Rheinwaldhorn (3402 m) - eine Überschreitung


Publiziert von alpinos , 31. August 2010 um 22:02.

Region: Welt » Schweiz » Graubünden » Hinterrhein
Tour Datum:28 August 2010
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: WS+
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR   CH-TI   Gruppo Rheinwaldhorn   Gruppo Cima Rossa   Gruppo Cima di Gana Bianca 
Zeitbedarf: 2 Tage
Zufahrt zum Ausgangspunkt:PKW bis Cusiè (P. 1666); man kann aber noch etwas weiter bis zum Ende der Schotterstraße fahren; hier ist ein recht großer Parkplatz für Hüttenbesucher (P. 1707).

Genüssliche Grat-Tour bei hochalpinen Bedingungen

Dieses Wochenende flüchteten wir vor dem schlechten Wetter am Alpennordhang ins Tessin. Dort wartete das Rheinwaldhorn auf uns. Schon zweimal mussten wir dieses Jahr eine Besteigung wegen ungünstiger Bedingungen verschieben, diesmal sollte es soweit sein. Zusammen mit Reto düsten wir voller Freude am Samstag Nachmittag durch den Gotthard-Tunnel ins spätsommerlich warme Malvaglia. Bereits die Fahrt von Malvaglia hinauf nach Cusiè war ein kleines Abenteuer; die schmale Straße schlängelt sich an den steilen Hängen entlang und bietet eine beeindruckende Kulisse.



1. Tag (28.08.2010) - Aufstieg zur Capanna Quarnei [T3]

Von Cusiè (1666 m) wanderten wir zunächst noch ein Stück die Schotterstraße entlang, dann folgten wir dem weiß-roten Wanderweg über die Alpe di Pozzo (1883 m) und die Alpe die Quarnei (2048 m) hinauf zur Capanna Quarnei (2108 m). Es war ein herrlicher Spätsommerabend; die Luft war angenehm warm, manchmal kam aber schon die ein oder andere kühle Bise herabgeweht. Nach ca. 1,5 h erreichten wir zeitgleich mit dem ersten Gang des Abendessens (lecker asiatische Hühner-Suppe) den warmen Gastraum der Capanna Quarnei. Die Hütte ist toll - schön gelegen, architektonisch interessant, vergleichsweise kleine Lager, und wirklich nette und zuvorkommende Hüttenleute. Nur zu empfehlen!



2. Tag (29.08.2010) - Besteigung des Rheinwaldhorns via WSW- und SSE-Grat [T4, WS, II-III]

Nach einer angenehmen Nacht starteten wir um 4:45 Uhr in die kalte, sternenklare Nacht. Die umliegenden Gipfel waren frisch verschneit und erstahlten im fahlen Mondlicht - eine eindrückliche Kulisse. Den weiß-roten Markierungen folgenden wanderten wir über die Alpe Quarnei in Serpentinen hinauf zu P. 2302. Wir querten oberhalb der Felsen nach NO Richtung P. 2403. Vor dem Bach ging's dann wieder steil bergan nach Norden in das breite Schotterkar unterhalb des Passo del Laghetto.

Hier verpassten wir bei einem markanten großen Felsblock die Markierungen, die links den Hang hinauf liefen. Stattdessen liefen wir gerade auf den Pass zu. Der folgende Anstieg über Schotter und Geröll war nicht wirklich angenehm. Nach ein paar beschwerlichen Metern erreichten wir wieder den Wanderweg direkt unterhalb der Felswand am Talschluss und querten unterhalb der Wand nach NO. Anschließend ging's über teils verschneite oder nasse, teils vereiste Felsen durch das Couloir hinauf zum Laghetto dei Cadabi/ Passo del Laghetto (2646 m; ca. 1h45min Gehzeit).

Direkt bei Austieg aus dem Couloir (also bevor man nach ein paar Schritten in den kleinen See fällt) weisen bereits die ersten blauen Punkte und kleinen Steinmännchen den Weg recht den Hang hinauf zum WSW-Grat des Rheinwaldhorns. Die Felsen waren mit dünnem Pulverschnee überzogen, es war etwas Vorsicht beim Steigen angebracht. Die Orientierung auf dem ganzen Grat war gar kein Problem: trotz des Schnees waren die vielen blauen Punkte gut zu sehen.

Zunächst stiegen wir einige Meter direkt hinauf zu den ersten Felswänden und querten dann links hinein in die N-Flanke des Grates. Erst bei etwa der Hälfte des Grates stiegen wir entlang einiger Stahlseile hinauf auf den Grat. Über ein paar Blöcke auf der südlichen Gratseite ging's weiter bergan. Dann querten wir wieder in die N-Flanke und errreichten bald die etwas ausgesetzte Schlüsselstelle (III, gut mit neuen Ketten versichtert). Oben angekommen mussten wir unsere dicken Handschuhe anlegen, die Hände waren vom Klettern auf den eiskalten verschneiten Felsen schon fast eingefroren.

Ein paar Felsstufen waren noch zu überwinden, dann wurde der Grat breiter und wir wanderten über angenehmes Blockgelände hinüber zu P. 3206. Nun lag der Gipfelaufbau des Rheinwaldhorns direkt vor uns und wir konnten die drei möglichen Aufstiege studieren: 1. man quert hinüber zum Adulajoch und steigt über den N-Grat zum Gipfel - über diesen Weg wollten wir aber absteigen; 2. man steigt in direkter Linie über den steiler werdenden Gletscher und das Blockgelände - sah nicht so interessant so; oder 3. man quert nach SO hinüber zum SSW-Grat und steigt über diesen zum Gipfel. Wir wählten die Variante über den SSW-Grat und wurden mit einer großartigen Gratkletterei überascht, die den WSW-Grat noch deutlich an Spaß und Aussicht überbot.

Wir hielten uns zunächst in den Felsen am unteren Gletschrand, dann querten wir über Felsen und Firn hinüber zum Grat, den wir etwas unterhalb von P. 3348 erreichten. Endlich in der Sonne! Wir genossen die warmen Strahlen und ließen unsere Blicke über die Bergwelt schweifen - welch eine Aussicht! Einfach herrlich. Über wunderbare Felsstufen, Blöcke und Platten ging's dann den Grat entlang. Die frische Pulverschneeauflage (ca. 2-3 cm) schuf alpine Verhältnisse und machte das Kraxeln und Klettern zu einem echten Erlebnis. Ein, zwei Mal mussten wir größeren Blöcken etwas in die Flanke ausweichen, meist konnten wir aber direkt dem Grat folgen.

Recht bald hatten wir den markanten, großen Turm in der Mitte des Grates erreicht. Natürlich kann man auch drüber klettern (Überhang! schon recht schwierig), wir umgingen ihn rechts herum in die Sonne. Auf der O-Seite des Turms ist eine kleine Fläche zum Pause machen (sehr gemütlich in der warmen Sonnen und schön windgeschützt). Reto und Robert kletterten noch über die N-Kante auf den Turm (III-IV), dann ging's weiter auf dem jetzt einfacheren und flacheren Grat hinüber zum südlichen Vorgipfel des Rheinwaldhorns (9:25 Uhr, ca. 4h Gehzeit). Hier waren wir alleine, während auf dem Hauptgipfel schon etwas Gedränge herrschte.

Nach ausgiebiger Rast machten wir uns um kurz vor zehn wieder an den Abstieg. Wir stiegen die wenigen Meter hinüber zum Gipfel des Rheinwaldhorns (3402 m) und dann, den Felsen folgend, in recht tiefem Triebschnee (stellenweise fast 20 cm!) flott zum Adulajoch (3166 m) hinab. Hier wurde das Seil aus dem Rucksack gekramt und wir seilten für den Gletscher an. Auf Steigeisen verzichteten wir, der Neuschneeauflage war recht griffig. Zügig stiegen wir, der Aufstiegsspur folgend, den Gletscher hinab.

Am Gletscherrand angekommen, wurden Seil, Gurte und warme Sachen wieder eingepackt. Die Sonne hatte an Kraft gewonnen und es wurde nun richtig warm. Wir folgten den Steinmännchen durch Blockgelände und Schotter hinab auf die breite Seitenmoräne und erreichten bald den weiß-roten Wanderweg kurz oberhalb der Capanna Adula UTOE. Hier wandten wir uns nach links und stiegen wieder hinauf zum Passo del Laghetto. Etwa beim "d" von "del" auf der Karte querten wir auf den großen Felsplatten hinüber zum W-Grat der Cima del Laghetto und stiegen über diesen hinauf zum Gipfel. Eine nette klein Einlage; und vom Gipfel kann man noch einmal den WSW-Grat des Rheinwaldhorns bewundern.

Unten am Laghetto dei Cadabi machten wir nochmal eine kleine Rast in der warmen Sonne. Dann stiegen wir durch das jetzt harmlose Couloir nach Süden hinab und folgten dem Wanderweg über die Alpe di Quarnei und Alpe Pozzo nach Cusiè. Um 14:45 Uhr (ca. 8h30min Gehzeit) waren wir wieder am Auto angekommen.



Es war eine herrliche Tour. Uns hat vorallem der SSW-Grat des Rheinwaldhorns gefallen; die tolle Kraxelei sorgte für Riesenspaß. Ein großartiges Erlebnis. Ein großer Dank von uns beiden an Reto! Es war eine großartige Tour an einem sehr schönen Spätsommer-Tag!

Tourengänger: alpinos

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Geodaten
 3371.gpx Rheinwaldhorn

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Kommentare (4)


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MicheleK hat gesagt: VIa Malvaglia und via dell Amicizia
Gesendet am 31. August 2010 um 23:08
Congratulations zu dieser phantasischen Tour und schoenen Bildern vom Adula.

Wir haben dazumals den Direktaufstieg rechts der fallinie zum markanten Block gewaehlt - da war aber noch Eis...

die via dell' Amicizia die Ihr im oberen Teil begangen habt soll sehr lohnend sein !!

Hammerbilder habt Ihr gemacht bei superWetter - etwas schade keine vom 800m Tiefblick am WSW Grat zur Alpe di Quarnei... da sieht die Welt doch ziemlich rund aus...bei uns hatte es auch eine duenne Hagelkoerner Auflage...

ich wuensche euch weiterhin schoene Touren.

Gruss.
Michele

alpinos hat gesagt: RE:VIa Malvaglia und via dell Amicizia
Gesendet am 2. September 2010 um 12:28
Hallo Michele,

Stimmt, der Tiefblick zur Alpe Quarnei ist und entgangen... Wir waren wohl vollauf damit beschäftigt, die umliegenden Gipfel zu bestaunen.

Der obere Teil des Grats ist in der Tat sehr lohnend, die Kraxelstellen können oft entsprechend des eigenen Könnens und Wollens ausgewählt werden, man hat immer die Möglichkeit, in der Flanke zu umgehen.

Auch Dir weiterhin viele schöne Touren, Grüsse aus Zürich

Anna & Robert

Micha hat gesagt: via del amicizia
Gesendet am 21. September 2010 um 16:35
Hallo, gratuliere zu der tollen Tour und den super Fotos! Eine Frage an Dich, istdie via dell' amicizia nicht die Route die vom Pass Cadabi herkommt. Ist mit ZS bewertet mit Kletterstellen bis V.Wie ich so in dienem interessanten Bericht gelesen habe seid ihr die Tessiner Normalroute runtergegangen!?

Micha hat gesagt: RE:via del amicizia
Gesendet am 21. September 2010 um 17:10
P:S Lieben Gruss und weiterhin so tolle Touren Michi


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