Graue Wand - Conquest (7a)


Publiziert von mde , 6. Oktober 2010 um 11:50.

Region: Welt » Schweiz » Uri
Tour Datum:11 September 2010
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: 7a (Französische Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-UR 
Zeitbedarf: 10:00
Aufstieg: 900 m

Die Graue Wand ist mit Sicherheit eine der Top-Granitkletterdestinationen in der Schweiz. Die Route Conquest der Gebrüder Remy hat es schon weitherum zu Bekanntheit gebracht. Der (fast) wie mit dem Lineal gezogene, 50m lange und senkrechte "super fissure" ist das Herzstück der Route. Der Rest ist einfacher, aber dennoch sehr schön. Hier der Bericht über einen tollen Klettertag am Furkapass.

Prolog


Das Jahr 2010 ist für mich klettertechnisch ein sehr Gutes, viele schöne Touren gelangen schon. Das Jahr der Fotoapparate ist es aber leider bestimmt nicht: anfangs Juli gibt der liebgewonnene, 8-jährige Apparat plötzlich den Geist auf. Natürlich just dann, als er auf der sehr fotogenen Top-Wendenroute "Sternschnuppe" zum Einsatz kommen soll. Drei Tage später zerschlägt sich die Hoffnung auf eine Wiederauferstehung gänzlich, und auch das "Tüfelswerch" am Hinter Glatten bleibt fotografisch (und somit auch hikr-technisch) undokumentiert.

Eine Woche später ist ein neues Modell angeschafft, welches in der Eiger-Nordwand (Route "Magic Mushroom") und an den Wendenstöcken (Route "Legacy") zum Einsatz kommen soll. Es kommt wie es kommen muss: beim Einklettern am Vorabend am Hintisberg flutscht die Kamera aus dem Hosensack meines Kletterpartners, gerade mal 2 Bilder konnte ich damit machen, bevor ihr Leben zu Ende war. Er sorgt zwar für finanzielle Kompensation, aber wiederum bleiben 2 eindrückliche Toptouren ohne Bild- und Erinnerungsmaterial.

Also kaufe ich 4 Tage später erneut dasselbe Modell, welchem zum Glück ein längeres Leben beschieden ist, bis heute funktioniert es tadellos. Was allerdings auch nichts nützt, wenn es vor der Tour zuhause liegenbleibt. Bevor aber auch die hier beschriebene "Conquest" ohne Bildmaterial bleiben muss, schaffen wir es auf der Anreise noch, bei Bekannten einen Fotoapparat auszuleihen. Doch bereits am Einstieg wird dessen Display durch eine kurze Unachtsamkeit zerstört, schon wieder wird die Elektronikindustrie unsere gütliche Unterstützung erhalten. Immerhin gab es von der "Conquest" doch noch einige, wenn auch blind geschossene und qualitativ nicht zu 100% überzeugende Bilder...

Tourenbericht

Wir starten unsere Tour um 10.40 Uhr im Tätsch (P.2272). Mit diesem Ausgangspunkt spart man sich gegenüber der Furkapassstrasse 150hm, zahlt aber für die Bequemlichkeit eine Taxe von 7 CHF. Da wir schon spät genug unterwegs sind, entscheiden wir uns für Bequemlichkeit und Unterstützung der Strassenkooperation.

Dem Albert-Heim-Hüttenweg entlang bis zum Seelein unmittelbar unterhalb der Hütte. Von dort leicht absteigen zu P.2480 und die aur der Karte verzeichnete Wegspur gewinnen, welche der Wasserleitung entlang in Richtung Graue Wand/Gletschhorn führt. Was einem zuerst als Umweg erscheint, zahlt sich zeitlich auf jeden Fall aus! Die Wegspur führt noch über die Stufe auf 2600m hinauf aufs flache Gletschervorfeld, wo sie sich verliert, und man bald darauf das nur mässig geneigte, schuttbedeckte ewige Eis betritt.

Dieses liess sich problemlos in leichten Schuhen und ohne Steigeisen begehen, so dass wir nach einer Stunde (plus ein paar "zerquetschten") am Wandfuss auf 2800m angelangten. Obwohl die Route nicht markiert ist, war der richtige Einstieg, auf einer Terrasse nahe am tiefsten Punkt der Wand, bald ausgemacht. So konnte es um 12.15 Uhr also losgehen.

SL 1, 55m, 6a+: hier ist durch das Abschmelzen des Gletschers doch einiges an neuem, sauber geputztem Fels zum Vorschein gekommen. Nach wenigen einfachen Metern wartet ein schöner Piazriss, der schliesslich in einen Körperriss übergeht. Doch auch dieser lässt sich "im Spalt hinten" gut zusätzlich absichern, und die Kletterei ist nicht sonderlich rampfig. Die klettertechnische Crux wartet nach dem 3. und letzten Bolt.

Hinweis: Gemäss dem Originaltopo der Gebrüder Remy startete man hier früher gut 30m weiter oben in diese Seillänge. So kommt es nun, dass der Originalstand völlig ausser Reichweite liegt. Nach 55m Kletterstrecke erreicht man aber einen über einem bequemen Band liegenden, mit Maillons und (Zacken-)Schlingen verstärkten BH, der als Stand dienen kann. Mit 50m-Seilen muss auch für das Erreichen dieses Bolts kurz gemeinsam gestiegen werden, was aber problemlos ist, da sowohl die ersten, wie auch die letzten Meter einfache Kletterei bieten. Sicher aber ist es besser, wenn der/die NachsteigerIn bereits angeseilt und kletterbereit ist, nicht dass er/sie am Wandfuss noch alles zusammenklauben muss, und dabei erst noch zu befürchten hat, dass der ahnungslose und sich ausser Hörweite befindliche Vorsteiger ihr auch noch das Seil aus den Händen zerrt... 

SL 2, 50m, 5b: mit dem eher rudimentären Topo aus dem SAC-Führer ausgestattet und an einem improvisierten Stand sichernd war nun hier erst mal gar nichts mehr klar. Ich verfolgte eine logische, gut kletter- und absicherbare Risslinie rechts, 30m weiter oben waren 2 BH sichtbar. Original geht's hier aber links über die Platte an die Kante, bis man oben wieder mit meiner Linie zusammentrifft. Die schönsten und schwersten Moves dann gegen Ende der SL.

SL 3, 45m, 5a: der Hauptriss zieht eher etwas grasig weiter, man hält sich rechts an schöne Schuppen und quert dann einige Meter höher oben scharf nach links über die Platte hinweg (BH). In schöner Kletterei wiederum nach links raus bis an die Kante, wo luftige, aber gemütliche Klettermeter warten.

SL 4, 45m, 5c: vom Stand weg eine kurze Stufe (BH) zu einer Art Terrasse. Der weitere Routenverlauf ist nicht ganz klar, einfach der Nase nach hoch, irgendwann trifft man auf einen BH, worauf eine unscheinbare, aber gar nicht so simple Verschneidung erklettert werden will. Zuletzt dann über einfacheres, blockiges Gelände etwas nach rechts haltend zum Stand.

SL 5, 35m, 6c: hier ist die Route glasklar, über die steil-plattige Wand geht's hoch. Käntchen und Rissspuren erlauben ein Fortkommen. Es stecken einige BH, zwischendurch kann auch selber abgesichert werden. Im oberen Teil dieser SL nehmen die Schwierigkeiten zu, zuletzt erfordert dann eine obligatorisch zu meisternde Stelle etwas Mut: die Füsse befinden sich ca. 1m über der letzten Sicherung (BH) beim Ansetzen zu den schwierigsten Zügen - es müssen kleine Leisten gehalten, und die Füsse hoch platziert werden.

Hinweis: da wir nur ein fehlerhaftes Topo hatten (ein Zwischen-BH war nicht verzeichnet), machte ich hier ca. 5m zu tief, an der eigentlich letzten Zwischensicherung der 5.SL, auf einem bequemen Bödeli Stand. Im Nachhinein gesehen war das gar nicht schlecht so. Auch am korrekten, höheren Stand steckt nur 1 BH, dieser ist mit (mässig liegenden) Zackenschlingen verstärkt. Bei unserem, tieferen Standplatz kann hingegen mit einem perfekt sitzenden Camalot 3 aufgebessert werden.

SL 6, 20m, 6a+: nun geht's los mit dem Prunkstück der Route, dem "super fissure". Man kreuzt die Route "Rote Platten" und hinein geht's in die steile Wand. Von den fixen Sicherungen, welche das Topo verspricht, ist gerade noch 1 maroder Schlaghaken zu sehen. Aber kein Problem, es kann optimal mobil gesichert werden. Der prima griffige Riss ist auf beide Seiten nutzbar, im sogar leicht überhängenden Gelände geht's aber trotzdem recht anstrengend, vorwiegend in Piaztechnik, dahin.

SL 7, 30m, 7a: der zweite SL am "super fissure" ist deutlich schwieriger, vom Stand weg geht's gleich ohne Kompromisse los. Der Riss ist hier zuerst hand-, darauf dann faustbreit und innendrin sehr rau. Um in Klemmtechnik zu klettern, sind Tape-Gloves sicher nützlich. Mir schien ein Piazen (obwohl ich das sonst nicht so mag) angebrachter und einfacher. Die ersten 3 BH dieser SL stecken zwar nicht weit auseinander, erfordern aber dennoch entweder sicheres Klettern oder (prima platzierbare) zusätzliche Absicherung, da ein Sturz sonst möglicherweise auf der Sicherungsperson enden würde.

Nach dem 3. BH weitet sich der Riss, diese Verbreiterung zu gewinnen, ist die (erste) Crux. Man kann den (zu breiten) Riss dort nicht mehr klemmen, und piazen lässt er sich für 2-3 Züge auch nicht mehr optimal, die Tritte sind zudem nur mässig. Hat man die Stelle aber geschafft, so kann man sich kurz etwas ausruhen. Nun muss am breiter Riss mit Knie- und Schulterklemmern hinaufgerampft werden. Die Schwierigkeiten sind kurz etwas gemässigter, man gewinnt schliesslich eine griffige Schuppe, wo links nun ein zweiter Riss ansetzt.

Nach zuerst einigen wandkletterartigen Zügen geht's nun spreizend, teilweise aber auch mit Fingerklemmern an den Rissen aufwärts. Die BH stecken hier nun sehr nahe beisammen, wer will (oder es braucht), kann sogar noch weitere mobile Sicherungen in (fast) beliebiger Anzahl anbringen. Mit der Zeit geht's allerdings an die Ausdauer, eine zweite Crux wartet weiter oben mit etwas schlechten Tritten auf, erst die allerletzten Meter zum Stand sind dann wieder einfacher.

Hinweis: über die Bewertung dieser SL kann man auf dem Internet ziemlich lange Debatten mit zum Teil sehr  tiefen Vorschlägen ("6b, nicht 7a") nachlesen. Mir gelang er (wie der ganze Rest der Tour) onsight. Ich fühlte mich durchaus so gefordert, wie ich das in einer Wandkletter-7a auch bin. Somit erachte ich die Bewertung für einen Alpenkletterer ohne besondere Riss-Zuneigung und ohne Tape-Gloves als durchaus passend. Andererseits würde dieser Riss in einem Gebiet (z.B. Yosemite, Indian Creek, Elbsandstein), wo viel rissgeklettert wird, gemäss meinen dort gemachten Erfahrungen mit Sicherheit nicht als 5.11d bzw. IXb eingestuft, und wird daher von Spezialisten mit solcher Herkunft auch einfacher empfunden.

Zudem: die vorhanden BH wären eigentlich nicht zwingend nötig. Da wegen ihnen nur wenig selbst gelegt werden muss (bzw. müsste), reduziert sich der nötige Kraftaufwand auch nochmals. Für (Riss-)Memmen wie mich gibt's neben den Bolts übrigens viele perfekte Placements, so dass die SL auch gut mit kletterhallenartigen Sicherungsabständen begangen werden kann ;-).


SL 8, 40m, 6a+: gemäss Topo hat man es nun geschafft. Vorgängige Recherchen bringen aber Horrorstories zu Tage (z.B. Sturz mit Helirettung und Spitalaufenthalt oder, A0 an Friends notwendig), so dass ich mich im Kopf gar nicht so ganz frei an die Aufgabe mache. Rechtsquerung, dem rechten Riss entlang aufwärts, beim BH Wechsel an den linken. Vorerst geht's wirklich gut, mobile Sicherungen lassen sich gut legen. Die Crux, etwa 2-3m über dem letzten Bolt, wartet dann mit einem kurz etwas ungriffigen Riss auf, wo auch nicht mehr 100% zuverlässig gelegt werden kann. Ich stopfe trotzdem 2 Cams rein und ziehe durch - soo wild ist es nicht.

SL 9, 40m, 5b: die Uhr ist schon etwas vorgerückt, so dass der Gedanke aufkommt, diese letzte einfache SL auszulassen. Es setzt sich schliesslich die Sicht "auf jeden Fall bis zum letzten Meter der Route", "Tageslicht reicht noch bei weitem aus" durch. Es wartet nochmals schöne, gemässigte Kletterei.

Mitten im Nirgendwo ist dann aber trotzdem fertig, führt die Route nicht bis ganz auf den Grat hoch. Auf die letzten (grob geschätzt ca. 50) Meter ohne fixe Sicherungen zum Grat im 3.-4. Schwierigkeitsgrad verzichten wir. Es ist 18.30 Uhr, wir machen uns ans Abseilen, was vorerst zügig vonstatten geht. Im mittleren Teil sind minimal 1, oder auch 2 Abseilstände neben der Route zu benützen. Es handelt sich um Blockschlingen, dementsprechend ist auch das Gelände auch etwas zerklüftet. Prompt bleibt das Seil kurz hängen, was 20m Auf- und Abkletterei mit sich bringt. Zum Glück ist's nur etwa ein 3er, somit schnell wieder alles paletti.

Um etwa 19.35 Uhr sind wir zurück am Wandfuss. Kurzer Imbiss, Krempel in den Rucksack, Schuhe wechseln und los geht's. Ab der Albert-Heim-Hütte ist langsam fertig mit dem Tageslicht, der breite Weg hinunter zum Tätsch lässt sich aber gut ohne Lampe begehen, und um 20.40 Uhr sind wir schliesslich beim Auto. Ging ja wie am Schnürchen, tolle Tour!

Fazit

Die Conquest bietet tolle Granitkletterei. Prunkstück der Route ist der eindrückliche "super fissure", daneben warten 4 einfachere Seillängen, grob im 5b-Bereich, und 4 rassigere, meist so um 6a+ rum. Etwas inhomogen also, doch auch die einfacheren Seillängen sind sehr schön. Mit Ausnahme der Cruxlänge stecken jeweils 2-4 Bolts, so dass zusätzlich abgesichert werden muss. Dies ist aber stets gut bis sehr gut möglich. Zu beachten ist, dass es sich bei den fixen Sicherungen um Kronenbohrhaken mit Jahrgang 1988 handelt, an denen der Zahn der Zeit schon genagt hat. Da man aber auf den Seillängen und auch an den Ständen immer gut dazulegen kann, ist das im Aufstieg nicht gross problematisch, und eine sichere Begehung ist problemlos möglich. Beim Abseilen dann, na ja, muss man den alten Bolts halt einfach vertrauen. Zudem sind 2 Abseilstellen auch mit nur 1 BH ausgerüstet - eine Sanierung der (Abseil-)Standplätze wäre daher aus meiner Sicht eine tolle Sache.

Hitliste der Touren an der Grauen Wand

Zum Schluss noch die Hitliste meiner 3 bisher an der Grauen Wand gekletterten Touren, geordnet nach deren Anspruch, von einfach zu schwierig, mit den obligatorisch und maximal geforderten Schwierigkeiten, dem Datum meiner Begehung und einer Kurz-Charakterisierung.

1. Niedermann/Sieber 1964 (5c+, 5c obl., ***, xx(xx), dd.mm.2001)
Die klassische Route an der Grauen Wand. Für den geforderten Grad sehr schöne und eindrückliche Kletterei, auch wenn einige grasige Stellen warten und teilweise ab breiten Rissen/Kaminen etwas gerampft werden muss. Die Tour ist mit Inoxmaterial saniert, es stecken aber nicht viel mehr als die unbedingt nötigen BH, dazwischen muss selber abgesichert werden.
Material: 12 Express, Klemmkeile, Camalots 0.3-2, Steigeisen für den Zustieg.

2. Conquest (7a, 6b obl., ****, xx(xx), 11.9.2010)
Sehr schöne Tour im linken Teil der Wand, die als Herzstück einen rund 50m langen, senkrechten Riss hat, den "super fissure". Die restlichen Längen sind einfacher und von den Schwierigkeiten her etwas inhomogen, aber dennoch sehr schön. Die nötigen BH plus einige Sicherheitshaken stecken, dazwischen ist viel Raum für sehr gut zu platzierende Keile und Friends.
Material: 12 Express, Klemmkeile 4-9, Camalots 0.3-3

3. El Nino (7a+, 6b obl., ****, xxx, 12.10.2008)
Wenig bekannte Tour, die unmittelbar rechts der Niedermann/Sieber startet und weiter oben zwischen dieser und der Accept hochführt. Sie bietet sehr schöne Granitkletterei, vowiegend im 6ab-Bereich, mit einer steilen, markant schwierigeren Cruxlänge, die aber A0 (an BH) begangen werden kann. Wo nötig stecken BH, teilweise muss zusätzlich abgesichert werden. Im einfacheren Gelände gibt es aber teilweise auch etwas längere Sicherungsabstände, es ist aber alles im grünen Bereich.
Material: 14 Express, Klemmkeile, Camalots 0.3-3, Steigeisen für den Zustieg.



 

Tourengänger: mde

Galerie


Slideshow In einem neuen Fenster öffnen · Im gleichen Fenster öffnen


Kommentar hinzufügen»