Munt Pers 3207m alias Monte Fellini


Publiziert von pizflora , 23. August 2010 um 20:08.

Region: Welt » Schweiz » Graubünden » Berninagebiet
Tour Datum:19 August 2010
Wandern Schwierigkeit: T2 - Bergwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR   Bernina-Gruppe   Palü-Gruppe 
Zeitbedarf: 1:30

Der Munt Pers war als Kind mein erster 3000er, und ein Vierteljahrhundert später hatte ich dank unseres Gipfelflora-Projekts das zweifelhafte Vergnügen, ihn wieder zu „besteigen“ zwecks Wiederholung von historischen Pflanzenaufnahmen (ursprünglich von E. Rübel ca. 1906). Dies bescherte mir eines der surrealsten Erlebnisse, die ich auf meinen bisherigen Bergtouren jemals erlebt habe!

 

Vom Piz Trovat (s. weiterer Bericht) herunter schadenfreute ich mich noch über die wuselnden Menschenmassen auf der Diavolezza, welche von weit oben wie ein Ameisenhaufen aussahen. Ich ging leichtsinnigerweise davon aus, dass diese sich nicht auf den nächsten Gipfel verirren würden, aber da hatte ich mich leider verschätzt. Wenig später durchquerte ich den Diavolezza-Fleischmarkt und fand mich auf dem Weg zum Munt Pers schon bald am Ende einer etwa 100köpfigen Menschenkarawane wieder, die die letzten hundert Höhenmeter den Berg aufwärts schlich – eine riesige italienische Wandergruppe, wie sich schon bald herausstellte. Auf der „Ueberholspur“ Blockschutthalde traf ich auf einen anderen schockierten Wanderer, einen Bulgaren, der sich angesichts dieses Aufmarsches auf unangenehme Weise an die kommunistische Herrschaft, deren er vor 25 Jahren entflohen war, erinnert fühlte. Zusammen wunderten wir zwei Alleingänger uns, warum man sich so etwas antun und mit schätzungsweise 99 anderen Leuten z’Bärg gehen soll. Nachdem sich mein Leidens“genosse“ vom ersten Schock erholt hatte, meinte er lakonisch „Wie in einem Fellini Film!“. Dem kann ich nur beipflichten… bei allem was noch folgte!!

 

Nachdem die italienische Menschenmasse den Gipfel erreicht hatte, wurde dem Herrgott erst mal hundertstimmig für das sichere Geleit und den unfallfreien (welch ein Wunder!!) Aufstieg gedankt. Dann wurden Panini ausgepackt, und schon folgten die ersten fröhlichen Ansprachen und die ersten von etwa 27 „Brinidisi!!!“ (Prosits) und spontanen Witzgedichten. Wahrscheinlich ging bei der Gelegenheit jedes Mal eine Flasche Grappa herum, was erklären könnte, weshalb auch bald fröhliche Bergkameraden- und Partisanenlieder gesungen wurden. Wenigstens gaben sie einen guten, vor allem grossen Chor ab, das muss man ihnen lassen…

 

Nun hatte ich, die ich ja zum Arbeiten gekommen war, natürlich ein Problem. Ich konnte mich schon kaum auf den obersten Gipfel vorkämpfen, um den Höhenmesser zu eichen, geschweige denn, die obersten Meter des Gipfels unter den Hinterteilen von weit über 100 Leuten nach Pflanzen abzusuchen... So machte ich mich erst an die steile Seite, was von zahlreichen missbilligenden Elternblicken quittiert wurde, hatten diese doch schon ohne meinen schlechten Einfluss ihre liebe Mühe, die Bambini im Zaum und vom Abgrund fern zu halten. Aber Rache muss sein. Unterdessen hatte ich mit Schrecken aufgeschnappt, dass die Riesengruppe noch 2 Stunden Zeit hatte, bis sie wieder auf der Diavolezza sein musste. Und prompt wurde das Gesangsbuch gezückt und eine geschlagene Stunde lang weitere Lieder zum besten gegeben – schlimmer hätte man mich nicht foltern können.

 

Interessanterweise solidarisieren sich in solchen Situationen aber dann spontan die restlichen Leute. Besonders leid konnte einem das milaneser Vater-Sohn Gespann tun, welches über die alpine Route über den Nord/Ostgrat gekommen war und sich für ihre Landsleute fremdschämte. Also bedauerten wir uns ein wenig gegenseitig… und so verging die Zeit, der Chor wurde spärlicher, die Bimbi ungeduldiger, und endliche machten sich die langsameren der Gruppe auf den Rückweg. Bis die ganze Wallfahrt abgezogen war, dauerte es noch eine weitere halbe Stunde, aber danach hatte ich freie Bahn und die restlichen Touris ihre Ruhe, und ein kollektiver Seufzer der Erleichterung stieg über dem Munt Pers gen Himmel (ok, ich gebs zu, meiner war ein Fluch).

 

Endlich konnte ich auch noch die vorher besetzte Seite des Berges nach Pflanzenarten absuchen. Zum Glück fand ich noch zwei neue – ansonsten hätte ich mich wohl sehr darüber genervt, für nix und wieder nix so lange auf diesem schrecklichen Gipfel ausgeharrt zu haben. Lustigerweise waren diese zwei Arten in einer etwas älteren Wiederholungsaufnahme (2003) nicht aufgeführt – ob wohl damals auch eine Wandergruppe drauf sass und picknickte??

 

Obwohl sich meine Knie sehnlichst eine Fahrt mit der Seilbahn wünschten, konnte mein Kopf den Gedanken nicht ertragen, mit 50 anderen (womöglich italienische Berglieder singenden) Touristen in einer Kabine eingesperrt zu sein, und so ging ich doch lieber zu Fuss zur Talstation Diavolezza zurück.

 

Uebrigens war mein Praktikant TG mit Begleiter IB gleichzeitig auf dem Piz Alv, nur 5km Luftlinie weit weg – und sah während des ganzen Tages keine einzige Menschenseele…


Tourengänger: pizflora

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Kommentare (11)


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fuemm63 Pro hat gesagt:
Gesendet am 23. August 2010 um 20:39
Danke für diesen Bericht, ich kann richtig gut nachfühlen - obwohl ich Fellini sehr mag, aber nicht auf einem Berg ;) Dass dort oben nach dem "Herdenabzug" überhaupt noch Pflänzchen sichtbar waren, wundert mich - eine neue Art hätte wohl "... fellinensis" benannt werden müssen ;)
LG Fümm

pizflora hat gesagt: RE:
Gesendet am 23. August 2010 um 20:47
das muss man ihnen doch immerhin lassen: die pflänzchen waren noch da, und abfall etc. haben sie auch keinen hinterlassen... da gibts leider bei uns ab und zu auch andere erlebnisse... und nicht nur auf seilbahn-bergen...

Alpin_Rise hat gesagt: Pachycerianthus solitarius?
Gesendet am 23. August 2010 um 21:47
kann jemand erklären, warum ItalienerInnen zum Rudelbergsteigen neigen? Wenn eine Gruppe > 10 Pers. unterwegs ist, sinds immer unsere südlichen Nachbarn.
Dabei ist ja der Genuss beim Berggehen umgekehrt proportional zur Anzahl Personen am Berg!
Viel Spass noch beim - einsamen - botanisieren, weit weg vom Mittelmeer und den Menschenmassen ;-)
G, Rise

pizflora hat gesagt: RE:Pachycerianthus solitarius?
Gesendet am 24. August 2010 um 08:46
ach, gegen berge in mittelmeernähe hätte ich überhaupt nichts einzuwenden... wenn mir also jemand alte botanische aufnahmen von weiter südlich auftreiben kann ;-)

uebrigens, falls jemand interesse hat, mal auf eine botanik-exkursion mitzukommen, ist das kein problem bzw. sogar höchst willkommen. bei interesse auf http://www.slf.ch/ueber/organisation/oekosystem/alpine/projekte/gipfelflora/ unter team die "leiterin forschung" kontaktieren... es kann allerdings manchmal auch etwas langweilig werden, uns beim botanisieren zuzuschauen...

--- hat gesagt: RE:Pachycerianthus solitarius?
Gesendet am 24. August 2010 um 22:07
Das ist ja interessant! und was muss man den können? kann ich einfach mitgehen und euch über die Schulter Schauen oder was kann ich dabei machen?

pizflora hat gesagt: Botanik-Voluntari
Gesendet am 26. August 2010 um 21:31
können muss man nichts - doch, fitness- und technikmässig kein klotz am bein sein, aber das ist bei den hikr-pros wohl überflüssig zu sagen... und dann kann man nach lust und laune und pflanzenkenntnissen mithelfen, sich einige arten erklären lassen, oder aber nur in der sonne sitzen und warten (das wäre dann die langeweile, die ich angetönt habe)... schreib mir doch eine nachricht, wenn du interessiert bist.

Ray hat gesagt: Achwas..
Gesendet am 24. August 2010 um 19:09
sicher interresante Sache ;)
Naja aufjedenfall mein herzlichstes Beileid für das Erlebte ;)
Gruß^^

pizflora hat gesagt: RE:Achwas..
Gesendet am 24. August 2010 um 19:47
danke fürs beileid :) immerhin gibt's eine gute stammtisch- und hikr-geschichte ab. und wenn ich dann bedenke, dass andere leute wesentlich unattraktivere jobs haben, hält sich der schmerz auch in verzweifelten momenten wie auf dem munt pers in grenzen...

--- hat gesagt: Erinnerungen werden wach :-)
Gesendet am 24. August 2010 um 21:07
hallo pizflora ich war diesen Samstag ebenfalls auf dem Munt pers, ich ging mit meiner Begleitung von der Station Bernina Suot aus hinauf. bis zum Diavolezza hatten wir kaum Menschen angetroffen. Als wir bei der Station ankamen wurden wir ebenfalls von einer grossen Meute überrascht. Mit grosser Hoffnung gingen wir Richtung Munt Pers...was später leider ebenfalls enttäuschend war...Glücklicherweise hatte ich hie und da doch einpaar Pflanzen entdeckt :-) und singenden Menschen begegnete ich zum Glück erst beim Rückkehr Richtung Diavolezza Station :-))

Ivo66 Pro hat gesagt: Das kann nicht wahr sein...
Gesendet am 24. August 2010 um 22:52
...aber das letzte Bild dokumentiert es und lässt keine Zweifel offen: Offenbar erfolgen etwa 95 % der Gipfelbesteigungen in Graubünden auf den Munt Pers. Die anderen 5 % verteilen sich auf die anderen vielleicht 3000 Gipfel. Wir haben in den letzten zwei Wochen 10 Bündner Gipfel bestiegen und waren jedes Mal alleine.

In diesem Sinne wünsche ich Dir etwas ruhigere Stunden in den Bergen. Der Bericht ist aber sehr unterhaltsam.

Herzliche Grüsse, Ivo

pizflora hat gesagt: RE:Das kann nicht wahr sein...
Gesendet am 27. August 2010 um 00:14
...ein nicht unwesentlicher teil der anderen 5% besteigen währenddessen das flüela schwarzhorn... :-)


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