Brienzergrat, vom Brienzer Rothorn bis zur Lombachalp


Publiziert von bulbiferum Pro , 30. September 2009 um 21:00.

Region: Welt » Schweiz » Bern » Oberhasli
Tour Datum:29 September 2009
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: Brienzergrat   CH-BE   CH-LU   CH-OW 
Zeitbedarf: 9:15
Aufstieg: 1200 m
Abstieg: 1800 m
Unterkunftmöglichkeiten:Berghotel Brienzerrothorn Kulm

Wir brechen um 7:15 Uhr auf. Der Sonnenaufgang kündet sich an, der Horizont leuchtet. Ich bin ein wenig nervös, bin mir nicht sicher, wie ich die schwierigen Stellen bewältigen werde. Ich habe zwar alle Berichte auf Hikr gelesen, aber das mit der Beurteilung ist so eine Sache. Helene  wird die Tour gut bewältigen, ihre Psyche ist in ausgesetzten Stellen robuster als meine.

Oberhalb der Bahnstation folgen wir dem Wegweiser zum Chruterenpass. Wir passieren den Schongütsch auf dessen Südseite und erreichen bald die Betonstufen die hinab durch das Lättgässli führen. Bald darauf kommen wir beim Chruterenpass an. Bis hierher ist der Weg offiziell rotweiss markiert und bietet keine Schwierigkeiten T3. Allerdings ist es noch nass und teilweise schmierig. Die Folge des dicken Nebels der während der Nacht weit hinauf reichte.

 

Beim Chruterenpass verlassen wir die markierte Route und steigen hinauf auf den Briefengrat. Konzentriertes Gehen ist nun Pflicht. Das Gelände ist nach wie vor nicht schwierig, es ist einfach sehr ausgesetzt. Das Gras ist immer noch sehr nass und manchmal klebt auch die Erde an den Schuhsohlen. Wir beobachten viele Herden von Gemsen, die auf der Nordseite des Grates weit unten grasen. Steingeissen mit ihren Jungen beobachten uns argwöhnisch und gehen uns mit ihrem protestierenden Pfeifen aus dem Weg. Ich komme mir als Störenfried vor und habe ein schlechtes Gewissen.

 

Nach dem Briefenhorn passieren wir den Wannepass. Hier kreuzt wieder eine offizielle rotweiss markierte Route den Grat und bietet eine Möglichkeit zum aussteigen. Beim Balmi muss eine steile Schrofenflanke hinauf traversiert werden. Gemäss alten Beschreibungen eine Schlüsselstelle. Heute ist sie mit einem dünnen Drahtseil entschärft. Allzu stark sollte man sich aber nicht auf dieses Kabel verlassen. Die Schraube eines Plättchens ist bereits abgebrochen und hängt lose herum. Die erste Prüfung für mich erfolgt gleich nach dieser Stelle. Das erste Stück des Grates zum Tannhorn ist sehr sehr schmal. Mein Puls beschleunigt stark und vorsichtig gehe ich, den Blick immer auf den Grat vor mir gerichtet langsam vorwärts bis er ein wenig breiter wird. Nach ca. 30m geht es mir wieder besser. Hinauf auf das Tannhorn ist es zwar immer noch sehr ausgesetzt und steil aber nach dem ich den schmalen Grat passiert habe ist mein Selbstvertrauen massiv gestiegen.

Auf dem Tannhorn gönnen wir uns eine kurze Pause und geniessen den prachtvollen Rundumblick. Bis hierher haben wir 3 Std. gebraucht. Bald brechen wir aber wieder auf. Es ist noch weit bis zum Ziel. Die ersten 50 Hm im Abstieg vom Tannhorn sind sehr steil. Hier ist höchste Konzentration gefordert. Die Wegspur ist ein wenig seifig und das Gras ist trotz der Sonne noch nass. Für mich ist es zusammen mit einem ähnlichen Abstieg vom Allgäuhorn die gefährlichste Stelle der ganzen Tour. Bald wird der Grat aber ein wenig breiter und ich kann mich kurz entspannen. Nun folgen diverse Graterhebungen bis zum Allgäuhorn. Hier folgt nun wieder ein heikler Abstieg zur Allgäu Lücke hinunter. Hier machen wir  wieder kurz Pause. Ich bin froh, gestern Abend noch zusätzlich zu meinen 2 Litern, eine 1 ½  Petflasche Mineralwasser erstanden zu haben. Der lange Grat macht durstig.

Für die nächsten beiden Gipfel, das Schnierenhörnli und das Gummhorn, braucht es wieder volle Konzentration. Ab und zu, wenn der Grat ein wenig breiter wird, erlaube ich mir einen Blick zurück auf das was wir schon geleistet haben. Auf dem Gummhorn begegnen wir zwei Frauen. Sie sind unterwegs vom Augstmatthorn zur Allgäu Lücke. Sie müssen, im Gegensatz zu uns, die steile Ostflanke des Gummhorns im Abstieg bewältigen. Auch keine einfache Sache.

 

Nach dem Gummhorn nehmen die Schwierigkeit massiv ab. Mit nun lockerer Psyche aber langsam schweren Beinen, die Tour vom Vortag haben wir ja auch noch drin, wandern wir über den Blasenhubel zum östlichen Aufschwung des Augstmatthorns. Hier unterhalb des Punktes 2107 sind offenbar vor kurzer Zeit Ketten montiert worden. Sie blitzen und glänzen jedenfalls noch wie im Laden. So bietet auch der letzte Aufschwung keine nennenswerten Schwierigkeiten mehr.

 

Auf dem Augstmatthorn angekommen, blicken wir auf den Grat zurück und sind stolz dass wir es nach 8 ¼ Std. geschafft haben. Es ging viel besser als ich erwartet hatte. Den Weiterweg nach Harderkulm schenken wir uns. Zeitlich hätte es nicht mehr auf die letzte Bahn gereicht und zudem kannten wir die Strecke schon von früheren Touren. Unten auf der Lombachalp ist der Parkplatz halbvoll und wir rechnen uns gute Chancen aus, eine Mitfahrgelegenheit zu erwischen.

So steigen wir zügig hinab zur Lombachalp. Weiter unten auf der NW Seite des Augstmatthorn sehen wir in einer Geröllhalde die grossen Steinböcke, die wir auf der ganzen Route nie gesehen haben. Hierarchisch geordnet, die Starken oben und die Kleineren unten sonnten sie sich in der Geröllhalde. Unten bei der Lombachalp hatten wir dann Glück. Ein Berggänger, mit dem wir schon auf dem Augstmatthorn gesprochen hatten, holt uns ein und nimmt uns bis zum Bahnhof in Interlaken mit. Vielen herzlichen Dank. Wir werden den Gefallen gern bei Gelegenheit weitergeben.

 

Im Zug hinauf zum Brünigpass können wir immer wieder Blicke hinauf zum Grat ergattern. Es war eine tolle nicht alltägliche Tour in einer aussergewöhnlichen Umgebung. Müde aber glücklich kommen wir nach zwei Tagen wieder auf dem Brünig an.

 

Die Tour braucht gute Nerven und man sollte Erfahrung in steilem grasigem Gelände haben. Die gefährlichsten Abschnitte sind meiner Meinung nach die Abstiege vom Tannhorn und vom Allgäuhorn. Wer Stöcke benutzt sollte sich vergewissern, dass sie fest gezogen sind. Ein unabsichtliches Nachgeben hätte unter Umständen fatale Folgen.

 

 


Tourengänger: bulbiferum

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Kommentare (2)


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Linard03 Pro hat gesagt: Genau so ...
Gesendet am 1. Oktober 2009 um 10:00
... habe ich mir das in etwa vorgestellt; nämlich gar nicht einfach!
Auch ich habe mich schon mit diverser Brienzergrat-Literatur beschäftigt, so ganz schlau (in Bezug auf die Schwierigkeit) wurde ich jedoch nicht daraus ...

Danke für den sehr informativen Bericht und Bilder!
Gruss, Linard03

bulbiferum Pro hat gesagt:
Gesendet am 1. Oktober 2009 um 12:20
@axalphorn und @Linard03
Vielen herzlichen Dank für eure Rückmeldungen. Es freut mich sehr, wenn meine Berichte für andere Hikr von Nutzen sind und so bei Eimschätzung und Planung helfen können.

Viele Grüsse, Markus


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