Schwere Entscheidung an der Dufourspitze


Publiziert von Steinadler , 19. August 2009 um 12:35.

Region: Welt » Schweiz » Wallis » Oberwallis
Tour Datum:14 August 2009
Wandern Schwierigkeit: T3+ - anspruchsvolles Bergwandern
Hochtouren Schwierigkeit: WS+
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS 
Zeitbedarf: 2 Tage
Aufstieg: 1385 m
Abstieg: 1385 m
Strecke:Rotenboden - Monte Rosa Hütte - Biwakplatz 3109m - 4200m Abbruch - Rotenboden
Zufahrt zum Ausgangspunkt:SBB Richtung Visp MGB Bis Zermatt GGB Bis Rotenboden
Unterkunftmöglichkeiten:Monte Rosahütte SAC oder mit dem Zelt
Kartennummer:1348 Zermatt 1:25000

Lange habe ich  mir überlegt ob ich überhaupt einen Tourenbericht zu den Ereignissen an  der Dufourspitze verfassen soll. Ich schreibe bewusst "an der" Dufourspitze da wir den Gipfel leider nicht erreicht haben. Wie es dazu kam beschreibe ich  später.

Der Wetterbericht für dieses Wochenende verspricht sensationelles  Bergwetter. So mache ich mich  mit Gabriel wieder einmal  auf den Weg des Bergsteigers. Nach unserer erfolgreichen Dombesteigung im Juli ist die Sehnsucht nach 4000er Bergen geweckt. Wir haben uns entschieden es mit der Dufourspitze zu versuchen.

Mit dem Zug geht die Fahrt durch den neuen Lötschbergtunnel nach Visp von dort mit der Matterhorn Gotthard Bahn nach Zermatt und weiter mit der Gornergratbahn auf den Rotenboden. Bevor wir uns über den absteigenden Wanderweg Richtung Gornergletscher aufmachen verstauen wir die 8 Flaschen Wasser die wir zuvor im Coop in Zermatt eingekauft haben. Der riesige Rucksack meines Kollegen (gut 30 Kg schwer) veranlasst mich  ihm einen neuen Spitznamen  zu geben: Ab jetzt nur noch "Tensing"-Gabriel. =)

Nach einer Dreiviertelstunde erreicht man den Übergang zum Gornergletscher. Der Weg zieht sich  Quer über den Gletscher wo er dann auf der anderen Seite zur  Monte-Rosahütte hin wieder ansteigt. In Regelmässigen Abständen weisen gut sichtbare Markierungen den Weg durch das Spaltenlabyrinth. Steigeisen muss man hier nicht zwingend montieren, doch trotzdem sollte man auf die  Füsse achten, denn die Spalten sind tief und ein Sturz kann böse enden.

Zwischendurch machen wir kurze Pausen und bestaunen den eiskalten, glasklaren Gletscherbach welcher sich seinen Weg durch das Eis frisst  um dann in einer der vielen tiefen Spalten mit tosendem Geräusch zu verschwinden. Der Blick auf die umliegenden Berge verzaubert jeden der sich in Ihre Nähe begibt.

Der Gletscherpart ist nun zu Ende  und auf den letzten Höhenmetern verläuft der Weg teils über Steinplatten bis man endlich die Monte-Rosahütte erreicht. Wir  trinken ein Rivella und gehen weiter. Zu Beginn folgt man dem  Pfad über die frühere Gletschermorräne, dieser verliert sich jedoch später in dem grossen und teils unübersichtlichen Blockfeld. Immer wieder sieht man die Wegweisenden Steinmannli die jedoch unserer Meinung nach  hier nicht unbedingt  den richtigen Weg, als  vielmehr die Himmelsrichtung anzeigen.

Unser Ziel für heute ist das Obere Plattje, welches wir jedoch mangels Zeit und Ausdauer, der schweren Rucksäcke wegen, nicht mehr erreichen. So beschliessen wir unser Biwak  direkt unter dem steilen Felsaufschwung zu errichten. Wir sind definitiv nicht die einzigen die jemals hier biwakiert haben. Leider gibt es immer noch zu viele Leute die sich um  die Nachhaltigkeit der Natur einen Dreck kümmern. Zwischen den Steinen finden wir Dosen, Petflaschen, Plastikverpackungen und vieles mehr. Solchen Leuten sollte man den Zugang  zu den Bergen verbieten.

Nachdem wir unser Biwak  errichtet haben fangen wir an mit kochen und treffen alle vorbereitung für den bevorstehenden Tag. Bereits  ist es 20.00 Uhr und da ich müde bin lege ich  mich  zur Ruhe, denn bereits um  0100 klingelt der Wecker. Um genug Zeit  zu haben wollen wir um 0200 aufbrechen.

Doch bereits beim Morgenessen beginnen die Probleme. Hundemüde und mit Bauchschmerzen quäle ich  mich wenigstens einen  Happen zu essen. Das schwierigste auf Hochtouren ist es wohl den warmen Schlafsack gegen die kalten und vom Vortag noch etwas feuchten Bergschuhe einzutauschen. Mit etwas verzögerung brechen wir Richtung Oberes Plattje auf. Dort heisst es erst einmal anseilen denn der  bevorstehende Gletscherabschnitt ist nicht zu unterschätzen und klafft voller Spalten. Die Suche des richtigen Weges durch dieses Labyrinth  ist nicht gerade einfach, doch auch  dies ist nach einiger Zeit geschafft. Wir kommen gut voran. Die Spur steigt nun steil an, für meinen Geschmack  etwas zu steil.

Gerade als ich das Gefühl habe, dass es mir  besser geht werde ich von einer Müdigkeitswelle überrollt. Hintengehend nicke ich  noch während des laufens immer wieder kurz ein. Auch während den kurzen Trinkpausen die wir einlegen übermannt mich die Müdigkeit vom Vortag. Später als die Sonne aufgeht fühle ich  mich wieder etwas besser. Leider bleibt dies nur ein kurzer Moment der Besserung und jegliche Hoffnung auf den Gipfel verschwindet nachdem ich  vornübergebeugt hustend und gurgelnd nach  Luft ringe. 

Wir müssen eine Entscheidung treffen. Obwohl wir unmittelbar unterhalb des Sattels stehen ist der  Weg noch sehr weit. An meinem Zustand wird sich nicht viel ändern, die Höhe, die  Müdigkeit  und die Anstrengung zwingen mich  in die Knie. Ein Hinaufquälen gefährdet nur unser beider Leben. Wir brechen ab.

Die Entäuschung ist riesig.
Das  schlechte Gewissen gegenüber meinem Seilpartner der wohl wegen seiner unausschöpflichen Kondition und seinem unbändigen Willen nicht von diesem Planeten stammt macht die Situation nicht besser. Schweren Herzens steigen wir ab. Schnell merken wir dass es, trotz fehlendem Gipfelerfolg, die richtige Entscheidung ist. 

Nach  ewiger Absteigerei und dem erneuten Spaltenabenteuer erreichen wir  unser Zelt. Um den restlichen Abstieg zurück zum Rotenboden zu schaffen,  lege ich  mich  schlafen.
Nachdem ich etwas schlafen konnte, es mir aber nicht wirklich besser geht, treten wir den langen Weg Heim an; wir erreichen nach 4.5h den Rotenboden.

In Zermatt habe ich mich bei einem grossen  Panasche wieder etwas erholt und die Ereignisse nochmals überdacht. Misserfolg gehört ebenso zum Leben wie Erfolg und so  nutze ich diese Erfahrungen um mich erneut  für eine Besteigung der Dufourspitze zu motivieren. Lieber wäre ich  in diesem Bericht  auf  die Erlebnisse und Erfahrungen einer erfolgreichen Hochtour eingegangen als, dass ich euch Lesern meinen Gesundheitszustand beschreibe. Nach erfolgreicher Besteigung in ferner oder naher Zukunft werde ich  dies jedoch nachholen.

Trotz allem genossen wir die Aussicht und die Stimmungsvolle Landschaft des Monte-Rosa-Massifs sehr.

Fazit
  • sehr lange (nach meinen Einschätzungen) anspruchsvolle Hochtour
  • wundervolle Landschaft, umgeben von schönen 4000er
  • Erfahrungsreiche Tour
  • vorsicht auf dem Gletscher,  anseilen ist ein Muss
Dank:

Danken möchte ich  Gabriel, meinem treuen und sehr geduldigen Tourenpartner welcher mich auch in schwierigen Situationen nicht aufgibt und motiviert.
Weiterer Dank geht an Sputnik, der uns mit  seinem genialen Bericht über  die Dufourspitze vieles erleichtert hat.


Tourengänger: Steinadler

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Kommentare (6)


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Phur-Ri hat gesagt: Danke
Gesendet am 19. August 2009 um 13:23
für den Bericht - spannend zu lesen und ich finde auch solche Bergerlebnisse gehören auf hikr.org und bereichern bzw. kontrastieren die vielen Erfolgsmeldungen.

Henrik hat gesagt: RE:Danke
Gesendet am 19. August 2009 um 13:38
ja, ich bin auch der Meinung, Schilderungen dieser Art gehören absolut auch auf diese Seite! Umso mehr, dass nicht dauernd nur Siege errungen werden - dein Sieg Steinadler ist, dass du unten dein Bier bereits wieder geniessen konntest, dass du da bist und uns davon erzählst. There will be other terms to reach to the summit.

Henrik hat gesagt: Solchen Leuten sollte man den Zugang zu den Bergen verbieten.
Gesendet am 19. August 2009 um 13:48
...apropos Umwelt: würde der Alpenraum analog zu einen National- oder Naturpark mit einem ansehnlichen Eintrittsbe(i)trag belegt, sähe einiges anders aus.

Noch ist bei einem Gros der Leute der Gedanke noch nicht angekommen, dass das was gratis ist, ggf. auch schützenswert sei - also alles das was Natur inkl. Menschsein ausmacht! Wenn wir schlussendlich für Alles bezahlen müssen, haben wir das Anachronistische erreicht - die Freiheit verloren, die gerade auf dem Gipfel wohl am eindrücklichsten erlebt werden kann.




Sputnik Pro hat gesagt: Schade !
Gesendet am 19. August 2009 um 15:15
Schade hat's nicht gepasst... Aber auch ich brauchte 2 Versuche - Als ich es das erste Mal mit Ski auf die Dufourspitze wollte, konnte ich damals in der Hütte wegen lärmenden Italiener nicht schlafen und startete wie Du total übermüdet. Unterwegs rollte mir dann noch die Trinkflasche den Gletscher hinunter. Da war bei mir schon auf 3800m Schluss und ich kehrte um. Mit besserer Planung klappte es dann endlich letzten Juli. Wünsche Dir auf jeden Fall viel Glück beim nächsten Versuch!

Viele Grüsse,

Sputnik

ma90in94 hat gesagt:
Gesendet am 19. August 2009 um 15:37
Rucksäcke wie die Sherpas, eine Nachtruhe von 5 Stunden in der noch schlechter als auf der
Monte Rosa Hütte geschlafen wird und dann noch
in die 4000er Todeszone vordringen würde auch
mein Untergang bedeuten.
Beim 2. Anlauf statt Rivella lieber Gletscherwasser
mit Mineralstofftabletten tanken und ein paar Stunden mehr für den Zustieg, die abendliche und die Nachtruhe einplanen, dann habt ihr sicher bessere Chancen.
Gruß Günter


Steinadler hat gesagt: ich danke...
Gesendet am 20. August 2009 um 08:13
allen für die freundlichen Kommentare... das motiviert mich es gerade deshalb noch einmal zu versuchen. Doch erst einmal gehe ich es etwas ruhiger an, kann ja auch nicht schaden :)
Wünsche allen schöne und genussvolle Bergtouren.


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