Kasbek


Publiziert von karstencz , 3. Oktober 2006 um 23:33.

Region: Welt » Georgien
Tour Datum: 9 August 1987
Hochtouren Schwierigkeit: ZS
Wegpunkte:
Geo-Tags: RUS   GE 
Zeitbedarf: 3 Tage
Aufstieg: 3347 m
Abstieg: 3347 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Flug bis Tblisi, Strasse/Bus bis Kasbegi (an der grusinischen Heerstrasse)
Unterkunftmöglichkeiten:Kasbegi: Herberge, Metereologische Station 3680 m (Biwakniveau, Selbstverpflegung)

„Unerkannt durch Freundesland“

 

zum ersten hohen Berg:

Besteigung des Kasbek (5047 m) im August 1987

 

Seit etwa 1980 hatten junge Leute in der DDR einen Weg gefunden, zumindest für ein paar Wochen und zumindest in östlicher Richtung aus dem Eingesperrtsein zu entweichen. Individual­reisen waren DDR-Bürgern damals legal nur nach Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien möglich. Aber 1968, während die Staaten des Warschauer Paktes unter russischer Führung den Prager Frühling mit militärischer Intervention beendeten und infolgedessen jeder Reiseverkehr durch die Tschechoslowakei vorübergehend verboten wurde, war die Ausgabe eines Transitvisums eingeführt worden. Mit diesem konnten wir Ostdeutsche nun via Sowjetunion in die Balkanländer gelangen. Das Transitvisum berechtigte zum 48-stündigen Aufenthalt, und warum es in den achtziger Jahren immer noch ausgestellt wurde, ist unbekannt. Jedenfalls fanden sich mehr und mehr Mutige und Abenteuerwillige, die mit diesem Zweitagesvisum das große Land wochen- und teilweise monatelang bereisten. Bei Kontrollen im Land vertraute man nicht zu Unrecht auf die russisch-sozialistische Schlamper-Mentalität der Staatsorgane. Es zeigte sich, dass man die „Transitschniks“ nach mehr oder weniger langem Palaver, Erstellung eines Protokolls und unter mahnenden Worten gewöhnlich unbehelligt weiterziehen ließ. Lediglich bei der Ausreise wurde dann meist eine Geldbuße fällig, deren (moderate) Höhe oft Verhandlungssache darstellte.

Als die Kunde von dieser Art zu reisen sich herumzusprechen begann, hatte ich zunächst noch ängstlich gezögert, aber positive authentische Erfahrungsberichte zogen mich unwiderstehlich in ihren Bann. Im Jahr 1986 wollte ich nicht mehr länger warten und war willens, mich einem erfahrenen Russlandreisenden anzuschließen, um neue ferne Gegenden und Gebirge kennen zu lernen. Mit Frank Schlütter war ich dafür fest verabredet; das erforderliche Visum war termingerecht ausgestellt worden. Dann aber erlitt ich beim Basketballspielen einen Mittel­fußbruch, der mit Unter­schenkel­gips behandelt wurde, und aus unseren Reiseplänen wurde erst mal nichts. Als Alternative paddelten wir mit dem Faltboot auf Eger und Elbe durch Nordböhmen bis nach Pirna. Später in diesem Sommer, ohne Gips, trampte ich durch Polen, überkletterte (illegal im Morgengrauen) die Tatra, traf mich mit Anne Böttcher in Budapest, neue Pläne entstanden...

Das Studium der Medizin ging gut voran, das Selbstvertrauen wuchs, in jedem Jahr waren es mehr Kommilitonen, die bei den damals üblichen Dia-Treffen im Herbst von erfolgreichen Urlaubs-, Berg- und Erlebnisreisen in den Osten berichteten. 1987 fühlten wir uns in der Lage, auch ohne fachkundige Führung eine Reise an die Ostgrenze Europas, nach Trans­kaukasien, zu unternehmen. Die Eltern, soweit sie eingeweiht wurden, warnten vor den un­kalkulier­baren (politischen) Gefahren und rieten ab, wir aber waren entschlossen. Erfahrungen mit ver­gletscherten Gebirgsregionen konnten wir bis dahin nicht sammeln, lediglich bei Fahrten in das bulgarische Pirin-Gebirge sowie bei wiederholten mehrtägigen Wintertouren in die Karpaten und die Hohe Tatra, eigentlich auch schon mit Expeditionscharakter, hatten wir höhere Gebirge kennen gelernt.

Um zu verstehen, was es bedeutet, unter den Bedingungen des „real existierenden Sozialismus“ eine selbständige Bergfahrt in wenig erschlossene Gebiete zu unternehmen, muss man auch die Vorbereitungen betrachten. Prinzipiell galt unter den Ost-Land-Reisenden die Aussage als gegeben, dass diese immer ungefähr zehn Monate dauern, also dass man gleich nach der Rückkehr wieder mit Planungen und Vorarbeiten für das nächste Jahr beginnen müsse. So scharf sahen wir die Sache nicht; aber ein paar Monate Vorlaufzeit waren auch für uns und für unser Vorhaben erforderlich.

Auf Grund der planwirtschaftlichen Mangelwirtschaft gab es die Mehrzahl der zum Berg­steigen erforderlichen Ausrüstungsgegenstände in der DDR nicht oder nur ganz selten mal, zufällig, zu kaufen. Also musste alles Notwendige entweder irgendwie „beschafft“, oder selbst angefertigt werden. In unserem Leipziger Freundeskreis ging das soweit, dass für die Haue eines Eispickels aus Stahl von russischen Lkw-Blattfedern mit dem Winkelschleifer ein Rohling herausgefräst wurde, während der Griff im Hand­auflege-Verfahren mit Glasfaserseide und Epoxydharz modelliert wurde. Auch Expeditions­schlafsäcke mit Dreilagenaufbau und über 50 Einzelkammern wurden an heimischen Näh­maschinen nach selbst entworfenen Schnitt­mustern geschneidert und aus älteren Daunenbetten befüllt.

Wir hatten über Zeitungsannoncen zwei Eispickel klassischer Bauart mit geschmiedeter Haue und Eschenholzgriff aus den 20er Jahren sowie für Anne ein Paar 8-Zacken-Steigeisen, vermutlich aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, in Leipzig von Senioren oder bei Haushaltauflösungen käuflich erwerben können. Ich selbst hatte ein Paar halbprofessionell hand­geschweißte Steigeisen aus Edelstahl mit deutlich modernerem Design (Frontalzacken) von der Witwe des in der Tatra tödlich verunglückten Vorbesitzers und wohl Herstellers gekauft, und gleich dazu auch dessen Bergstiefel. Für Anne fand sich die Möglichkeit, steigeisenfeste Leder­bergstiefel bei einem Schuster in Thüringen anfertigen zu lassen. Ein modernes Bergzelt und ein Schlafsack waren dank wohlwollender und mildtätiger „Westverwandtschaft“[1] schon in unserem Besitz, einen zweiten Daunen­schlaf­sack, allerdings mit Baumwollstoff, hatten wir mit Glück in einem – in dem –Sporthaus in Berlin regelrecht käuflich erwerben können.

Schwieriger war es da schon mit der Verpflegung. Die Reise sollte ja in Gegenden und über Strecken führen, wo man tage- oder wochenlang kein Lebensmittel kaufen, geschweige denn in Gasthöfen oder Hütten würde einkehren können. Und Verpflegung und Ausrüstung zusammen mussten so dimensioniert sein, dass man alles für vier Wochen erforderliche auf dem Rücken in jeweils einem Rucksack tragen konnte. Unter anderem wurde wasser-anrührbares Müsli zusammen­gemischt und in einem empirisch selbst gefundenen Verfahren mit Hilfe von Schneide­brettern, Schraubzwingen und der Backofenröhre Brotchips hergestellt. Einen brauchbaren Benzinkocher mit Namen „Juwel“, im Prinzip eine Vorkriegs­konstruktion, der von einer kleinen privaten Firma seit vielen Jahren unverändert hergestellt wurde, konnte man ebenfalls, gelegentlich, richtig in einem Laden kaufen.

Schließlich konnte man auch keinerlei brauchbare Landkarten oder gar Führerbücher über die Berge im großen Sowjetreich kaufen. Wir waren auf historische Schilderungen der frühen Alpin-Pioniere in mitunter antiquarisch zu erwerbenden Büchern, auf eine schematische Kamm­linien­karte (Bender), die es „unter der Hand“ als Blaupausen gab, und auf mündliche Mitteilungen angewiesen.

Im Juni 1987 wurden zwei Flugtickets nach Sotschi, in Südrussland am Schwarzen Meer gelegen, bestellt. Eine vorübergehend geplante etwas größere Reisegruppe kam nicht zustande, so dass wir endgültig beschlossen, es zu zweit ohne erfahrenen Anführer, zu versuchen. Am 1. August, Sonnabend konnten wir unter Vorlage unserer Visa auf der Staatsbank Geld tauschen, was etwa zwei Stunden in Anspruch nahm, und am Abend des 2. August konnten wir tatsächlich auf dem Leipziger Flughafen mit zwei Rucksäcken zu je 20 Kilogramm und etwa 10 Kilogramm Handgepäck in ein Flugzeug steigen. Bei der Pass-Kontrolle gab es keine Probleme; wir erklärten, das Land innerhalb von 48 Stunden wieder verlassen zu wollen, und unser erster Urlaub voller Abenteuer in der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken begann.

Zur Weiterreise nach Georgien benutzten wir am nächsten Tag, nach Übernachtung in Park­anlagen, Linienbusse, für die man ohne besondere Probleme Fahrkarten erwerben konnte. In drei Stunden waren wir in Suchumi, von da ging es ebenso einfach weiter nach Sugdidi, wo die ersten Schwierigkeiten auftraten. Eigentlich wollten wir von dort weiter nach Mestia, fanden aber trotzt wiederholtem Nachfragen die Abfahrtsstelle des Busses nicht. Während unserer Suche wurden stattdessen „die Organe“ auf uns aufmerksam, der Überwachungsstaat trat in Erscheinung. Uniformierte (Milizionäre) übergaben uns an finster aussehende und dreinschauende Zivilisten in grauen Anzügen, die sich in der Vorhalle eines Hotels weiter mit uns befassten. Wir waren mit einem anderen deutschen Paar Individualreisender als „Gruppe“ in Erscheinung getreten, als deren „Rukovoditjel[2] ich die Ver­handlungen führte. Aus dem Transitvisum wurden sie nicht recht schlau, aber sie erklärten, es fehle uns an einer „Marschrut[3], die das staatliche Reisebüro ausstellen müsse, weshalb wir nach Suchumi zurückgeschickt wurden. Dafür wurde eine Art Taxi für uns angehalten, das uns, von den strengen zivilen Ordnungshütern eskortiert, zum Ort unserer Ankunft in Sugdidi zurück brachte. Hier mussten wir Busfahrkarten für die weitere Rückfahrt erwerben und unter Aufsicht einen Bus besteigen. Diesen verließen wir etwa auf halber Fahrstrecke bei einer Pause, nachdem wir den Busfahrer überreden konnten, uns unser Gepäck auszuhändigen.

Wir änderten kurzerhand unsere Reisepläne. Wir wollten jetzt zunächst mal ins Landesinnere, um von dort auf der grusinischen Heerstraße in den Kaukasus und direkt zum Traumziel dieses Urlaubs, einem besteigbaren 5000er, zu gelangen, ohne vorher noch an anderer Stelle im Gebirge Akklimatisationstouren zu untenehmen. Es glückte tatsächlich, Eisenbahnfahrkarten nach Tiblissi zu kaufen. Um 1.30 Uhr wurden wir von den Bahnhofsbediensteten hastig in einen ganz kurz haltenden Zug gesteckt, für den man Liegeplatzkarten benötigte, die wir nicht hatten, der uns aber dennoch gut und gut ausgeschlafen ans Ziel brachte. Zwei Tage verbrachten wir in der groß­städtischen Landeshauptstadt. Mit Mühe und Hilfe von Einheimischen fanden wir eine Stelle, an der wir unsere Reiseschecks einlösen konnten. Mit je 99,- Rubeln[4] ausgestattet suchten und fanden wir auch noch den richtigen Busbahnhof, wo wir zwei Fahrkarten nach Kasbegi, für den nächsten Tag, erwarben. Auf der grusinischen Heerstraße brachte uns ein altertümliches, aber auch ausreichend geländetaugliches Fahrzeug über den Kreuzpass, 2395 m, ins Tal des Terek und in die Stadt am Fuße des Kasbek. Dieser war vom zentralen Platz, wo wir den Bus verließen, mit weißem, in der Sonne strahlendem Gletscherdach steil und hoch aufragend, fast über uns, zu sehen. Ein herrlicher, verheißungsvoller Anblick[5]. Dem großen Berg vorgelagert steht auf einem Rücken, hoch über dem Tal und der Stadt, eine landestypische, altertümliche Kirche[6]. Wir besorgten noch Benzin für den Kocher von einer Tankstelle und kauften frisches Obst, bevor wir, ächzend unter der Last der recht schweren Rucksäcke, zu unserem ersten Lagerplatz in der Nähe dieser Kirche aufstiegen. Es war ein schöner Abend. Die Sonne beschien die Spitzen von Kirche und umliegenden Bergen, als unser Platz schon im Schatten lag, und zum Schluss nur noch die Schneekuppe des Kasbek, bevor sich ein heller mondloser Sternenhimmel über unserem Zelt aus­breitete. Im Ort hatten wir uns noch etwas unsicher gefühlt, ob nicht doch noch mal die Staats­macht unsere Pläne durchkreuzen würde, jetzt aber fühlten wir uns sicher und frei, wir waren am Berg, nur von unseren eigenen Kräften limitiert.

Unser Ziel war zunächst, soviel wussten wir immerhin, die Meteorologische Station, die als primitive große Hochtouristenunterkunft und Ausgangspunkt für Gipfelbesteigungen genutzt wurde. Wir hatten auch eine Kartenskizze, die aber nur grobe Anhaltspunkte über den Wegverlauf geben konnte. Wegen des schweren Gepäcks und unseres schlechten Trainings- und Akklimatisationszustands kamen wir nur langsam voran und mussten viele Pausen machen, wir hatten aber auch keine Eile. So schlugen wir schon am frühen Nachmittag nach Überquerung eines munteren Bachs auf der letzten kleinen geeigneten Wiese unser Lager auf, und taten ein bisschen so, als hätten wir Urlaub. Am Abend plauderten wir etwas mit einem Schäfer, der sich für eine Weile bei unserem Zelt niederließ. Er bot uns (aus purer Gastfreundschaft) von seinen in einem Baumwolltuch transportierten Zuckerstückchen zu Naschen an, was wir artig annahmen. Auf der nächsten größeren Wiese unter unserem Schlafplatz, dem sogenannten Geologenlager, übernachtete eine vierköpfige Gruppe von Dresdnern, mit zwei Zelten, mit denen wir am nächsten Morgen ins Gespräch kamen. Unser Weiterweg führte uns nun, für uns erstmalig, aus der Vegetation heraus, und über eine Kette von Gesteinsschutthügeln, die sich als ehemalige Seitenmoräne eines Gletschers erwiesen, zum Gehen eine mühsame Angelegenheit. Bald sahen wir den Gletscher, sehr gewaltig und für uns ebenfalls neu, und darüber, auf der anderen Seite, auch schon die Meteorologische Station. Schließlich standen wir am Seitenrand des Gletschers, und mussten uns für eine Wegführung über ihn hinweg entscheiden. Das war für uns diesbezüglich völlig Unerfahrene eine aufregende Angelegenheit. Im Grunde hatten wir ja keine Ahnung, jedenfalls keine konkreten praktischen Kenntnisse, allenfalls etwas angelesenes Grundwissen. Da kam uns eine fünfköpfige Alpinisten­gruppe von oben entgegen und zu Hilfe; wir vertrauten dann einfach ihrer Spur, erst steil bergan, dann zwischen tiefen Spalten hindurch fast eben über die Eisfläche hinweg.[7] Wir brauchten ohne, die Steigeisen zu benutzten, insgesamt eine ganze Stunde dafür. Anschließend zuckelten wir unter großer Anstrengung zum Gebäude der Station hinauf, die wir in der Mittagszeit erreichten. Wir befanden uns schon hier auf ca. 3700 m in größerer Höhe als jemals zuvor, und waren darob richtig ein wenig erregt. Vorläufig waren wir die einzigen Gäste. Von den beiden jungen Kerlchen, die hier arbeiteten, bekamen wir einen Platz im Nebenraum ihres Wohnraums zugewiesen und alsbald auch eine warme Mahlzeit angeboten. Am Abend kommen die Dresdner, zwei Pärchen, herauf. Sie sind als eingeladene Gäste hochangesehener Leute im Land, und somit auch quasi offiziell im Gebirge. Von ihren Gastgebern wurde eigens ein ortsansässiger junger Bergführer, Thomas, für sie „bestellt“, der noch einen andern Gast, Lado, mitbringt. Von Thomas waren wir (zufällig?) schon in Kasbegi auf der Straße angesprochen worden, und hatten offen über unseren Plan der Bergbesteigung mit ihm geredet. Jetzt wird beschlossen, dies am nächsten Tag gemeinsam anzugehen, zu sechst, das heißt, von den Dresdnern wollen nur die Jungs mit hinauf.

Wir kommen erst gegen 22.00 Uhr zur Nachtruhe, und schlafen schlecht, sei es wegen der Aufregung, wegen Problemen mit der Höhe, oder einfach nur, weil die Stations­besatzung sich ziemlich laut den Film „Spartakus“ im Fernsehen anschaut, in russisch. Trotzdem stehen wir wie geplant um 2.00 Uhr auf, der Film ist da erst gerade zu Ende gegangen, und gehen gegen 3.00 Uhr los. Erst geht es über Geröll und kleinere Schneefelder, dann wieder auf einen Gletscher, der aber kaum (sichtbare) Spalten aufweist. Anfangs leuchtet uns heller Schein des fast vollen Mondes, dann beginnt heftiges Wetterleuchten. Unter einer bröckelnden Felswand hindurch geht es auf den oberen Gletscher, der vom Pass herunterzieht. Lado geht es nicht gut, er kann schließlich ca. 100 m unter dem Pass nicht mehr. Thomas schickt uns erst mal allein weiter und bleibt bei ihm. Inzwischen wird das Wetter immer bedrohlicher, das Leuchten ist in ein grollendes Gewitter übergegangen, wenn auch zunächst noch ohne Niederschlag. Vom Pass aus, 4300 m, gegen 5.15 Uhr, sieht man erstmals in der Ferne rötlich des Morgens Helle. Da die anderen nicht nachkommen, und es um uns wieder dunkler zu werden beginnt, kehren wir nach einigem Warten schließlich auch um. Wir gehen zu viert entlang der Aufstiegsroute über beide Gletscher zurück zur Hütte. Anne und ich langsam, als Letzte, kommen dort um 8.30 Uhr an, es wird allmählich wieder heller. Wir sind erschöpft, und auch enttäuscht, und sinken erst mal ins „Bett“.

Am nächsten Morgen sind wir um zwei Uhr topfit, aber draußen pfeift ein heftiger Sturm. Um vier hat dieser sich gelegt, aber jetzt hat Thomas Ausflüchte, er scheint noch schlafbedürftig zu sein. Wir beschließen, zu zweit, ohne Führer, loszugehen. Den Weg kannten ja nun weitgehend, so dass wir auch ohne Mondschein, der Himmel war bewölkt, über das Geröllfeld auf den ersten Gletscher kamen. Als es hell wurde bemerkten wir, dass wir etwas zu hoch am Hang waren, und es wurde unangenehm steil. Wir kreuzten unerschrocken in Zick-Zack-Linie um tiefe Gletscherspalten, jetzt wieder annähernd in der Spur vom Vortag. Nach zwei und einer halben Stunde waren wir wieder am Pass, der eine Einsattelung direkt am Fuß eines Vorgipfels darstellt. Hier führte ein Spur steil nach oben, die wir nach einigem Umhersuchen und probieren als die einzige zum Ziel führende erkannten. Inzwischen ging für uns die Sonne auf und wir machten erst mal Pause auf dem geneigten Hang. Es war trotz der Sonne recht kalt, da ein eisiger Wind pfiff. Wir beeilten uns, weiter zu kommen. In vorgegebenen Trittstufen, schleppten wir uns mühsam den endlos scheinenden Hang hinauf. Endlich erreichten wir unvermittelt den Sattel zischen Vor- und Hauptgipfel, wo wir noch einmal, etwas windgeschützt, rasteten. Von hier hatte man bei schönstem Wetter schon eine tolle Sicht über Gletscherhochflächen, in Täler und zu unzähligen Gipfeln. Für das letzte, steilste Stück zum Hauptgipfel mussten nun endlich die Steigeisen ausgepackt werden. Für Anne war auch das eine Premiere.

Mehrere andere Gruppen stiegen inzwischen in unserer Spur ebenfalls gipfelwärts, aus der großen Entfernung betrachtet unendlich langsam, wobei wir selbst ja auch nicht schnell waren. Als wir vom Sattel gerade losgingen, tauchte Thomas, der Bergführer, auf. Für ihn war es scheinbar eine Frage der Ehre, als erster auf dem Gipfel anzukommen. Er überholte uns also schnaufend, wir stapften in unveränderter Geschwindigkeit hinterher. Obwohl die Nähe des Gipfels uns beflügelte, konnten wir das Tempo nicht steigern. Es war für uns die erste Erfahrung mit großer Höhe. Wir schafften auch, bei langsamster Gangart, nur 20 bis 30 Schritte ohne anzuhalten, und aufgestützt nach Luft zu ringen.

Endlich waren wir aber doch oben, und es war grandios. Das Wetter und die Sicht waren noch sehr gut, nur der Wind unverändert kalt und schneidend. Ringsum ein Meer von schwarzen Bergrücken und –flanken, dazwischen überall glitzernde Schneefelder, darüber die Sonne am tiefblauen Himmel. Nach einigen Gipfelfotos, mit Eispickel in Siegerpose, begannen wir den Abstieg. Im Sattel rasteten wir noch mal ausführlich. Die andern Gruppen kamen allmählich herauf. Wir kamen noch mit freundlichen Russen aus dem Ural in Kontakt, ansonsten überwogen aber deutsche Stimmen. Auch bei unserer Weiterfahrt, in Armenien, später in Mittelasien, überall an den schönen Stellen des großen Reichs, trafen wir sie, individual-reisende junge DDR-Deutsche, Transitschniks, wie wir Teil einer regelrechten Bewegung, die sich selbst den Name „UdF“[8] gegeben hatte.

Kurz nach Mittag trafen wir wieder an der Station ein. Der Schnee war zuletzt schon sehr stark von Sonne und Wärme aufgeweicht. Wir waren erschöpft, aber sehr glücklich, und stolz, die Kasbek-Besteigung ohne Führer geschafft zu haben.

 



[1] Besonderer Dank gilt hier meiner Großtante Frau Gudrun Blass in Plön, die durch großzügige Geschenke, nicht nur von Bergausrüstungsgegenständen, seit meinen Kindertagen sehr zur Erleichterung unseres  Lebens in der DDR beitrug.

[2] Russisch: Leiter, Anführer

[3] Russisches Wort, aus dem Deutschen, für etwas wie „genehmigter Reiseplan“

[4] Damals etwa 350,- Mark der DDR

[5] Die ursprüngliche Bezeichnung des Kabeks, mit 5033 m sechsthöchster Berg des Kaukasus, auf georgisch lautete Mkinwarzweri, was mit „Eisgipfel“ zu übersetzten wäre.

[6] Dreifaltigkeitskirche (Zminda Sameba), im 13./14. Jh. als Missionszentrum und Wallfahrtsort entstanden. Sie steht auf dem Berg Kwemi-Mta, 2170 m.

[7] Aus heutiger Sicht war dies eine völlig harmlose Begehung eines nahezu aperen Gletschers, für die keinerlei Ausrüstung erforderlich wäre. Aber dort hatten wir (noch) gehörigen Respekt vor etwa verborgener Gefahr.

[8] Unerkannt durch Freundesland. Es gab sogar deutsch Bergsteiger, deren Pickel mit diesen drei eingravierten Buchstaben verziert waren.


Tourengänger: karstencz

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Kommentare (1)


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Sputnik Pro hat gesagt: Очень интересный поклад!
Gesendet am 4. Oktober 2006 um 21:13
Der wilde Kavkaz hat ja viele, im "Westen" eher unbekannte Traumgipfel zu bieten. Ich habe mich in letzter Zeit mich über einige Gipfel wie Ėl’brus, Ušba, Kazbek, Škhara oder Bazardjuzju genauer informiert. Nächstes Jahr werde ich sicherlich den Ėl’brus versuchen... aber die Bürokratie um als Individualtourist nach Russland zu gehen ist leider immer noch sehr zeitraubend. Immerhin einmal dort, lässt es sich sehr gut bereisen :-)

Warst du auf weiteren Gipfel der früheren Sowjetunion?

Viele Grüsse!

Andi


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