Roter Stein (2366 m), Suwaldspitzen (2155 / 2159 m) und mehr


Publiziert von ju_wi , 23. Juni 2009 um 00:21.

Region: Welt » Österreich » Nördliche Ostalpen » Lechtaler Alpen
Tour Datum:13 Juni 2009
Wandern Schwierigkeit: T4- - Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: A 
Zeitbedarf: 8:15
Aufstieg: 1600 m
Abstieg: 1600 m
Strecke:14,8
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Auto P Berwang
Unterkunftmöglichkeiten:Lähn Hs. Bleispitze
Kartennummer:Kompass 24 Lechtaler Alpen/ Hornbachkette

Der Rote Stein (2366 m) ist eine der dominierenden Berggestalten von Berwang und dem Außerferner Tal. Nachdem wir bei der Gartnerwand-Überschreitung das erste Mal mit Sehnsucht dorthin geblickt hatten, wollten wir diesmal seinen felsigen Gipfel erreichen. Neben gut gangbaren Steigen wird im DAV-Führer Lechtal als "Ungewöhnliche Tour für Erfahrene" eine lange Grattour zum Roten Stein über die Suwaldspitzen beschrieben, die wir uns als Höhepunkt des verlängerten Wochenendes vorgenommen hatten.

Über dem Berwanger Tal ragt er als Pyramide schön auf, so hatten wir den Roten Stein schon am Fronleichnams-Donnerstag von Berwang wahrgenommen. Doch heute am Samstag wollten wir ihn besteigen, und dabei einige Gipfel mitnehmen, was uns einerseits gelang - andererseits auch nicht ganz gelang...

Nein, auch der im DAV-Führer beschriebene mind. 5 Stunden Anstieg über die Suwaldspitzen wollte uns nicht reichen - zu sehr lockte uns der "kleine" Abstecher über den Hönig und das Joch. Das kann doch nur 'ne halbe Stunde bis Stunde mehr sein. Das passt noch ... Was wir da noch nicht wussten: Der in der Karte angedeutete Direktanstieg von Berwang auf den Hönig, der auch als Alternativabstieg vom Hönig im DAV-Führer erwähnt ist, EXISTIERT NICHT.

Es fängt eigentlich in Berwang ganz gut an. Nachdem wir das Auto direkt am Ortseingang Berwang  von Bichlbach kommend links an den Hönigliften geparkt haben, gehen wir einen gemähten Wiesenweg zunächst im Bogen zurück zur höhergelegenen Ortskirche hinauf. Als "Rundweg Berwang" ausgewiesen folgt auch von hier in der richtigen Richtung ein gut präparierter in der üppigen Blumenwiese gemähter Weg. Er führt uns in ein paar Serpentinen einen kleinen Hügel hinauf zu einer Lifthütte. Auch weiter auf den Hönighang zu führt der Rundweg Berwang und bringt uns so nochmals an die 100 Hm weiter hinauf zu einer Lifthütte mit größerem Platz. Doch hier ist Ende - wir hatten es schon gedacht, dass es so komfortabel kaum weitergehen kann. Der Rundweg führt brav wieder hinab von hier. Wie geht es für uns weiter?

Hier und da bilden wir uns ein, Trittspuren im steilen Krauthang zu erkennen, doch das täuscht. Zunächst versuchen wir unter einem noch etwas höher hinaufführenden Lift aufzusteigen, doch das ist im nassen, schmierigen Kraut unmöglich - wir rutschen immer wieder zurück - einfach zu steil. Es hat auch noch die ganze Nacht nach Abendgewitter geregnet :-(

Aufgeben? Nein, nicht so schnell. Links ist etwas Wald. Mit sehr viel Mühe (wir sind hier noch fast 600 Hm unter dem Gipfel !) kämpfen wir uns Schritt für Schritt im nassen hohen Kraut unter Nutzung der Bäume und Büsche Meter für Meter empor. Stückweise geht es dann sogar, aber immer wieder sind echte Kraftakte zu leisten, wenn kurz eine steilere Stufe kommt. Irgendwann kommt dann links auch die Kante dieser steilen SO-Rippe des Hönigs hervor. Wir halten lieber etwas Abstand zu ihr, denn hier wird das Gelände nochmals deutlich steiler und wir wollen nicht im feuchten Gras da runterrutschen. Das im wahrsten Worte "mieseste" Stück dieses furchtbaren Aufstiegs - der zu keiner Zeit irgendwelche menschlichen Spuren erkennen lässt - stellt ein sehr steiler völlig erdig-morastiger Hang auf ca. 1700 m Höhe dar, an dem selbst das Kraut von  gerutschten Tierspuren weggerissen ist. Aber wir haben schon den Point-on-no-return auf diesem Hang passiert und kämpfen uns irgendwie ganz langsam und mit allen Büschen, Ästen, die wir in die Finger kriegen, auch diese Meter hoch. Der Hang wird danach zwar kaum flacher, aber es kommen einfach ein paar Büsche mehr zum Hochziehen dazu. So gelangen wir MÜHSAM weiter bis auf knapp 1850 m. Dann auf einmal der Ausstieg über eine kleine Stufe ins Freie - d.h. aus den Büschen ins pure Steilgras. Geschafft!! Die verbleibenden 200 Hm zum Kreuz sind nun auf der hier etwas flacheren Schulter zu übersehen. Obwohl es immer noch mächtig steil und anstrengend bleibt, ist uns hier klar, dass wir den Rest deutlich einfacher hinter uns bringen können. So stehen wir - trotz der Tortur - nach 1:45 Stunde am schönen, großen Gipfelkreuz des Hönig (2034 m). Die Bewertung dieses (absolut nicht zu empfehlenden !) Aufstiegs fällt schwer, denn es ist weniger die objektive Gefahr, als mehr die Riesen-Anstrengung, die erforderlich ist, aber sicher auch eine große psychische Belastung, da man in kaum zu schaffendem, rutschigen Gelände, völlig orientierungslos im Wald und nur dem Hang nach aufsteigt, ohne zu wissen, was einen die nächsten Meter erwartet und ob das Ganze an einer Abbruchkante endet. Daher habe ich mich für eine T4- entschieden.

Vom Hönig folgt ein schöner ca. 1 km langer ausgeprägter Grasgrat bis zum Sonnberg-Sattel mit recht scharfer Schneide, der aber technisch nicht sehr anspruchsvoll und gut zu gehen ist. Etwas Schwindelfreiheit sollte natürlich vorhanden sein (T3 / T3+). Nach mäßigem Ab in einen schwach ausgeprägten Sattel folgt schon 10 Minuten nach dem Hönig der Anstieg auf dem Grat zu unserem 2. Tagesgipfel, dem Joch (Sonnberg) mit 2052 m. Ein kleines Kreuz schmückt diesen Gipfel, der den höchsten Punkt des Steilgras-Bergzugs darstellt. Kurz danach folgt noch ein Kreuz, das sogenannte "Wetterkreuz", das aber an keinem Gipfel im Grat steht. Dann erreichen wir den Sonnberg-Sattel (1944 m).

Die Mega-Tortur des Hönig-Aufstiegs hat richtig Kraft und Motivation gekostet und längst haben wir schon unseren Ursprungsplan der langen, geplanten Suwaldspitzen-Grattour in Frage gestellt. Warum biegen wir hier am Sattel nicht einfach links ab ins Kar und gehen gemütlich den Normalanstieg zu dem in der Sonne glitzernden Fels des Tagesziel Roter Stein. So schön und verlockend wirkt der gut einsehbare Serpentinenanstieg in der steilen W-Flanke. Andererseits ist Richtung Suwaldspitzen doch auch ein überraschend gut erkennbarer Steig zu sehen. Wir können ja wenigstens mal dahin und dann sehen wir uns den Grat an.

Als dann überraschend im Sattel auch noch ein Schild "Vordere Suwaldspitze 45 min." zu dem nach DAV-Führer und Karte nur weglosen Berg weist, ist klar, dass wir wenigstens die 1. dieser Spitzen noch besuchen werden. Also weiter südlich am Grat zwischen ein paar Latschen durch, etwas Auf und Ab in die östliche  Karflanke und wieder über den Grat in die W-Seite der Vorderen Suwaldspitze führt ein guter, kleiner Steig durch Gras, Geröll und ein paar Schrofen angenehm in der W-Seite querend leicht empor. So passieren wir den Gipfelaufbau und der Weg biegt mit dem Berg etwas nach links. Etwas unübersichtlich wird es hier, da mehrere Trittspuren sich verlaufen. Dennoch können wir einer etwas empor führenden kleinen Spur noch folgen und steigen auch auf der S-Seite wieder am Gipfelkreuz vorbei. Wir kreisen den Berg ein. Am Kreuz sitzen 2 Bergsteiger, die auf unser Achselzucken einen Luftbogen beschreiben und uns so zu verstehen geben, das der Bogen zum Ziel führt. Mit dieser Hilfe sehen wir dann auch bald den Knick der "Trittspur" und es geht im schrofigen Gelände (T3 bis T3+ praktisch Gehgelände; nur kaum mal die Hände zu benutzen; leichter als I aber in der Orientierung etwas Übung nötig) schnell zum Kreuz und damit der Vorderen Suwaldspitze (2155 m).

Vom Gipfel hat man eine sehr schöne Sicht auf die ganze Loreagruppe, den Roten Stein, die Namloser Berge mit der markanten Namloser Wetterspitze und dem Seelakopf, Schlierewand. Er ist daher auch als Bergziel alleine lohnend. Außerdem erkennt man, dass der Weiterweg zur nahen Hinteren Suwaldspitze und dem Hohen Schrofen wenig schwierig ist. Díe geplante Fortsetzung, d.h. der Grat zur Steinmandl-Spitze und vor allem der Grat von dort zum Roten Stein sehen dann schon etwas anspruchsvoller aus. Wir gehen jedenfalls am Grat - nun wirklich weglos - erstmal weiter südlich und erreichen über schrofiges Gelände (T3+) bald die ein klein wenig höhere Hintere Suwaldspitze (2159 m). Lange überlegen wir hier, wie wir fortsetzen. Der erste Teil des Grates zur 200 m höheren Steinmandlspitze sieht nicht zu schwer aus. Er ist zwar etwas schrofig und zackig, aber das Gelände wirkt nicht bedrohlich. Der 2. Teil, in dem es vor allem bergauf geht, wird von einer steilen südseitigen Grasflanke mit nördlicher Abbruchkante gebildet (à la Plattberg oder Gartnerwand), die eigentlich auch zu machen sein sollte, aber von hier schon nicht mehr so gut übersehbar ist. Aber was erwartet uns dann? Der Grat von Steinmandlspitze zum Roten Stein ist nach DAV schon mit 2 und ausgesetzt bewertet - aber es gibt ja auch einen Abstieg mit Gegenanstieg nach O durch das Kar. Aber wird das alles dann nicht langsam zu weit und spät. Wir haben ja schon einige Körner gelassen. Vor allem wäre es schade, wenn wir dann nicht unser Tagesziel erreichen...

So entscheiden wir uns nach langem Hin und Her für den Rückzug zum Sonnberg-Sattel, um den Roten Stein über den Normalweg zu begehen. Mich würde sehr interessieren: Ist schon jemand den Grat über Suwaldspitzen gegangen ??? Also zurück zur Vorderen Suwaldspitze und in die Querung Richtung Sattel. Noch vor dem Sonnberg-Sattel, sobald wir aus der W-Seite den Grat erreichen, verlassen wir den Steig und kürzen weglos rechts ab durch das Kar. Hierzu steigen wir im Steilgras und erdigen Gelände (darin sind wir ja nun wirklich geübt) zu einem Bach oberhalb des Älpele ab. Durch viel Kraut, ein paar Latschen und ein paar Geröllrinnen kraxeln wir GPS-unterstützt quer zum deutlichen Pfad des vielbegangenen Aufstiegsweg. Wir sind auf 1750 m und haben noch gut 600 Hm zum Gipfel zurückzulegen. Da wir beide nicht mehr so frisch sind, drosseln wir nun ein wenig das Tempo und marschieren im langsamen Trott auf dem steieln Steig gen Gipfel. (Wir sind dann oben überrascht, das der langsame Trott immer noch 500 Hm / Stunde brachte...) Jedenfalls ist der Anstieg im Gras und Geröll problemlos - ein (fast) Jedermanns-Weg. Wegen der Steilheit und etwas (nur wenig) Ausgesetztheit bzw. Steilhang im obersten Teil ist er wohl mit glatt T3 richtig bewertet. Auf gut 2000 m Höhe passiert man links auf einer Schulter ein Kreuz mit Gedenktafel (im Abstieg gehen wir auch kurz dorthin). Wir genießen derweil im Aufstieg die Blicke in das Rund der schon bestiegenen Berge, d.h. dem Hönig und Sonnberg hinter uns, sowie den Suwaldspitzen schräg rechts. Außerdem betrachten wir natürlich in der ständig wechselnden Perspektive die nicht begangenen Grate. Wie erwähnt führt der Steig am Schluß nochmal durch etwas schottriges und an ein paar Stellen auch leicht schrofiges Gelände - hier nahe der N-Grat-Kante, bis wir den gratförmigen Gipfel mit Kreuz des Roten Stein (2366 m) betreten. Es lockt der Blick nach O auf die herrlcihe Gartner-Wand und dahinter die Mieminger sowie das Wetterstein. Allerdings ist es - entgegen der Wettervorhersage - doch etwas wolkig und ganz frei ist der Blick daher nicht.

Wir überlegen kurz, ob wir den Berg noch überschreiten sollen, d.h. über das Bichlbacher Jöchl nach O absteigen, was lt Führer einen Tick schwerer sein soll - auch mit ein paar Drahtsicherungen - als der W-Anstieg. Wegen des dann deutlich längeren Hatschers die Straße nach Berwang zurück lassen wir das aber sein und kehren auf den Serpentinen wieder gen Älpele hinab.

Auf 1750 m passieren wir wieder die Stelle, wo wir beim Aufstieg weglos auf den Pfad gestoßen waren und folgen jetzt weiter dem markierten Steig hinab Richtung Berwang. Es wird zunehmend grasig und feucht. der Weg verläuft durch sehr üppiges Grün mit toller Blumenvegetation. Im unteren Teil sind dann nach dem schneereichen Winter derart viele Lawinenkegel und von einem Ausmaß, wie wir es überhaupt noch nie gesehen haben, zu überqueren. Wir fragen uns beim Hauptstrom, der von den vielen steilen Grashängen rechts und links gespiesne wurde, ob er überhaupt im Sommer wegschmilzen wird. Mit der vielen Erde auf dem Schnee sind die breiten Lawinenkegel aber mit Bergschuhen gut begehbar - obwohl ich auf einem ausrutsche und mich auf die Nase lege...

Nach einem letzten Megakegel verzweigt der Weg. Wir halten uns links und gelangen nun horizontal bald auf ein Teersträßchen und vorbei an einigen Pensionen bald zu unserem Parkplatz zurück.

Tourengänger: ju_wi

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Geodaten
 807.gpx Roter Stein nach Hönig und Suwaldspitzen

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Kommentare (3)


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gero Pro hat gesagt: Tolle Beschreibung ...
Gesendet am 23. Juni 2009 um 11:41
.... Eurer langen und anstrengenden Tour!
Ich hatte mir den Roten Stein auch schon vorgenommen - aber dann kam irgendwas dazwischen. Jaja, ich gehe einfach zu WENIG in die Berge - wöchentlich 3x könnten es schon mindestens sein :-) !

Beste Berggrüße, Georg

ju_wi hat gesagt: RE:Tolle Beschreibung ...
Gesendet am 24. Juni 2009 um 07:30
Hi Georg,
vielen Dank. Ja wir sind nicht gerade klassisch aufgestiegen. Eigentlich ist die Überschreitung des roten Stein vom Bichlbacher Jöchl mit Abstieg nach Berwang eine schöne. relativ einfache, mittellange Tagestour. Aber wenn Du es noch nicht gemacht haben solltest: Eine echte - etwas längere - Traumtour ist die Überschreitung der Gartnerwand.

Beste Grüße, Jürgen

sven86 hat gesagt:
Gesendet am 25. September 2011 um 17:49
Hallo,

Ich weiß nicht, ob es dich jetzt, nach 2 Jahren, noch interessiert: "Ist schon jemand den Grat über Suwaldspitzen gegangen ???" Ja:
http://www.hikr.org/tour/post40851.html

Ich würde mich übrigends sehr über weitere Publikationen von Dir freuen- die bisherigen Berichte waren für meine Planungen eine große Hilfe- an dieser Stelle nochmals Danke dafür!

Viele Grüße
Sven


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