Val Bavona: Cranzünasc, Corte di Fondo 1459m - oder die verlorene Camera


Publiziert von Seeger Pro , 21. Juni 2009 um 00:28.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Locarnese
Tour Datum:17 Juni 2009
Wandern Schwierigkeit: T3 - anspruchsvolles Bergwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   Gruppo Pizzo Biela 
Zeitbedarf: 6:00
Aufstieg: 900 m
Abstieg: 900 m
Strecke:Fontana 616m - Brücke del Chiall 580m - Punkt 855m - Cranzünasc, Corte di Fondo 1459m - gleicher Weg zurück
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Anfahrt: Ö.V: Mit FART von Locarno nach Bignasco, Postauto nach Fontana (Sommerbetrieb, wenige Verbindungen) Auto: Locarno-Ponte Brolla-Cevio-Bignasco-nach der Brücke scharf nach links Richtung Val Bavona - etwa 200 m vor Fontana linkerhand Parkplatz an der Strasse auf Höhe der Brücke über die Bavona
Zufahrt zum Ankunftspunkt:dito
Unterkunftmöglichkeiten:Einkehr: Restaurant Grotto di Baloi in Fontana und Restaurant “Froda” in Foroglio Hotel und Restaurant: Albergo Posta, Cavergno und Albergo Turisti, Bignasco
Kartennummer:1271 Basodino, 1291 Bosco/Gurin

Sie hiess „Cadanzuno“ und wurde von einem gewissen Herrn Magoria an die Gemeinde Bignasco verkauft. Verbrieft vor hunderten von Jahren: Eine der Hungeralpen im Val Bavona. Ganz am Eingang des Tales, südwestlich von Fontana. Vom Ristorante di Baloi ist der Aufstieg rechts des breiten 500 m hohen Wasserfalles des Ri di Cranzünasc nur zu erahnen. Da hinauf? Nie im Leben!
Und doch: Bei genauerem Hinsehen entdeckt man bewaldete Querbänder. Dank diesen erreicht man dank einem gut unterhaltenen, jedoch nicht bezeichneten, Weg mit etwas Pioniergeist und „Gschpüri“ für Tessiner Wege den sechs Quaddratkilometer grossen Talkessel der mit Schafen bestossenen Alp, dessen Corte di Cima sich auf 2040 m befindet und wo ein alpiner Übergang – Bocchetta di Cerentino 2316 m – nach Bosco Gurin führt.
 
Ich steige die wenigen Metern von der Talstrasse zur elegant geschwungenen zweiteiligen Brücke „Del Chiall“ hinunter. Das Gatter schliesst sich „automatisch“ hinter mir. In den Überschwemmungen von 1987 wurden die Aufsatz-Mäuerchen einfach weggespült, jedoch – oder vielleicht deshalb – ohne die wertvolleren und kunstvoll den Auflage-Felsen angpassten Rundungen: Doppelbogen über der tosenden Bavona.
Jenseits der Brücke führt geradeaus eine Wegspur in die mächtige Geröllhalde. Sympathisches Gemecker empfängt mich. Ich liebe einfach diese stinkenden Tierchen. Nun gilt es nach etwa 100 Metern horizontal nach rechts zu queren und nicht hangwärts den lieben Tierchen Gesellschaft zu leisten, auch wenn diese Passage nur geübtem Auge einem Wegcharakter entspricht. So umgeht der Weg rechts herum die unangenehmen Steinkolosse, welche sich eher für das Bouldern eignen. Die Wegspur wird deutlicher und führt auf dem Geröllkegel rechts hoch, parallel zur 400 m hohen Felswand rechts des Ri di Cranzünasc zu Punkt 855m. Unangenehme 50 Meter Aufstieg folgen durch dichte Vegetation leicht links hinauf, mit vielen Steinmännchen markiert. Man tritt in einen wenig ausgeprägten Graben und findet auf etwa 920 m die Schlüsselstelle: Ein kleiner Felsriegel wird nach links erstiegen. Darauf liegt in gleicher Richtung gehend ein sehr schöner Weg, welcher in angenehmen Kehren und waagrechten Abschnitten im traumhaften Buchenwald „Mött del Canvign“ bis auf etwa 1140m gegen den Ri di Cranzünasc ansteigt. Etliche kleine Wälle sind Zeugen von Holzköhlerei im Zweiten Weltkrieg.
Jäh unterbricht eine etwa 70m breite Rinne die Idylle: Ein enormer Erdrutsch (Frana) hat das überwachsene Bett eines Nebenflusses des Ri di Cranzünasc auf über 300m Höhe freigelegt. Die Spuren der Aufräumarbeiten sind gut sichtbar. Der Weg quert über eine neugebaute Rampe den Bach und schraubt sich auf der Gegenseite in Kehren über Steintreppen und wechselhaften Partien durch Wald und Wiese direkt zu der einzelnen Hütte (ehemals Käsehütte) des Corte di Fondo auf etwa 1460m empor. Drei Schafe begrüssen mich mit zaghaftem Geblöke.
Weiter geht es horizontal nach links zu einem neuen Holzsteg: Zwei massive, flachgesägte Holzstämme von etwa 6 m Länge überspannen den reissenden Ri di Cranzünasc. Die Geländer sind weg. Einige querliegende Geländertragbalken erfordern turnakrobatik in luftiger Höhe. (Nur für Schwindelfreie!)
Dieses Hindernis nach einem mittleren Adrenalinschub gut überwunden, geht’s vorerst leicht nach rechts hoch, dann links horizontal durch üppige Sauerampfern- und Farnfelder zu zwei Hütten des Corte di Fondo, 1459m,  dessen Dächer das  Patriziato von Bignasco geflickt hat. In der rechten Hütte befindet sich eine „anmächelige“ (ironisch gemeint J) Matratze.
Etwa 50 m oberhalb - wegen Holunderstauden und anderem Wildwuchs mühsam zu erreichen – steht ein neuer, riesengrosser Stall. Das Untergeschoss steht offen und bietet Tieren Schutz. Der Heuboden ist trocken und die Bretter neueren Datums. Hier könnte man sauberen Unterschlupf finden. Zugang von oben her offen. Luftig aber trocken.
Von hier soll der Weg ganz links ausholen und somit die oberhalb der Hütten liegenden überwucherten Geröllfeldern bequem umgehen. Der Weg ist überwachsen und ich habe den Mumm verloren und kehre den Weg zurück. Wir sehen uns wieder. Sicher!
 
Soll. Ich schaffte es nicht mehr. Blockiert. Mehrmals habe ich mir überlegt, Dir - mein werter HIKR - diese wahre Geschichte wie folgt zu erzählen: Ich forsche nach dem alten Weg von der Käsehütte direkt zum Corte di Mezzo auf 1780m in der Annahme, dass bei hohem Wasserstand ein zweifaches Überschreiten des Flusses nicht riskiert wurde. Somit suche ich einen Durchgang zwischen Fluss und Felswand direkt unterhalb der Hütten des Corte di Mezzo auf 1780m. Das heisst: Wenn ich mich am NW- Rand des Ri di Cranzünasc hinaufarbeite, kann ich mich nicht verirren. Und es klappt: Tatsächlich habe ich über weite Strecken in einem alten Wald ohne Unterholz Weganlagen gefunden und steige relativ schnell bis 1650m hinauf. Ausgedehnte Geröllhalden, überwachsen mit Erlen, machen mir den Aufstieg immer schwerer. Noch schnell eine Foto vom wunderschönen Wasserfall. S T O P ! Wo ist mein neuer Fotoapparat. Er ist aus dem Etui verschwunden. Mir ist es zum Heulen, und ehrlich…. Die Lage ist aussichtslos: Alles Einreden, es sei halt halb so schlimm, etc. , besser wie ein gebrochenes Bein, etc. bleiben ohne Wirkung. Heiliger Antonius? Pendelerfahrung? Den Film zurückdrehen?
Genau: Den Film zurückdrehen! Ich trage das Etui rechts. Wo hat mich ein Busch rechts gestört? Wo habe ich mich durchgezwungen? Auf eine Distanz von einem Kilometer ein recht happiges Unterfangen. Doch allmählich dämmerts mir. Wie von einer höheren Kraft gelenkt, wie eine Marionette an feinen Fäden geführt, gehe ich zielstrebig auf diesen Punkt zu. Und in einem Einschnitt, auf Moos gebettet, liegt das einen viertel Quadratdezimeter grosse Teil. Mir entgegenblinzelnd, als wollte es sagen: „Schön - Hesch mi nöd vergesse?“

Tourengänger: Seeger

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Kommentare (1)


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akka hat gesagt: eine wilde Sache...
Gesendet am 1. September 2009 um 20:07
... war das damals. Ich habe diesen Weg auch schon beschritten. Ist schon einige Zeit her und meine Erinnerungen blass. Vom Gefühl her würde ich sagen, das war in etwa auf deiner roten Linie. Nur kann ich mich an keinen Weg erinnern. Es war eher ein Orientierungslauf, bei dem ich im Aufstieg vor allem mit Steinmännchenbauen für den gefürchteten Abstieg beschäftigt war.

Gruss
akka


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