Über Obersäss Nideri, Rappenloch und den Selun Ostgrat auf den Selun


Publiziert von ossi , 2. Juli 2009 um 19:37.

Region: Welt » Schweiz » St.Gallen
Tour Datum:18 Juni 2009
Wandern Schwierigkeit: T6 - schwieriges Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: Churfirsten   CH-SG 
Zeitbedarf: 6:00
Aufstieg: 1000 m
Abstieg: 1300 m
Strecke:Selamatt-Frümseltal-Obersäss Nideri-Silberi Südwand-Rappenloch-Selun Ostgrat-Selun-Alt. St. Johann
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Gondelbähnli
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Postbus Alt St. Johann
Kartennummer:1:25000 Walensee, SAC Kletterführer "Churfirsten, Alvier..."

Die alpine, unkoventionelle Art, von Norden über einen Umweg nach Süden über den Ostgrat westwärts den Selun zu besteigen: hübsche Tiefblicke sind garantiert.

Als ich diesen Bericht gelesen hatte, da wusste ich bereits: Die Besteigung dieses Ostgrates auf den Selun würde keine Frage des Wollens, sondern eine Frage des Müssens, ja eine ethisch-moralische Aufforderung, ein kategorischer Imperativ sein...

Frümseltal, T3: Von der Selamatt folgt man den Wegweisern Richtung Brisi, um genau am Einstieg auf den Pultrücken des Brisis dem Wegweiser und den Markierungen ins Frümseltal zu folgen: Schrittweise wird die Welt rauher, scharfkantige Schratten lösen die Vegetation ab, bis man zuhinterst über griffiges Blockgelände die Obersäss Nideri zwischen Brisi und Frümsel erreicht. Die Route ins Frümseltal ist markiert, T3. Bei hoher Schneedecke verschwinden die Zeichen im Schnee und man läuft da und dort Gefahr, in den stark ausgewaschenen Schratten mit dem Bein in einem Loch stecken zu bleiben.

Querung Frümsel Südwand, T6: Nun wird's adrenalintechnisch ein erstes Mal etwas interessanter. Von der Obersäss Nideri quert man auf abschüssigen, mit losem Gestein bedeckten Grasbändern unter der Frümsel Südwand hindurch, bis man eine schmale, Geröll gefüllte Rinne erreicht, die von der Silbergrube herabführt (eine Einsenkung zwischen Frümsel und Silberi): Bis hierher je nach Routenwahl so T5/T6, keine Wegspuren. Die kurze Kletterei (ca. 3m) in besagte Rinne gelingt mir nicht restlos ästhetisch und gestaltet sich kurz etwas heikel (T6). Nach Querung der Rinne werden plötzlich diskrete Wegspuren sichtbar und ich folge zusehends leichter dem Weglein auf einen markanten Grassattel unter die kompakte Silberi Südwand.

Silberi-Rappenloch, T6: Von der Silberi Südwand steigt man erstmal so ca. 70m auf guter bzw. immer besser werdender Wegspur ab (T5), wendet sich schiesslich in Richtung Selun Südwand und nähert sich dieser auf abermals abschüssigen Grasbändern. Die Querung ist hier allerdings etwas angenehmer als unter der Frümsel Südwand, T5. Bevor man unter der eigentlichen Südwand des Seluns steht, sondern vielmehr unter dem Südpfeiler des Selun Ostgipfels, erblickt man einen für hiesige Verhältnisse gut erreichbaren Graskessel ein Stück oberhalb, in welchen man aufsteigt. Auf Wegspuren wird der Kessel an dessen rechtem Rand erstiegen, bis man schliesslich, immer noch recht deutlichen Spuren folgend, an dessen oberem Ende nach links über einige hübsche Schrofen aufs oberste Grasband geführt wird (hier Abseilring, abseilen ca. 20m). Dieses  Band endet in der Einsattelung zwischen Selun Ostgipfel und Frümsel, dem Rappenloch (T6). Siehe dazu auch in der Bilderreihe unten.

Selun Ostgrat, T6: Wahrlich ein Vorzeige-T6-Grat für eher kletterorientierte T6- Freunde, über mangelnde Aussichten braucht man sich auch nicht zu beklagen. Den ersten Teil besteigt man direkt über den Grat, bis man wenig hoffnungsvoll unter einem etwa 40m hohen Bollwerk aus Fels steht. Auf Wegspuren weicht man in die Südwand aus, wo bald der Blick frei wird auf eine ca. 40m lange Verschneidung, die elegant wieder auf den Grat zurück führt. Die ersten guten 5m dieser Verschneidung stellen auch gleich die Schlüsselstelle dar und verlangen herzhaftes, engagiertes Zupacken (III). Zur Vorsicht mahnen muss man hier nicht zwingend, darauf kommt man nämlich ganz von selbst ;) Wer die Schlüsselstelle gemeistert hat, darf sich die restlichen 33m guten Gewissens auch noch zumuten. Im Kletterführer sind zwei Abseilstellen eingezeichnet, Eine hab ich gesehen (habe aber auch nicht speziell darauf geachtet). Anschiessend geht's dem Grat folgend in nunmehr genüsslicher Kraxelei auf den Selun Ostgipfel.

Ostgipfel-Selun, T5: Die Überschreitung zum Hauptgipfel sieht auf den ersten Blick sehr ausgesetzt und recht anspruchsvoll aus, entpuppt sich dann aber als gut zu meistern und vergnüglich zu klettern (max. II).

Die Ruhe an diesem Donnerstag und die Freude über bestandene Tour waren gross und so verweilte ich noch eine Zeit lang auf dem Gipfel. Anschliessend führte mich mein Weg über den breiten Gipfelrücken zum grossen Sendemast, weiter zum Beizli beim Wildmannlisloch und auf hübschem Waldweg hinunter nach Alt St. Johann.

Tour im Alleingang.



Tourengänger: ossi

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31 Jan 10
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Kommentare (8)


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lorenzo hat gesagt: chapeau!
Gesendet am 3. Juli 2009 um 10:08
A propos kategorischer Imperativ: da kommt man ja selber in Zugzwang...

mde hat gesagt: Über alle 7 klettern...
Gesendet am 3. Juli 2009 um 16:05
Also die Silbergrube hat mich, besonders beim ersten, aber auch jedes weitere Mal ziemlich beeindruckt...

Um noch etwas zu den Imperativen hinzuzufügen: ein solcher wäre die direkte Ost-West-Traverse der Churfirsten: Tristencholben E-Wand (6a) - Chäserrugg - Hinterrugg - Schibenstoll E-Wand (3c) - Zuestoll E-Wand (5c) - Brisi E-Wand (6b) - Frümsel S-Grat (3a) - Selun E-Grat (3c). Es sind rund 15 SL "richtige" Kletterei, plus einiges an Abseilerei und natürlich auch T6-Action.

ossi hat gesagt: RE:Über alle 7 klettern...
Gesendet am 3. Juli 2009 um 18:37
Da wäre ich dabei, ist auch eines meiner Projekte. Und wie alle meine Pendenzen hat auch diese schon etwas Patina angesetzt...

Delta Pro hat gesagt: Für diese Tour...
Gesendet am 3. Juli 2009 um 22:14
... hast Du die Gold- und nicht die Silberi-Medaille verdient!
War auch schon seit längerem eines meiner Projekte, der Silberi-Südanstieg. Schön ist sie, die Ostschweiz!
Gruss Delta

ossi hat gesagt: RE:Für diese Tour...
Gesendet am 3. Juli 2009 um 22:33
Danke, Selun Ostgrat ist aber ursprünglich Deine Idee. Den Silberi könnte man übrigens überschreiten. Habe das Gefühl, dass der Abstieg nach Süden (also Aufstieg von Norden) trotz der Schwierigkeiten übersichtlicher ist als in die andere Richtung.....(?)

Alpin_Rise Pro hat gesagt: Emanuel
Gesendet am 3. Juli 2009 um 23:09
Kant und Ossi, was für ein Duo, gratuliere!
Der Aufstieg von Süden auf den Silberi sollte möglich sein, der Abstieg nach Norden ebenfalls. Ein exklusiver Gipfel!

Piperi hat gesagt: ...das Gipelbuch...
Gesendet am 17. August 2009 um 12:40
Hoi Ossi, war gestern an der neuen Route am Selun Südpfeiler. Habe gesehen dass der Deckel der Gipfelbuchbox nicht mehr vorhanden ist und dein Aufstieg über den Ostgrat der letzte Eintrag war. Kann es sein dass die Box nicht sauber deponiert wurde.........Schade! Werde demnächst eine neue Box installieren. Gruss Piperi

ossi hat gesagt: RE:...das Gipelbuch...
Gesendet am 17. August 2009 um 14:41
Nee, kann nicht sein. Da haben andere wohl reingeguckt. Dennoch danke für Deine Mühe und Gruss.


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