Gleggwand Südrampe - Schwarzhorn


Publiziert von Gecko , 4. September 2009 um 18:11.

Region: Welt » Schweiz » St.Gallen
Tour Datum:31 August 2009
Wandern Schwierigkeit: T6 - schwieriges Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: IV (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR 
Zeitbedarf: 1 Tage
Aufstieg: 1655 m
Abstieg: 1655 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Die St. Luzisteig kann sowohl von der Schweizerseite als auch vom Fürstentum Liechtenstein erreicht werden. Der Wanderweg Richtung Enderlinhütte zweigt auf der Schweizerseite in der Nähe von Pt. 691 ab und ist normalerweise mit einem Wanderwegweiser markiert. Momentan ist dort eine Baustelle.
Unterkunftmöglichkeiten:Enderlinhütte

Schwarzhorn über Südrampe ("Strasse")


Update: 

Zwei Jahre ist es her, dass ich diese Route erkundete. Nun wollten wir es nochmals wissen und kletterten die Tour in Seilschaft. Dabei hinterliessen wir ein paar Normalhaken, die meisten davon an Standplätzen. Leider ignorierten wir die kleinen Schneeflecken weit oben in der Wand, mit steinschlägigen Konsequenzen, sobald die tageszeitbedingte Erwärmung weit genug fortgeschritten war. Zum Vergleich: vor zwei Jahren war die Wand schneefrei, und ich kann mich an keinen einzigen Stein erinnern, der während der Kletterei gefallen wäre.

Aus Sicherheitsgründen versuchten wir stehts, möglichst schnell zu klettern, und jede Seillänge an einem gut geschützten Ort zu beenden. Dies war auch weitgehend möglich. Die Linienführung war somit nicht mehr ganz dieselbe wie diejenige von 2009, im Topo ist die neue gelb eingezeichnet.
 
Folgendes Material hatten wir dabei:
-         Kleines Keilset
-         Camalot 0.75 bis 3
-         Kleines Hakenset
-         1x60m Halbseil
-         Helm
 
Obwohl einige Normalhaken stecken kann es dennoch nützlich sein, ein kleines Set dabei zu haben. Es ist ja nicht garantiert, dass man die vorhandenen Haken überall findet. Es empfielt sich auch, etwas mehr Friends mitzunehmen, da beim Ausstiegskamin auch der Stand davor sowie derjenige danach selber abgesichert werden muss.




Wer kennt sie nicht, die markanten Berge, die zwischen Landquart und Sargans hoch über dem Rheintal thronen? Falknis, Schwarzhorn, Glegghorn… Dass zwischen dem Schwarz- und dem Glegghorn südseitig eine Aufstiegsmöglichkeit (unter Kennern "d Strass" genannt) existiert, wusste ich schon länger. Nun habe ich mich endlich einmal getraut, mir diese genauer anzuschauen.

 

Vorweg sei gesagt, dass diese Tour nicht nur eine gute Trittsicherheit (T6) und das Gefühl für die optimale Routenfindung voraussetzt, sondern auch die Beherrschung des dritten oder vierten Schwierigkeitsgrades im Klettern. Mit wenigen Bohrhaken könnte die Tour zu einer „Modetour“ entschärft werden. Momentan allerdings praktisch nie begangen (Aussage vom Enderlinhüttenwart). Der Fels ist – eigentlich unglaublich – fast überall sehr fest. Es liegt aber viel Geröll auf den Bändern und der Einstieg ist teilweise unangenehm kiesig.

Falls man die Tour mit Seilsicherung angeht, dürften Friends und Klemmkeile sowie ein kleines Hakensortiment angemessen sein. Ob und wie gut sich diese mobilen Sicherungsmittel einsetzen lassen, habe ich aber natürlich nicht so genau überprüft!

 

Ausgangspunkt ist, von der Schweizerseite her kommend, kurz unterhalb der St. Luzisteig der Abzweiger Richtung Enderlinhütte/Falknis. Momentan ist dort eine Baustelle. Da ich ausnahmsweise ein Auto zur Verfügung habe, fällt mir die Entscheidung, den Weg von Sargans bis zur Luzisteig per Fahrrad zurückzulegen, besonders schwer. Irgendwie gelingt es mir aber, den inneren Schweinehund zu überwinden.

Ab der St. Luzisteig führen anfangs mindestens zwei Wege durch den Wald. Ich erwische den unteren (da ich gerade keine Wanderkarte des Gebietes finden konnte, bin ich auf meine Erinnerung und aufs Bauchgefühl angewiesen) Weg. Dieser ist biketauglich, und so nehme ich mein Gefährt mit bis zum Enderlinstein (Pt. 974m; hier zweigt links der Enderlinhüttenweg ab). Wie ich merken musste, gibt es mehrere Möglichkeiten, wie man das Gleggtobel hinauf kommt. Am einfachsten lässt man den Enderlinstein links liegen und folgt der guten Kiesstrasse bis Pt. 1325m, wo rechts ein mässig deutlicher Pfad abzweigt (ca. 50m nach Pt.1325 endet die breite Strasse sowieso). Dieser führt weiter durch das einsame Tal hinauf. Auf rund 1600m hat man einen guten Einblick in die „Strasse“ genannte Rampe, welche eine absolut logische Linie durch die Gleggwand (Südwestwand des Schwarzhorn-Glegghornmassivs) bildet. Es lohnt sich, rechtzeitig nach links zum Einstieg hinüber zu halten, solange man nur unangenehmes, aber einfaches Gras überwinden muss (siehe Bild 2).

Sobald man die grosse und recht steile (!) Geröllhalde erreicht, empfielt es sich, den Helm anzuziehen und das Geröll zügig zu überqueren, bis man die gerölldurchsetzte Grasflanke unter dem Einstieg erreicht (als ich am Einstieg stehe, kann ich gerade beobachten, wie mehrere grosse Steine meinen eben zurückgelegten Weg in hohem Tempo kreuzen und, wegen der Steilheit des Gerölls, kaum an Geschwindigkeit verlieren).

Von hier kann ich nur vermuten, wo es hochgeht (siehe Bild 5). Zum Glück habe ich die Wand schon von weitem studiert. Obwohl ich weiss, dass die Route im oberen Teil einfacher sein soll, habe ich dennoch ziemlichen Respekt, nicht zuletzt vor dem felsigen mittleren Teil. Vorsichtig steige ich in einfachem, aber etwas heiklem Gelände (hart gepresstes Kies! vermutlich T6) aufwärts, zwei Meter müssen kletternd zurückgelegt werden (ca. 3. bis 4. Schwierigkeitsgrad). Dort wo die von mir vermutete Linksquerung beginnt, bin ich nahe dran, umzukehren. Ich habe keine Ahnung, ob ich hier richtig bin, ich weiss nur, dass ich jeden Meter, den ich weiter gehe, im Notfall auch wieder absteigen können muss. Das schlägt auf die Psyche: „Wie weit darf ich noch gehen, habe ich mich evtl. schon überschätzt, was wenn…?“. Nach einigem Überlegen möchte ich dennoch soweit queren, dass ich wenigstens einen Einblick in den weiteren Routenverlauf habe. Vielleicht wird’s ja einfacher?! Das harte Kies ist heimtückisch, deshalb gehe ich unmittelbar darüber, wo ich mich dank einigen Graspolstern schon viel sicherer fühle. Nach einigen Metern wird das Gelände tatsächlich einfacher! Ich überquere das trockene Bachbett und gelange mit viel Zickzack und vereinzelten Kletterstellen zu der Steilstufe in halber Wandhöhe. Diese Stufe trennt mich noch vom einfacheren Gelände im oberen Teil der Rampe. Bis hierher habe ich mir zwei Stellen mittels kleinen Steinmännchen für einen eventuellen Rückzug markiert.

Ein kurzer Abstecher nach links aufwärts beweist mir, dass der einfachste Aufstieg im Bachbett liegen muss (siehe Bild 4 und Bild 6). Es scheinen hier plattige Kletterstellen auf mich zu warten. Ich möchte von nichts überrascht werden und mich stets sicher fühlen. Deshalb greife ich hier zu meinem Joker: die Kletterschuhe. Mit diesen an den Füssen scheint alles nur noch halb so ernst, und ich kann die Kletterpassagen geniessen. Ein glatter Kamin verlangt Vorsicht, geht aber gut und könnte evtl. rechts umgangen werden.

Nun bin ich in einfachem Gelände. Genusskletterei vom feinsten (ca. I-II) leitet mich in mässig steilem Fels aufwärts. Der psychische Druck ist weg, der Weg nach oben ist so gut wie frei und ich habe Zeit für eine Aufnahme mit Selbstauslöser. Nur noch eine einzige Wandstufe trennt mich vom erfolgreichen Durchstieg. Diese Stufe sah aber schon von unten problemlos links umgehbar aus, und auch jetzt glaube ich an diese Möglichkeit. Ich fühle mich siegessicher und muss nicht mehr an einen möglicherweise heiklen Abstieg denken. Deshalb habe ich den Kopf wieder frei, um mich neuen Herausforderungen stellen zu können. Die Wandstufe, die ich eben noch links umgehen wollte, weist einen interessanten Kamin auf. Vielleicht…? Wenig später liegen ca. 10m Kaminkletterei (welche mit Friends bis Grösse 3,5 resp. Camalot 3 gut absicherbar wären) unter mir und ich quere auf ein paar Reibungstritten, die Hände im Gras fest verankert, ein paar Schritte nach links. Die Schwierigkeiten sind endgültig vorbei. An einem gemütlichen Platz mache ich Pause und tausche die Kletterfinken wieder gegen die Bergschuhe. Noch einige steile Meter im Gras (T5) und ich stehe oben im "Tüf Furgga" (Pt. 2242) genannten Sattel zwischen Glegg- und Schwarzhorn. Um nicht ohne Gipfel nach Hause zu gehen, nehme ich das Schwarzhorn quasi im Vorbeigehen mit (Achtung, wenn man vom Sattel direkt über den Grat aufs Schwarzhorn möchte, muss man eine vermutlich heikle Stufe abklettern; ich bin in die Nordflanke ausgewichen), bevor es über den mir bestens vertrauten weiss-blau-weiss markierten Bergweg Via Enderlinhütte zurück zum Enderlinstein (wo mein Fahrrad liegt) geht. Der Abstieg auf dem genannten Bergweg dürfte T4 bis T5 sein (also bei Nässe heikel) und ist bei einem Hitzetag wie diesem ein wahrer Glutofen.

 

Das Highlight des Tages kommt aber noch. Als ich beim Enderlinstein ankomme und mich auf die verbleibenden 500 Höhenmeter Velo-Abfahrt freue, muss ich feststellen, dass das Vorderrad eine Platte hat. Natürlich habe ich als „Nur-zur-Not-Velofahrer“ weder Flickzeug noch Pumpe dabei. So stosse ich also meinen platten Begleiter neben mir talwärts…bis es mir zu blöd wird und ich trotz Platte runter zu fahren versuche. Vorsichtig langsam – aber immer noch schneller als zu Fuss – geht das recht gut. Als ich gerade die Passstrasse überquere, um die Strasse nach Fläsch runterholpern, kommt mir ein Radfahrer entgegen. Er hält an und ich frage ihn, ob er vielleicht eine Velopumpe dabei habe, mit der ich mein Vorderrad notdürftig aufpumpen könnte. Tatsächlich hat er eine dabei, und nicht nur das, sondern gleich noch einen passenden Ersatzschlauch. Diesen empfielt er mir anzunehmen (obwohl ich ihm sage, dass ich kein Geld dabei habe). Seine Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit versetzt mich ordentlich ins Staunen, damit habe ich nicht gerechnet! Er hätte mir ja auch einfach nur meine Bitte erfüllen und mir kurz seine „Rucksackpumpe“ ausleihen können.

Wäre ich ein klein wenig früher oder später gekommen, hätten wir uns nicht getroffen. Da er von der Passhöhe nach Maienfeld hinunter fuhr, kreuzten sich unsere Wege nur auf wenigen Metern und in einem sehr kurzen Zeitfenster. Wenn das ein Zufall gewesen ist, dann ein wirklich grosser! Vielleicht hat Gott einen Engel geschickt.

Als ich zuhause den kaputten Schlauch zu flicken versuche merke ich, dass dieser (vermutlich vom Abwärtsfahren) mehrere Löcher hat und die Luft so schnell entweicht, dass man auch bei schnellem Pumpen kaum weiter als bis zur Hälfte kommt… und: der neue Schlauch ersetzt nicht nur den alten, sondern er hat auch noch ein besseres Ventil als der vorherige…wow! 

Tourengänger: Gecko

Galerie


Slideshow In einem neuen Fenster öffnen · Im gleichen Fenster öffnen


Kommentare (9)


Kommentar hinzufügen

ossi hat gesagt: öfföff....
Gesendet am 4. September 2009 um 18:37
Na, Du scheinst mir in Sachen Berggängerei eher von der rüstigen Sorte....tolle Tour hast Du präsentiert, gratuliere.

Alpin_Rise Pro hat gesagt: knowhow
Gesendet am 4. September 2009 um 18:40
genau!
Dank für die brillante Dokumentation in Wort und Bild, derart informiert reizt die Route ungemein.
G, Rise

Gecko hat gesagt: RE:knowhow
Gesendet am 4. September 2009 um 20:39
Das tönt, als hättest du vor, die Tour bei Gelegenheit zu wiederholen? In diesem Fall würde ich mich über eine Rückmeldung freuen, wenn du die Tour gemacht hast. Es würde mich auch interessieren, was so die allgemeine Meinung bezüglich Bohrhaken auf "Wanderrouten" ist. Wie ich im Bericht angetönt hatte, wären nur wenige Haken nötig, um die heiklen Stellen zu entschärfen. Dann könnte die Tour mit gutem Gewissen jedem versierten Berggänger weiter empfohlen werden. Aber es nimmt der ganzen Sache natürlich ein Stück Abenteuer...

Alpin_Rise Pro hat gesagt: RE:knowhow
Gesendet am 4. September 2009 um 21:57
Na ja, "vorhaben" ist bei tausenden Zielen immer relativ. Manchmal ists auch interessant, ohne Infos ins "Neuland" vorzustossen.
Borhaken ja oder nein? Ich denke, die Tour ist für Plaisir-Kletterer zu abgelegen und wenig homogen, Alpinkletterer können wohl mit Friends und Keilen umgehen und die Tour entsprechend sichern. Das Gestein scheint auch sehr vom Steinschlag bearbeitet, wie siehts mit dieser objektiven Gefahr aus?
G, Rise

Gecko hat gesagt: RE:knowhow
Gesendet am 5. September 2009 um 21:13
Objektive Gefahren: Die Geröllhalde, die man zum Einstieg queren muss, scheint "aktiv" zu sein :-)
In der Route selber habe ich keinen Steinschlag bemerkt.
Bohrhaken: da spreche ich nicht von Plaisir, sondern von den zwingendsten Stellen, welche mit Friends oder Keilen nicht gesichert werden können. Wären vermutlich nicht mehr als drei, vier Haken.
Gruss Gecko

Delta Pro hat gesagt: klickklick
Gesendet am 4. September 2009 um 20:02
Staun. Auch von meiner Seite - da geht was in der Ostschweiz!
Gecko, bist Du der von dem ich seit Jahren einen Karabiner bei mir rumliegen habe? Und auch wenn nicht, dann gratuliere auch ich Dir zu dieser Tour (und der am Gamsberg). Gewaltig!
Gruss Delta

Gecko hat gesagt: RE:klickklick
Gesendet am 4. September 2009 um 20:17
Hmmm...keine Ahnung, ich vermisse keinen Karabiner, aber falls das ein paar Jahre her ist, habe ich's vielleicht auch vergessen :-)
Leider kenne ich von dir (und auch den anderen) nur die Pseudonyme, weiss also auch nicht wer du bist. Danke dir (und auch den anderen!) für alle die Kommentare und die freundliche Aufnahme auf dieser Seite!
Wenn ich mal wieder eine besondere Tour gemacht habe, werde ich mich melden, denn so motivierts ;-) muss allerdings sagen dass ich eher ein Gelegenheitswanderer bin (der meist nur dann wandert, wenn er keinen Seilpartner zum Klettern hat).
Gruss Gecko

Delta Pro hat gesagt: RE:klickklick
Gesendet am 4. September 2009 um 21:30
Na dann habe ich mich wohl geirrt, sorry. Deine Touren haben mich nur an die Präferenzen eines irgendwo in der Ostschweiz/Ländle verschollenen Kollegen erinnert.
Das wird Dich aber nicht davon abhalten, uns bald wieder mal so eine Route zu präsentieren ;-)
Gruss Delta

marmotta hat gesagt: Respekt!
Gesendet am 4. September 2009 um 20:21
Ich ziehe meinen Hut vor Deinem Mut, ohne genaue Routenkenntnis und Sicherungsmaterial in die Gleggwand einzusteigen! War ja erst kürzlich in der Gegend und bin auf einer selbst zusammengezimmerten Route durch die Südostflanke aufs Glegghorn gestiegen (siehe hier). Als ich durch das Gleggtobel zum Gleggkamm aufgestiegen bin, konnte ich mir nicht vorstellen, dass da ausser den Gämsen und Steinböcken jemand auf die Idee kommt, rumzuturnen...

Und wieder mal hervorragend in Wort und Bild dokumentiert! Ob´s Nachahmer aus der T6-Kaste gibt? ossi, Alpin_Rise & Co? :-)

Gruess

marmotta


Kommentar hinzufügen»