Gross Seehorn, NW-Wand


Publiziert von Bergfrosch , 6. Juli 2009 um 16:21.

Region: Welt » Österreich » Zentrale Ostalpen » Silvretta
Tour Datum: 4 Juli 2009
Wandern Schwierigkeit: T2 - Bergwandern
Hochtouren Schwierigkeit: ZS+
Klettern Schwierigkeit: IV (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR   A 
Zeitbedarf: 4:00
Aufstieg: 350 m
Abstieg: 600 m
Strecke:Seelücke - Seegletscher - NW-Wand - Gipfel - N-Grat - Seegletscher - Saarbrücker Hütte
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Bus von Landeck zur Biehlerhöhe, von dort Wanderweg via Saarbrücker Hütte zur Seelücke
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Bus vom Vermuntkraftwerk nach Schruns/Bahnhof
Unterkunftmöglichkeiten:Saarbrücker Hütte (DAV), verlassene Zollhütte auf der Seelücke
Kartennummer:AV-Karte 26

Aufstieg am Morgen des 4. Juli '09; gutes Wetter, Sonne mit ein wenig Wolken; Temperatur am Gipfel ca. 5°C



Ich bin von der Biehlerhöhe zur Saarbrücker Hütte gewandert, dort kurz auf eine Erbsensuppe eingekehrt, um dann direkt zur Seelücke (2776m) aufzusteigen wo man in der verlassenen Zollhütte übernachten kann. Das hat den Vorteil, dass man am nächsten Morgen direkt über den Seegletscher in die Tour einsteigen kann. Der Aufstieg zur Seelücke erfolgte komplett im Schnee, der noch zwischen 1m und 2m dick auflag.

Am nächsten Morgen bin ich um 5:00 aufgestanden und war um 5:45 fertig gerüstet. Der Zustieg zum Berg über den Seegletscher ist problemlos im trittfesten Firn, aufgrund der dicken Firnauflage war kein Bergschrund vorhanden. Spalten sind im oberen Bereich des Gletschers keine vorhanden, vom Gletscherbecken sollte man sich jedoch fernhalten. Am Fuss der NW-Wand sah es so aus als könnte man über Schneefelder bis fast zum Gipfel durchsteigen, und dann über Bänder auf den N-Grat queren und somit auf die Normalroute. Anstatt also schon im unteren Wandbereich auf den Grat zu queren stieg ich soweit wie möglich über die Firnfelder auf (gute Trittfestigkeit am frühen Morgen, Steigung 45-50°).

Ca. 100m unterhalb des Gipfels wurde es dann offensichtlich, dass die Querung zum Grat zu riskant wird, da die vermeintlichen Bänder sich als glatte, immer noch relativ steile Platten entpuppten. Also kletterte ich ca. 80m frei im III bis IV Grad entlang der Abseilpiste bis ich das Gipfelschneefeld erreichte, über das ich dann die letzten 20m einfach zum Gipfel steigen konnte (siehe Bilder). Eine ziemlich heikle Angelegenheit, würde ich ohne Seilpartner nicht nochmal machen wollen.

Die Aussicht am Gipfel war schlichtweg grandios, perfekte Fernsicht. Nach ca. 30 min begann ich den Abstieg über den Nordgrat (Normalweg). Alternativ kann man sich sehr schnell und bequem direkt vom Gipfel die NW-Wand hinab zu den Firnfeldern oberhalb des Gletschers abseilen, Standplätze sind eingerichtet.
Der Nordgrat erforderte im Abstieg nochmal eine Menge Konzentration, ein Abrutschen wäre meist fatal (Schwierigkeit UIAA II). Es empfiehlt sich ein oder zwei lange Bandschlingen mitzunehmen, sie erleichtern den Abstieg an so mancher Steilstufe. Der Fels ist zum Teil sehr lose, auch große Felsplatten (bis zu 1x2m) können bei Belastung aus dem Grat herausbrechen. Also insbesondere beim Gehen in einer Seilschaft muss extrem auf Steinschlag geachtet werden.

Zurück auf dem Seegletscher erfolgte der Abstieg dann über Seelücke und Saarbrücker Hütte zum Vermuntstausee, von dem man per Bus Richtung Landeck oder Schruns/Bludenz fahren kann.

Alles in allem (bis auf die heikle Solokletterei) eine tolle Tour, die Silvretta ist ein echtes Tourenparadies.

Tourengänger: Bergfrosch

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Kommentare (5)


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marmotta hat gesagt: Routenwahl
Gesendet am 6. Juli 2009 um 17:28
Salü Bergfrosch,

schöner Bericht und tolle Fotos - Gratulation zur Besteigung des Gr. Seehorns auf einer eher unkonventionellen Aufstiegsroute!

Apropos brüchiges Gestein: Ich hatte bei meiner letzten Besteigung des Seehorns vor 6 Jahren schon das Gefühl, dass der Berg immer bröckeliger wird.

Bist Du im Abstieg wirklich den gesamten Nord(west)grat abgeklettert (Schwierigkeit sicher > II) oder doch eher von der Einsattlung oben im Nordwestgrat durch die Rinne und über Bänder in der Westflanke?

Gruess

marmotta

Bergfrosch hat gesagt: RE:Routenwahl
Gesendet am 6. Juli 2009 um 18:47
Hi Marmotta,

danke für den Kommentar. Bezüglich der Abstiegsroute: Auf dem letzten Foto sieht man gut die Scharte im Grat bis zu der ich abgestiegen bin (also die Vertiefung zwischen dem Grat im Vordergund und dem von Osten hell erleuchteten Kamm oberhalb der Seelücke). Von dort bin ich dann zum Firnfeld abgestiegen, bin also nicht den ganzen Grat bis zur Seelücke durchgestiegen.

Sputnik Pro hat gesagt: Hoppla !
Gesendet am 6. Juli 2009 um 20:02
Gratuliere Dir zur grandiosen Solotour über die Abseilpiste. Ist echt eine Superleistung dort über die Platten hochzukraxeln, kenne die Route genau noch vom letzten Jahr als wir dort herunterkamen.

Viele Grüsse und weiter so, freue mich auf Deine nächsten Bergfahrten.

Sputnik

Bergfrosch hat gesagt: RE:Hoppla !
Gesendet am 6. Juli 2009 um 23:10
Danke Sputnik für das Lob (oder ist das doch sarkastisch gemeint...). Ich muss sagen, ich sehe die Sache selber etwas kritisch, eine besonders schlaue Routenwahl war das nicht. Naja, immerhin hab ich niemanden außer mich selbst gefährdet. Die Kletterei war schon sehr anregend und ich bin auch glücklich, dass ich's geschafft habe...aber ab und an hab ich die Wand runtergeschaut und gedacht: Wenn dein Schuh jetzt abrutschst bist du weg. Scheiß Gefühl. Auf dem Gipfel hab ich mich dann sehr lebendig gefühlt.
Was meinst du dazu?

Sputnik Pro hat gesagt: Gross Seehorn
Gesendet am 7. Juli 2009 um 14:57
Hi Bergfrosch,

Nein ich staunte nur über den Sologang, finde es wirklich ein tolle Leistung. Solch heikle Situationen kenne ich besonders von den grasig-steilen Voralpengipfel - da habe ich manchmal auch schon gedacht "nur nicht fallen, einfach ganz konzentriert weitergehen". Aber danach hat man, wie Du es selbst schreibst, ein ganz beonders tolles Gipfelerlebnis :-)


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