Giswilerstock-Nordwand, ein langer Grat und ein missglückter Abstiegsversuch


Publiziert von Tobi , 3. September 2009 um 22:21.

Region: Welt » Schweiz » Obwalden
Tour Datum:31 August 2009
Wandern Schwierigkeit: T6- - schwieriges Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: Brienzergrat   CH-OW   Hagleren und Giswilerstöcke   CH-BE 
Zeitbedarf: 10:00
Aufstieg: 2850 m
Abstieg: 2350 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Mit der Bahn bis cff logo Giswil
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Mit der Bahn bis cff logo Brünig-Hasliberg

Der Grat vom Giswilerstock bis zur Rossflue wird in den Berichten auf hikr.org als lohnendes Ziel gelobt. Da ich wieder mal eine längere Konditionstour machen wollte, verlängerte ich die Grattour bis zum Höch Gumme und einem Abstieg über das Wilerhorn. Beim genauen Kartenstudium fiel mir dann auf, dass die Nordwand des Giswilerstocks zwei ausgeprägte Bänder aufweist, die sich vereinen und direkt zum vorderen Gipfelkreuz hochziehen. Leider fand ich im Internet keine Angaben, ob eine Besteigung auf diesen Bändern möglich ist. Da war der „Pioniergeist“ in mir geweckt und das Projekt „Giswilerstock-Nordwand“ geboren.

Vom Bahnhof Giswil (485m) startete ich auf einem schönen Spazierweg dem Laui-Bach entlang nach Giswil-Kleinteil. Dort begann der steile Aufstieg über Rütimatt nach Rietli. Leider alles auf der Asphaltstrasse. Vielleicht hätte ich doch ausschlafen sollen, und mit dem ersten Postauto (von Giswil erst ab 09:10) zur Mörlialp fahren sollen. Ab Pörter dann endlich Naturstrasse. Beim dortigen Wasserreservoir könnte man seine Trinkflasche am Brunnen nochmals auffüllen. Über die Gütschschwand (1090m) bis kurz vor Pt 1222, dort weglos über die Kuhweiden des Sandboden und direkt in der Falllinie das Sandbodenwäldli hoch bis unter die Wand.

Während des ganzen Aufstiegs habe ich diese Wand immer wieder betrachtet und nach einer möglichen Route Ausschau gehalten. Vom Sandboden aus hatte ich dann endlich die Wand in der ganzen Pracht vor mir. Es sah machbar aus und viele Routen schienen mir möglich. Allerdings war der Einstieg durch Bäume verdeckt, doch machte ich mir darüber noch keine Gedanken. Aber spätestens wenn man nun vor der Wand steht, kommen doch die ersten Zweifel auf. Im ersten steilen Schrofen-Couloir wurde es mir nach fünf Meter zu heikel. Also kletterte ich wieder runter und suchte in westlicher Richtung nach einem besseren Einstieg. Nach ein paar Metern wurde ich fündig und konnte in einer grasigen Rinne etwa dreissig Meter empor steigen. Auch die danach folgende erste Felsstufe (ca. 5m) konnte in einer Rinne bewältigt werden, wobei die Kletterei fast den III-Grat erreichte. Nun befand ich mich auf einem breiten aber abweisenden Band, doch wo genau? Ich versuchte mich anhand des vom Sandboden aufgenommenen Fotos zu orientieren. Diese Aufnahme erwies sich als sehr nützlich, schon bald wusste ich, wo ich mich in der Wand befand und konnte den weiteren Aufstieg in Angriff nehmen. Dieser war dann im Gegensatz zum Einstieg etwas einfacher, aber dennoch sehr ausgesetzt und führt auf dem abweisenden, zum Teil mit Legföhren bewaldeten, unteren Grasband entlang nach Westen. Auf diesem Abschnitt sind auch einige Wegspuren ersichtlich, doch handelt es sich wohl mehr um Wildwechsel. Allerdings scheint jemand dort schon unterwegs gewesen zu sein, ein Ast wurde abgesägt, als ob der Pfad unterhalten wurde. Das war dann aber auch der einzige Hinweis auf eine andere Begehung. Wie auf der Karte ersichtlich, geht das Band in eine mässig steile Rampe über. Diese führt zu der Rinne, in welcher man bis zum Grat aufsteigen kann. Ich bin in diesem Graben auf der rechten Seite hochgeklettert, allerdings zu lange und zu weit nach oben. Erst als ich auf der Rippe, welche östlich des Grabens zum Grat hochführt, war, merkte ich, dass ich eigentlich auf der linken Seite auf einer Rampe direkt zum Kreuz hätte hochklettern können. Da hatte ich allerdings keine Lust mehr, wieder abzusteigen und diese Route einzuschlagen, sondern wählte den direkten Weg auf dem Sporn entlang zum Grat. Wenn ich allerdings gewusst hätte, was für einen Legföhrenkampf mich da erwartete, hätte ich mich wohl anders entschieden.
Aber irgendwie fand ich doch einen Weg durch das Gestrüpp und kam ca. 150m westlich von Pt 1877 auf den Grat, die Nordwand war bezwungen. Für diesen Aufstieg habe ich vom Bahnhof Giswil inklusive Pausen knapp drei Stunden benötigt. Die Schwierigkeit der Nordwand bewerte ich mit einem T5+ bis T6- mit Kletterei knapp am dritten Grad. Auf der gesamten Route muss mit voller Konzentration gelaufen werden, ein Ausrutscher wäre fatal. Eventuell wäre das Tragen eines Helmes sinnvoll, doch diese Idee kam mir erst beim Anblick des vielen losen Gesteins im Sandbodenwäldli.

Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man nach diesem Aufstieg nun wieder absteigen muss, um zum ersten Tagesziel, dem vorderen Gipfelkreuz (1825m) zu gelangen. Doch von dort wurde ich mit einem fantastischen Tiefblick nach Giswil, über den Sarnersee und Alpnachersee bis ins Mittelland belohnt.
Nach einer kurzen Rast folgte nun der zweite Teil meiner langen Wanderung. Zunächst wieder auf dem Grat zurück und weiter über Pt 1877 zum höchsten Punkt des Giswilerstocks (1892m), welcher ebenfalls ein Gipfelkreuz ziert (T3).
Der weitere Gratverlauf zur Schafnase ist ein wahrer Genuss (T5, II). Zu Beginn mag der felsige Abschnitt abschreckend wirken, doch kann auch dort meist direkt auf dem Grat geklettert werde. Ein Ausweichen in die Flanken ist selten nötig. Die Routenfindung ist dank den ausgeprägten Wegspuren einfach und logisch. Über Pt 1892 erreicht man die felsige Pyramide der Schafnase. Hier folgt man einem gut erkennbaren Weg in die Nordwestflanke und erreicht so den vom Alpoglerberg herkommenden Grat (T4). Auf diesem erreichte ich Punkt Mittag den Gipfel der Schafnase (2011m).

Nach dem Mittagessen folgte ich weiter dem Grat, auf dem ich dann steil (T5) zur Furgge (1909m) absteigen musste. Einfacher geht es, wenn man vom Gipfel einfach dem Wanderweg zur Furgge folgt.
Von diesem Sattel führen Wegspuren auf dem Grat hinauf zur Rossflue. Die zunächst abweisend aussehenden Felsplatten waren überraschend leicht zu begehen. Der nachfolgende Grashang machte mir dann mehr zu schaffen. Zwar ist dieser nur mässig steil und einfach zu begehen, doch plagten mich nun Krämpfe in den Beinen. Ich musste meine Schrittlänge etwas verkürzen und das Tempo drosseln. Bei Pt. 2073 schaltete ich noch keine Pause ein, denn hier fing wieder die genüssliche Gratkletterei an (T5, II). Ich entdeckte auch einige neuere Bohrhaken, man könnte hier also auch sichern. Nach einigen Minuten erreichte ich den höchsten Punkt der Rossflue (2084m). Hier gönnte ich meinen Beinen eine etwas längere Pause und vor allem trank ich Wasser gegen die Krämpfe.
Der direkte Abstieg auf dem Grat zum Chringe-Sattel ist nur durch Kletterei möglich, Bohrhaken zum Abseilen sind vorhanden. Ich stieg südöstlich auf einer steilen und äusserst rutschigen Grasrampe ab (T5+). Diese war zwar gut gestuft, aber überall lag feiner Schutt. Es empfiehlt sich vorsichtig zu gehen und den darunter hindurchgehenden Weg im Auge zu behalten, um keine anderen Berggänger durch Steinschlag zu gefährden. Am Ende bricht die Rampe jäh in einer ca. 5m hohen Felsstufe ab. Ich bin diese direkt abgeklettert (II). Die letzten zwei Meter waren fast überhängend, diese musste ich mit herunterhängen und fallen lassen bewältigen. Zum Glück war ein geeigneter Landeplatz vorhanden. Von unten gesehen, wäre es einfach gewesen im Felsen weiter nach rechts (Osten) zu klettern und dann die restlichen Meter in einer Rinne abzusteigen. Ein Weglein führte mich nun zur Chringe (1916m), diesen Sattel erkennt man von weit her aufgrund der drei mächtigen Strommasten.
V
on der Rossflue aus sahen die Gratzacken vor dem Mändli nicht sehr einladend aus. Doch ich liess mich von den Wegspuren auf dem Grat trotzdem verführen, und steuerte so auf den ersten Felsen zu. Dieser war noch leicht zu überklettern (T5, II). Doch beim nächsten Zacken gab ich auf. Zwar führten Spuren wenige Meter in die Westflanken zu einer Rinne, welche einen ziemlich kletterbaren Eindruck machte. Doch schon der erste Griff erwies sich als einen ziemlich lockereren Stein. Da ich damit rechnen musste, dass es oben noch schlimmer werden könnte und ich hier wieder absteigen musste, liess ich es sein. So umging ich die restlichen Felsen auf der Ostseite und von dort direkt aufs Mändli (2060m).
Beim Abstieg vom Mändli auf der Südseite (wohl auch die einfachste Aufstiegsvariante), galt es eine ziemlich glatte Felsplatte zu überqueren, doch meine Vibramsohlen boten mir auch hier Halt. Rasch hoch zum grossen Steinkreuz bei Pt 2056 und von nun an unspektakulär und einfach auf dem Grat bis zum Höch Gumme (2205m). Während diesem Abschnitt begegnete ich erstmals seit Beginn der Tour wieder Leuten. Auf diesem höchsten Gipfel meiner Tour trank ich das letzte Wasser, meine mitgeschleppten 3.5 Liter waren nun aufgebraucht. Eigentlich wollte ich direkt auf dem Grat bleibend runter zum Wilerhorn marschieren. Doch da ich nun auf dem Trockenen sass, machte ich noch einen Abstecher zum Restaurant Schönbüel (2011m, www.panoramawelt.ch).

Gestärkt und wieder mit vollen Wasserflaschen machte ich mich zurück auf den Grat, welcher ich bei Gibel (2040m) wieder erreichte. Von dort begann der Abstieg bis zum Tüfengrat (1858m), wo mich nochmals ein Gegenanstieg auf das Wilerhorn (2003.8m) herausforderte. Dieser Gipfel ist vom Restaurant Schönbüel einfach zu erreichen, der Weg (T2) ist an der einzigen ausgesetzten Stelle sogar mit Seilen gesichert. Falls es auf dem Höch Gumme oder beim Gibel zu viele Leute haben sollte, kann man hierher ausweichen. Ich begegnete auf jeden Fall nach dem Gibel keiner Menschenseele mehr und konnte so die wunderschöne Aussicht auf den Brienzergrat, Brienzer-, Thunersee und die Berner Alpen für mich alleine geniessen.

Vom Wilerhorn (Kreuz) folgte ich weiter dem Wanderweg über den höchsten Punkt des Wilerhorns (2005.4), bis dieser nach etwa 500m den Grat nach Süden verlässt. Von dort wollte ich dem Graben Rämiswang entlang direkt nach Sewli (1148m) absteigen, um so schnell nach Lungern zu kommen. Doch leider klappte dies nicht wie gewollt. Anfangs war es noch ein mässig steiler Grashang, der dann aber immer steiler wurde. Zunächst war das Gelände noch einigermassen gut gestuft und auch einige Bäume halfen beim Abstieg. Doch der Hang wurde immer steiler, so steil, dass man fast das Gefühl hatte, dass es bald senkrecht oder gar überhängend werden sollte. Immer wieder wechselte ich auf dem Sporn die Seite und kam so wieder einige Höhenmeter tiefer, doch auf etwa 1600m war dann fertig für mich. Die Sache wurde mir definitiv zu heikel und ich beschloss schweren Herzens (und mit noch schwereren Beinen) umzukehren.
Das einzig Gute an einem solch heiklen Abstieg mit ungewissem Ende ist, dass man sich fast nie in eine auswegslose Situation manövrieren kann. Denn meist findet man einen Aufstieg in solch anspruchsvollem Gelände psychologisch einfacher, als der Abstieg. So ging es auch mir. Der Aufstieg fiel mir wesentlich leichter, zumindest psychisch. Physisch musste ich aufgrund der wiederkehrenden Beinkrämpfe enorm leiden. Mühsam kletterte ich die ca. 350 Höhenmeter wieder nach oben, etwa eine Stunde nach Begin dieses Ausfluges war ich wieder am Ausgangspunkt angelangt.

Von nun an gab es keine Experimente mehr. Statt nach Lungern, folgte ich nun einfach dem normalen Wanderweg über Schafplätz (1424m) nach Schäri (1227m). Gemäss Wegweiser sollte es noch eine halbe Stunde bis zum Brünigpass dauern. Da der Zug in 25 Minuten fuhr, legte ich zum Schluss nochmals etwas Tempo zu und erreichte die Station Brünig-Hasliberg (1002m) gerade noch rechtzeitig. Fast exakt elfeinhalb Stunden nachdem ich in Giswil ausgestiegen war, stieg ich nun kurz vor sieben Uhr wieder in den Zug ein. Während der rund halbstündigen Fahrt nach Giswil konnte ich die ganze Tour nochmals von unten bewundern. Eine wahrlich genussreiche und gelungene Grattour, wenn man mal vom missglückten Abstieg absieht.


PS: Ich habe die Tour wegen dem Durchsteigung der Giswilerstock-Nordwand mit einer T6- und Kletterei im III-Grat wertet. Ich empfand diesen Aufstieg als sehr herausfordernd und bedeutend schwieriger als meine bisherigen T5-Touren. Ebenso erging es mir bei der Kletterei, bei welcher ich bisher nur Erfahrungen im II-Grat sammeln konnte. Vielleicht war es nur ein T5+ II+, aber ich bewerte die Tour lieber zu hoch als zu niedrig. Vielleicht findet sich ja ein Nachsteiger, welcher meine Eindrücke bestätigen, oder eben abschwächen kann.


Tourengänger: Tobi

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Kommentare (1)


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Aendu hat gesagt: Coole Fotos!
Gesendet am 4. September 2009 um 09:21
Tschou Tobi

Coole Fotos!

Bin übrigens gleicher Meinung: Besser zu hoch als zu niedrig angeben. Sonst gibt es unter Umständen böse Überraschungen...

Gruss

Aendu


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