Everglades im Dreiländereck – von 1871


Publiziert von Henrik , 6. August 2009 um 19:26.

Region: Welt » Schweiz » Jura
Tour Datum: 6 August 2009
Wandern Schwierigkeit: T1 - Wandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-JU 
Zeitbedarf: 3:00
Aufstieg: 70 m
Abstieg: 90 m
Strecke:Bonfol - Eichholz - Borne Trois Puissance - Beurnevésin
Zufahrt zum Ausgangspunkt:ÖV
Zufahrt zum Ankunftspunkt:ÖV
Unterkunftmöglichkeiten:zhause
Kartennummer:ivs-gis

 
 
Die Ajoie – ist das noch die Schweiz, wo liegt das, nie gehört, was, wie kommt man dahin, das gehört zur Schweiz, was du nicht sagst, ja kann man da mit dem Auto hin oder muss man zuerst über Frankreich sich bemühen...Ajoie? Komische Sache!
Unter google erreicht man in der Tat die Ajoie über den Hockey-Club und eine wenig ergiebige Homepage – ausführlicher ist da schon das Historische Lexikon der Schweiz
http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D7623.php?PHPSESSID=4638dd5282e0f685e80a3bad7ae2be59
und erfährt, dass es ziemlich viel Affinitäten gibt zu Basel. Es ist also auch nicht verwunderlich, dass viele Basler hier ihre WE-Häuschen pflegen, denn mit dem Auto ist man Dank der A 16 im Nu in der Ajoie: http://www.a16.ch/0_accueil/071130_%20A16carte-generale.pdf. Und mit der Bahn kommt man auch hin: von Delémont sogar seit 2006 bis nach Delle. Die S 3 verbindet die Regionen der NW-CH mit Vorzeigecharaktere, siehe Link nachfolgend. Geleisestummel gehören also der Vergangenheit an: http://www.jura.ch/acju/Departements/DEE/Transports/Documents/fiche%20de%20communicationV4-allemand.pdf. Allerdings fährt die S 3 nur bis Porrentruy, dann ein Regio-Express, der Biel mit Delle verbindet und umgekehrt – in etwas mehr als einer Stunde. Für Protagonisten wie ABoehlen sind Links wie diese reinste Leckerbissen: http://www.siegfried-theone.com/files/bahnimjura.pdf und auch dieser Link verhilft zu Schwärmereien: http://dominics-bahnpics.freelinks.ch/railsdujura/allgemeines/artikel_rail.htm
Mit der S 3 bin ich heute morgen um 7.40 von der Station Basel Dreispitz nach Porrentruy gefahren. Wohl auch der Ferien wegen in einem leeren Zug, der auf die Minute in Pruntrut (dtsch) eintraf. Gegenüber stand auf Gleis 3 der Triebwagen, der Porrentruy mit Bonfol verbindet – eingleisig, mit spärlichem Fahrplan, den es im Hinterkopf gut in Erinnerung zu behalten gilt. Bonfol verbindet eine gewisse Unheiligkeit, die nicht Gegenstand dieses Berichts sein soll, aber man kommt zwangsläufig mir ihr in Kontakt – entlang des gut ausgeschilderten Wanderwegnetzes in dieser Region mit Null Begegnungen, finden sich grosse Warntafeln, die auf Bedrohliches und Gefährliches hinweisen....es ist verboten, das Gelände der Chemiemülldeponie zu betreten. Ich gebe es zu...ich vergewisserte mich mehrmals, ob ich denn tatsächlich allein unterwegs war, schaute immer wieder nach hinten, was ich sonst eher selten zu tun pflege – mir kamen Szenarien in Erinnerung wie die vielen Besuche in Ostberlin der  Ex-DDR oder die Besetzung von Fessenheim! Schliesslich gelangte ich mit einem Plasticschälchen, das ich dabei hatte, reich befrachtet mit gereiften Brombeeren an die Grenze CH/F am Punkt Eichholz 474, auf den ich schon am Bahnhof in Bonfol aufmerksam gemacht wurde. Entlang dieser Grenze wanderte ich bis an das  Dreiländereck – von 1871. Allein die unglaubliche Fülle von Brombeersträuchern lohnt diesen Grenzweg. Und ich war zwei Stunden völlig ohne Begegnungen unterwegs: durch dickichtartiges Gelände, über Stoppelfelder, durch Maisfelder hindurch, da die Grenzsteine genau da hindurch verliefen; vereinzelt waren Umgehungen nötig, da Pferde den Weg ausgetrampelt haben und diese mit Wasser gefüllt waren. Ich sah keine Rehe oder Füchse am helllichten Tag herumstreifen – das Vogelgezwitscher war mässig, aber die Luft über den Feldern flirrte und am Horizont erhoben sich die ersten kleinen Wolken. Unvermittelt stand ich auf einem geschichtsträchtigen Flecken: dem ehemaligen Dreiländereck an der «Borne des trois puissances» oberhalb von Beurnevésin - hier grenzten von 1870-1918 die drei Mächte Frankreich, Deutsches Reich und die Schweiz zusammen. Der 1 Stein Nr.146 mit Sig.RF-CS von 1890. Der Stein in der Mitte zeigt auf die alte Reichsgrenze nordostwärts und hat die Nr.13 und zuletzt die Nr.4056 als letzter einer langen Reihe von Grenzsteinen der alten Deutschen Reichsgrenze entlang von Luxemburg bis hier an die Schweiz. Wie es zu diesen Merkmalen der Geschichte gekommen ist, erzählt eine Tafel, die an einem Baum angebracht ist. Ein naher, grasgrüner Tümpel mit mangrovenähnlichem Gewächs, das aus dem Wasser stakste mit quakenden Fröschen und weghuschendem Getier, das ich nicht im Stande war auszumachen, beflügelten meine Phantasie, es fehlten lediglich noch Alligatoren und ein paar Warane! Ich rastete hier knapp fünf Minuten und wendet mich dann dem Dorf Beurnevésin zu (das Wort Beurnevésain leitet sich vermutlich vom Dialektausdruck beurne = Born, Quelle u. vésain, vésin = benachbart her). Die dortige Kirche entsprach nicht ganz meinen Erwartungen (der an den Glockenturm angebaute polygonale Chor datiert aus dem späten 15. oder frühen 16. Jh.; das Kirchenschiff wurde 1829 gebaut) – ich hoffte auf mehr Romanik. Gegen 13 Uhr setzte ich mich auf die Bank des neuen Bushaltestelle-Häuschens und ließ mich kurz danach wieder nach Porrentruy zurückbringen – ein friedfertiges Vormittagstürli, reich befrachtet mit mundigen Brombeeren und früheren Mächten, die auch heute wieder ihr Unheil verbreiten......chemisch!

Tourengänger: Henrik

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Kommentare (2)


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ABoehlen Pro hat gesagt: Die Ajoie...
Gesendet am 7. August 2009 um 06:41
...ist wirklich immer wieder ein lohnendes Ausflugsziel. Eine so weiträumige Gegend, wo man stundenlang wandern kann, ohne jemandem zu begegnen ist eine Rarität in der dichtbesiedelten Schweiz!

Merci für die diversen interessanten Links. Die SVA zum Thema Bahnen im Jura kannte ich bereits; ist wirklich ein Leckerbissen :-)

Weiterhin schöne Touren mit dem ÖV in den unbekannten Winkeln der Schweiz wünscht
Adrian

Shepherd hat gesagt: Donnerwetter...
Gesendet am 7. August 2009 um 12:28
...das PRO-Grün steht dir aber ausgezeichnet und macht dich erst noch so an die zwanzig Jährchen jünger :-)

Dazu wünsche ich dir natürlich weiterhin "La vie en Rose". Beste Grüsse Piero



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