Eine Runde POKER am CHLI GLATTEN


Publiziert von mde , 29. Juni 2009 um 14:17.

Region: Welt » Schweiz » Uri
Tour Datum:28 Juni 2009
Wandern Schwierigkeit: T3 - anspruchsvolles Bergwandern
Klettern Schwierigkeit: 7b (Französische Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-UR   Ortstockgruppe 
Zeitbedarf: 6:00
Aufstieg: 600 m

Eigentlich hatten wir ja Grösseres vor, aber nachdem der Morgen alles andere als rosig war und zudem so ziemlich sämtliche Felsen im Glarnerland tropfnass, blieb schliesslich ein Besuch am Chli Glatten als eine der letzten Alternativen. Mit der 7-SL-Route POKER hatten wir uns ein nettes Sonntagsprogramm mit maximalen Schwierigkeiten im 7a+ bis 7b-Bereich ausgesucht, und sowieso war die irr steile Linie den Überhängen sei Dank das so ziemlich trockenste Stück Fels weitherum.

Nicht, dass die Situation auf dem Klausenpass besonders erbaulich gewesen wäre: alle Wände waren schwarz vor Nässe und so blieb nichts anders übrig, als erst mal 1.5 Stunden, die man statt früh aufzustehen eindeutig gescheiter zuhause im Bett verbracht hätte, bei Kaffee und Nussgipfel zu verschwatzen.

Immerhin besserte sich die Situation zwar langsam aber immerhin stetig, so dass wir um 10.15 Uhr schliesslich aus dem Wirtshaus traten und, glykämisch gut aufgeladen, die gut 350 Höhenmeter Zustieg zum Gelben Pfeiler des Chli Glatten in einer knappen halben Stunde hinter uns brachten (T3). Es konnte also losgehen mit dem Poker, und zwar wie folgt:

SL 1, 35m, 6a+
: Spätestens hier ist endgültig Schluss mit Wirtshausgemütlichkeit und der letzte Schlaf wird augenblicklich aus den Augen gewischt. Fulminant startet die Kletterei. Die Absicherung ist auf den ersten knapp 25m mit nur 3 Bohrhaken anspruchsvoll, ja im Prinzip sogar eher gefährlich. Zwischen dem 1. und 2. BH findet sich noch ein gutes Placement für einen Camalot 1 - dieses nicht verpassen, sonst droht aus >10m ein Grounder - danach muss man sich einfach durchbeissen. Die Kletterei ist nicht überaus schwierig, doch sehr lohnend und anhaltend, und zudem ist alles ein bisschen schräg und abwärts geschichtet.

SL 2, 45m, 6b+: Vom Stand nach rechts in etwas einfacherer Kletterei zum ersten BH nach ca. 7m. Steht man mit den Füssen auf Hakenhöhe, so folgt eine Sequenz von etwas schwierigen und unangenehmen Aufrichtern, bevor der nächste Karabiner einschnappt. Danach nochmals einige gemütlichere Meter, bevor man nach links ins steile Gelände quert. Leicht überhängend muss hier an ziemlich kleinen Leisten schon ordentlich geriegelt werden, die Absicherung ist aber sehr gut.

SL 3, 30m, 7a: Links auf dem Pfeiler geht es in schöner Kletterei aufwärts, zuletzt mit einem kleinen Runout bis unter den Dachriegel, ca. 6b. Der BH über dem Dach ist nicht ganz trivial zu klippen, und dann geht es gleich los mit der Schlüsselstelle: diese kann man als "tres bloc" bezeichnen, findet sich doch oberhalb der Dachkante vorerst kein wirklich schlauer Griff mehr... Meine onsight-Ambitionen wurden jedenfalls jäh gestoppt und erst nach einigen Versuchen fand ich eine für mich kletterbare Sequenz, die aber den 7a-Rahmen eher sprengt. Das blosse Hochkommen an dieser Stelle ist aber nicht weiter schwierig, da oberhalb nochmals 2 BH in kurzem Abstand folgen.

SL 4, 40m, 6a: Vom Stand gerade hoch (Haken gut sichtbar), vorbei an 2 grossen Schuppen, die nicht so besonders gut verankert scheinen. Dann über einen Wulst hinweg und in sehr schöner Kletterei im 6a-Bereich immer leicht rechtshaltend zum Stand unter dem nächsten Dachgürtel.

SL 5, 20m, 7a+/7b: Die Cruxlänge startet mit einem kleinen Runout, der aber noch keine Schwierigkeiten bietet. Dann will aber ein erster Dachriegel überwunden werden: der Charakter der Kletterei ist hier athletisch, jedoch an Auflegern und somit ziemlich tricky. Einfach zu onsighten ist das nicht und prompt gerate ich nach dem 3. BH falsch an einen Sloper, was sich nicht mehr ohne ins Seil zu sitzen korrigieren lässt, grrrr! Nach kurzem Auschecken geht die Sequenz aber frei und mit einem kurzen Quergang erreicht man ein letztes, steiles Pfeilerlein, über welches der nächste Stand erreicht wird. Athletisch und feingriffig ist die Kletterei dort, d.h. es gilt Tropflöcher und Knobs zu krallen, für die allerletzten Moves zum Stand ist dann auch noch etwas Engagement nötig. Ansonsten ist diese SL mit Abständen in Kletterhallenmanier abgesichert, es kann gut geklettersteigelt werden. Noch zur Bewertung: mit einer Kombination von "gewusst wie", etwas Bewegungstalent und Ausdauerkraft kommt man hier sicher zum Erfolg. Um eine gute Schätzung abgeben zu können, müsste ich die Länge zwar erst rotpunkt klettern, aber irgendwo zwischen hart 7a, 7a+ oder leicht 7b ist diese SL einzuordnen.

SL 6, 20m, 6b+: Es folgt eine sehr schöne Plattenseillänge mit einigen heiklen Passagen. Nach dem 2. von 3 BH befindet sich die Vorstiegscrux der ganzen Route. Das Maillon Rapide (6mm) am 2. BH lässt schon ungutes erahnen, und zudem verunmöglicht es, einen Karabiner ins Plättli einzuhängen. Ziemlich nervig, dass man hier, beim entscheidenden Runout noch auf eine Verankerung mit wegen dem Maillon massiv verminderter Festigkeit vertrauen muss. Falls jemand die Route wiederholt, bitte einen Engländer o.ä. mitnehmen und das Maillon entfernen! Mit der richtigen Linienwahl, erst gerade hoch und erst auf Höhe des 3. BH nach rechts zum Haken queren, ist die Sache aber gut machbar.

SL 7, 35m, 6a+: Vom Stand etwas einfacher gerade hoch bis unter den finalen Dachriegel, dann kurze Querung nach links und aufwärts zum Ausstieg. Diese SL ist nicht schlecht, der Fels ist aber nicht mehr top wie in den vorangehenden Längen.

Abseilen: mit 4x Abseilen, immer schön gerade runter, erreicht man vom letzten Stand wieder den Wandfuss. Zuerst ca. 35m an den vorletzten Stand von Harakiri, dann ca. 40m an einen separaten Abseilstand. Nun ca. 48m zu einem Abseilstand an der Seitenwand der grossen Verschneidung, und nochmals etwa 35m auf den Boden.

Material: die Route ist, mit Ausnahme der ersten Hälfte der 1. SL und der 6. SL, gut, an den schwierigen Stellen sogar sehr gut abgesichert. Der obligatorische Grad liegt wohl so um 6b herum. 10-12 Express sind im Prinzip ausreichend. Zusätzliche Sicherungen lassen sich mit Ausnahme der Stelle in der 1. SL (dort: Camalot 1) und zu Beginn der 7. SL (dort: mittlerer Kk, jedoch nicht schwierige Kletterei) kaum anbringen.

Als wir wieder am Wandfuss sind, öffnet der Himmel mit einem doch ziemlich intensiven Schauer seine Schleusen. Wir können unter einem Überhang etwas unterstehen und schon bald ist's besser. Dennoch: von 5 Touren, die ich diese Saison in der Klausenregion unternommen habe, endeten 4 und somit 80% mit Regentropfen. Immerhin jedes Mal erst dann, wenn der letzte Meter bereits geklettert war :-).

Die Gegend um den Klausenpass präsentiert sich an feucht-labilen Tagen allerdings schon häufig ziemlich wolkenverhangen und auch das Risiko für einen Schauer mag daher höher sein als in anderen Gebieten. Zu meiner schlechten Statistik trage ich aber auch selber bei: an den Klausen geht's halt meistens dann, wenn das Wetter zwar gerade so für eine halblange Unternehmung taugt, für die wirklich grossen Sachen aber zu schlecht ist.


Tourengänger: mde

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Kommentare (3)


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nadirazur hat gesagt: Toll !
Gesendet am 30. Juni 2009 um 13:48
... aber sag mal, WANN zeichnest Du eigentlich diese super Topos?

Superschöner Bericht, man hat das Gefühl, gleich mitzuklettern, obwohl es weit über meiner Reichweite liegt ... Danke!

Liebs Grüessli, Noemi

mde hat gesagt: Topo zeichnen
Gesendet am 30. Juni 2009 um 14:23
Hoi Noemi,

Danke Dir!

Die Topos zeichne ich tatsächlich BEIM Klettern. Oder genauer: während dem Sichern. Wenn ich Nachsteiger sichere, so verwende ich eine automatisch blockierende Bremse (Plättli, Reverso, ...). Da hat man schon zwischendurch etwas Kapazität zum Zeichnen.

So braucht es nur noch ein Blatt Papier, das ist aber kein Problem, denn eine Topokopie habe ich sowieso immer griffbereit. Und natürlich noch einen Stift, also den nehme ich wirklich extra zum Topozeichnen mit!

Mit Sichern, Zeichnen, Fotografieren, Aussicht geniessen und Weiterweg studieren ist dann meine Zeit am Stand gut ausgelastet... In schwierigen Touren, wo der Nachsteiger sich auch etwas abmühen muss, bleibt aber eindeutig mehr Zeit zum Zeichnen.

Und falls schon ein gutes Topo existiert, so ergänze ich jeweils einfach die Kopie - manchmal lasse ich das Zeichnen auch ganz weg (z.B. immer dann, wenn ich den Stift zuhause vergessen habe ;-)).

Nach dem Klettern ergänze ich dann uU punktuell noch einige Dinge, d.h. Strukturen, den Lineal links, oder so. Braucht nicht mehr als 2 Minuten und fertig ist ein Top-Erinnerungsstück!

jsp hat gesagt: RE:Topo zeichnen
Gesendet am 3. Juli 2009 um 17:51
WAS??? Ich zittere mich eine 6b hoch, und du zeichnest während dem Sichern noch Topos? Zum Glück habe ich das vorher nicht gewusst... :-)
War 'ne super Tour!


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