BAVONATRAUM N°2 / VAL CALNEGIA: Cazzana – Pisom, 1721m


Publiziert von Seeger Pro , 16. Oktober 2009 um 19:05. Text und Fotos von den Tourengängern

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Locarnese
Tour Datum:14 Oktober 2009
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   Gruppo Pizzo Biela   Gruppo Pizzo Solögna 
Zeitbedarf: 9:00
Aufstieg: 1400 m
Abstieg: 1400 m
Strecke:Foroglio Parkplatz 684m - Puntìd 890m – Puntìd di La 878m – Pt 1084 – Corte di Fondo 1441m – Corte di Cima 1850m – Pisom 1721m – Retour auf gleicher Strecke
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Ö.V: Mit FART von Locarno nach Bignasco, Postauto nach Foroglio (Sommerbetrieb, wenige Verbindungen) Auto: Locarno-Ponte Brolla-Cevio-Bignasco-nach der Brücke scharf nach links Richtung Val Bavona-etwa 5 km zum Parkplatz vor Foroglio, gebührenfrei
Zufahrt zum Ankunftspunkt:item
Unterkunftmöglichkeiten:Einkehr: Restaurant Grotto di Baloi in Fontana und Restaurant La Froda in Foroglio Hotel: Albergo Posta, Cavergno und Albergo Turisti, Bignasco
Kartennummer:1271 Basodino

Zaza meets Seeger. Das Resultat lässt sich sehen: Bei bitterer Kälte mit gefrorenem Boden haben wir eine knifflige Route geschafft, welche wohl nur Kennern von Tessiner Gelände vorbehalten bleibt. Bis Corte di Fondo habe ich es vor knapp drei Wochen alleine geschafft. http://www.hikr.org/tour/post17107.html
Zugegeben, bis Corte di Cima hätte ich es alleine knapp gemeistert. Jedoch kaum den Rückweg. Ich bin an den Top meiner Möglichkeiten angelangt. Oder habe ich mein Können überschätzt? Zaza ermöglichte mir, in eine andere Welt einzutauchen. Geduldig. Verständig. Kollegial.
 Zur Einstimmung ein Text (Grobübersetzung ins Deutsche) von Plinio Martini:
Heutzutage ist Cazzana in seinem unteren Teil ein von Steinpilzsuchern durchstöberter und zertretener Wald; oben ist er von wenigen Gemsjägern besucht; eine Gegend, welche ziemlich reich ist an diesem Wild. Aber bis anfangs 1900 – die Tatsache scheint heute schier unglaublich zu sein, angesichts der Rauheit der Örtlichkeit und dem Fehlen von Weiden – war es eine Alp mit drei Siedlungen: Primo Corte, Pisom und Corte di Cima, und noch die bereits genannte Veiza; geschätzt für 10 Kühe, und gegen Schluss des letzten Jahrhunderts, nach den Informationen von Balli beim Gemeindeschreiber von Cavergno, mit 6 Kühen und 80 Geissen bestossen. Die letzten, welche hinaufzogen, waren Veronica und Paolo Inselmini im Jahre 1902 (Mir überlieferte Angabe von ihrem Grosskind Giovanni Inselmini).
FÜR KENNER: Bei Tagesanbruch – welch ein Timing – erreichen wir Foroglio und nehmen alsbald den Aufstieg nach Puntìd in Angriff. Nach der Bogenbrücke nach links gegen Puntìd di La. Halbrechts in den Wald hinein bis zu einer Ruine mit vorgelagerter Rampe. Im lichten Buchenwald zwischen einer Grenzmauer links und einem Tälchen rechts auf eine Rippe hinauf. Dort erscheint ein gut sichtbarer Weg, welcher in vielen Kehren die Anhöhe des Pt. 1084 bei einem markanten Steinklotz (zu merken für den Rückweg) angenehm erreicht.
 
FÜR FORTGESCHRITTENE: Nach einem kurzen Trinkhalt steigen wir dem auf der LK gut sichtbaren Kamm gegen Südwesten auf. Einige Steinmännchen bestätigen die richtige Routenwahl. Oder eben nicht: Dann ist man entweder zu weit rechts in die Calnegia-Flanke hinein oder zu weit nach links abgekommen. Zwei Plateaus erinnern an das ehemalige Köhlerwesen. Baumstrünke von uralten Lärchen erwecken Erstaunen. Beim zweiten Köhler-Plateau in gleicher Richtung weiter und in grossem Bogen ausholend auf die Westseite des Corte di Fondo. Gelbe Punkte bergseits an Buchen-Stämmchen. Dort erscheint die Schlüsselstelle, welche durch einen horizontalen, gut sichtbaren Weg mit einer abrupten Querung nach links beginnt. Und wie ist man erstaunt, sogar eine Treppenanlage vorzufinden. Wir erreichen so ein kleines Tälchen, welches uns nach zwei Stunden Aufstieg zur Anhöhe von Corte di Fondo 1441m leitet. Viele Ruinen in lichtem Buchenwald. Nur eine einzige Hütte hat überdauert, angelehnt an die Felswand. Dort setzen wir uns auf einem Moos/Steinbänklein.
 
FÜR TESSINER - FREAKS:  Kleiner Halt. Zaza und ich knabbern genüsslich „Henrikli’s“, dazu Tee. Einen Apfel. Und jetzt geht’s los! Bei der an die Wand angebauten Hütte einige Meter weiter. Dann folgen wir einer begrünten Rinne rechts hinauf (Treppenanlage sichtbar) und erreichen ein beinahe waagrechtes, mit grossen Steinen bespicktes Band, direkt oberhalb der Hütten, welchem wir uns gegen Südwesten etwa 150m entlang schlängeln. Plötzlich wird der Wald lichter und der Weg gabelt sich. Der eine führt geradeaus und könnte die untere Verbindung zwischen Corte di Fondo und Pisom sein (Cattaneo). Wir wechseln abrupt die Richtung, steigen und kraxeln links entlang einer Rinne auf ein weiteres, zweites Plateau oberhalb des Corte di Fondo. Auch hier erscheint eine Gelegenheit, nach rechts nach Pisom aufzusteigen, wie Cattaneo beschreibt. Für den Abstieg setzen wir eine Markierung. Wir verschieben uns ohne grosse Höhendifferenz nach links und erreichen nach etwa 100 Metern eine Ruine auf ca. 1600m. Wichtiger Merkpunkt! Entschlossen nach rechts hinauf und zwischen einem Tälchen mit Erlengestrüpp und der Rippe rechts anschliessend turnen wir hinauf, untendurch, mal hüpfend, mal traversierend, mal kraxelnd. Zaza hat so einen Riecher. Wir erreichen den Corte di Cima 1850m della Alpe Cazzana direkt von unten. Glücksgefühl. Zeitlich korrekt. Brrrrr..irrsinnig kalt und noch keine Sonne. 4 Std. von Foroglio - 2 Std. von Corte di Fondo!!!
 
Doch betrachten wir die Beschreibung von Cattaneo, welche noch eine andere Variante via Pt.1702 beschreibt (Zitat grob ins Deutsche übersetzt):
Corte di Mezzo della Cazzana, 1441 m - Corte di Cima, 1850m
Für Berggänger-Experten
Links der an den Felsen angelehnten Hütte steigt in einem Tälchen ein gestufter Weg hinauf, welcher in westlicher Richtung auf einige Grasbänder führt, welche Wildwechselspuren aufweisen. Den Terrassen des steilen Waldes nach links folgend, erreicht man mühelos den „Piegn di Cauree" (Ziege=capra), am Rand des Ri del Dreiom —Grabens auf Pt 1702m. Man ersteigt anschliessend den Geländerücken und erreicht gegen Westen die Hütte des Corte di Cima, 1850m, welche renoviert wurde und abgeschlossen ist. Früher wurde das Vieh sicherlich über Pisom aufgeführt (Route 88 und 89), wo jedoch sämtliche Wege verschwunden sind.

FÜR GEÜBTE SPEZIALISTEN: Noch zwei, drei Henriklis mit etwas Tee und weiter geht’s. Zwanzig Meter oberhalb Hütte biegen zwei gut herausgeputzte Wege unterhalb eines Felsriegels ab. Nach links scheint der Weg unterhalb des Pizzo Cazzana über den Pt 2141 ins Val Cranzünasc hinüber zu führen. Ein begangener „Jäger-Wechsel“. Wir folgen dem Weg nach rechts Richtung Südwesten nach Pisom. Sanft beginnend, Schnittspuren an Laubbüschen. Der Weg ist von Jägern viel begangen und gut sichtbar. In der Summe mässig fallend. Zweihundert Meter auf 1,5 km Distanz. Noch in der Nähe der Hütte des Corte di Cima erkennen wir etwa fünf Meter unterhalb des jetzigen Weges einige alten Tritte: Die letzten Zeugen eines ehemaligen stolzen Alpweg nach Pisom (Cattaneo). Wir staunen nicht schlecht, als der Weg zwischen zwei Felswänden unmittelbar über dem Abgrund etwa zehn Meter weit den Atem anhalten und den Adrenalin-Pegel nach oben schnellen lässt. Und plötzlich legt sich das Gelände etwas zurück und gibt den Blick frei auf die Alp von Pisom. Oder besser gesagt, was davon übrig geblieben ist. Vorerst gilt es, eine Rinne mit Schneeresten zu queren. Wir kämpfen uns anschliessend getrennt durch das Dickicht, respektive Blockfeld, jeder den besten Weg suchend. Nach einer Stunde vom Corte di Cima her haben wir es geschafft. Überglücklich. Wir betrachten die bescheidene Mini-Hütte von vorne, oben und Innen. Ein Fragment eines Hockers (einst bequem mit vier Beinen) erinnert an die Zeit vor 1902, als die Alp noch bestossen wurde.
 
Hier die Beschreibung von Cattaneo (Zitat grob ins Deutsche übersetzt), welche uns unweigerlich in den Sinn kommt:
Die Terrasse von Pisom, in dominanter Lage hoch über dem ganzen Val Calneggia, oben und unten eingebettet in Felswänden, scheint wahrhaftig eine andere Welt zu sein: Die reizende Anhöhe mit weichem Gras und ungewohntes Schweigen, von Plätschern der Wasser begleitet, umgibt es mit einem unbeschreiblichen Zauber.
Wasser hören wir nicht plätschern, weil alles beinhart gefroren ist. Nach einem Blick auf die Abgründe gegen Orsalietta lässt uns ahnen, wie schwierig der Verbindungsweg ist, wo Plinio Martini so treffend beschrieben hat:
Ich bin einmal in Orsalietta nach Pisom in Begleitung eines Onkels und Jägers angekommen, welcher wahrscheinlich mehr Kopf wie Verstand hatte; und das wusste auch seine Frau, welche mich bat, ihn zu begleiten, um ein wenig die Erwartensangst zu nehmen. Ich hatte damals achtzehn Jahre und erinnere mich, wie wir zusammen gelacht haben, als, unten eines Absturzes oder anderswo nach einer schwierigen Passage angekommen, wir uns ins Gesicht geschaut haben, quasi um uns zu versichern, dass wir es geschafft haben.
 
Rückzug! Das hört sich einfacher an wie es ist. Von Pisom nach Corte di Cima geht es wieder eine Stunde und schon etwas vertrauter. Mittagessen im Corte di Cima noch ohne Sonne. Dafür Nordföhn mit Windböen. Schlotternder weise verzehren wir unser Mittagessen. Ich das bekannte Menü 1, als Dessert die feinen Henriklis. Mmh! Gruss aus Basel. Es ist so kalt, dass ich es nicht schaffe, ein Sms zu senden; die Buchstaben sind wirr, die Finger klamm -  ich gib auf. Zusammenpacken und Abstieg. Grossartig empfehle ich mich als „Pfadfinder“. Nach etwa zweihundert Metern muss ich einsehen, dass ich alleine den Abstieg nicht schaffen würde und gebe den guten Vorsatz (vorerst) auf. Zaza hat Heimvorteil; er macht diesen Abstieg schon sein zweites Mal. Wir brauchen Zeit. Viel Zeit. Geduldig passt er sich am gemächlichen Tempo seines kniegeplagten Kollegen an. Und so erreichen wir Corte di Fondo, Puntìd und schliesslich Foroglio - nach dem Abstieg parallel zum Wasserfall, der eindrücklich in der Tiefe auf die Steine prescht. Ich beneide das Wasser, welches die rund einhundert Meter offensichtlich ohne Anstrengung in kürzester Zeit und echtem Vergnügen hinter sich bringt, was ich von mir nicht behaupten könnte. Weder schnell noch mit Vergnügen. Tröstlicher Vorteil: Das Wasser könnte nicht nach Pisom hinaufsteigen, wir jedoch haben es geschafft!
Mit eindrücklichen Erinnerungen kehren wir heim.
 

Tourengänger: Zaza, Seeger

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Kommentare (7)


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Henrik hat gesagt: He, ihr beiden, habt ihr mich
Gesendet am 16. Oktober 2009 um 22:03
gefragt...das ist eine geschützte Warenmarke!

Bravo, ihr beiden Bengel....zwei Cracks werden die restlichen 494 Alpi noch abklopfen und erneut auf der Karte eintragen...für die Nachwanderer.

Herrlich.

Danke und Ciao

silberquäki

Fenek hat gesagt: eindrücklich.....
Gesendet am 17. Oktober 2009 um 00:57
was ihr Beide so anstellt! Meine Hochachtung!

Übrigens, wie beisst es sich auf die Henriklis...:-) ?

Seeger Pro hat gesagt: RE:eindrücklich.....
Gesendet am 17. Oktober 2009 um 21:16
Es gibt zwei Ausführungen: Die Harten und die Weichen. Zu wählen je nach Zähne-Beschaffenheit. Wichtig ist der typische Basler-Touch mit der Zuckerglasur und dem Läckerli-Gewürz.(Kardamon).
Die Henriklis müssen dem Erfindernamen nach eher die harten sein. Wenn auch nicht gerade Quäki-hart ;-)

maendli hat gesagt: sehr schön
Gesendet am 17. Oktober 2009 um 11:47
und danke für die immer sehr schönen und literarischen Berichte.
Gehen ist Kunst.

Foioi hat gesagt: Markierungen
Gesendet am 17. Oktober 2009 um 16:28
Ich habe mich noch über die rot weiss gestreiften Farbbänder gewundert als ich gleichentags gegen Mittag Richtung Corte di Cima aufgestiegen bin... Habe dann auf 1750m umgedreht, insbesonders weil mein geplanter Ausstieg über Pt 2141m mit dem schon von zu Hause sichtbaren Schnee zu heikel war.
Wieso kalt? Ich hatte Sonne in Puntid di la und im Abstieg in der Corte di Fondo.

Gruss

Walter

Seeger Pro hat gesagt: RE:Markierungen
Gesendet am 17. Oktober 2009 um 16:46
Ciao Walter
Wie Du im letzten Bild (Corte di Fondo) siehst, waren wir 15.22 Uhr dort bei Sonnenschein und es war angenehm warm geworden. Im Corte di Cima waren wir im Schatten und es war sau kalt!
Wow! Punkt 2141m. Das interessiert uns. Ich werde dies Zaza weiterleiten, dass wir noch einen Bavona-Freak haben :-))
Ich dachte es mir. Du hast mich im Calnegia einmal auf einen Fehler aufmerksam gemacht, welcher nur ein "Insider" kennt.
Saluti
Andreas

AlpinHero hat gesagt: Alte Tessiner-Wege
Gesendet am 19. Oktober 2009 um 11:48
Hi Ihr beiden

Vielen Dank für den lesenswerten und informativen Bericht.
Ich finde es grossartig dass Ihr Euch den zahlreichen alten Alpwegen und Alpi di Fame im Tessin annehmt.
Da hat es einige grossartige Schmanckerl drunter!
Schade liegt das Tessin nicht grad vor meiner Haustüre sonst würde ich mich ebenfalls diesen alten Schmuckstücken annehmen...auf jeden Fall wäre diesbezüglich genug Futter für tatenhungrige Alpinwanderer vorhanden...! :-)

Herzliche Grüsse aus der Ostschweiz
Reinhard


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