Fiescherhörner und Finsteraarhorn, - letzterer mein liebster 4000ender!


Publiziert von surfy , 9. Juni 2009 um 23:39.

Region: Welt » Schweiz » Bern » Jungfraugebiet
Tour Datum:17 April 2007
Ski Schwierigkeit: ZS+
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-BE   CH-VS 
Zeitbedarf: 3 Tage
Strecke:Jungfraujoch Stollenloch - Konkordiaplatz - Konkordiahütte - Ewigschneefäld - Fiescherlücke - Hinter-Fiescherhorn - Gross-Fiescherhorn - Finsteraarhornhütte - Hugisattel - Finsteraarhorn
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Luzern - Brünig - Interlaken - Grindelwald
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Zermatt - Brig - Lötschberg - Bern - Olten - Luzern
Unterkunftmöglichkeiten:Konkordiahütte SAC Finsteraarhornhütte SAC Jugendherberge Zermatt Monte-Rosa-Hütte SAC

"Der Alltag reicht dem wilden Menschen nicht aus. Erst im Bewusstsein der Brüchigkeit des Lebens empfindet er dieses Gefühl unübertreffbaren Lebendigseins, das er immer wieder sucht. Eine Wachheit begleitet ihn bei diesen Schritten, die das Lebensgefühl ungeahnt intensiv werden lässt."
(Christine Kopp, in der NZZ, 14.7.2005)

Treffend, absolut treffend. Jedenfalls für mich und meine Person. In den Bergen fühle ich mich dem Himmel, den Elementen, der Natur, mir selbst, am nähesten. Unbeschreiblich, die Eindrücke, welche ich auf Bergtouren schon gewinnen, erleben, durfte. Es gab einen Traum in meinem Leben und irgendwann wurde mein Wunsch, mein Begehren nach Erfüllung so stark, dass es kein Halten mehr gab. 2007 sollte es soweit sein: Das Finsteraarhorn (4374), - welch' ein Berg: Gemeinsam mit meinem damaligen Seilpartner Michi Ruosch bestiegen wir das Finsteraarhorn über die Normalroute, den Nordgrat vom Hugisattel aus. Wir führten die Tour als Skitour durch, letztgenannter Sattel war denn auch Skidepot.
Erstbestiegen wurde das Finsteraarhorn am 10. August 1829 durch J. Leuthold und J. Währen. Das Blatt "Finsteraarhorn" des Schweizerischen Amtes für Landestopographie ist das einzige von 249, auf dem keine asphaltierte Strasse eingezeichnet ist, so abgelegen ist das Gebiet.


Der Berg unserer Träume - das Finsteraarhorn
Beim ersten Versuch im März 2007 - wir wollten den Berg in zwei Tagen besteigen - scheitern Michi und ich: Zu viel Neuschnee, Vorspuren kostet uns Zeit und Kraft, eine seriöse Sicherung am Grat ebenso. Dem Delirium - müde und völlig dehydriert - nahe fahren wir abends um 20.30Uhr noch von der Lötschenlücke nach Blatten ab, um 21.00Uhr sind wir im Dorf. Dann geht's mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Interlaken, um 23.45Uhr kommen wir dort an. Von einem Taxi lassen wir uns nach Grindelwald fahren, nachts um 02.30Uhr werfe ich mich zu Hause in Luzern aufs Bett, eine kurze Nacht, um 07.15Uhr desselben Tages stehe ich bereits wieder vor meiner Klasse. Sowas vergisst man nicht: Niemals. Du kämpfst mehr oder weniger um dein Leben, du überwindest dich mit letzten Kräften und wenige Stunden danach bist du zurück im Alltag, in der scheinbaren Normalität, in den Tagen, die sich mit Hausaufgaben, Sitzungen, Einkäufen, Rechnungen-Bezahlen und dergleichen beschäftigen, zurück in der Banalität, in der Langeweile, in der Eintönigkeit, der Gräue.

Der Berg lässt uns keine Ruhe, weder Michi noch mir. Im April 2007 gehen wir ihn zum zweiten Mal an, wiederum mit den Ski als Skitour. Am Montag, 15. April 2007 treten wir unser Abenteuer an: In Grindelwald besteigen wir um die Mittagszeit die Jungfraujochbahn - Top of Europe - auf 3454Metern ü. M. Durch das Stollenloch steigen wir hinauf auf den Jungfraufirn, der seine Fortsetzung im grössten Gletscher Europas - dem Aletschgletscher - findet. Unter den Blicken der grösstenteils japanischen Touristen schnallen wir unsere Skier an, überprüfen noch einmal unsere Rucksäcke, das Material und fahren dann über den Jungfraufirn bis auf den Konkordiaplatz (2850) ab: Ski abziehen, Skidepot errichten und über 407 Treppenstufen hinauf zur Konkordiahütte watscheln. Dort beziehen wir unser Zimmer, wenn man es denn so nennen soll oder darf, und legen uns dann ziemlich lange draussen auf der Terrasse in die pralle Sonne, den Blick gen Westen, hin zur Lötschenlücke, Erinnerungen werden wach, wie haben wir damals gelitten, waren dem Zusammenbruch nahe und nun dieses gute Leben hier in der Sonne, dieses müsige Nichts-Tun, Dolce-far-niente.

Am nächsten Morgen geht's früh raus, über das Ewigschneefäld hinauf zu einem schätzungsweise 55Grad steilen Couloir, wir binden die Ski auf und steigen den Hang hinauf in die Lücke zwischen den Fiescherhörnern. Zunächst dann die Besteigung des Hinter-Fiescherhorns (4025): Eine Stunde lang liegen wir dort oben auf dem Gipfel in der Sonne, es ist windstill. Danach Abstieg und Besteigung des Gross-Fiescherhorns (4049), Michi lässt im Aufstieg seinen Pickel fallen, ich setze eine Eisschraube, seile ihn ab. Was wir nicht wissen: Der Pickel ist in eine Gletscherspalte unterhalb des Bergschrundes gefallen, Michi fällt nach, hängt in meinem Seil, hoffentlich hält diese Eisschraube... Ist ja die erste, die ich in meinem Leben überhaupt gesetzt hab... vorher nur Trockenübungen...;-)
Michi kann den Pickel bergen, jümart sich dann raus, wir schaffen den Gipfel des Gross-Fiescherhorns, kehren zum Skidepot zurück und fahren dann über den Fieschergletscher ab: Seracgefahr!!! Es ist bereits Nachmittag, schwierige Schneeverhältnisse und die Seracs sehen bedrohlich aus... Nichts wie schnell durch hier... und weg!!! Schliesslich steigen wir zur Finsteraarhornhütte auf, Skidepot, in der Hütte kennen sie uns noch von unserem ersten Besteigungsversuch her, wir ordnen unsere Rucksäcke, studieren zum x-ten Male das Kartenmaterial, das Wetter sollte morgen gut sein, daran sollte es nicht liegen. Abendessen. Gespräche mit anderen Alpinisten. In den Bergen gehören alle zusammen, man hilft einander, zumindest - noch - auf diesen Höhen. Ratschläge. Fragen. Empfehlungen.

Mittwoch, 17. April 2007: Der Tag beginnt früh und nicht gut: Michi will mir beim Skidepot mit den Harscheisen helfen, dabei lässt - entweder er oder ich, es ist zu früh, ich erinnere mich nicht - den Harscheisensack fallen und tschüss... dieser schlittert runter und kommt erst auf dem Gletscher wieder zum Stillstand. Wir müssen also erst absteigen und ihn wieder raufholen... Wir verlieren Zeit. Die Nerven, sie liegen blank. Irgendwie schaffen wir es, vom Skidepot wegzukommen. Und nun sind wir schnell, sehr schnell sogar... Es zeigt sich: Wir sind ein gutes, eingespieltes Team, wechseln uns ab mit dem Vorstieg. Auch die Kondition ist von beiden gut, wir kommen vorwärts, wir überholen, wir sind wirklich in Form.
Skidepot auf dem Hugisattel und die Erkenntnis: Ich bin ein Schussel. Ich schaffe es, meinen Steigeisensack fallen zu lassen und der schlittert fröhlich-tragisch den Gletscher hinunter. Ich habe mehr als einen Schutzengel: Ein Eisbrocken stellt sich dem schwarzen Geschoss in den Weg und bremst es ab. Ich laufe hinunter, hole den Sack, verfluche mich, daber dann geht alles doch wieder schnell und läuft rund: Wir seilen uns an und steigen in den Nordgrat ein, wir kommen flüssig voran, einige Alpinisten gehen ungesichert, - doch wir haben uns zur Alpinsicherung entschlossen, - wir lassen uns Zeit, es gibt keinen Grund zur Eile.

Ich erinnere mich nicht, wann wir auf dem Gipfel ankommen. Ich weiss nur: Es ist überwältigend, Tränen schiessen mir in die Augen, ich bete und danke Gott, dass wir es schaffen durften, nun beim zweiten Mal. Wir verbringen ungefähr eine Stunde auf dem Gipfel, es ist windstill, unsere Blicke gehen weit: 360Grad Bergpanorama, - unvergesslich!
Wir sind in dieser Stunde das Glück und beide zutiefst dankbar.

Der Abstieg verläuft ohne Probleme. Vom Hugisattel fahren wir mit den Ski bis zur Finsteraarhornhütte ab. Beim Frühstücksplatz müssen wir die Ski - wie schon im Aufstieg - kurz tragen. Den Abend verbringen wir in der Hütte, auch die darauffolgende Nacht. Am nächsten Tag: Abfahrt über den Aletschgletscher ins Wallis, mit dem Glacier-Express nach Zermatt. Übernachtung in der Jugendherberge von Zermatt. Nächstentags auf den Gornergrat und Abstieg und anschliessend Aufstieg zur Monte-Rosa-Hütte. Am folgenden Tag gelingt uns die Besteigung von Dufourspitze UND Nordend, - ein weiterer Traum geht in Erfüllung. In dieser Woche vom 15. April bis 22, April 2007 gelingt uns einfach alles, jede Tour, jeder Gipfel: Es ist die beste Tourenwoche meines Lebens, wenigstens bis dahin und bis heute.
Wie steht auf dem Gipfelkreuz des Finsteraarhorns: "SOLI DEO HONORE", - nur Gott zu Ehren. Genau das ist es. Nur das. Ich bin dem Himmel so nahe.

Sabine Stössel, Frühjahr 2008: "4000ender - Lebensberge"


Tourengänger: surfy

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