Bächenstock 3011m, Zwächten 3080m (via Verbindungsgrat)


Publiziert von Bombo , 12. April 2010 um 20:46.

Region: Welt » Schweiz » Uri
Tour Datum:10 April 2010
Hochtouren Schwierigkeit: WS
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Ski Schwierigkeit: S
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-UR 
Zeitbedarf: 9:45
Aufstieg: 1930 m
Abstieg: 1930 m
Strecke:Färnigen / Gorezmettlen - Färnigenwald - Rieter - Sewenstöss - Sewenzwächten - Bächenstock - Nordtraverse (mit Seitenwechsel auf Bächenfirn - Zwächten 3080m - Uebergang auf Glattfirn - Glattfirn - Spannortjoch - P.2912 - Rossfirn - Juzfad - Rotgand (Planggen wären zu gefährlich gewesen) - Wyssgand - Altboden - Gorezmettlen
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Wassen - Richtung Sustenpass - vorbei am Dorf Meien bis zum "Schneeende" (aktuell beim Waldbeginn zwischen Schwandi und Gorezmettlen)
Kartennummer:LK 1:50'000, Bl 255 S "Sustenpass"

Hochalpine Überschreitung in traumhafter Skitouren-Arena


Als ich am 23. Januar 2010 meine Zwächten-Tour machte, staunte ich damals schon über die vereinzelten Tourengeher, welche die Traverse vom Bächenstock richtung Zwächten unter die Füsse nahmen. Vom Gipfel des Zwächten sieht diese doch an einigen Passagen ziemlich "halsbrecherisch" aus und ich zollte grossen Respekt für diese Leistung. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich allerdings nicht gedacht, dass ich bereits 2 1/2 Monate später die selbe Route einschlagen würde...

Aufgrund der warmen Tage im Vorfeld sowie auch der prognostizierten Tageserwärmung am Tourentag hätte man eigentlich einen Gipfel mit einer nordseitigen Abfahrt auswählen müssen (für das Gebiet Meiental kämen hier die Klassiker Rorspitzli und Sustlistock in Frage). Da aber meine Tourenpartnerin noch nie im Winter im Gebiet der Spannörter war und mir diese Gegend dort fantastisch gut gefällt, kam automatisch der bei mir noch "offene" Bächenstock 3011m in die Planung. Aufgrund Berichten bei anderen Touren-Webpages war schnell mal klar, dass die Schneeverhältnisse keine Traumbedingungen mehr garantieren, weshalb ich keinen Bock auf die Abfahrt entlang der Aufstiegsspur hatte und deshalb den Vorschlag mit der Traverse einbrachte. Gesagt, getan...

Start um 05.30 Uhr von der Sustenpass-Strasse zwischen Schwandi und Gorezmettlen 1560m. Nur im Schein der Stirnlampen folgten wir dem ruppigen Sommerweg zur Seewenhütte durch den Färnigenwald - eine riesen Tortur... Sehr wenig Schnee, dafür viel mehr Steine und Wurzeln strapazierten unser Material erheblich und auch die Routenfindung ist zu dieser Tageszeit alles andere als trivial. Oberhalb des Waldes kommt man zu den Hütten von Rieter 1891m, wo wir dann auch bereits die ersten schönen Morgendämmerungs-Impressionen geniessen durften. In nördliche Richtung geht's dann weiter zur Sewenalp 2089m, wo man dann hinten im Kessel links in den steilen (bis 32 Grad) Südosthang aufsteigt. Lawinenkegel aus Vortagen sowie gefrorener Bruchharsch erschwerten dort teilweise das Vorwärtskommen - Harscheisen waren klar Pflicht.

Diesen Steilhang überwunden steigt man wieder flacher in westliche Richtung in die Mulde von Sewenstöss 2336m, wo es eine sehr steile (bis 39 Grad) Stufe zu überwingen gilt. Man hat 2 Möglichkeiten: entweder ziemlich vertikal durch das Couloir (ein Solist vor uns hat dies mit aufgebunden Skis gemacht) oder rechts des Couloirs über unserer Meinung nach den einfacheren, jedoch auch sehr steilen Südwesthang. Steht man direkt davor, sieht er nicht mehr so "gfürchig" aus wie aus der Distanz, beinhaltet jedoch aufgrund des gefrorenen Bruchharsches nach wie vor die eine oder andere Tücke. Ausrutschen ist dort keinesfalls erlaubt, entsprechend vorsichtig heisst es, die Harscheisen während den Traversen in den Schnee zu pressen.

Hat man diese Stufe überwunden, gehts wieder flacher auf den Sewenzwächten-Firn - für uns eine gute Gelegenheit, die soeben in voller Pracht scheinende Sonne zu geniessen sowie auch den jetzt erschienen Bächenstock 3011m samt unserer Aufstiegsroute durch das Firnfeld zu mustern. Wir folgten der Spur des Solisten, welcher am östlichen Rand des Firnfeldes seine Aufstiegsspur in den Schnee setzte und erreichten so das Skidepot im Südhang des Bächenstock, welches heuer aufgrund eines Lawinenabganges ein paar Meter weiter unten als üblich errichtet wird. Da wir wie eingangs beschrieben jedoch unsere Tour via die Traverse zum Zwächten fortsetzen wollten, hiess es nicht die Ski zu deponieren sondern diese an den Rucksack zu binden und per Pedes bzw. per Steigeisen weiter zu steigen.

Das Aufstiegscouloir sieht man erst vom Skidepot aus, dieses befindet sich unmittelbar oberhalb des massiven Felsen, welcher an das Firnfeld grenzt. Dank gutem Trittschnee und Spuren aus Vortagen war dieses problemlos zu begehen (einzig die Kondition zeigte langsam ihre Schwächen...). Anschliessend würde die heikle Traversierung folgen (Bohrhaken vorhanden), welche nur ein paar Meter sehr steil durch die Schneeflanke zieht. Diese war noch nicht gespurt, ebenso traute ich auch dem Schnee zuwenig - wahrscheinlich wäre es gegangen, wir zogen es jedoch vor, wie unser Solist sowie Tourengeher in den Vortagen, direkt über die Felsen (II) zu klettern und erreichten so dann den Südgrat. Da wir im Aufstieg noch nicht genau wussten, wo wir dann wieder runter in die Traverse steigen wollen, haben wir das gesamte Material mitgenommen und erreichten so immer ein wenig auf der linken Seite des Grates das Gipfelkreuz des Bächenstock 3011m.

Die panoramareiche Aussicht, das traumhafte Wetter und auch der Ausblick auf unser nächstes Ziel, den Zwächten 3080m, waren schlichtweg fantastisch. Da wir aber doch noch einiges vor hatten, verweilten wir nicht lange und machten uns an den Abstieg für die Traverse. Wir wählten wenige Meter unterhalb des Gipfels ein fels- und schneedurchsetztes Couloir, welches zwar sehr steil, jedoch mehr oder weniger gute Haltemöglichkeiten für die Steigeisen aufweist. Heikel wurde es dann nochmals im Übergang vom Fels in das steile Firnfeld - hier war es der Schnee, welcher mal in grossen und dann wieder in sehr kleinen Mengen (je nach Steilheit und Felsformation) auf den Felsen lag, welcher uns im Tempo ein wenig gebremst hatte. Hat man das Firnfeld jedoch erreicht ist die Fortsetzung in die Traverse nur noch "Peanuts".

Die Traverse wechselt sich in Schnee und Fels ab, Vorsicht herrscht vorallem am Wächtenrand, meistens bleibt man besser ein wenig links davon, einzelne Hindernisse werden auch meistens links umgangen, selten auch überklettert. Es folgt dann nochmals eine kurze Traverse auf einem plattigen Untergrund - hier hätte es sogar eine Sicherungsstange, ging bei uns jedoch ganz gut. Bei der tiefsten Stelle des Verbindungsgrates, bei P. 2913, wechselten wir im Unterschied zum Solisten die Gratseite. Man könnte tatsächlich zu Fuss auf dem Grat bleiben, kommt dann aber nach dem Felsteilstück in eine sehr steile, schneedurchsetzte Flanke, wo es doch gehörig Mut braucht, diese zu traversieren. Wie gesagt, wir wollten aber auf den Bächenfirn hinunter wechseln und dies war gar nicht so einfach, wie ursprünglich in der Planung zu Hause vorbereitet.

Zugegeben, hätte es eine Spur, wäre der Uebergang auf den Bächenfirn ein Kinderspiel, denn so würde man sehen, wo effektiv der Wächtenbeginn ist und wo man man besser nicht stehen sollte. Als ich zu Fuss schauen wollte, wie es in der Nähe der Wächte aussieht, brach ich plötzlich mit dem ganzen Körper ein und dies, obwohl in dieser Linie eigentlich Fels als Unterlage sein müsste. Wider Erwarten hatte ich aber nur Luft unter den Füssen und so baumelte ich wie jemand, der in einem gefrorenen See mit ausgestreckten Armen eingebrochen ist. Dank herbeigeeilter Hilfe meiner Begleitung und ihrem Pickel, konnte schlimmeres verhindert werden. Ziemlich geschockt über diesen Vorfall musste ich erst einmal meine eigene Ruhe wieder finden und so musste sie dann das Zepter übernehmen. Ich bin ihr noch heute dankbar, dass sie den Mut hatte, über die Wächte (ohne Skis) zu springen und so einen ersten Bruchtest zu machen. Ich reichte ihr dann die Skis hinunter und folgte mit meinem Skis (inkl. Fellen) an den Füssen über die Wächte und im Nachhinein ist bekanntlich alles einfacher - denn dieser Sprung macht tatsächlich grossen Spass - doch vorsicht, unbedingt nach der "Landung" den Steilhang gleich verlassen, denn darüber warten noch zahlreiche Wächten auf eine Entladung und auch die fortgeschrittene Tageserwärmung machen die südostseitigen Hänge alles andere als lawinensicher.

Ueber den steiler werdenden Bächenfirn gelangt man nun nordwärts auf den Zwischenboden, wo auch das Aufstiegscouloir vom Rossfirn sein Ende nimmt. Von dort dann wieder zu Fuss (ohne Steigeisen) die leicht zu kletternde Felsstufe erklimmen und dann einfach via P. 2974 und Südostflanke rauf zum Gipfel-Steinmann des Zwächten 3080m.

Das Schöne am Zwächten ist, dass man von dort eine geniale Aussicht zu den Spannörter hat - diese stehen richtiggehend majestätisch auf dem Glattfirn und gerade bei so Kaiserwetter, wie wir es erleben durften, ist dieser Anblick besonders schön.

Es war nun bereits 12.20 Uhr, eigentlich die Zeit etwa, wo wir langsam die Abfahrt vom Spannortjoch antreten wollten. Mein Faux-Pax bei der Traverse sowie teilweise heikles Gelände strapazierten jedoch unseren Zeitplan, weshalb wir auch auf dem Zwächten uns nicht stundenlang sonnten und deshalb die Tour fortführten.

Mit den Skis fuhren wir über die Ostflanke des Zwächten in nordöstliche Richtung, wo es einen Uebergang auf den Glattfirn gibt. Wichtig ist, dass man diesen lieber zu früh als zu spät von oben her anfährt, sonst heisst es nämlich Aufstieg in der Hitze der Sonne (ging mir letztes Mal so...). Von diesem Uebergang problemlos hinunter auf den Glattfirn und nach dem Anfellen fast schon meditativ zum Spannortjoch 2900m. Da ich die letzten beiden Male hier in der Traverse vom Spannortjoch zum P. 2912 gute Schneebedingungen vorfand, schlug ich vor, der vorgegebenen Spur durch den Nordwesthang des Chli Spannort zu traversieren. Im Unterschied zu den letzten Traversierungen vom Januar 2010, hatte es heute jedoch derartige Bruchharsch-Bedingungen, welche eine Traversierung mit den Fellen an den Skis (wegen fehlendem Kanteneinsatz) ein mühsames und heikles Unterfangen bot. Da mir zwischenzeitlich noch ein Harscheisen kaputt ging, musste ich mitten in der steilen Flanke die Skis ausziehen, habe mich dann zu Fuss weitergetastet und wo dann auch meine Tourenpartnerin weiter vorne nur noch mit Harscheisen weiterkam, entschloss ich mich abzufellen und mit den Skis in die Ebene des Firnfeldes hinunter zu fahren. Vorsicht: hier hatte es vor 3 Monaten noch offene Spalten... Anschliessend mit den Fellen östlich vorbei am P. 2912 und weiter in südöstliche Richtung an den Beginn der Abfahrt.

Diese Abfahrt über den westlichen Rossfirn war auch heute wieder ein Genuss, wenn zwar nicht mehr wie im Januar in Pulver, dafür aber in schön aufgeweichtem Firnschnee - hätten wir bloss nicht bereits 1930 Höhenmeter in den Beinen, die Schwünge würden wohl einfacher und ringer gehen...

Juzfad erreichten wir in grossen Bögen, der immer schwerere Schnee sowie unsere schwindenden Kräfte liessen keine elegantere Fahrweise zu. Die Abfahrt über die Rossplangg, welche ich nun schon 2 Mal geniessen durfte, ist wahrlich ein Traum - bei einem so warmen Tag wie heute und vorallem auch fortgeschrittener Tageszeit in meinen Augen jedoch lawinentechnisch ein sehr heikles Unterfangen. Dies haben wir auch später gesehen, wo eine grossräumige Lawine die gesamte Schneedecke in den Tagen zuvor mitgerissen hatte. So entschieden wir uns über die ruppige Abfahrt entlang des Rossbach und Rotgand, erreichten so wie auf Wasserskis Wyssgand und folgten teils fahrend, teils stöckelnd dem Gorezmettlenbach auf der linken Bachseite und verliessen so das Chlialptal und erreichten endlich die Brücke bei der Sustenpassstrasse. Schweisstropfen abwischen und die letzten Meter hinunterfahrend auf der Passstrasse bis zum Wegweiser bei Gorezmettlen 1560m, wo die beiden Ladys der "Bäsebeiz" ihre kühlen und heissen Getränke sowie feine Köstlichkeiten anboten. Wer hier nicht stehen bleibt und rastet, der ist selbst Schuld. Anschliessend teils fahrend, teils Skitragend zurück zum Auto - 16.00 Uhr, Zeit, um nach Hause zu gehen.


Fazit:

Absolut lohnenswerte, hochalpine Skitour mit 2 wunderschönen 3000er, einem Panorama und einer Aussicht (vorallem auf die Spannörter) wie im Bilderbuche sowie alpinistischen Einlagen, welche garantiert für Abwechslung sorgen. Die rund 1930 Höhenmeter und ca. 20km Horizontaldistanz erfordern eine gute Grundkondition - Material wie Steigeisen, Pickel und Harscheisen sollten auf keinem Fall fehlen.

Danke Alena für Deine Tourenbegleitung und die Rettung beim Einsturz  - das hät gfäggt!


Start: 05.30 Uhr
Bächenstock: 10.20 Uhr
Zwächten: 12.20 Uhr
Spannortjoch: 13.15 Uhr
Ziel: 15.15 Uhr
Total: 9 3/4h / 1930hm / ca. 20km


SLF: "mässig"




Route Nr. 580 (ZS) - Zentralschweizer Voralpen und Alpen - Martin Maier
Route Nr. 271 (SS-) - Alpine Skitouren Zentralschweiz - Tessin - Willy Auf der Maur
Route Nr. 281c (SS-) - Alpine Skitouren Zentralschweiz - Tessin - Willy Auf der Maur
Route Nr. 526 (ZS+) - Die schönsten Skitouren der Schweiz - Scanavino / Gansser / Maur



Tourengänger: Bombo

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Kommentare (2)


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GeoFinder hat gesagt: Haben wir uns getroffen?
Gesendet am 12. April 2010 um 22:00
Hallo Bombo und Alena, kann es sein, dass ich der erwähnte "Solist" bin? Wir waren am gleichen Tag unterwegs - hier mein Tourenbericht.

Bombo hat gesagt: RE:Haben wir uns getroffen?
Gesendet am 12. April 2010 um 23:51
Salü GeoFinder,

Ja klar, Du warst das :-) Gratuliere Dir zu Deiner Tour und grossen Respekt vor Deinem Marschtempo :-) Und natürlich wie bereits in meinem Bericht erwähnt vor dem Mut, die Einsattelung auf der westlichen Seite zu erreichen - mir wäre das viel zu ungeheuer gewesen :-)

Sei gegrüsst,
Bombo


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