Schneibstein (2276 m), Windschartenkopf (2211 m), Kahlersberg (2350 m)


Publiziert von gero Pro , 12. Juli 2010 um 08:34.

Region: Welt » Deutschland » Alpen » Berchtesgadener Alpen
Tour Datum: 9 Juli 2010
Wegpunkte:
Geo-Tags: D   A 
Zeitbedarf: 15:00
Aufstieg: 2320 m
Abstieg: 2320 m
Strecke:Königssee - Königsbachalm - Schneibsteinhaus - Stahlhaus - Schneibstein - Windschartenkopf - Seeleinsee - Hochgschirrscharte - Kahlersberg - Landtal - Obersee - Saletalm (26,6 km)
Kartennummer:Bayer. Landesvermessungsamt UK 25-1 (Nationalpark Berchtesgaden)

Startpunkt unserer heutigen langen Tour ist der Großparkplatz Königssee; wir wollen das Hagengebirge östlich hoch über dem Königssee vom Jenner bis zum Obersee durchqueren und dabei zumindest den Schneibstein und den Kahlersberg besteigen.

Wir kommen abends gegen 20 Uhr am Königssee (605 m) an; es ist noch brütend warm, und nachdem wir 30 Minuten später unsere Rucksäcke gepackt haben, beschließen wir, gleich jetzt aufzubrechen und in die Nacht hineinzumarschieren. Warum auch nicht - erstens können wir so die nächtliche Kühle ausnutzen, zweitens geht es auf bequemer und auf mir bekannter Forstraße hinauf Richtung Königsbachalm, Stahlhaus und weiter zum Schneibstein, drittens haben wir dann morgen früh schon mal den Hauptteil des Anstieges geschafft - und viertens sind der Walter und ich für besondere Abenteuer dieser Art äußerst empfänglich.

Immer gut beschildert, steigen wir hinauf zur Königsbachalm (1200 m); hier beginnt es gegen 22 Uhr zu dunkeln, gleichzeitig erstrahlt unser Nachbarplanet Venus über den verblassenden Konturen des gegenüberliegenden Watzmannmassivs. Ohne die Stirnlampen anzuknipsen, schreiten wir durch die zauberhafte Sommernacht und lassen die Magie des Augenblicks auf uns wirken. Später blinzelt das Licht der Jennerbahn- Bergstation herunter; wir passieren zur Geisterstunde das Schneibsteinhaus (1668 m) und 15 Minuten später das Stahlhaus (1728 m); hier erreichen wir mit dem Torrener Joch (1733 m) den Übergang ins Bluntautal, durch das es nach Golling ins Salzburger Land hinübergehen würde.

Wir aber setzen unsere Nachtwanderung fort: die bisherige Almstraße ist am Stahlhaus zu Ende, ein Bergsteig leitet aufwärts Richtung Schneibstein - immer noch ganz leidlich ohne Lampe zu begehen, obwohl kein Mond scheint - allein die Sterne der Milchstraße mit all den bekannten Sternbildern sind hell genug, um immer wieder sicher und zügig voran zu kommen.

Noch ein Stückchen weiter lichten sich die Latschenfelder allmählich - wir gucken uns eine kleine Wiese aus, um einige wenige Stunden in den Biwaksack zu kriechen und etwas zu schlafen; es ist 0:30 Uhr, ein langer Tag steht uns bevor, und es ist nicht verkehrt, diesen leidlich ausgeruht zu starten.

Schon kurz nach 3 Uhr treiben uns dann doch die Kühle und die kondensierende Feuchtigkeit aus dem Biwaksack hinaus; bereits jetzt macht sich ein zarter Streifen der Dämmerung hinter dem Kuchler Kamm bemerkbar, und wir möchten gern bei Sonnenaufgang droben stehen auf dem Schneibstein. Also los!

Bereits um 4 Uhr können wir die Stirnlampen endgültig einpacken - Sonnenaufgang wird zwar erst um 5 Uhr sein, aber schon jetzt ist es fast taghell. Ohne jede Schwierigkeit geht es den Westrücken unseres ersten heutigen Berges hinauf, und kurz vor 5 Uhr stehen wir auf dem Schneibstein (2276 m). Jetzt, unmittelbar vor Sonnenaufgang, weht ein frisches Morgenlüftchen (realistischer: pfeift ein saukalter Wind um unsere Ohren) - Pullover, Anorak und Mütze tun gute Dienste gegen die Kälte. Wir wissen: heute werden wir noch mehr als genug Sonne bekommen, der Wetterbericht hat wieder Maximaltemperaturen um die 35°C angekündigt - diese zwar im Tal, aber auch heroben werden wir heute nur noch schwitzen.

Es sind immer diese Momente, wo man häufig im Tal steht und sich wünscht, schon droben auf dem Gipfel zu sein: zwischen 2 Zacken des Kleinen Göll (s. Tefs Beschreibung des Kuchler Kamms) hebt sich unser Gestirn aus dem Morgendunst, und sofort wird es wärmer (zumindest psychologisch). Wir stehen und staunen, eine Salve von Fotos meinerseits hält diesen Moment fest, als die Schatten der Nacht endgültig verschwunden sind und sich überall das Leben eines neuen Tages regt.

Und weiter geht es - zunächst südlich hinab zur Windscharte (2103 m - Notruftelefon; 6 Uhr), immer auf gutem, bezeichneten Weg. Erstaunlicherweise ist das Hagengebirge, obwohl abseits der gängigen Touristenpfade gelegen, nicht ganz so einsam, wie ich gedacht hatte. Wir erklimmen nun den Windschartenkopf (2211 m; 6:30 Uhr) über dessen Nordflanke, gelegentliche Trittspuren weisen den Weg. Wieder ein Aussichtspunkt der Extraklasse: in alle Richtungen schweift der Blick ungehindert, z.B. gen Osten zum Dachstein, nach Westen zum Watzmann, nach Norden zum Hohen Göll - und natürlich ins umliegende karstige Hagengebirge mit seinen Schlünden, Buckeln und Tälchen - eine eigenartige Landschaft! Und auch unserem nächsten Ziel sind wir ein Stückchen nähergekommen: der Kahlersberg erhebt sich knapp 3 km südlich uns gegenüber.

Vom Windschartenkopf steigen wir nach Süden ab, überschreiten ihn also. Diese Südflanke ist zwar nirgends schwierig, verlangt aber etwas Blick für das Gelände - einen offiziellen Steig gibt es hier praktisch nicht. Gemsrudel und einige Steinböcke äsen im Geröll. In einem Bogen erreichen wir wieder den offiziellen Wanderweg, der von der Windscharte direkt hinunterführt zum Seeleinsee (1809 m; auch: Schlumsee). Es ist jetzt 7:45 Uhr und höchste Zeit für eine ausgiebige Frühstückspause. Ein feines Plätzchen, dieser See - er hat allerdings eher die Größe eines Weihers. Wir füllen die Feldflaschen auf, heute wird es noch derart warm werden, daß wir jeden Schluck dringend brauchen werden! Der Seeleinsee ist zwar allseits von Bergrücken umgeben und deshalb kein ausgesprochener Aussichtspunkt - aber der Blick auf die unmittelbar aufstrebende Nordwestflanke des Kahlersberges ist schon eindrucksvoll; er sieht von hier aus sehr abweisend aus!

Etwas oberhalb des Seeleinsees ist wiederum an einer Bergwachthütte ein Notruftelefon installiert; zweimal weisen Schilder darauf hin.

Nun gilt es, den Hochgschirrsattel zu erreichen; wir können über etliches Blockgewirr schon vom See aus hinaufgucken, ein Wegweiser ist dort oben ebenfalls zu erkennen. Kurz bevor der Steig dort hinaufführt, mündet von Nordwesten ein Weglein ein, über das man von hier aus als kürzesten Abstieg zurück zur Königsbachalm bzw. nach Königssee gelangen könnte.

Am Hochgschirrsattel (1949 m; 8:45 Uhr) zweigt der Mauslochsteig hinauf zum Kahlersberg ab - 400 Hm sind zu überwinden, Zeitbedarf laut Wegweiser 90 Minuten - korrekt. Wiederum gut markiert, folgen wir dem Steiglein - es windet sich zunächst durch grobes Blockwerk, diese ersten Minuten sind etwas mühsam zu gehen, denn man stolpert mehr als man "geht" von Block zu Block. Dann steht man vor dem Einstieg in den Steig und kämpft sich nun sehr steil aufwärts. Durch etliche kleine Rinnen, über Absätze und abschüssige Bänder, mal im Fels, dann wieder über ausgesetzte Wiesenpassagen geht es hinauf. Alle etwas kniffligen Stellen sind aber prächtig mit Fixseilen versehen - es ist nicht schlecht, gegebenenfalls eine Selbstsicherung einzuhängen, denn Hinunterfallen ist absolut nicht drin. Je höher wir kommen, desto mehr entspannt sich die Situation, und schließlich erreichen wir nach 200 Hm die Wiesenflanke des Gipfelhanges, die es nun problemlos (aber anstrengend) bis zum Gipfel hinaufgeht. Kurz nach 10 Uhr stehen wir auf dem Kahlersberg (2350 m) - einem prächtigen Aussichtspunkt über den Karrenfeldern und Dolinen des Hagengebirges. Ich denke, die Fotos sprechen für sich - wow, was für ein Tag !!

Ursprünglich dachte ich, daß unser Marsch am Rande des Hagengebirges ein Gang durch grenznahe Einsamkeit wird - am Ostrand Oberbayerns bzw. dem westlichen Salzburgischen gelegen, aus beiden Staaten nur über relativ lange Anmarschwege zu erreichen. Aber - oh Wunder, der Kahlersberg ist verhältnismäßig gut besucht! Wir sind heute nicht die Ersten da herroben und auch nicht Letzten, eine kleine Völkerwanderung setzt während unseres Aufenthaltes ein, es mögen sicher 15 Bergkameraden sein, die während unserer Gipfelrast heraufkommen bzw. wieder absteigen. Auch wir können nicht unbegrenzt bleiben - der Weiterweg bis zur Saletalm und zurück in die Zivilisation ist noch sehr lang.

Unser Abstieg folgt wiederum dem Mauslochsteig abwärts zum Hochgschirrsattel, und dann geht es das Landtal südwärts hinunter. Es ist inzwischen früher Nachmittag, und wir müssen unbedingt ein Schiff zurück über den Königssee erreichen - andernfalls würde der Rückmarsch extrem lang (man erforsche VORHER, wann das letzte Schiff ab Saletalm fährt - jetzt in der Hauptsaison um 18 Uhr, glaube ich). So drängle ich inzwischen und gönne uns kaum noch eine Rast - nur zum Auffüllen der Flaschen an einem der Bäche weiter drunten gebe ich uns Zeit. Die Sonne steht inzwischen im Zenit, im grabenartigen Trog des Landtales rührt sich kein Lüftchen, die gefühlte Temperatur liegt bei 35°C, und die Beine werden immer schwerer.

Bergsteigen kann SOO anstrengend sein !

Irgendwann zweigt von unserem Steig der Weg Richtung Wasseralm und damit hinüber ins Steinerne Meer ab - hier geht es nun für uns steil abwärts durch Wald, manchmal aber immer noch etwas exponiert an abschüssigen Platten entlang hinunter ins Gebiet des Obersees. Wir passieren die Fischunkelalm (620 m; 14:30 Uhr) - sie ist noch nicht bewirtschaftet, noch hat die Hauptsaison nicht richtig begonnen. Also weiter weiter weiter ... "Klotz am Bein, Klavier vorm Bauch" ... der alte Wander-Refrain gibt den Takt für die inzwischen todmüden Beine an. Und er zieht sich, dieser Weg ... noch eine kleine Kuppe, noch eine Biegung, noch ein Wäldchen - bis wir dann schließlich auch am Obersee vorüber sind und mit der Saletalm (ca. 605 m; 15:30 Uhr) den südlichsten Anlegepunkt der Königssee-Schifffahrt erreichen. Und einen BIERGARTEN !!! Die frisch gezapfte Maß zischt durch die ausgedörrte Kehle hinunter, dazu eine Leberknödelsuppe - und schon kehren die Lebensgeister ein bißchen zurück.

Allerdings nur kurz - als wir in das gut gefüllte Elektroschiffchen steigen, das uns die etwa 7 km über den Königssee zurück zum Großparkplatz schaukelt, klappen uns vor Übermüdung die Augen zu.

ABER: mit dem Hagengebirge und speziell dem Kahlersberg ist ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen!

P.S. Im Bereich des Obersees ist der GPS-Empfang sehr schlecht - man sieht dies an meinem (nachbearbeiteten) Track.

Tourengänger: gero


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Geodaten
 2806.gpx Durch das Hagengebirge

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Kommentare (2)


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ADI hat gesagt:
Gesendet am 12. Juli 2010 um 16:36
Hallo, Gero!

Schöne Tour, bei Topwetter.
Ich war leider an diesem Traumtag im Laden :-(((, sehr öde kann ich Dir sagen!

LG, ADI

Felix Pro hat gesagt: Gewaltstour!
Gesendet am 13. Juli 2010 um 12:30
Kompliment, Georg, für die "mordsmässige" Bergtour - und selbstverständlich beeindrucken Text und Fotos wie immer.

lg Felix


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