Hochbrunnerschneide (Monte Popèra, 3046 m)


Publiziert von gero Pro , 27. Juli 2010 um 15:45.

Region: Welt » Italien » Trentino-Südtirol
Tour Datum:26 Juli 2010
Hochtouren Schwierigkeit: WS
Klettern Schwierigkeit: I (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: I 
Zeitbedarf: 11:30
Aufstieg: 1690 m
Abstieg: 1690 m
Strecke:Fischleintal (Dolomitenhof) - Talschlußhütte - Zsigmondy-Comici-Hütte - Inneres Loch - Forcella Alta di Popera - Hochbrunnerschneide und zurück (20,4 km)
Kartennummer:freytag & berndt WKS 3 (Pustertal - Bruneck - Drei Zinnen)

Der ganze Alpenbogen ist unter den Wolken eines Tiefdruckwirbels verborgen ... der ganze Bogen? Nein, südlich des Brenners liegt ein Gebiet, das den Regenschwaden trotzt, in dem die Sonne lacht: der richtige Moment für ein bergsteigerisches Ziel in Südtirol !

Wenn man den Alpinisteig begeht, kommt man zu Beginn an einem Wegweiser zur Hochbrunnerschneide vorbei; sie faszinierte mich schon 2008 mit ihren aus dem Inneren Loch aufstrebenden Wänden, und ich nahm mir vor, ihr gelegentlich einen Besuch abzustatten.

Ausgangspunkt dieser Bergtour ist der gebührenpflichtige Großparkplatz (Tagesgebühr 3 Euro) am Dolomitenhof (1454 m) im Fischleintal. Noch vor dem Beginn der Dämmerung schlendere ich das Schottersträßlein hinter zur Talschlußhütte (1540 m), von dort ein Stück das Altensteiner Tal hinein bis zur Weggabelung: geradeaus geht es aufwärts zur Dreizinnenhütte, ich aber wähle den Steig Richtung Zsigmondy-Comici-Hütte. Mal steiler, mal eher sanft ansteigend, führt das Weglein unter der Ostwand des Einserkofels aufwärts ; man wandert dabei immer auf die eindrucksvolle Nordwestkante des Hochleist zu und hat vor allem die alles beherrschende Gestalt des Zwölferkofels vor Augen. Zuletzt geht es in Kehren zur Zsigmondy-Comici-Hütte (2224 m) aufwärts (2,5 Std. ab Parkplatz). Da es erst 6:30 Uhr ist, herrscht hier noch absolute Ruhe.

Ich gehe an der Hütte vorbei; der Steig wird etwas mühsamer, denn er führt das Schotterfeld Richtung Giralbajoch hinauf. Äußerst eindrucksvoll, wie sich die fast 800 m hohen Abbrüche des Zwölferkofels fast unmittelbar neben dem Weg aufbauen! Kurz unter dem Giralbajoch eine Wegteilung: ich folge dem Wegweiser Richtung Alpinisteig - und vor allem Richtung Hochbrunnerschneide, eine knappe halbe Stunde ist es der gleiche Weg. Hier heroben pfeift mir ein schneidend kalter Wind um die Ohren: nix mit sommerlich kurzer Hose, ich habe mich warm eingepackt, um mannhaft dem Nordföhn die Stirn zu bieten. Hier und da sind einige Pfützen gefroren, es dürfte 5 Grad haben, die sich aber wie -10°C anfühlen.

Ich umgehe südseitig auf dem Steig die Gipfelschneide des Hochleist (2413 m), der nun zusehends unterhalb meines Weg liegt, passiere einen kleinen Tobel, unmittelbar danach teilt sich der Weg ein weiteres Mal: links geht es etwas abwärts zum Beginn des Alpinisteiges, für mich heute aber geradeaus leicht aufwärts in das Felsen- und Schotterlabyrinth mit dem geheimnisvollen Namen "Inneres Loch". Nomen est Omen: ein Kar leitet zu den kärglichen Resten eines Gletscherchens, das heutzutage aber nur noch als Schneefeld bezeichnet werden kann. Obwohl es durch die kalte Witterung krachhart gefroren ist, benötige ich weder Steigeisen (die ich sicherheitshalber dabei habe) noch Pickel. Spalten gibt es hier definitv auch keine. Ringsum urwüchsigste Dolomitenlandschaft aus dem Bilderbuch: nordseitig die Mauern der Mitria, des Zsigmondygrates, südseitg das durch Schluchten zerrisene Gewänd des Mont Giralba di Sopra - und den Talschluß des Inneren Loches bilden Westwände meines Zieles, der Hochbrunnerschneide.

Am oberen linken Ende des Schneefeldes betrete ich eine steile Schutthalde, die ich mich nun hinaufmühe zur Forcella Alta di Popèra (2880 m); es ist dies die scharf eingeschnittene Scharte zwischen der Hochbrunnerschneide und dem nordseitig vorgelagertem Kopf des Zsigmondygrates. In Anbetracht des nach wie vor saukalten Polarsturmes, der oben an den Graten die Wölkchen vorwärtspeitscht, ist ein bißchen Mühsal zum Aufwärmen zunächst ganz willkommen. Aber - dann wird dieser Anstieg zu einem kleinen Albtraum! Der Hang ist sakrisch steil, das Geröll folgt der Schwerkraft - zwei Schritte vor, einen zurück: so lautet bekanntlich das treffende Charakteristikum derartiger Geländegegebenheiten! Ich mühe mich hinauf, der Rucksack wird immer schwerer, und als ich endlich am oberen Ende der Schuttflanke ankomme, räume ich den Rucksack bis auf einen kleinen Rest wirklich wichtiger Ausrüstung leer und verstecke alles unter einem Steinblock, so gut es geht. Heute scheint mir das möglich zu seine - ich bin weit und breit die einzige Menschenseele, und die Gefahr diebischer Elstern scheint mir gering (leider wurde mir an der Marmolata schon mal ein Pickel geklaut, seitdem traue ich auch im Gebirge manchen Mitmenschen nur noch bedingt).

So, dann folgt nun ein wenig Kletterei - weder schwer noch heikel, es geht durch kleine Rinnen und über Absätze hier und da einige Meter im I. Grad hinauf. Weiter oben bin ich überrascht: die Schneide ist keine solche, sondern ein immer breiter werdender Rücken, der im Bereich des Gipfels eher plateauartigen Charakter annimmt. Im Aufstiegssinne rechts (westseitig) erklimme ich etliche größere Absätze auf meist recht ordentlicher Spur (gelegentlich Steigspur, dann Blick fürs Gelände ratsam - aber wer da heraufkommt, hat ihn sowieso) und stehe schließlich nach 5,5 Std. Aufstieg am Gipfelkreuz der Hochbrunnerschneide (3046 m) in der Sonne - und: der vorhin kalte Wind hat sich gelegt, es ist absolut windstill !

So lasse ich es mir sicher eine Stunde gut gehen auf diesem etwas weltfernen Dolomitenberg - mit eindrucksvollem Panorama: der Zwölferkofel (3094 m) ist von hier aus eine breite Mauer, daneben sieht die Große Zinne fast schon unbedeutend klein aus. Gegenüber der Elferkofel (3092 m), er besteht aus einer Vielzahl von Zinnen, und die Dreischusterspitze (3152 m) ist eindeutig der höchste Punkt der näheren Umgebung. Erst weit drüben im Südwesten der Antelao ist noch höher.

Ich wandere auch die wenigen Minuten hinüber zum Nebengipfel der Hochbrunnerschneide; er sieht vom Kreuzgipfel zwar höher aus, ist jedoch 5m niedriger. Leider (im nachhinein) gehe ich nicht noch ein Stück weiter bis zum Monte Giralba di Sotto (2995 m), dessen weites Gipfelplateau vor mir liegt und sehr einladend aussieht.

Mein Abstieg ist identisch mit dem Aufstiegsweg - mit zwei kleinen Ausnahmen: ich besuche noch das Giralbajoch (2431 m), von dem man schön zur Carduccihütte hinunterschauen kann - und wage beim Abstieg von der Zsigmondyhütte noch ein Experiment: dort, wo der Steig von der Hütte zum Giralbajoch seinen tiefsten Punkt hat, zweigt ein unbezeichneter Direktabstieg ins Bacherntal ab. Er führt steil, aber gut begehbar hinunter und mündet in eine Klamm, die vom Wasserlauf tief eingeschnitten wurde und nur bei Niedrigwasser begangen werden kann !!! Zertrümmerte Baumstämme, Felsbrocken und Mahlspuren zeichnen ein mahnendes Bild von den Urgewalten des Wassers, die hier bei entsprechendem Abfluß wüten. Der Weg durch die Klamm ist kurz, es hat dort auch keine schwierigen Kletterstellen - aber ich rate aus Vorsichtsgründen trotzdem ausdrücklich davon ab, diesen Steig zu begehen !!!

Und zum Schluß:
1) Die steile Schutthalde unterhalb der Forcella Alta di Popèra ist auch im Abstieg nicht sonderlich angenehm zu begehen: wegen der Steilheit des Geländes und dem grobschottrigen Untergrund kein fröhliches Abfahren im Geröll, man muß Schritt für Schritt die 300 Hm hinuntersteigen.
2) Sowohl im Bereich unterhalb der Zsigmondy-Comici-Hütte als auch im Inneren Loch ist der GPS-Empfang schlecht - hier mußte ich meinen Track nachbehandeln sprich: etliche "Zacken", die durch das Hin- und Herspringen der Aufzeichnung entstanden waren, manuell "ausbügeln".

Tourengänger: gero


Minimap
0Km
Klicke um zu zeichnen. Klicke auf den letzten Punkt um das Zeichnen zu beenden

Geodaten
 2954.gpx Aus dem Fischleintal auf die Hochbrunnerschneide

Galerie


Slideshow In einem neuen Fenster öffnen · Im gleichen Fenster öffnen


Kommentare (4)


Kommentar hinzufügen

ADI hat gesagt:
Gesendet am 27. Juli 2010 um 16:10
Hallo, Gero!

Gratulation zu dieser Spitzentour!
Jetzt steht's 0:1 für Dich Gero, eindeutig. Wollte heuer im April mit Ski hoch, mit meinem Spezi Flori Forster.
Leider mußte ich an diesem WE arbeiten, Mist.
Sonst hätte ich diese schöne Tour vor Dir eingetragen.
Hattest ja auch sehr schönes Wetter.
Dolomitentouren sind immer was großartiges.
Muß demnächst mal von der Hohen Gaisl(3146m) berichten, auf der ich letztes Jahr war.

Beste Grüße aus "Monaco",

Gunter

Saxifraga hat gesagt: Beeindruckende Bilder!
Gesendet am 29. Juli 2010 um 10:37
Danke für den schönen Bericht :-)

gero Pro hat gesagt: RE:Beeindruckende Bilder!
Gesendet am 29. Juli 2010 um 12:34
Hi Philipp,

fein mal wieder was von Dir zu hören! Ja, Südtirol ist immer eine Reise wert - und auf die Hochbrunnerschneide kommt man wenigstens als Normalbergsteiger hinauf - anders als die wilden Zinnen des Elfer, Zwölfer und Einser, wo man nur ehrfürchtig druntersteht.

Besten Berggruß vom Georg

Felix Pro hat gesagt: eindrücklich, beinahe erdrückend ...
Gesendet am 9. August 2010 um 12:34
bis man oben steht; muss ja eine fantastische Landschaft sein, Georg - sie erinnert mich ein wenig ans Gebiet um die Drusentürme (selbstverständlich viel weniger hoch und breit ...).
Hast nach der lange Anreise offensichtlich eine Genusstour (mit Ausnahmen) bei prächtigem Wetter machen können - bravo!

lg Felix


Kommentar hinzufügen»