Bockmattli - Himmelskante (7a+)


Publiziert von mde , 12. Juli 2010 um 15:32.

Region: Welt » Schweiz » Schwyz
Tour Datum: 3 Juli 2010
Wandern Schwierigkeit: T2 - Bergwandern
Klettern Schwierigkeit: 7a+ (Französische Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-SZ   Oberseegruppe 
Zeitbedarf: 8:00
Aufstieg: 800 m

Das Bockmattli nimmt in der Schweizer Sportklettergeschichte einen wichtigen Platz ein: um 1980 herum waren es Martin Scheel und Gefährten, welche hier den Freiklettergedanken und die im Klettergarten gesteigerten Schwierigkeiten auch in hohen Wänden umzusetzen begannen. Einen nicht unwesentlichen Part spielt dabei auch die Himmelskante am Kleinen Bockmattliturm: hier wurde das erste Mal aus dem Abseilsitz ein Bohrhaken geschlagen, mit dem Ziel die Stelle danach frei zu klettern. Dieser Erschliessungsstil „von oben“ hat sich im alpinen Gelände jedoch nicht durchgesetzt, er gilt heute als verpönt. Ja ironischerweise ist es Martin Scheel selbst, welcher sich später geläutert hat, und ein vehementer Verfechter des „fairen“ Erstbegehens von unten wurde.
Nun denn, diese geschichtsträchtige Route, die heute nur noch unverdient wenig Beachtung findet, wollten wir an diesem Tag mit seinen angekündigten Überentwicklungen versuchen. Familienbedingt starten wir erst um 11.10 Uhr am Wägitalersee, klar zu spät für die vorherrschende Wetterlage. Doch vorerst ist der Himmel noch blau, als Joker erlaubt die Tour ein rasches Abseilen, und im 2 Minuten vom Einstieg entfernten Kletterhüttli würde man im Falle eines Falles Unterschlupf finden können. Bei schweisstreibender Hitze geht’s in einer Stunde zum Depot beim Abzweiger der Kleinen Chäle, so dass wir um 12.30 Uhr starten können.
SL 1, 35m, 4a: die Topos suggerieren, dass auf einem Grasband vom Einstieg des „Westwändli“ horizontal nach links zum Start der „Direkten Westkante“, über welche wir die Himmelskante-Längen gewinnen wollen, gequert werden kann. Von rüberspazieren kann aber keine Rede sein, der erste Teil der Querung verläuft in exponiertem T6-Gelände, im zweiten muss dann sogar richtig geklettert werden (ca. 4a, 3 BH in der Querung). Alternativ könnte man auch direkt von unten einsteigen (nicht eingerichtet, mehrere Varianten denkbar, wohl T6 und/oder leichte Kletterei).
SL 2, 50m, 5c: vom Stand sind weder Kletterspuren noch Haken zu erkennen, die Linie ist unklar. Also zuerst mal gerade hinauf, mit Zwischensicherung an einer Föhre. Auf dem nächsten Podest erschliesst sich die Linie entlang der seichten Verschneidung, die auch gut mit Bohrhaken abgesichert ist. Zuletzt etwas linksherum zwischen den Bäumen durch aufs nächste Querband. „Typisches“ Bockmattli-Gelände, fester griffiger Fels, jedoch etwas grasdurchsetzt.
SL 3, 15m, 7a: vom geräumigen Band geht’s gleich los mit der Crux. Als 6a+ 1 p.a. ist sie einfach zu haben, doch die Topos suggerieren, dass man auch ohne Hakenhilfe im oberen sechsten/unteren siebten Grad durchkommt. Das wage ich doch sehr zu bezweifeln. Die zwei, drei Bouldermoves an die Schuppe sind sackschwer, und werden noch härter, wenn man kleingewachsen ist. Ist hier ein Griff ausgebrochen oder habe ich das Wesentliche übersehen? Meine Lösung ist im Minimum 6B bloc, d.h. nicht weniger als 7a in Routenbewertung.
SL 4, 15m, 7a+: unter dem grossen Überhang befindet sich ein erstaunlich geräumiger, ebener Platz, der optimal wäre für ein bequemes Wandbiwak (für den, der sowas mal erleben will). Nun denn, wir müssen über den Überhang hinauf. An scharfen Schuppen, Löchern und Töffgriffen klettert sich das Dach im Stil der Brüggler-Überhänge. Schlechte Tritte gehören zum Programm, viel Körperspannung ist nötig. Hey, und richtig schwer schwer für den angegebenen Grad ist’s! Nach ausbouldern und deponieren alles überflüssigen Materials geht’s dann grad so knapp. Gefühlt mehr 9-, d.h. 7b+ als 8+/7a+. Das reine Hochkommen (5b/A1) ist aber kein Problem.
SL 5, 20m, 6a: hier verzweigen sich nun die Himmelskante und die direkte Westkante. Es fallen bereits einige Tropfen vom Himmel und es ist schon etwas dunkel rundherum. Es besteht aber die Hoffnung, dass das Wetter noch eine Weile hält. Wir beschliessen drum, mal noch eine weitere Seillänge anzuhängen, auch weil man so immer noch in 3x Abseilen den Boden erreichen würde. Die Kletterei dann schon hübsch nichttrivial, ohne die richtige Sequenz geht’s nicht.
SL 6, 20m, 6c: von unten sieht die Himmelskante extrem kühn und unnahbar aus. Vom Stand direkt unterhalb sieht sie dann etwas zugänglicher aus, und es fällt vor allem der sehr schöne und strukturierte Fels auf. Es hat wieder etwas aufgeklart, sogar einige Sonnenstrahlen kommen durch, also hängen wir diese Seillänge auch noch an. Die Kletterei ist fantastisch und fordernd, kräftig, trickreich und anhaltend, stets muss nach der richtigen Passage gesucht werden.
SL 7, 25m, 6c+/7a: der Stand unter dieser Seillänge ist fast maximal unbequem, wegen bei Weiterklettern entstehendem Seilzug aber nötig. Am Himmel sieht’s noch ok aus, und jetzt fehlt ja nur noch eine Seillänge, wer würde da umdrehen, solange es noch trocken ist? Kurz nach dem Stand folgt die Crux, ein abgefahrener Boulder, dessen Lösung aber erstaunlich offensichtlich ist. Danach braucht’s über die nächsten 2-3 Haken noch etwas Ausdauer und Übersicht, bevor man im leichter werdenden Fels zum Ausstieg sprintet. Im Originaltopo von Martin Scheel mit UIAA 8 (7a) bewertet, später dann im Götz/Wyser-Führer auf 6c+ korrigiert. Es entscheide jeder selbst was stimmt, geschenkt ist's auf jeden Fall nicht!
Von hier könnte man in 2 weiteren Seillängen im Schrofengelände die Westschulter erreichen und zu Fuss absteigen. Wir haben die Schuhe nicht mit und von vornherein das Abseilen geplant. Aber, und das ist der viel wesentlichere Grund, mit Kathrins Ankommen am Stand beginnen die ersten dicken Tropfen zu fallen. Der Himmel ist dunkel geworden, bei der Schwarzenegg drüben schifft’s bereits intensiv – gutes Timing! Schaffen wir es noch trocken runter, oder an den „Schärme“ unter dem grossen Dach?
Tja denkste, beim/nach dem ersten Abseilen kommt heftiger Wind auf und es beginnt zu hageln. Es pfeift richtiggehend um die Kante rum, auf der Westseite bleiben wir für ein paar Sekunden noch trocken und können den Naturgewalten fasziniert zusehen. Der Wind dreht aber demnächst und innert Sekunden sind wir tropfnass. Wie begossene Pudel seilen wir die verbleibenden Längen ab, als wir am Wandfuss stehen, tröpfelt’s nur noch leicht. Tja, das ging dann mal viel schneller als erwartet mit diesem Platzregen – und das Timing war wohl trotzdem schlecht.
Überraschend tauchen noch zwei bekannte Gesichter durchweicht aus der kleinen Chäle auf und gemeinsam machen wir uns auf den Abstieg. Die im Aufstieg staubtrockenen Pfade sind richtig schmierig geworden, es ist beinahe wie Schlittschuh laufen. Und es ist Zeit, um ein Fazit über die Tour zu ziehen:
Die Himmelskante bietet (mit dem Einstieg über die direkte Westwand) fantastische, anspruchsvolle Power-Kletterei. Die Absicherung ist gut, es sind keine Keile/Friends nötig. Im Dach stecken die Bohrhaken in 40cm-Abständen, so dass man auch technisch hochkommt. Die drei Himmelskante-Längen wurden 2004 durch Benno Kälin saniert. Sie waren auch vorher schon mit Haken/Bohrhaken in vernünftigen Abständen ausgerüstet. Mit der Sanierung sind noch einige wenige zusätzliche BH hinzugekommen, die alten wurden (fürs Hochkommen strategisch günstig) teilweise etwas versetzt. Die Absicherung ist so gut, dass bedenkenlos am Limit geklettert werden kann. Jedoch bleibt mindestens ein 6b, vielleicht sogar ein 6c wie der Plaisir Ost schreibt, obligatorisch.

Tourengänger: mde


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