Val Bavona: Chignöö – Ravöra – Cranzünell, Corte di Fondo


Publiziert von Seeger Pro , 22. August 2009 um 00:06.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Locarnese
Tour Datum:21 August 2009
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   Gruppo Pizzo Biela 
Zeitbedarf: 7:00
Aufstieg: 1100 m
Abstieg: 1100 m
Strecke:Bignasco 443 m – Chignöö 1022m – Chignöö, Corte di Cima 1273m – Ravöra 1410m – Alpe di Cranzünell: Corte di Fondo – Fontanella 994m – Piodàu 784m – Bignasco 443m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Ö.V: Mit FART von Locarno nach Bignasco, Auto: Neben der Post Bignasco gebührenfreie Parkplätze.
Zufahrt zum Ankunftspunkt:item
Unterkunftmöglichkeiten:Hotel Turisti, Bignasco und Hotel la Posta, Cavergno
Kartennummer:1291 Bosco Gurin

„Ravöra ist auf sechs verschiedenen Routen erreichbar, allesamt schwierig, gefährlich und mühsam“, (Zitate in fett, kursiv) schreiben Nora und Aldo Cattaneo in ihrem Buch „Storie e sentieri di Valle Bavona“ (vergriffen). Durch diesen lapidaren Satz neugierig geworden, habe ich bereits im Frühling Chignöö besucht und den Bericht „200 Steinstufen nach Chignöö“  http://www.hikr.org/tour/post13238.html hier veröffentlicht.
In Bignasco parkiere ich das Auto und wandere auf der orografisch rechten Seite der Bavona etwa einen Kilometer leicht ansteigend bis zur Holzbrücke über den Ri di Chignöö. Wenige Meter danach steige ich auf der markanten Rippe gegen die Felswand hinauf. Fünfzig Meter davor verlasse ich diese Rippe nach links (hat momentan einen Steinmann) und quere Geröll bis zu einem markanten Boden unterhalb der Felsabschüsse. Hier sehe ich eine Treppenanlage in einen kleinen Einschnitt hinein führen. Dort beginnt eine Traverse mit in den Fels gehauenen rund 15 Tritten (Tacche) horizontal nach links. (Unsicheres Seil!). Dann beginnt ein Meisterwerk: Auf einem Streifen Erde, welcher in einer Verwerfung hundert Meter in Direttissima hinaufführt, sind etwa 200 Steintritte von 25 cm Höhe, 30cm Tiefe und 60 cm Breite aufgesetzt worden. Diese erlauben ein bequemes Aufsteigen, wenn auch mit etwas mulmigem Gefühl. Links erhebt sich eine zwei Meter hohe Wand. Entlang dieser stehen von Zeit zu Zeit Laubbäumchen, bequem zu halten. Rechts liegt ein nackter vom Ur-Eis polierter Felsbuckel mit mehr als 50° Gefälle. Nach unten gähnende Leere!
Nach dieser sensationellen Passage steige ich entlang dem Rand des Chignöö-Grabens auf gut sichtbarem Pfad im Wald in vielen Kehren und Treppenanlagen empor. An einer Ruine vorbei. Steinmänner helfen bei ungenauen Wegzeichen weiter zu finden. Von Süden her erreiche ich eine kleine Waldwiese, über der Chignöö, Corte di Fondo, steht. Der Stall ist seit 1997 eingefallen. Ein kleines Hüttchen mit Pultdach scheint noch dicht zu sein. Im Innern befinden sich eine Feuerstelle und eine leicht erhöhte Bettstatt ohne Matratze. Keine Türe. Kein Wasser.
Oberhalb der Hütten etwas nach links halten, dann steil direkt bis auf die Höhe von 1200m aufsteigen. Wegspuren und Steintritte sind gut zu erkennen. Dann führt der Weg etwas weniger steil nach rechts auf einen Felssporn hinauf. Der weitergehende horizontale Weg verliert sich in einen Abgrund. Ich bin deshalb gezwungen, nach links in einem Buchenwald Höhe zu gewinnen und sehe plötzlich eine Trockensteinmauer und dahinter die Ruine eines kleinen Hüttchens (3 x 3 m). Dort war die stolze Alpe di Chignöö, Corte di Cima, 1273m. Daneben ein versiegter Brunnen. Auf dem Felskoloss nehme ich genüsslich mein Mittagessen ein, als aus heiterem Himmel ein Donnerschlag jäh die Ruhe unterbricht – und auch das Mittagessen. Kurz darauf prasselt Regen hernieder. Ich erreiche unter der Felswand etwas oberhalb des Corte di Cima einen Unterstand und erdaure das Gewitter. Einmal knallte es knappe hundert Meter ob mir. Angst? Eigentlich nicht. Nur die Alu-Stöcke habe ich weit weg deponiert und die empfohlene Kauerhaltung eingenommen.
Nach dem Gewitter wieder heiterer Sonnenschein. Ich steige entlang der Felswand nach links hoch und treffe auf einen guten Weg durch den Graben SES von Ravöra.
Ein Stall ist in bescheidenem Zustand, während dem es in eine Hütte mit Pultdach (gleiche Ausführung wie die von Chignöö) hineinregnet. Wahrscheinlich sind die andern schon zerfallen. Manchmal genügt es, gekonnt einige Platten zu ersetzen um die Hütte zu retten
Das   w a r   1997! Ravöra lebt: Von den rund zehn Hütten und Ställen sind ein Haus neu ausgebaut, der Stall mit geflicktem Dach, ein Stall mit Pultdach repariert, ein zweiter mit Pultdach noch zu retten. Viele intakte Trockensteinmauern. Der Rest erinnert an die Bilder nach einem Bombardement. Rundherum saftige und gepflegte Wiesen. Ein neuer Granittrog mit Fliessend Wasser. Da stehen noch einige Arbeiten an. Der Ausblick von dieser Anhöhe ist traumhaft: Ins Val Peccia, Val Bavone, Valle Maggia, vom Campo Tencia zum Cramalina…
Der Meridian der Koordinate 688 verbindet die zwei Gruppen von Hütten, welche sich beinahe auf der gleichen Höhe befinden, in 750 m Luftlinie. Als der Weg noch existierte, muss es ein schöner Spaziergang gewesen sein.
Ich finde den Weg nach Cranzünell hinter dem Stall. Beginnend mit Steinstufen (Hüpfen über den Schlauch), später horizontal zum Graben des Ri di Chignöö hinunter.
Weiterführend über kleine Schwellen erreicht man die Schlüsselstelle: es handelt sich um die Traversierung des Grabens des Ri di Chignöö. Dieser Graben ist nur an einem einzigen Punkt überschreitbar, welcher man oben unter den Felsen suchen muss. Um ihn zu finden, benötigt man einen Weg auszumachen, der zu einer Felswand führt und unter einem kleinen Wasserfall hindurch - gesichert mit einem Fix-Draht – waagrecht in den Graben eintritt. Damit man von der Felswand in die Tiefe des Einschnittes absteigen kann, ist ein Lärchenstamm mit abgesägten Ästen an der Wand befestigt, welche als Leiter dient.
Ich schaue gegen unten – ich schaue gegen oben – ich lese nochmals die „umgekehrte“ Beschreibung von Cattaneo’s (habe ihn immer bei mir). Dann der bekannte AHA-Effekt: Jenseits des Ri di Chignöö steige ich auf einem steilen Grünzeug-Hang etwa 30 Meter bis zu einem angelehnten, als Leiter zu gebrauchender, Lärchenstrunk von 3 m Länge. Darüber einen 50 cm breiten Sims, quasi horizontal nach links „in die Sicherheit“ führend. Ein Laubbäumchen, um sich beim Aufstehen daran zu halten und oben ein Sicherheitsseil. Kein Wasserfall. C’est tout. Ich traue dem Ganzen nicht, da der Regen alles glitschig gemacht hat. Der zu überwindende Felsen von 3 m Höhe überklettere ich ganz rechts aussen. Dazu habe ich noch einige Steine aufgeschichtet. Traverse nach links: 5 m weiter oben in einen Spalt. Rucksack ab. Durchkriechen. Rucksack an. Leichte Traverse um den Sporn herum und nach etwa 50 m zum Weg hinunter. Ansteigen. Sporn mit weisser Leine (nur zur Schau) überkraxeln. Felswand nach unten ausweichen. Glattpolierte Felsbuckel mit Flüsschen überschreiten. Auch hier Vierpolkabel für die Richtung. Es folgt ein „Balm“ (oder Splüi), Unter- und Melkstand für 100 Ziegen, überdeckt von einem 30 Quadratmeter grossen Felssporn. Dann über frisch herausgeputzten Weg zum Corte di Fondo, Cranzünell.
Kaffee oder Bier? Richtig gehört: Die Hütte ist mit vier urgemütlichen Tessinern belebt. Vater mit Sohn von Brissago und zwei Kollegen. Kaum schlürfe ich den Kaffee mit richtiger Milch – mmhh – beginnt es erneut zu Regnen. Ich darf ins gemütliche Innere. Offene Feuerstelle, Tisch, Bettlager, Bänke mit Kissen. Hier lässt es sich leben. Ein Blick auf den Campo Tencia: Regenbogen und Schnee auf den Anhöhen. Die Flüsse sind mächtig angeschwollen. Nach dem Gewitter wieder die Sonne. Verabschiedung. Ungern ziehe ich weiter. Abstieg. Trockenen Fusses erreiche ich mein Auto in Bignasco.

Tourengänger: Seeger

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Kommentare (2)


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valser hat gesagt:
Gesendet am 28. Juni 2016 um 20:19
Hallo Andreas
habe wieder mal eine deiner Touren nachgemacht. Herzlichen Dank für dein Bericht, der hat mir wie immer sehr geholfen!
Habe mich allerdings nach der Schlüsselstelle beim Ri di Chignöö "verlaufen" und bin zu weit unten nach Cranzünell gequert. Müsste man nach dem Strunk und dem Grasband noch weiter hoch "klettern" an dieser ominösen Stelle?

Seeger Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 28. Juni 2016 um 22:16
Hallo valser
Für mich immer ein Geschenk, wenn meine Beschreibungen andere zum Nachmachen animieren.
Obwohl vergangene 6 Jahre, erinnere ich mich an diese Stelle. Bis zur Ecke mit dem kapitalen Baum warst Du richtig. Nachher bist zu stark abgestiegen.
Aber was zählt ist, dass Dir diese Querung gelungen ist!
Gruss
Andreas


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