Val Malvaglia - Adula - Greina - Medel - Val Plattas


Publiziert von Leander , 27. März 2010 um 12:13.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Bellinzonese
Tour Datum:24 Oktober 2009
Wandern Schwierigkeit: T4+ - Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: Gruppo Rheinwaldhorn   CH-TI   Gruppo Piz Medel   CH-GR   Gruppo Piz Terri   Gruppo Pizzo Corói   Gruppo Cima Rossa   Gruppo Cima di Gana Bianca   Gruppo Pizzo di Cassimoi 
Zeitbedarf: 5 Tage
Strecke:55 km

Fünftägige Wandertour quer durch eine der schönsten Gegenden der Zentralalpen. Vom Val Malvaglia am Rheinwaldhorn vorbei zur Greinaebene und über die Medelserhütte ins Val Plattas.

Tag 1: Val Malvaglia - Capanna Quarnei

Abfahrt in Aarau bei schönstem Herbstwetter morgens um halb 10 Uhr. Spätherbstliches Wetter im Tessin, die Gipfel mit einer dünnen Schneeschicht überzuckert. Der Himmel klar und hell. Zusammen mit einem ortsansässigen Tessiner von Malvaglia mit der Bergbahn nach Dagro gefahren. Herrliche Aussichtskanzel hoch über dem Valle di Blenio. Wir schulterten unsere schweren Rucksäcke und marschierten über terrassierte Hänge an gepflegten Chalets vorbei. Erste Rast und Gurtpause schon nach 20 Minuten. Die 20 Kilo drückten erbämlich auf Schultern und Genick. Doch es ging weiter. Wir wanderten durch lichte Fichtenwälder, ab und zu unterbrochen durch tief in den Hang geschnittene Bachläufe. Nach einer Weile erreichten wir den Weiler Monda. Eine Ansammlung hübsch hergerichteter Almhütten, zu Wochenendferienhäusern umfunktioniert, mit Solaranlagen und fließend Wasser ausgestattet. Nach einer gemütlichen Vesperpause ging es weiter über einen Hangrücken. Zum ersten mal öffnete sich der Blick ins hintere Val Malvaglia. Hinter Vogelberg und Logia lauerte der imposante Adula, seine Schrofen und Grate bereits mit Schnee und Eis bedeckt und tief unten im Tal am Fusse der Cima Rossa gelegen, erblickten wir den Weiler Garina.

Nach einer Verzweigung führte der Weg über sanft gewellte Almweiden und durch immer dichter werdenden in der herbstlichen Abendsonne honiggelb leuchtenden Arvenwald, welches durch das hellblau des weiten Tessiner Himmels kontrastiert sogar noch verstärkt wurde. Der Tag war jetzt weit fortgeschritten und im Schatten der Berge wurde es schnell frostig. Während der Überquerung eines vielfach verzweigten Baches kamen wir vom Weg ab. Wir folgten dem Bachlauf bis wir oberhalb der Waldgrenze die Alpe di Sceru erreichten. Es war jetzt 17 Uhr und unser Etappenziel war noch weit. Wir verließen die Alp und stiegen einem steilen sich bald wieder im Geröll verlierenden Trampelpfad folgend hinab in den Wald. Glücklicherweise trafen wir schon nach einer Viertelstunde wieder auf den Wanderweg. Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, als wir gegen 18 Uhr die Alpe di Pozzo erreichten. Es war nun nicht mehr weit bis zu unserem Etappenziel.

Die letzten Sonnenstrahlen ließen die verschneiten Bergflanken im Süden und Osten noch ein Mal aufleuchten, ehe die Schatten der Nacht über das Tal hereinfielen. Wir erreichten die Alpe di Quarnei noch bei Tageslicht und wenig später standen wir  vor der imposanten Capanna Quarnei, die einem riesigen Felsblock gleich über dem Tal thronte.

In der Hütte brannte Licht. Als wir  den Gemeinschaftsraum betraten, prasselte im Ofen bereits ein wärmendes Feuer und ein italienisches Pärchen aus Milano hatte es sich davor gemütlich gemacht.  Während ich mich von der schweren Last des Rucksacks befreit ausruhte, bereitete Daniel sein mitgebrachtes Nudelgemüsegericht vor. Eine wahre Wohltat nach dieser eigentlich kurzen aber aufgrund der verlorenen Stunde und der 20 Kilo Gepäck doch recht erschöpfenden Etappe.


Tag 2: Capanna Quarnei - Capanna Adula UTOE
Wir verbrachten die Nacht in einem der beiden Massenlager im Obergeschoss der Hütte. In meinen dicken Schlafsack gemummelt und eine der zahlreich vorhandenen Daunendecken darüber gelegt war ich perfekt gegen die Eiseskälte isoliert und konnte abseits jeglicher Lärm und Lichtquelle schlafen wie ein Murmeltier. Am nächsten Morgen wachte ich auf, die Gedanken noch in seltsamen Träumen verhaftet, welche mich in der Höhe regelmäßig heimsuchen.

Wir brachen gegen 7.30 Uhr auf, die Sonne war gerade aufgegangen und beschien die überzuckerten Gipfel rund um die Cima di Gana Bianca. Der morgendliche Himmel leuchtete in lichtem Blau und keine Wolke trübte den Blick. Von der Hütte marschierten wir nordwärts zur Alpe die Quarnei. Der Weg führte im Schatten der Westwände von Logia und Rheinwaldhorn über die Überreste der letzten Schneefälle. Bald ging es in Serpentinen über einen großen Schuttfächer hinauf bis zur ersten Schlüsselstelle. Eine mit angetautem Schnee gefüllte und nach rechts über ein Felswand hinauslaufende Rinne sollte überquert werden. Die Aussicht hier auszurutschen und dann 20 oder 30 Meter über den Felsvorsprung zu stürzen, verleitete uns zu der Entscheidung weiter oben zu traversieren. Wir stiegen also am Rande der Rinne aufwärts und fanden schließlich eine Stelle, die zwar nicht sicherer aber eben weiter von der Felswand entfernt war. Mit Hilfe des guten „Luis-Trenker Gedächtnispickel“ war die erste Schlüsselstelle schnell bewältigt und wir konnten uns auf der kleinen Alpe am Fuße des Passes ausruhen. Der Weg führte nun wieder über verschneite Blockhalden, unterhalb der senkrechten Südwand der Cima del Laghetto entlang und schließlich durch ein steiles, leicht vereistes Couloir hinauf zum Passo del Laghetto, den mit 2646 Metern höchsten Punkt der heutigen Etappe.

Die Aussicht vom Passo war beeindruckend. Hoch über dem Bleniotal zwischen Himmel und Erde schweiften unsere Blicke über die Berge des Nordtessins bis hinüber zu den 4000ern der Walliser Mischabelgruppe und weiter nördlich streckten des Finsteraarhorn und daneben Schreck- und Lauteraarhorn einsam ihre Spitzen in den Himmel. Nur der Blick zum Rheinwaldhorn war noch nicht ganz freigegeben. Wir pausierten abermals. Im Windschatten eines großen Steins genossen wir die wärmenden Sonnenstrahlen und aßen genüsslich Brot und Schokolade.

Der weitere Weg führte uns vom Passo del Laghetto herunter in den Talgrund des Adula Gletscherbaches und auf der anderen Seite wieder hinauf auf die Seitenmoräne, an deren nördlichen Ende die Adula Hütte der Sektion UTOE liegt. Wir fanden die Hütte verlassen vor und seit dem letzten Schneefall war auch niemand mehr dort gewesen. Es war erst Mittag und somit hatte ich viel Zeit mich hier einzurichten.

Ich verabschiedete Daniel, der noch einen langen Abstieg hinunter ins Tal vor sich hatte und machte es mir in der Hütte gemütlich. Zuerst musste ich den Ofen anheizen, der in der Mitte des zentralen Aufenthaltsraum stand. Aufgrund der langen Abwesenheit von Gästen war die hermetisch abgeriegelte Hütte komplett ausgekühlt und die Temperaturen lagen nahe dem Gefrierpunkt. Ich versuchte soviel Licht und Wärme wie möglich in den Raum zu lassen, so lange die wärmenden Sonnestrahlen noch durch die Fenster schienen. Leider hatte ich mit dem Ofen nicht so viel Glück, sodass ich erst mal eine riesige Rauchwolke produzierte, die den ganzen Raum verräucherte. Ich legte mich auf die geräumige Fensterbank, wickelte mich in meinen Schlafsack und lies mir die wärmenden Sonnenstrahlen auf den Bauch scheinen, während im Ofen das Feuer knisterte. Doch es war nicht nur die völlige Entspannung auf der warmen Fensterbank, die mir den Aufenthalt auf der Hütte unvergesslich machte, sondern auch der einmalige Sonnenuntergang über den Tessiner Berggipfeln. Hell leuchtend senkte sich die Sonne über den Horizont. Die Konturen der Berge schärften sich und die Felswände der umliegenden Berge fingen an zu glühen. Die Täler und schattigen Bergflanken waren schon in pechschwarze Nacht gehüllt, als der Himmel weit im Westen ein letztes Mal aufleuchtete. Von meiner Aussichtskanzel konnte ich die Weite und Tiefe des Raumes ermessen und zugleich Tag und Nacht sehen, die Zeit war gedehnt und im Raum spürbar, nur der beständig plätschernde Brunnen schien den Vorgang zu ignorieren und erinnerte mich immer wieder an die Aussichtslosigkeit der Schwerkraft zu entfliehen und der Sonne folgend Raum und Zeit zu durchschreiten.

Tag 3: Capanna Adula UTOE - Capanna Motterascio
Ich wachte spät auf. Der Morgen dämmerte bereits, als ich mich gemächlich aus meiner gemütlichen Koje schälte und dann in Eile und fröstelnd das Lager räumte. Die am Abend zuvor erzeugte Wärme war zur Gänze aus dem Aufenthaltsraum gewichen, sodass ich den Ofen erst wieder anfeuern musste. Diesmal gelang es auch ohne Rauchvergiftung und nach dem Frühstück und dem Richten der Wegzehrung machte ich mich daran, die Hütte wieder in den Zustand zu bringen, in welchem ich sie vorgefunden hatte. Um kurz nach 8 Uhr verließ ich die Adulahütte und folgte Daniels Spuren vom Vortag hinab ins Val di Carassino. Das enge Hochtal, auf einer Höhe zwischen 1700 Und 2000 Metern gelegen erstreckt sich von der Capanna Adula CAS 5km in nordwestlicher Richtung bis es hinter einem kleinen Stausee nach Westen in das Bleniotal mündet und nach Norden über den Passo Muazz zum Lago di Luzzone führt.

Auf breitem Wege wanderte ich anfangs auf gefrorenem Schnee, später über kleine Bäche und entlang des glasklaren Flusses durch das Tal. Die Sonne schien warm vom wolkenlosen Himmel. Links und rechts säumten Vogelbeersträucher mit ihren knallroten Beeren die steilen Hänge und je weiter ich das Tal  hinabstieg umso dichter wurde auch wieder der Lärchenbewuchs. Diese vor allem im intensiven Herbstlicht herrlichem goldgelb leuchtenden Bäume. Gegen 11 Uhr erreichte ich den Passo Muazz, ein eher unscheinbarer Übergang am Fuße des markanten Sosto, dessen felsige, rundgeformte Kuppe mit der nach Süden abfallenden Felswand weithin ins Auge sticht. Auf der sonnigen Alpe, zwischen Wacholderbüschen und vertrockneten Kuhfladen machte ich Rast, stärkte mich mit Apfel, Brot und Schokolade und spürte eine erste Ahnung des langsam frei werdenden Geruchs- und Geschmackssinnes.

Mit 7 km Wegstrecke hatte ich nun etwa die Hälfte der heutigen Etappe hinter mich gebracht. Jetzt galt es durch einen langen und schmalen Tunnel an die Staumauer des Lago di Luzzone zu gelangen, und von dort an dessen südlichen Ufer bis an die Alpe Garzott zu marschieren. Der Weg lag durchweg im Schatten, doch konnte ich über den langgestreckten See weit in die nördlich gelegenen Berge blicken, die sich bereits in einem ersten bescheidenen Winterkleid präsentierten. Von der Alpe Garzott führte der Weg anfangs direkt am See, dann immer höher und enger darüber durch eine schmale Schlucht aufwärts. Es blies ein starker Wind und hoch oben auf der Alpe Motterascio wand sich die „Greinaschlange“, eine Nebelfahne von den Föhnböen immer wieder über den Pass getrieben. Ich befand mich jetzt im unteren Teil des Valle di Garzora, umgeben von lichten Lärchenwäldern und niederem Buschwerk. Ich genoss die frische Luft und das Rauschen des Baches, als auf einmal ein stattlicher Gämsbock vor mir den Weg kreuzte. Aufgeschreckt sprang er mit ein paar Sätzen hinunter zum Bach und beobachtete mich aufmerksam, während ich ihn sorgfältig fotografierte.

Der Weg ging nun wieder aufwärts, noch einmal mussten 500 Höhenmeter bewältigt werden. Wieder lag mit der Rucksack schwer auf den Schultern und der Schweiß rann in Strömen von der Stirn. Die Füße schmerzten etwas und ich versuchte immer so aufzutreten, dass ich keine zu große Reibung an den Fersen erzeugte. Als ich aus dem schützenden Wald und aus der Enge des untern Talteils hinaus trat blies mir wieder ein schneidiger Wind entgegen. Die Föhnschlange hatte sich etwas zurückgezogen, doch der Wind war nach wie vor da und trieb immer wieder Nebelfetzen über die Alpe. Zum ersten Mal konnte ich meine warme Jacke auspacken und die letzten Höhenmeter bis zur Capanna Motterascio erklimmen. Kurz nach 15 Uhr hatte ich das Tagesziel erreicht und war froh eine helle und von den Sonnenstrahlen durchflutete Hütte vorzufinden. Alles war schweizerisch sauber und vorbildlich aufgeräumt. Die Lage der Hütte ist atemberaubend. Die Alpe Motterascio liegt hoch über dem Lago di Luzzone auf 2193 Meter Höhe am südlichen Ende der Greinaebene inmitten einer herrlichen und ursprünglichen Naturlandschaft.

Ich war wieder der einzige Gast auf der Hütte und hätte mir den Schlafplatz unter Dutzenden aussuchen können. Die erste Tätigkeit nach dem obligatorischen Auskundschaften der Hütte und ihrer vielen Räume und Korridore war das schnelle Einheizen des Ofens. Danach setzte ich mich auf die Fensterbank des Panoramafensters und genoß die warmen Sonnenstrahlen und die beeindruckende Aussicht auf die Schnee bedeckten Gipfel und den in der Tiefe funkelnden Lago di Luzzone.

Kurz vor Sonnenuntergang begab ich mich nochmals außer Haus und erklomm einen Hügel östlich der Hütte auf dem Weg zum Piz Terri. Der Wind blies immer noch mit stürmischen Böen und trieb Nebelfetzen aus der Greinaebene herüber, welche von der untergehenden Sonne beschienen, surreal gold-gelb leuchteten. Abgesehen von den herüber wehenden Nebelschwaden war der Himmel gänzlich unbedeckt und tiefblau. Ich genoss den Augenblick hoch oben über der Welt, schon wieder zwischen Himmel und Erde, warm eingepackt und von heulendem Wind umspielt. Immer wieder kroch die Nebelschlange an den schattigen Hängen des Hügels hinauf bis sie hell leuchtend im Abendhimmel zerstieb. Erst nach Sonnenuntergang verließ ich den Schauplatz dieses himmlischen Gefechts und stieg fröstelnd hinab zur Hütte.

Das Abendessen bestand heute aus Brot mit Käse und einer am Ofenfeuer gegrillten Cervelat.

 

Tag 4: Capanna Motterascio - Camona da Medel
Der nächste Morgen kündigte sich durch nichts an, kein Lärm, kein Vogelgezwitscher oder Glockenläuten, kein Wecker und kein Fussgetrappel, einzig der etwas schmerzende Rücken und die ungewohnte Ausgeschlafenheit veranlassten mich aufzustehen. Ich hatte wieder hervorragend geschlafen und sehr intensiv geträumt. Das Morgengrauen hatte schon eingesetzt, als ich den Ofen einheizte und meine Sachen im großen Rucksack verstaute. Der vierte Tag versprach heiter und sonnig zu werden. Ich hatte mir vorgenommen, die Greinaebene zu durchschreiten und gegen Mittag in der Capanna Scarletta jenseits des Greinapasses anzukommen. Nach einer kurzen Pause hätte ich ohne Gepäck, den Aufstieg auf die Fuorcla sura da Lavazz erkundigt und evt. noch einen der nahen Gipfel erklommen. Doch es sollte anders kommen und vor mir lag der wohl anstrengendste Tag der Tour. 

Ich verließ die Alpe Motterascio gegen 7.40 Uhr und wanderte in nördlicher Richtung in die berühmte Greinaebene, ein etwa 8 km langes und 500-1000 Meter breites, relativ ebenes Hochtal auf einer Höhe von 2200-2300 Meter. Beeindruckend vor allem im Frühsommer durch eine Vielzahl von blühenden Blumen und Kräutern, im Winter eher durch die großzügig überschaubare Landschaft und die Tiefe des Raums, denn die Gipfel stehen nicht übermächtig und schattig an den Talflanken, sondern betten sich eher schüchtern und zurückhaltend in die entfernten Winkel der Ebene. Dabei sind sie keinesfalls unauffällig, sondern durchaus markant und erhaben, vor allem in den Felspyramiden von Piz Terri und Piz Medel.

Nachdem ich am Adula bereits auf Tuchfühlung mit den Überbleibseln der ersten Herbstschneefälle gegangen war, hatte sich der Winter in der Greinaebene bereits häuslich niedergelassen und eine weite Schneedecke über die Landschaft gelegt. Ich konnte glücklicherweise in den Fusstapfen einer Wandergruppe laufen, die ein oder zwei Tage vor mir von der Capanna Motterascio aufgebrochen war. Dennoch brach ich immer wieder in den festgefrorenen Schnee ein. Der Weg führte mitten durch die Ebene, die Morgensonne brannte vom Himmel und mir wurde recht warm. Nach etwa zwei Stunden wurde das Gelände steiler und ich musste zwischen dem an dieser Stelle tief eingeschnittenen Bach und einer steilen Bergflanke traversieren. Dank der Spuren und des hartgefrorenen Schnees kein Problem. Um halb elf hatte ich den Greinapass erreicht, nachdem ich für kurze Zeit in Graubünden weilte, überquerte ich hier wieder die Wasserscheide zwischen Nordsee, repräsentiert durch eine der Rheinquellen namens Rein da Sumvitg, und Mittelmeer und stieg eine halbe Stunde hinab bis zur Scarlettahütte auf Tessiner Territorium.

Die Hütte trohnte einer Raubritterburg gleich hoch oben über dem Val Camadra und vis-a-vis der spektakulären Ostwand der Cima di Camadra, sowie der benachbarten Südflanke des Piz Medel. Die Hütte schien bewohnt, die Fensterläden waren geöffnet und im Aufenthaltsraum lagen Matratzen und Schlafsäcke. Doch die Türen waren verschlossen und niemand anwesend. Ich erinnerte mich an das seltsame Pärchen, welches mir kurz unterhalb des Greinapass entgegen gekommen war.

Offensichtlich konnte ich nicht hier bleiben und so entschloss ich mich kurzerhand Plan B umzusetzen. Es war jetzt 11:30 Uhr und ich entschied mich dazu mit Sack und Pack über die Fuorcla Sura da Lavaz zur Medelser Hütte zu marschieren. Ich überschlug die benötigte Zeit und kam zu dem Ergebnis, dass es bis spätestens 17 Uhr geschafft sein müsse, solange ich den Weg finden würde. Ich beeilte mich mit dem Mittagsvesper und war kurz darauf schon wieder auf dem Wanderweg Richtung Fuorcla. Ich wollt nicht wieder auf den Greinapass aufsteigen, sondern einen andern Weg entlang des Baches nehmen. Doch schon nach wenigen Minuten hatte ich den falschen Weg eingeschlagen und stieg 100 Höhenmeter in die falsche Richtung ab. Nachdem ich den Fehler bemerkt hatte und wieder and der Weggabelung angekommen war, hatte ich schon ein gute halbe Stunde Zeit eingebüsst, doch es sollte noch schlimmer kommen. Der am Bach entlang führende Weg entpuppte sich bald als die Alpinwegvariante, zwar sehr gut blau-weiss-blau markiert, doch ständig über halb verschneite Blöcke führend kam ich nur langsam voran. Bedrohlich erhob sich über mir eine überhängende Felswand und eiligst versuchte ich den steilen Hang darunter zu queren, Ich musste den Pickel einsetzen, und Stufen in den hartgefroren Schnee schlagen um sicher vorwärts zu kommen. Schon bald bereute ich nicht den einfachen Weg über den Greinapass genommen zu haben. Nach einer weitern Stunde, in der ich nicht mehr als 500 Meter Wegstrecke hinter mich gebracht hatte, gelangte ich zur Piano della Graina , wo der Aufstieg zum Pass beginnen sollte. Ich sah den Weg hoch oben, doch schien der Einstieg weiter entfernt zu sein. Von der schnell voranschreitenden Zeit gestresst, wählte ich den direkten Aufstieg, über die steile mit Grasbüscheln bewachsene und von Felsstufen durchsetzte Bergflanke. Der Boden war von tauenden und nassen Schnee rutschig und wieder musste ich den Pickel einsetzen, um einigermaßen Halt zu haben. So ging es nervenaufreibend höher und höher, bis ich endlich die Felsstufen überwunden und den Weg erreicht hatte. Ich fühlte mich total erschöpft und der Aufstieg hatte gerade erst begonnen. Ich passierte zwei kleine Seen und stapfte die einzelnen Schritte zählend und alle 50 Schritte pausierend den Hang hinauf, zum Fotos machen fehlte mir die Motivation, jetzt galt es den Pass zu erreichen. Und endlich um 14:30 Uhr gelangte ich auf die Fuorcla Sura da Lavaz, mit 2759 Metern dem höchsten Punkt der Tour.

Das Zwischenziel war erreicht und trotz der langen Umwege wähnte ich mich noch im mehrmals revidierten Zeitplan, von nun an ging es nur noch bergab und der Schlussanstieg zur Medelser Hütte schien ein Katzensprung zu sein. Ich genoss die herrliche Rundsicht. Im Süden erblickte ich das Rheinwaldhorn und im Osten die Spitzen von Piz Terri und Zevreilahorn, ein markanter Felszahn, dessen Besteigung ich mir für diesen Sommer vorgenommen habe. Der Blick nach Norden reichte über den Glatscher da Lavaz und den Piz Caschlegia bis zu Oberalphorn und Tödi.

Der Abstieg über den Gletscher erfolgte mit Bedacht jedoch zügig. Der stark abgeschmolzene Gletscher, nur noch ein Schatten seiner auf der Karte verzeichneten Dimensionen, lag mit Felsblöcken übersät unter einer etwa 40-50 cm hohen Schneedecke. Die erste Spalte war auch sogleich die letzte, der etwa ein Meter hohe Gletscherabbruch. Von nun an ging es wieder sehr mühsam, immer wieder durch verschneite Blockhalden, immer wieder bis zu den Knien in Schneelöcher einbrechend. Zwei Stunden nach meinem Aufbruch an der Passhöhe hatte ich die Talsohle erreicht, von hier ging es wieder durch ungebahnten und verwehten Schnee aufwärts. Ich war bereits 10 Stunden auf den Beinen und konnte die Hütte erkennen, wie sie als dunkler Fleck hoch oben, am Ende des langgezogenen Tales lag. Schritt für Schritt musste ich mich durch den Schnee kämpfen. Die Sonne war schon untergegangen, doch die Hütte kam nicht näher. Erst gegen 18 Uhr ereichte ich den Pass, doch die Hütte lag hinter einem schmalen und steilen Felsgrat. Ich fummelte meine Stirnlampe aus dem Rucksack, denn es war mittlerweile dunkel geworden und kraxelte die letzen Meter fluchend und stöhnend hinauf zur Hütte.

Unglaublich erschöpft fand ich den Winterraum. Ich fand ein paar Stücke Holz und Briquets, entzündete ein Feuer im Ofen, ließ Schnee zur Gewinnung von Trinkwasser schmelzen, entledigte mich meiner verschwitzten und klammen Kleider und sank nach dem Verzehr eines halben Schokoriegels und einer Tasse Tee in meinen Schlafsack gehüllt in tiefen Schlaf. Erst drei Stunden später gegen 10 Uhr erwachte ich wieder und konnte gut erholt eine richtige Mahlzeit zu mir nehmen und die Strapazen des Tages Revue passieren lassen.  

Tag 5: Camona da Medel - Val Plattas
Der letzte Tag stand bevor. Hungrig kroch ich aus meinem Schlafsack und blickte aus dem Fenster. Der Himmel war klar und es sah kalt aus, die Hütte lag hoch oben auf dem Grat im Schatten des Medel Massivs und trotzte den Wettergewalten. Die einzigen Wintergäste schienen die Dohlen zu sein, die sich die Cervelatwurst holten, die ich nicht mehr mit ins Tal schleppen wollte. Nachdem ich den Ofen geheizt und Frühstück zu mir genommen hatte, machte ich mich wieder an das mittlerweile eingespielte Packritual. Alles hatte seinen Platz in dem großen Rucksack, dessen Gewicht sich nun auf ein erträgliches Maß reduziert hatte. Ich verließ die Hütte um 8 Uhr, stieg noch mal auf den Hüttengrat, den ich am Vorabend erklommen hatte und blickte noch mal in das Val Lavaz hinunter, dessen kräfteraubende Durchquerung mich tags zuvor fast zur Aufgabe genötigt hätte.

Noch in Gedanken stieg ich zurück zur Hütte und fand den Normalzustieg zur Hütte, der auf der Rückseite des Grates verlief. Der Weg war gut markiert und führte mich anfangs noch im Schnee, bald aber schon wieder über trockenes Gelände hinunter auf die Alpe Sura ins Val Plattas. Von nun an ging es auf relativ gut ausgebauten Wegen an den Ortschaften Pardatsch und Curaglia vorbei ins Lukmanier Tal, wo ich den Bus nach Disentis bestieg, von wo aus ich mit dem Zug über Chur und Zürich zurück nach Aarau fuhr.

 

Fazit: Eine wunderschöne Tour in sehr ursprünglicher Landschaft, mit vielen Variationsmöglichkeiten. Bei schönem Wetter bis weit in den Spätherbst machbar, dann meist menschenleer.

Tourengänger: Leander


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Kommentare (1)


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konda2 hat gesagt: wie ein Buch
Gesendet am 27. März 2010 um 22:55
Fantastischer Bericht, sehr authentisch und detailliert beschrieben und dementsprechend bebildert, Respekt für die Leistung.


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