Gross Bielenhorn - Fandango (6c+)


Publiziert von mde , 24. August 2010 um 15:53.

Region: Welt » Schweiz » Uri
Tour Datum:22 August 2010
Wandern Schwierigkeit: T2 - Bergwandern
Hochtouren Schwierigkeit: WS
Klettern Schwierigkeit: 6c+ (Französische Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-UR 
Zeitbedarf: 11:00
Aufstieg: 800 m

Nach meiner Wendentour vom Vortag hat Kathrin freie Wahl und entscheidet sich auf der von mir bereitgestellten Projektliste für die "Fandango" in der SW-Wand des Gross Bielenhorn. Über diese Tour der Gebrüder Remy ist nur wenig bekannt. Doch kürzlich erreichte mich der Hinweis, dass es sich hierbei um die schönste Route am Gross Bielenhorn handeln solle. Bei nur zwei gekletterten Routen am Berg kann ich dies zwar noch nicht schlüssig beurteilen, Kronfavoritin zur "Miss Bielenhorn" ist sie aber nach der Begehung geblieben.

Bis zuhause alles erledigt und gepackt ist, das Töchterchen in gute Hände übergeben und die Anfahrt zum Furkapass bewältigt, ist es bereits 10.05 Uhr, bis wir beim Refuge Furka  P.2427 starten können. Diese relativ späte Aufbruchszeit macht uns an diesem Tag keinen Kummer, denn der Zeitplan passt, es drohen keine Gewitter, und die nach WSW ausgerichtete "SW-Wand" am Gross Bielenhorn profitiert ideal von der Nachmittagssonne.

In einer knappen Stunde erreichen wir die Sidelenhütte, und winken unterwegs den 4 (!) Seilschaften in der Hanimoon. Von der Hütte gehts es dann erst dem markierten Weg entlang in Richtung untere Bielenlücke. Bald zweigen Pfadspuren ab, die zur Ecke am S-Pfeiler des Gross Bielenhorn führen. Neben der kühnen Route "Lötschers Alptraum" wurden hier in tollem Fels mehrere Neutouren erschlossen (wer hat alle Details? Bitte um Hinweise/Kommentare!). Von dort geht's dem Wandfuss entlang über Geröll bald aufs ewige Eis des Sidelengletschers.

Der Gletscher war noch durchgehend schneebedeckt, insbesondere der 40-45 Grad steile Schlussaufstieg gegen die Einstiege hin. Während der Einstieg der Niedermann-Route an diesem Tag wohl ohne Steigeisen zu erreichen gewesen wäre, trifft dies für die "Fandango" nicht zu. Die letzten Meter zum Wandfuss sind dort deutlich steiler, und ein Ausrutscher würde einen gefährlich über eine Art Windkessel ins Geröll hinab spedieren. Ohne Steigeisen hätte ich mich an dieser Stelle sehr unwohl gefühlt und ich würde empfehlen, diese für die Fandango stets mitzuführen.

Beim Übergang Schnee/Fels (11.30 Uhr) wechseln wir, ca. 30m rechts des Einstiegs der Niedermann-Route, von den schweren Schuhen zu den Kletterfinken und erreichen über einen 10m langen Riss eine geräumige Terrasse, wo sich der Einstieg der Fandango befindet. Nach einem um wenige Minuten zu früh genossenen Zmittag kann es um 12.10 Uhr losgehen mit:

SL 1, 45m, 6a+: Hoppala, der Weg zum (vermeintlich) ersten BH in 20m Höhe sieht ganz schön happig aus. Genaueres Beobachten zeigt dann, dass der erste BH vom Einstieg schlecht sichtbar "schon" in 12m Höhe steckt. Es handelt sich um die erste verlässliche Sicherung, und etwa 7-8m "off the deck" klettert man die Crux dieser SL. Ich frage mich, was sich die Remys hier wohl gedacht haben: der schlechte Rock 2, den ich davor noch unterbringen kann, ist mehr eine symbolische Sicherung, und die Stelle ist nicht ohne. Danach geht's dann in schöner und sehr genussvoller Kletterei weiter. Der 2. BH wäre eigentlich unnötig, nach dem 1. BH lässt sich die SL perfekt mobil absichern.

Hinweis: diese etwas gefährliche 1.SL lässt sich wohl vermeiden, indem man 5m links bei einem cleanen Verschneidungssystem einsteigt. Dieses sieht deutlich einfacher aus, führt an den 1. Stand der Fandango und sollte sich mobil gut absichern lassen.

SL 2, 45m, 6c+: Der erste Stand ist absolut dilettantisch platziert, 3m weiter unten oder 2m weiter oben könnte man bequem auf einem Band stehen, doch so wie es ist, warten auf die den Vorsteiger sichernde Person lange und unbequeme Minuten. Denn, die 2.SL ist nicht einfach und schnell zu haben. Es wartet ein anhaltender und harter Piaz. Es ist ja nicht unbekannt, dass ich nichts weniger gern habe, also Piazrisse ohne Tritte. Noch schlimmer ist's, wenn dann auch noch (fast) komplett selber abgesichert werden muss. Natürlich gibt's kaum Ruhepositionen, um dies zu tun. Runouts zu klettern traue ich mich nicht, also wird in äusserst anstrengender Position gefummelt, bis die Arme zu Pudding werden und die Waden brennen...

Zum ersten, 5m über dem Stand steckenden Bolt hin ist's schwer, die Placements (Cam 0.3-0.75) sind mässig. Danach erst anhaltend bei mässigen Placements weiter (Cam 0.3-0.75, R3-9), dann einfacher zum "BH-Nest", wo 3 Bolts auf etwa 5m Kletterstrecke folgen. Doch erst mal lasse ich mich ab und sammle mein schon beinahe ausgeschossenes Rack wieder ein. Die Crux, athletisch über einen Wulst, der die Verschneidung versperrt hinweg, klettere ich an den BH gesichert dann locker. Nach wenigen einfachen Metern folgt ein OK-Placement für einen Cam 1, dann eine knifflige Wandstelle, ein 1a-Placement für einen Cam 2, und danach erneut anhaltende Piazmeter zum Stand hin, wo sich dank variierender Rissgrösse Cams (0.3-1) und Rocks (4-9) fast beliebig versorgen lassen. 

Hinweis: diese 2.SL ist deutlich schwerer wie der Rest der Tour, und muss bis auf die Crux mit 3 BH auf kurzer Strecke bei sehr anhaltenden 6b-Schwierigkeiten fast komplett selbst abgesichert werden, wofür es kaum Rastpositionen gibt. Falls man sie ohne Backcleaning durchklettern will, so sind ausser für sehr kühne Kletterer wohl 2 Sätze Camalots fällig, mit Backcleaning tut's auch nur einer. 

SL 3, 35m, 5c+:
Die grosse Verschneidung wird gleich nach dem Stand nach rechts verlassen (BH), dies ist die einzige schwierige Stelle dieser SL. Danach nicht in die erste Verschneidung hoch, sondern nach rechts aufwärts halten. Dort erst in der Verschneidung, dann links über den Plattenriss (BH) und zuletzt wieder etwas nach rechts in schönem 5a-Gelände zum gemeinsamen Stand mit der "Umbilicaria".

SL 4, 25m, 5b: Vom Stand nach links an die Schuppe, die mit einer etwas kniffligen Stelle gewonnen wird, bevor dann der BH geklinkt werden kann. Gerade hinauf, danach in unübersichtlichem Gelände eher etwas geradeaus bzw. leicht links haltend zu Stand, der auch überklettert werden kann.

SL 5, 25m, 5a: Schon in der letzten SL hatte ich mich in diesem, überall kletter- und absicherbaren Gelände etwas nach rechts verstiegen, so dass ich erst in der Mitte dieser SL wieder auf die eigentliche Linie traf, und weiter unten den Stand und den 4. Stand und den 1.BH der 5.SL erblickte. Zuletzt in der Mitte des Pfeilers aufwärts, bis auf dessen Kopf, der Stand ist etwas zurückversetzt.

SL 6, 35m, 2a: Vom Stand folgt man rund eine halbe SL dem einfachen Grat. Dort, wo es gut möglich wird, verlässt man ihn nach links, um in horizontaler Querung den gut sichtbaren Stand (BH + Zackenschlinge) zu erreichen.

SL 7, 35m, 6a:
Dank des gut sichtbaren 1.BH gibt's hier vorerst keine Routenwahlprobleme. Etwas links ausholend wird dieser eingehängt, danach orientiert man sich immer leicht nach rechts (BH). Man quert ein schräg nach links ansteigendes Band zum 3.BH, von dort sehr schön gerade hinauf an Schwarten und Schuppen zum Stand.

SL 8, 45m, 6a+:
In sehr schöner, griffiger Wandkletterei hinauf (3 BH), danach den mobil abzusichernden Rissen entlang weiter, nur leicht linkshaltend zu BH und zuletzt einer auffälligen 5m hohen Verschneidung entlang zum Stand, der von unten nicht sichtbar ist. Offiziell mit 6b bewertet, gemäss unserer Meinung super schön, aber klar einfacher.

SL 9, 45m, 6b: Vom Stand etwas linksherum zum BH am Beginn des breiten Risses und diesem entlang etwas knifflig hinauf. Danach sehr schönen Schwarten/Rissen entlang aufwärts zum 3.BH, wo die Plattencrux dieser SL wartet. Das schwierigste Stück meistert man mit dem BH ca. 50cm unter den Füssen. Zuletzt über eine weitere Stufe (BH) hinauf zum Stand.

SL 10, 45m, 6b: Sehr schönes Abschlussbouquet in tollem Fels mit athletischer Kletterei. Vom Stand am/neben dem Riss hinauf zum ansetzenden, engen Kamin (BH). Diesem entlang, weniger rampfig als befürchtet, hinauf und nach rechts zu einer Wandstufe (BH), die als Abschlussprüfung gutgriffig-athletisch und obligatorisch überwunden werden muss. Dann wieder einfacher zum Stand, 2m unter dem Grat.

Um 18.15 Uhr nach etwas über 6 Stunden Kletterei ist es Zeit für den Gipfelkuss. Während sich der ganze Rest sehr flott und problemlos onsight kletterte, war die 2.SL mit schwerer Kletterei, den ganzen Sicherungsmanövern, Backcleaning und einigen Problemen mit festsitzenden Keilen beim endgültigen Cleaning sehr zeitraubend. Und dort ging wegen dem Backcleaning auch der Onsight flöten - ja nu. Aber die "Fandango" ist eine wirklich tolle Route mit sehr schöner Kletterei. Pro Seillänge stecken zwar jeweils nur 2-4 BH, der Rest kann aber gut bis sehr gut selbst abgesichert werden - optimal, um dem Rack wieder mal einen Schliff zu verabreichen.

Nach einem kurzen Vesper machen wir uns dann um 18.30 Uhr ans Abseilen. Entgegen der Angabe in den Topos, schon ganz oben die "Via Franziska" zu verwenden, benützt man wie wir wohl viel besser die 3 obersten Stände der "Fandango", die wir en passant noch mit neuen Kevlar-Reepschnüren ausgestattet haben - die alten, vorhandenen Bandschlingen liessen sich von Hand (!) zerreissen. Danach liegt ein sanierter Stand der "Via Franziska" günstiger, und man erreicht den Fuss des zweiten Aufschwungs.

Um weiter über die "Fandango" abzusteigen, müsste nun der Quergang und der Grat zurückgeklettert werden, und auch danach liegt der nächste Stand fürs Abseilen unvorteilhaft. Wir seilen darum zuerst 20m runter und queren dann auf Bändern 20m (in Wandansicht) nach links (d.h. Norden), zum Stand/Abseilpiste der Niedermann-Route. Dort geht's dann bequem runter bis auf den Schnee. Mit am letzten Abseilstand fixiertem Seil pendelt/quert es sich bequem zu den weiter rechts deponierten Bergschuhen.

Auf diese Weise kostet uns das Abseilen genau 1 Stunde, um 19.30 Uhr sind wir am Wandfuss. Unsere Abseiltaktik würde ich auf jeden Fall weiterempfehlen. Ganz über die "Fandango" runter ist sicher mühsamer, und in den anderen Routen ("Umbilicabria", "Via Franziska", "Baumann-Route") steckt so desolates Material, dass ich daran nicht abseilen möchte. Übrigens, die Bolts in der "Fandango" sind noch gut im Schuss, auch wenn sie schon fast 20 Jahre stecken, und leider die metallurgisch ungünstige Kombination von Inox-Plättli und verzinkten Ankern verwendet wurde.

In wenigen Minuten geht's dann retour zur Sidelenhütte, wo wir noch zu Kaffee und Kuchen einkehren. Natürlich kann es mde auf der Suche nach weiteren tollen Erlebnissen im Furkagranit nicht lassen, den Topoordner ausführlich zu studieren, auch wenn langsam die Dämmerung hereinbricht. Kathrin macht sich bereits auf den Weg, im Laufschritt eile ich dann mit ausführlichen Notizen hinterher, knapp vor 21 Uhr sind wir im letzten, verblassenden Tageslicht zurück beim Auto - geniale Tour!

Tourengänger: mde

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Kommentare (2)


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Lone Ranger hat gesagt: Good!
Gesendet am 16. Juni 2011 um 05:48
Congrats on a fine climb and thanks for the very useful trip report.

anaximandr hat gesagt: Neue Bolts in Fandango
Gesendet am 4. Oktober 2013 um 19:34
Ich kann hier noch ein Update zum Zustand der Fandango liefern. Am 28.9. war ich in der schönen, rechts der Fandango verlaufenden Nachbarroute Curiosity, die von den Remy-Brüdern im August 2012 eingerichtet wurde ([www.camptocamp.org/routes/455733/fr/gross-bielenhorn-curiosi...]). Beim Abseilen konnte ich die Fandango teilweise inspizieren. Gegenüber der Beschreibung von mde sind zusätzliche Bohrhaken hinzugekommen. Der erste Haken in der ersten Länge ist jetzt auf ca. 5m Höhe. In der 6c+ Länge ist mindestens ein zusätzlicher Bohrhaken vorhanden. Auch weiter oben stachen ab und zu neue (messingfarbene) Bolts ins Auge. Die Empfehlungen punkto Material bleiben aber aktuell, es muss immer noch viel selber abgesichert werden.
Noch eine Anmerkung zum Einstieg. Vor der gemäss obigem Bericht ersten Seillänge gibt es eine weitere 6a+ Länge, die zusammen mit Curiosity verläuft.


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