Rosso revisitato: Versuch am Sperone medio ovest


Publiziert von lorenzo Pro , 9. September 2010 um 21:15.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Locarnese
Tour Datum: 2 September 2010
Wandern Schwierigkeit: T6+ - schwieriges Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: ZS+
Klettern Schwierigkeit: 5b (Französische Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   Gruppo Pizzo Castello 
Zeitbedarf: 3 Tage
Aufstieg: 1845 m
Abstieg: 1845 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Bignasco, Autostop nach Roseto
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Roseto
Unterkunftmöglichkeiten:Gedecktes Biwak auf Corte di Mezzo (Wasser und Fallholz für Feuerstelle vorhanden) oder Corte di Cima (nach geringen Niederschlägen oder bei defekter Leitung ev. kein Wasser). Beide Alpen sind privat, Schlüssel sind ev. auf Anfrage erhältlich.
Kartennummer:LK 1271 Basòdino; G. Brenna, Clubführer Tessiner Alpen 2, SAC 1992; C. Blum/D. Silbernagel, Ticino keepwild! climbs, topo.verlag 2009

Diesen Sommer blies ich wieder einmal einen Luftballon auf und liess ihn kürzlich am Rosso steigen. Die Anregung dazu fand ich diesmal auf dem Julibild vom Kalender "alpi-ticinesi.ch 2010" und dem Titelfoto zu "Ticino keepwild! climbs". Aber schon bei der Wahl der mittleren statt der kompakten und steileren nördlichen W-Rippe und des Einstiegs über dem ersten Aufschwung entwich etwas Luft, und vor der beinahe senkrechten Gipfelwand und am sperrigen S-Grat war der Ballon dann schliesslich bedenklich geschrumpft...

1.9.: In Roseto (757m) klärte mich ein freundlicher Bewohner über die Wasserversorgung auf der Alpe d'Oglie auf (s. oben), so dass ich die beiden grossen PET-Flaschen nicht am Dorfbrunnen zu füllen brauchte. Auf dem eingezeichneten, wieder instand gestellten Pfad ging es dann in angenehmer Steigung und vom Wald gegen die Mittagshitze geschützt, z.T. über Steintreppen und einmal über eine Eisentreppe und eine Brücke hinauf nach Corte di Mezzo (1526m), wo ich in einem kleinen Holzschober übernachtete. 1h 45min, T3.

2.9.: Um 6 Uhr bei Morgengrauen auf gutem Pfad nach Corte di Cima (1802m), T3, wo sich ein Cacciatore auf die soeben eröffnete Gemsjagd vorbereitete. Weiter auf undeutlicher werdenden Pfadspuren dem Rücken entlang zu P. 2176, T5. Nun auf Gras- und Plattenbändern und durch Alpenrosen-, Wachholder- und Erlenstauden (Pfadspuren) mühsame Querung Richtung N zu P. 2110, T5, und über abschüssige gemischte Schrofen hinauf zum Einstieg auf ca. 2290m bei der mittleren W-Rippe (aus der Perspektive von skyboy 1969: links mittlere, rechts nördliche W-Rippe) oberhalb des ersten kompakten, für mich wohl nicht kletterbaren Aufschwungs, 2h 45min, T6. Ab 9 Uhr in 8 SL mit durchwegs flexibler Absicherung in schöner Kletterei (schattseitig z.T. Flechten) auf das Grasband auf ca. 2500m unter der Gipfelwand, ca. 5h, 3a-5b. Angesichts der fortgeschrittenen Zeit und unsicherer Erfolgsaussichten verzichtete ich auf einen Durchstiegsversuch an deren nördlichem Rand, wo sie weniger steil aussieht. Stattdessen querte ich gesichert auf dem ausgesetzten Grasband 2 SL nach S, T6+/3b, und in stieg 1 SL über eine kurze Rissverschneidung, 4b, auf den S-Grat, 1h (s. Topo). Auf diesem 1,5 SL in Genusskletterei 3a-4b bis zu einer tiefen Gratscharte, die aufwendige Seilmanöver erfordert hätte. Da auch ein Weiterkommen danach bis zur letzten Gipfel-SL fraglich und inzwischen schon 16 Uhr  war, seilte ich mich ca. 25m ab und stieg über das Band in der E-Flanke und die obere Pioda dei Müna auf den Gipfel, 1h 30min, T6. Abstieg ca. 17 Uhr kurz über den S-Grat zur Abseilstelle, 1x Abseilen 10m nach W, durch einen Felsspalt zu nächstem Stand und nochmals 3x 25m Abseilen in die E-Flanke. Dieser entlang auf Bändern zur Scharte nördlich der Bocchetta di Sovénat (2434m), 45min, T6, I-II. Durch ein Geröllcouloir Richtung SW hinunter, bis dieses links verlassen und auf Gras zurück zu P. 2176 abgestiegen werden kann, T5. Bereits in der Dämmerung empfing mich auf Corte di Cima der erfolgreiche Cacciatore und erzählte mir vom harten Jägerhandwerk, zu dem auch das Heruntertragen der erlegten Gemsen, die bis zu 30kg wiegen, gehört. Von ihm erfuhr ich auch, dass die Wasserversorgung hier oben keineswegs immer gewährleistet sei (s. oben). Zum Abschied und "per dormire" gab er mir 2 Flaschen Bier mit auf den Weg. Um 19.45 war ich zurück in Corte die Mezzo, insgesamt 13h 45min.

3.9.: Morgendlicher Abstieg nach Roseto, wo mir ein freundlicher älterer Mann willkommenen Anfängerunterricht in Italienisch und Lokalgeschichte erteilte: so erfuhr ich von ihm, dass das Wort Cavergno von Case d'inverno abstamme, indem das Val Bavona nur von April bis November bewohnt werde. Dann meldete ich mich bei der Familie, wo ich über die Wasserversorgung informiert worden war, zurück. Bei Kaffee und Biscotti erzählten sie mir von ihrem Alltag. Im Val Bavona gebe es tatsächlich keine Stromversorgung und im November reichten die Sonnenkollektoren oft nur noch für 20min Televisione. Stolz zeigten sie mir auch das Buch über ihren Vorfahren "Giuseppe Zan Zanini e la valle di Foioi" von Giuseppe Brenna, in dem ich beim Durchblättern u.a. sehr schöne und informative Fotos vom Rosso fand, und die alte Frau schwärmte begeistert davon, wie der Rosso über Fontanelada jeweils in der Abendsonne leuchtet...Das erste Postauto Richtung Bignasco nach 9 Uhr mahnte dann schon wieder zum Aufbruch und Abschied.

Material: übliche Kletterausrüstung mit 50m Einfachseil (für allfällige Rückzugsmanöver besser 2x50m Zwillingsseil), 8 Express, 6. Schlingen, 6 kleinen bis grösseren Friends, Kk-Set, 3 Haken (Reserve), altes Eisgerät mit Hammerende; dazu Kochgeschirr, leichter Schlafsack und Matte.

Kommentar: mir ist nicht bekannt, ob die W-Rippen und der S-Grat schon angegangen wurden.  Wenn nicht, und da das Projekt nur teilweise gelang, würde ich dieses als "Pilotstudie" für allfällige weitere Versuche z.B. über die ganze mittlere, die südliche oder die nördliche Rippe, die Gipfelwand oder den ganzen S-Grat betrachten, die ich aber wegen zu erwartender Schwierigkeiten und aus Zeitgründen nur hartnäckigen Seilschaften empfehle.

Tourengänger: lorenzo

Galerie


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T6 WS+ III
ZS- IV
1 Sep 10
Rosso 2604 m · skiboy1969
ZS V-
T6

Kommentare (12)


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marc1317 hat gesagt: Wahnsinn...
Gesendet am 9. September 2010 um 21:48
... mehr kann ich dazu nicht sagen - dazu noch Solo, wirklich nur etwas für "zu Mutige"

lorenzo Pro hat gesagt: RE:Wahnsinn...
Gesendet am 9. September 2010 um 22:31
Nicht unbedingt: dank durchgehend guten Sicherungsmöglichkeiten nur halb so wild.

Zaza hat gesagt: Potztausend
Gesendet am 10. September 2010 um 08:36
...eine tolle Aktion, deren Beschreibung sowohl für Christoph Blum, als auch für ossi (wegen dem haarigen Grasband) und seeger (wegen dem Lokalkolorit und den historischen Infos) grossartige Lektüre sein dürfte!

cari saluti, zaza

lorenzo Pro hat gesagt: RE:Potztausend
Gesendet am 10. September 2010 um 10:30
Das Gebiet ist wirklich in verschiedener Hinsicht interessant und faszinierend. Die von Dir projektierte Querung dieser Talseite dürfte aber nicht ohne sein...

Salve lorenzo

Zaza hat gesagt: RE:Potztausend
Gesendet am 10. September 2010 um 12:24
stimmt...aber vielleicht läuft's ähnlich wie weiland bei der Südwand des Haut de Cry: Zuerst ein Versuchskaninchen motivieren und wenn sich die Sache dann als grauslich herausgestellt hat, die Tour kleinlaut von der Liste der geplanten Aktionen streichen ;-)

Frank hatte die gesamte Flankenquerung (Paraula - Robiei) letztes Jahr mal geplant, aber dann wegen Schlechtwetter vertagt.

cari saluti, zaza

lorenzo Pro hat gesagt: RE:Potztausend
Gesendet am 14. September 2010 um 07:51
Bei einem Versuch an der Passage de Jaqueline vor 2 Jahren hat mich dann wirklich das Grauen gepackt, und nachdem der über mir kreisende Adler mir unmissverständlich zu verstehen gegeben hatte, in wessen Hoheitsgebiet ich mich vorgewagt hatte, trat ich kleinlaut den Rückzug an. Kreisende Geier waren zum Glück noch nicht aufgetaucht....

Die Flankenquerung wäre sicher möglich und weniger schwierig, als heikel und angesichts der vielen Stauden sehr mühsam. Jungle-Brother müsste man sein...

Saletti lorenzo

Zaza hat gesagt: RE:Potztausend
Gesendet am 16. September 2010 um 13:58
Schade, dass du die Aktion Jacqueline nicht dokumentiert hast...allein die Fotos wären wohl sehr interessant gewesen. Und geeignet, um potentielle Anwärter abzuschrecken.

PS: Hast du im VD-Führer die Beschreibung des Diablerets-Westgrates mal angeschaut, d.h. von Le Coin bis Culan? Von Maurice Brandt sehr launig beschrieben...könnte nach deinem Gusto sein.

LG, zaza

lorenzo Pro hat gesagt: RE:Potztausend
Gesendet am 17. September 2010 um 14:41
Das könnte ich bei Gelegenheit ja noch nachholen, die Fotos sprechen wirklich gegen weitere Versuche.

Coin-Diablerets sieht sehr interessant aus, v.a. RE- und PD-Gelände mit Hauptschwierigkeiten an den Pointes de Châtillon und am Culan? Insgesamt vermutlich wirklich "pas aisé"...

Danke und Gruss lorenzo

Seeger Pro hat gesagt: Wer den Rosso...
Gesendet am 10. September 2010 um 15:23
von der gegenüberliegenden Flanke des Val Bavona und aus dem Val Peccia aus gesehen hat, kann die Leistung von lorenzo nur erahnen.
Ciao Lorenzo
Einfach grossartig! Mein Kompliment.
Deine Berichte und Bilder sind informativ und spannend.
Cari saluti
Andreas


lorenzo Pro hat gesagt: RE:Wer den Rosso...
Gesendet am 14. September 2010 um 08:06
Ciao Andreas

vielen Dank! Von der gegenüberliegende Flanke aus könnte man mögliche Routen mit dem Feldstecher wohl am Besten studieren.

Saluti lorenzo

skiboy1969 hat gesagt: GREAT!
Gesendet am 12. September 2010 um 09:11
Lorenzo, you are a really fine alpinist!
congratulation and applauses!!
Marco

lorenzo Pro hat gesagt: RE:GREAT!
Gesendet am 14. September 2010 um 07:56
Ciao Marco

Grazie Mille! I really appreciated and admired your report and pictures from the 1th september, which was just the perfect day for a trip to the Rosso!
Saluti lorenzo


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