Zinalrothorn - Überschreitung


Publiziert von WoPo1961 Pro , 29. Juli 2010 um 18:15.

Region: Welt » Schweiz » Wallis » Oberwallis
Tour Datum:27 August 2001
Wandern Schwierigkeit: T3 - anspruchsvolles Bergwandern
Hochtouren Schwierigkeit: ZS
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS 
Zeitbedarf: 3 Tage
Kartennummer:Nr. 1327 (Evolene)

Beim Scannen der alten Bergdia`s fielen mir auch die Bilder der Zinalrothornüberschreitung in die Hände und ruckizucki schwelgte der Herr Schreiberling wieder in alten Erinnerungen. Zusammen mit meinem Bergkollegen Reinhard hatten wir uns für mehrere Tage in der Mountethütte eingerichtet. Wie immer, wenn der Münsterflachländer zum ersten Mal im Jahr ins Gebirge kommt, bedarf es einer gründlichen Akklimatisierung, um dann nach einigen Tagen höhere Ziele ins Auge zu fassen. Theoretisch!
Praktisch sah die Sache dann auch schon mal anders aus. War der Wetterbericht gerade besonders günstig, wurden ursprüngliche Pläne gerne kurzerhand über den Haufen geworfen.Frei nach dem Motto: "einlaufen wird überbewertet und kann später einmal nachgeholt werden" (wenn das Wetter schlecht ist), stand nach nur 1 Einlauftour (ich glaube, es war das Arbenhorn) auch schon der Nordgrat aufs Zinalrothorn auf dem Programm. Dementsprechend lag ich denn auch einige Stunden wach im Lager und machte mir über die Richtigkeit des anstehenden Projektes Gedanken; reichte schon die Kraft für diese Tour, waren wir genügend akklimatisiert (doofe Frage, natürlich nicht, aber so nachts im Lager hat man ja Zeit, .......................auch für doofe Fragen), wie schwierig sind die Kletterstellen, uund so weiter, uund so fort.... Als der erste Wecker im Lager klingelte (wieso stellt eigentlich jeder Bergsteiger seinen eigenen Wecker?), war ich froh, daß diese Nacht ein Ende hatte (wieso gelingt mir dies nie zuhause, wenn ich Frühdienst habe?). Ein richtiger Hunger stellte sich um 03.30 Uhr noch nicht ein, dafür futterte aber Reinhard, auch genannt der Vielfraß, alle unsere Brotscheiben auf.
Die erste Stunde auf Tour ist, schreiben wir es mal so, nicht unbedingt meine Lieblingsstunde. Noch etwas steif in den Hüften, nicht ganz hellwach, womöglich stellen sich auch noch Batterieprobleme in der Stirnlampe ein und von einem wohltuenden Rythmus kann nicht wirklich gesprochen werden. Und ein Batteriewechsel mit eiskalten Händen ist nun wirklich kein Vergnügen. Ihr seht, ich brauchte mal wieder etwas länger, um mich in diese Tour ein zu finden und wohl zu fühlen.
Gott sei Dank ist es zunächst einmal nicht schwierig, selbst für Münsterflachländer, einem Fussweg  hinauf auf den Moränenrücken der rechten Seitenmoräne des Glacier du Mountet zu folgen. Auf diesem Rücken hinauf bis ca 3300 Meter, dann gehts auf den Gletscher.
Allmählich wird es heller und ein Wahnsinnstag kündigt sich an. Wir grinsen uns an und auch ohne Worte wissen wir,  was der Andere gerade denkt: "auch wenn es heute super anstrengend wird, es war die richtige Entscheidung!!"
Am Rande des Gletschers gehts hinauf, bis bei ca 3730m der Grat (Arete du Blanc) erreicht wird. Diesem folgen wir,  zum Schluß recht luftig bis zur Schulter (I `Epaule) auf 4020m.
Wir merken schon recht deutlich die Höhe, sind aber gleichzetig auch glücklich wie nix, bei solch tollen Bedingungen hier unterwegs zu sein. Das Wetter phantastisch, die Route abwechslungsreich und das Ganze mit einem Bergfreund teilen, da kommt Gänsepelle auf!
Den nun folgenden Tourabschnitt hatte ich mir vorher im Führer bestimmt ,keine-Ahnung-wie-oft, durchgelesen. Allein die Kletterstellen hörten sich schon spannend an: Le Rasoir, oder Sphinx, oder Bourrique, oder Bosse. Im stillen münsterländer Kämmerchen sah ich mich beim Studieren der Beschreibung schon an messerscharfen Gratabschnitten entlang hangeln mit nichts als gaaaaanz viel Luft unterm Bergschlappen. Und nun sind wir tatsächlich hier, an diesem Berg, auf diesem Grat.... here we go!!
Der erste Gendarm wird noch links umgangen, der nächste Gendarm (Le Rasoir, III) aber darf überklettert werden. Zeit für ein Päuschen, denn natürlich sind wir an solch einem herrlichen Tag nicht alleine am Berg. Staus lassen sich dann halt nicht vermeiden, aber überhaupt nicht schlimm; dafür gibt es uns die Gelegenheit den Blick schweifen zu lassen: Richtung Norden dominiert das Weisshorn, im Westen Dent Blanche und Grand Cornier, Richtung Süden das Obergabelhorn...wow, boah, super, Wahnsinn.
Immer weiter den Grat entlang, immer neue Gendarme tauchen auf, unsere Augen glänzen und Freude pur strömt durch unsere Körper. Die "Sphinx" wird rechtsseitig an einem Band umklettert und das folgende superschmale Gratstückchen ("Bourrique") muß entlang gehangelt werden. Trotz der wiederholten Wartezeiten vergeht die Zeit wie im Flug und schon stehen wir am letzten ca 40 m hohen Turm (die "Bosse").
Auch dieser wird im III. Grad direkt überklettert. 
Das letzte Stück des Grates bin ich eine einzige Gänsehaut und war es jetzt Schweiß oder Tränen, die mir das Gesicht hinunterliefen, ich weiß es nicht mehr genau. 
Diesen Glücksmoment konnte uns keiner mehr nehmen, wir hatten es, trotz nicht optimaler Vorbereitung bis hier oben geschafft. Selbst mein sonst etwas gefühlszurückhaltender Freund Reinhard drückte mich, ohne wieder loslassen zu wollen. Münsterländer Flachlanndsexperten außer Rand und Band :-))))
Natürlich können auch Münsterländer außer Rand und Band geratene Flachländer nicht ewig auf irgendwelchen Berggipfeln hocken und so machten auch wir uns auf, den langen Weg Richtung Rothornhütte in Angriff zu nehmen.
Als erstes wird die so genannte Kanzel links umgangen und der darauffolgende Gendarm rechts. Ca. 2 Seillängen gehts dann rechtsseitig hinunter zur Binerplatte und über diese abseilend oder kletternd hinab wieder zum Grat zurück. Über einige kurze Steilstücke kommen wir zur Gabel und der Rippe folgend gehts am Ende links in ein kleines Couloir. Am Ende des Couloirs wird ein waagerechtes Band nach links gequert und wir gelangen zum Kanzelgrat (Südostgrat). Bald darauf kommen wir zum Schneegrat und über diesen  gehts rechts auf ein Schneefeld. Schneefeld queren, Schuttfeld erreichen, Schuttfeld hinunter, Frühstücksplatz erreichen. Wir haben den Frühstücksplatz kurzfristig in Teatimeplace umgetauft und ein ausgiebiges Päuschen eingelegt.
Der Rest des Weges ist dann schnell erzählt: über ein brüchiges Band kommen wir auf ein erneutes Schneefeld. Schneefeld wieder queren bis zum Geröllfeld. Wegspuren abwärts folgen und durch 2 Rinnen absteigen. Zum Schluß durch einen Kamin zum Rothorngletscher und weiter zur Hütte.
Wann wir die Hütte schlußendlich erreichten, weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß noch, WIE marode und kaputt wir während des Abstiegs eigentlich waren. Diese blöde Rothornhütte wollte und wollte nicht näher kommen. Grundsätzlich sollten Hütten seitlich Räder oder Rollen haben und zum Nachmittag dem "armen und müden" Berggänger ein wenig entgegen gerollt kommen. DAS wäre mal ne nützliche Erfindung und des WoPo´s Dankeschön so ziemlich garantiert :-)
Nachdem wir, oh Wunder, doch noch das Tagesziel erreicht hatten, saß ich eine ganze Weile vor der Hütte. Einfach nur so, ohne auch nur einen Gedanken ans abrödeln und auspacken zu haben. Müde, und glücklich, und zufrieden, und in die Landschaft gucken, egal, meinetwegen auch die näxten 10 Jahre sitzen bleibend.....
Aber Ok, irgendwann verliert auch das größte Glücksgefühl gegens Magenknurren und Gerstensaftlockrufen
und ich widmete mich wieder den weltlichen Genüssen...... nicht die schlechteste entscheidung gewesen :-))) 
 


Tourengänger: WoPo1961


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