Zwischen der Leventina und dem Blenio-Tal - Pizzo Erra 2416m


Publiziert von Bombo , 26. Oktober 2009 um 19:39.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Bellinzonese
Tour Datum:24 Oktober 2009
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   Gruppo Pizzo Molare 
Zeitbedarf: 10:00
Aufstieg: 1540 m
Abstieg: 2070 m
Strecke:Molare - Bassa di Nara - Mottarone - Motto Crostel - Bassa di Laghetto - Pizzo Caslett - Pizzo Erra - Anzonico
Zufahrt zum Ausgangspunkt:mit PW: kostenlose Parkplätze beim Bhf Faido, anschl. mit Postauto nach Molare
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Von Anzonico mit Postauto nach Faido
Unterkunftmöglichkeiten:Auf diesem Streckenabschnitt keine Möglichkeiten. Notunterkunft theoretisch bei der Alpe di Narra oder durch Abstieg in die Cap. Piandios (Blenioseitig)
Kartennummer:LK 1:25'000, Bl 1253 "Olivone" & Bl 1273 "Biasca"

 

1:0 für Frau Holle – Revanche im 2010...


Als ich vor 2 Wochen die Tour auf den Pizzo Molare 2585m unternommen habe, konnte ich schon einen ersten Eindruck für die Grattour von der Bassa di Nara 2128m bis zum Matro 2172m gewinnen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht einmal, ob der Grat zwischen der Leventina und dem Blenio-Tal überhaupt zu begehen ist. Dank Unterstützung von 360 (Auszug aus der Führerliteratur) und dem Bericht von saebu wurde jedoch meine Idee bestätigt und weil es wettertechnisch letzte Woche nicht geklappt hatte, sollte es nun diesen Samstag so weit sein.

Der einzige Knackpunkt war die Auswirkung von Frau Holle – wie fest sie wohl ihre Kissen über den Tessiner Bergen ausgeschüttelt hatte? Das Tourismusbüro in Bellinzona lachte uns bei der Frage nach der Schneemenge aus (“wollen sie Skifahren?”), bestätigte dann aber, dass es schneetechnisch kein Problem sein sollte und auch der freundliche Herr vom Tourismusbüro im Verzascatal bestätigte nur Schnee im Süden vom Tessin und schneefreies Gehen im Norden (was ich mir schlichtwegs nicht vorstellen konnte...). Nun gut, wir wollten es probieren, obwohl ich persönlich nachwievor immer noch ein grosses Fragezeichen betreffend Frau Holle hatte...

Spätestens beim Verlassen des Gotthard-Tunnels wurden unsere Bedenken bestätigt – so ziemlich alle Erhebungen entlang der Leventina, egal ob ost- oder westseitig waren weiss bedeckt – und nicht etwa nur ein bisschen “überzuckert”, im Gegenteil, eher “crèmeschnitten-mässig” weiss! So checkten wir kurz vor dem Ablaufen nochmals alle “Notabstiegs-Möglichkeiten” und schlossen auch eine nichtplanmässige Uebernachtung in einer der UTOE-Hütten nicht mehr aus. Auf ins Abenteuer – lassen wir uns doch von Gipfel zu Gipfel auf's Neue überraschen...

Mit dem Postauto – wo wir übrigens die einzigen Fahrgäste waren - ging’s vom kostenlosen Bahnhof-Parkplatz in Faido hinauf nach Molare 1488m, von wo aus es zu Fuss weiterging. Den Markierungen folgend via Fornace 1565m zur Alpe Nara 1929m, wo im Sommer sich die Ziegen über die weiten, grünen Hänge verteilen und jetzt im Herbst sich bereits ein weisses Gewand präsentiert – das kann ja noch heiter werden... Angekommen bei der Bassa di Nara 2123m empfängt uns ein hartnäckiger Nordwind – hier beginnt unsere eigentliche Grattour gegen Süden mit dem Gipfelziel des Matro 2172m und einem folgenden Fussabstieg nach Sobrio 1128m. Wunschdenken...

Die Etappe, welche übrigens ein Teilstück der Strada Altissima ist, beginnt trotz Schneeschicht einfach – dies dank mässiger Gratneigung und mehr oder weniger felslosem Untergrund. Den Mottarone 2287m nehmen wir beim Vorbeigehen fast unmerklich mit und stehen schon bald auf dem Gipfel des Motto Crostel 2302m, wo eine IMIS-Messanlage (Interkantonales Mess- und Informationssystem für die Lawinenwarnung) steht. Hier erblicken wir was noch vor uns liegt und spätestens hier wissen wir dann auch, dass nicht nur Frau Holle eine potentielle Spielverderbin werden könnte, sondern auch der Faktor Zeit aufgrund der Schneewühlerei über die schneebedeckten Felsbrocken.

Weiter geht’s mit einem leichten Höhenverlust zur Bassa di Laghetto 2116m und einem anschliessenden Aufstieg via P. 2240 (kurze Kletterei, I) zum Pizzo Caslett 2293m. Was hier in den Sommermonaten wohl als normale Alpinwanderung mit einfacher Kraxlerei angepriesen wird, entpuppt sich nun als teilweise heikles Felsbalancieren – inkl. Gipfelkraxlerei. Von diesem Gipfel sehen wir nun die Schlüsselstelle des heutigen Tages vor uns: der Aufstieg zum Pizzo Alto 2356m – im Sommer garantiert eine abwechslungsreiche, einfachere Alpinkraxlerei und jetzt im Schneekleid ein nicht zu unterschätzendes und fragwürdiges Unterfangen. Vorsichtig suche ich dank meinen Teleskopstöcken die felsige Unterlage und versuche nicht in die Spalten dazwischen zu treten – eine Schienbein- oder Knieverletzung käme jetzt kurz vor der Skitouren-Saison höchst ungelegen... Im Gipfelaufbau zum Alto 2356m beginnt es jedoch zu stocken – während die Steilheit wie auch die Schneemenge rapide zunimmt, nehmen dafür die dringend notwendingen Griffe ab. Fast eine Stunde investieren wir in den Versuch, den tückischen Gipfel zu besteigen – immer wieder an der Vernunftsgrenze und nicht selten mit erhöhtem Pulsschlag...

Irgendwann kehren auch wir wieder zur Vernunft zurück, stellen den Zeitfaktor in den Vordergrund und brechen die Übung ab. Mit dem Beschluss langsam an die Heimkehr zu denken, steigen wir vorsichtig die mühsam erreichen Höhenmeter in der Westflanke ab, überqueren zeitraubend ein schneebedecktes Geröllfeld, bevor wir dann endlich die Zubringerstrasse erreichen, welche zur Hütte (Militär? Meteo? Forschung?) unterhalb des Pizzo Erra 2416m hinaufführt. Immernoch mit Gipfelslust folgten wir dieser und als wir bei der Hütte die Karte erneut studieren, müssen wir feststellen, dass wir viel zu hoch von unserem Heimweg sind, welcher uns in mehr oder weniger horinzontaler Traverse durch die Westflanken nach Sobrio führen würde. Ein Blick auf die Uhr, ein gemeinsames Zunicken und schon sind wir im Aufstieg zum Gipfel des Pizzo Erra 2416m – wenigstens dieser einfach zu erreichende Gipfel muss noch her. Um diesen jedoch zu erreichen, heisst es sich durch zahlreiche Lawinenverbauungen durchzukämpfen und in Gipfelnähe auch hier wieder die richtigen Felsblöcke unter der Schneedecke zu finden. Nach ca. 30 Minuten (von der Hütte aus gemessen) erreichten wir die Gipfelskulptur (Botta?) und wagen einen Blick auf den bevorstehenden Gratzug richtung Matro 2172m. Auch diese in den Sommermonaten sehr einfache Traversierung müssen wir heute infolge der Schneemenge auslassen – somit war klar: sofortiger Abstieg über unsere Aufstiegsspur und auf schnellstem Weg hinunter nach Anzonico 984m, wo uns bestimmt ein Postauto nach Faido zurückbringen kann.

Mit zunehmender Dunkelheit – die Stirnlampen selbstverständlich zu Hause gelassen – werden auch unsere Schritte schneller und damit leider auch die Menge an Bäumen bzw. Wald, welchen es nun auf einem nicht markierten, jedoch in der LK eingezeichneten Pfad in der Vertikalen zu durchqueren gilt. Und so kommt es, wie es kommen muss – es wird dunkel und finster, wir mitten in diesem Wald und weit und breit kein Lichtkegel von Anzonico 984m. Dank Unterstützung eines einheimischen Rusticoinhabers, welcher im Wald ein solches bewohnt, finden wir wieder auf den Weg zurück und dürfen lange Minuten und schwere Schritte später endlich die ersten Strassenlaternen von Anzonico 984m sichten. Mit dem Postauto geht's 30 Minuten nach unserer Ankunft nach Lavorgo 615m, wo ein feines Nachtessein in einer Osteria auf uns wartet. Anschliessend per Postauto zurück zum parkierten PW in Faido.


Fazit:


Wir kommen garantiert wieder! Jedoch klar ohne Schneeauflage und mit erhöhtem Zeitbudget. Die Tour verspricht eine wunderschöne Aussicht in alle 4 Himmelsrichtungen und bietet dank diversen Gipfelzielen auf dem Grat viel Spannung und Abwechslung. Mit Eintreffen des ersten Schneefalls würde ich die Tour jedoch niemandem empfehlen – eine typische Sommertour, welche man selbstverständlich auch von Süden nach Norden bzw. von Hütte zu Hütte unternehmen kann (siehe Bericht von saebu).


Tour mit Simon T. – supi gsi! :-)


Tourengänger: Bombo

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Kommentare (1)


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saebu hat gesagt: Ou!!!
Gesendet am 27. Oktober 2009 um 21:24
Hallo Bombo, ja das sieht wirklich seeehr weiss aus! Hätte nicht mit so viel Schnee gerechnet......wir hatten demnach echt Glück, dass bei uns nur überzuckert war. Danke für den interessanten Bericht und die schönen Fotos....da werden Erinnerungen wach ;o)!

Gueti Zyt u liebe Gruess Säbu


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