Val Verzasca/ Über den Corte di Gemogna zum Rasiva


Publiziert von Seeger Pro , 10. Juli 2010 um 23:19.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Locarnese
Tour Datum: 9 Juli 2010
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   Gruppo Monte Zucchero   Gruppo Poncione Piancascia   Gruppo Pizzo delle Pecore 
Zeitbedarf: 2 Tage 12:00
Aufstieg: 2200 m
Abstieg: 2200 m
Strecke:1. Tag (11 km): Parkplatz Arnased 1027 - Capanna d’Alpe Osura 1418m - Rifugio Sambucco 1895m – Pianchitt Pt 2196 – Corte di Barbüi 2069m - Rifugio Corte di Gemogna 2183m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Auto: Von Tenero ins Val Verzasca bis Brione – bei der Kirche ins Val d’Osura (Fahrverbot) – bis Ende Strasse (eng und rau) etwa 5 km. Parkplätze vorhanden. Öv.: Postautoverbindung von Locarno ins Val Verzasca bis Brione. 5 km (1 Std) Marsch auf der Talstrasse (Hat schöne Schlangen und Smaragdeidechsen)
Zufahrt zum Ankunftspunkt:dito
Unterkunftmöglichkeiten:Capanna d’Alpe d’Osura/ Rifugio Sambucco/ Rifugio Corte di Gemogna (www.capanneti.ch)
Kartennummer:Maggia 1292

Der Rasiva – der Inbegriff der Tessiner Wilderness – ist der Bruder des bekannteren Monte Zucchero. Beides Berge, welche die Taltouristen in Sonogno hoch über dem Val Redorta bestaunen können. Die rund 300m hohe Nordwand des Rasiva macht Eindruck. Auch mir. Deshalb habe ich lange mit dieser Tour zugewartet. Nicht Angst, sondern Respekt. Ausschlaggebend war der Bericht von Lorenzo. In seinem Bericht erwähnte er blau/weisse Markierungen. Der Bericht von Omega gab dann den ultimate kick. Das Ganze wurde abgerundet mit den sehr präzisen Beschreibungen von Giuseppe Brenna (SAC Führer: Tessiner Alpen 2) und der hervorragenden Landeskarte 1:25‘000. L’aventure peut commencer!
1. Tag: Arnased – Cap. Osura – Rifugio Sambucco – Rif. Corte di Gemogna
Essen für zwei Tage. Genug Getränke (33°C am Vortag). Höhenmesser!!!.Natel. Morgens um 6 00 Uhr „lande“ ich auf dem Parkplatz in Arnased. Erste Überraschung: Kein Natel-Empfang (und so bleibt es zwei Tage lang). Zweite Überraschung: Wolken und sogar Nebel (bis mittags). Dritte Überraschung: In der Capanna d’Alpe d’Osura ist eine Schottische Familie. „Do You speak English?“- „Of course!“. (Sind während zwei Tagen die einzigen Menschen, welche ich treffe).
Durch das Blumenmeer des Val d’Osura steige ich auf das Rifugio Sambucco am Fusse des Monte Zucchero. Ich justiere den Höhenmesser und folge dem Weg zur Mügaia (Ausgangspunkt zum Zuchero) bis auf 2010m. Hier beginnt die VAO (Via Alta d’Osura). Bei diesem Richtungswechsel gehe ich gerade aus. Fixpunkt: Fluss auf Höhe 2140m. In steindurchsetztem Wiesengelände umgehe ich die abschüssigen Felsen links herum bis auf 2220m hinauf, wo sich die Schlüsselstelle befindet. Zwischen zwei Felswänden zieht sich ein Wiesenband zum Punkt 2196 hinunter(Danke Giuseppe). Traumhafter Tiefblick ins Val d’Osura und zu den beiden Übergängen Passo Canova und Passo Coco. Geissengebimmel. Eine grosse Herde von Verzascaziegen begrüsst mich mürrisch und skeptisch. Sicherheitsabstand. Abrupt fällt das Gelände in den weiten Talkessel des Pianchitt etwa 30 m ab. Traverse (nach Überklettern des Viehzaunes) auf das erste Wiesenband und auf diesem, die Geröllhalde ausweichend, auf 2100m hinab, wo ich einen Jäger/Schafpfad finde, welcher mich bis zur Gemogna-Hütte begleitet (Plus/Minus 40m !!!).
Die Wegmarkierung besteht aus einzelnen Steinen, auf markanten Plätzen gelegt. Solltest Du Drei-Steine-Wegmannli finden, sind sie sicher von einem Deutschschweizer. Die Fantasie zur Abgrenzung Fremder scheint dem Menschen angeboren zu sein. Ab sofort setze ich nur noch Zwei-Steine-Mannli.
In der Hitze durchquere ich unter der 400m hohen Westwand des Rasiva den ganzen Talkessel bis oberhalb Corte die Barbüi, ein gut unterhaltenes Alphüttchen. Ich sehe es nur von oben, kann ich doch auf den ominösen 2100m horizontal um den Ausläufer des Südgrates des Rasiva herum turnen. Nicht trivial. Doch ich scheue den Abstieg und Gegenanstieg über den eingezeichneten Weg. Auf diesen treffe ich und schaffe mit gesammelter Kraft den Schlussanstieg zur Gemogna-Hütte.
Einsames Plätzchen und ein sympathisches „Truggli“ mit gepflegter Wiese und Einfriedung mittels Trockensteinmauer. Letztes Jahr wurde sie von fünfzehn!!! Personen besucht. Das Wasser hole ich mit den Plastikkübeln 50m westwärts, wo es zwei Quellen mit frischem Wasser hat. Und dann der Herd - der feuerspeiende. Er heisst „La Rêve“ und könnte es auch werden, wenn man ihn nicht zum Heizen bringt. Doch nach einer halben Stunde verzieht sich auch der allerletzte Rauch durch das Dach (offene Steinplatten) und ich bereite mein Risotto con funghi und ein Instant Flädlisüppli. Capuccino und Guetsli zum Dessert. Ich esse draussen. Im Innern ist es zu dunkel. Tourentee für morgen. Abwasch. Dann richte ich das Nachtlager ein. Von den vier nehme ich zwei Matratzen übereinander. Militärschlafsäcke befinden sich in blauen gut verschliessbaren Plastiktonnen. Auch Hüttenschuhe. Die Berge versinken in die Nacht und ich im Schlafsack. Ob es wohl morgen möglich ist, den Rasiva zu ersteigen? Tiefschlaf.
2. Tag: Rif. Corte di Gemogna – Rasiva - Arnased
Auf! Heute ist ein wichtiger Tag. Der Rasiva steht bevor. Während dem Morgenmüesli und kaltem Cappuccino studiere ich den „Brenna“. (Tour 1311, Seite 288)“…zum Fuss des ausgeprägten Sporn, welcher sich vom E-Grat absenkt und die beiden charakteristischen Kessel des Rasiva voneinander trennt“.
Anschliessend an die Hütte beginnen enorme Steintritte den Gipfelaufstieg. Vorerst noch der gleiche wie der des Ciossa 2373m, ein Übergang ins Val Redorta (Sonogno). Doch schon nach hundert Metern muss ich entschieden nach Norden steil ansteigen und sehe schon bald den beschriebenen Sporn. Die mageren Wegspuren, unterstützt von einigen wbw Markierungen führen links um den Sporn herum. Ein riesiges Couloir mit „Rotem Dach“ öffnet sich zur Rechten. Dieses gilt es links und rechts der Felsplatte zu erklimmen, Dieselbige zwei Mal traversierend (T5). So stehe ich unverhofft auf dem Wiesengrat. Einige Felsstufen können kraxelnderweise überwunden werden.(II). Ich habe nie ein ungutes Gefühl, da der obere Teil nicht mehr exponiert ist. Schon bald stehe ich auf dem kleinen Pass des E-Grates, welchem ich nach links folge. Schon nach 50m erscheinen die Grathöcker mit der IV-Stelle (Klemmtechnik). Diese umgehe ich grosszügig in die linksliegende steile Wiesenflanke und erklimme nach 50 m wieder der Grat. Kurz darauf stehe ich auf meinem Wunschberg - Rasiva. Die 360° Aussicht ist umwerfend. Ergriffenheit. Dankbarkeit.
Den Italienern die Grigna, dem Tessiner der Basodino, dem Walliser das Monte Rosa-Massiv, dem Berner das Schreckhorn und Konsorte, dem Urner…, dem Glarner…,dem Appenzeller…, dem Bündner…..“Du Grossvatter, chomm ..schwieg jetzt!“. Geissengebimmel. Schon wieder. Die haben eine neue Route gefunden. Ob die wohl den „Brenna“ kennen? Oder ob wohl Giuseppe uns etwas verheimlicht hat? Sei wie’s will – Lorenzo kam von dieser Seite. Gipfelbucheintrag. Sehr wenige Einträge. Gipfelfoto mit Geissen vor dem Monte Rosa. Abstieg. Zurück zur Gemogna-Hütte. Mittagsrast und Nickerchen.
Abstieg in der brütenden Hitze und auf mageren, teils von Gras überwachsenen Pfaden. Fixpunkt ist die Ruine auf 1930m. Dann ACHTUNG: Der Weg quert auf einen Kilometer den Hang auf 1900m (Fixpunkt Fluss auf 1900m). Erst dann leicht fallend auf den Grat auf 1800m hinunter! Von diesem Grat sehr steil hinunter zum Fluss Pt. 1474. Hüllenlos in das nasse Vergnügen. Wasservorrat auffüllen. Weniger steil nach Cortesell. Das WC steht noch mit dem roten Klosett-Deckel. Ich muss den Weg immer wieder suchen, um schliesslich auf einem auf der LK nicht eingezeichneten Weg zur Holzbrücke von Arnased hinunter zu stechen.
Ein letzter Blick durchs Valegg dal Pianasc 1650 Höhenmeter zum Rasiva hinauf. Da war ich heute Morgen. Ich hab’s geschafft!

Tourengänger: Seeger


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