angetroffen. Ich war froh, dass ich die Tour erst jetzt im Herbst machte. Im Sommer muss einen die Sonne unerträglich heiss anscheinen während des Aufstiegs. Die Aussicht hinab in den Kessel des Hohgant-Massivs ist bezaubernd, das leuchtend weisse Karstgebiet des Innerbergli sticht aus dem Grün-Gelb-Rot der herbstlichen Vegetation heraus.

Ziel Nr. 3 ist der Gipfel, der sich gemäss Karte Hohgant oder auch Vorderer Hohgant nennt. Der Weg dorthin führt über den Wysschrüzgrat. Das ist kein bezeichneter Wanderweg. Ich hatte deshalb etwas Mühe, den Anfang des Wegleins zu finden. Ich wusste zwar, dass er bei der Verzweigung 1968 m beim Stichweg zum Hohgant West nach  Osten abgeht, aber ich fand erst in dem mit langem Gras bewachsenen Gebiet keine Spur. Ich lief dann einfach aufs Gradwohl nach links und kam tatsächlich zum Weg. Dieser verläuft nicht auf dem Grat, sondern mehrheitlich weit darunter und ist problemlos. Unterhalb eines felsigen Gupfs kurz vor dem Aufstieg zur Steinigen Matte habe ich dummerweise den Weg verloren, musste quer durch den Hang und wieder sehr steil aufsteigen. Das hat mich viel Zeit und Energie gekostet. Die Steinige Matte ist schon ein spezieller Ort, ein weites Plateau mit gelbem Gras und voller Steine und Steinmänner. Ich werde wiederkommen und mich einfach irgendwo hinsetzen oder -legen und die Welt ringsherum anstaunen. Hier hatte es für meinen Geschmack und zu meiner Ueberraschung - ich war ja bisher fast niemandem begegnet - doch zu viele Leute. Mehrere Wandergruppen waren da. Eine "Männerriege" lauter, aufgekratzter älterer Herren und ein Dutzend unüberhörbar dauerquatschender und -quietschender junger Romands liess mich bald flüchten.

Last stop: Der Furggengütsch gleich nebenan erfordert einen kurzen, steilen Ab- und Aufstieg. Das ist in einer halben Stunde zu schaffen.  Es war da 15:15 Uhr, ich war nun schon seit sechseinhalb Stunden unterwegs und hatte nach vier Aufstiegen langsam genug. Der lange Weg bis zum Kemmeriboden-Bad lag jedoch noch vor mir.

Der oberste Teil des Abstiegs vom Furggengütsch bis zur Abzweigung Ällgäuli/Kemmeriboden verläuft über ein Knie strapazierendes, steiles Zickzack-Weglein. Danach geht es gemässigt quer zum Hang runter zur Hohgant-Hütte durch einen herrlichen Märchenwald mit Moos, herbstlich gelben Farnen und rot gefärbten Heidelbeerstauden. Kurz nach der Hütte, wenn man sich dann im Mischwald befindet,  war's vorbei mit der Seeligkeit: Der Weg ist da viel ruppiger, mühsamer, führt durch feuchtes und rutschiges Gelände (der Wald ist voller Rinnsale), man muss sehr aufpassen, die Kombination Fels, nasse Erde + nasse Gummisohlen ist tricky, ab und zu hat's auch sumpfige Passagen. Da ging mir die Freude etwas verloren. Für mein Gefühl war ich endlos lange in dem Wald unterwegs (tatsächlich war es jedoch nur etwas über eine Stunde), ich lief und lief, immer hinunter, ohne anzuhalten, und doch wollte der Wald kein Ende nehmen. Endlich trat ich kurz vor 17 Uhr beim Schärpfenberg ans Freie. Ich war froh. Der Wegweiser gab mir aber gleich einen Dämpfer: Bis zum Kemmeriboden-Bad sind es nochmals lange 50 Minuten!  Der Weg ist ab da zwar breit, aber im oberen Teil echt ein Seich (wenn man müd gelaufene Füsse hat). Ich dachte, ich befände mich in einem Bachbett: Man geht über Kohlkopf grosse Steine. In einem Waldstück wurde es nochmals etwas steiler, an einem Seil kann man sich festhalten, damit man nicht ausrutscht. Die letzten zwei Kilometer auf dem Asphaltsträsschen ab Schönisei waren geradezu eine Wohltat! Die Füsse konnten sich etwas erholen und ich hatte Musse, die felsige Nase des Schibengütsch oberhalb von mir zu bestaunen und den Herbstwald ringsum, der sich wie auf einem kitschigen Kalenderbild präsentierte.

Um 17:53 Uhr kam ich beim Kemmeriboden-Bad an. Zwei Minuten später fuhr das letzte Postauto des Tages. So musste ich mir leider die Merängge entgehen lassen (die ich mir sicher verdient hätte!). Der nette Chauffeur, Herr Wanner, hat mich für drei Franken zwanzig nach Escholzmatt gefahren. Wo's plötzlich kalt war und neblig. Doch bald konnte ich mich im warmen Zug niederlassen und via Bern nach Basel heimreisen.

Es war ein Tag voller Glück und Freude. Eben deshalb steht man um 04:15 auf!


Die Fotos sind im beigefügten pdf-Dokument.







Tourengänger: LaGazelle


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