Grat-Feeling ver"schärft" an der Ruessiflue


Publiziert von Bikyfi , 5. Oktober 2018 um 08:22.

Region: Welt » Schweiz » Luzern
Tour Datum: 8 September 2018
Wandern Schwierigkeit: T5+ - anspruchsvolles Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: Pilatusgebiet   CH-OW 
Zeitbedarf: 7:30
Aufstieg: 900 m
Abstieg: 900 m

Wie oft las ich schon Berichte über den Gratweg zur Ruessiflue. Mein Bildergedächtnis hat dann die blöde  Angewohnheit, im Falle großer Sehnsucht, mir eben solche Momente anderer Berggänger wieder vor das innere Auge zu werfen. Schon lange wartete ich auf eine Gelegenheit, doch mangels Tourenpartner und Unkenntnis darüber ob ich das Brotmesser auch im Alleingang bewältige, schob sich mein Plan immer wieder auf.
 
Über ein Inserat lernte ich über den örtlichen Alpenverein auf einer Kennenlerntour zum Bös Fulen J. kennen.
Die Eingehtour war ganz nett, aber mein Inserat hatte das Ziel einen T.Partner für exponierteres Gelände zu finden. Ihm gings ähnlich sodass wir uns zum Ende der Woche für den Ruessigrat verabredeten. Das Wetter war vielversprechend.

Nach 1,5h Fahrt parkierten wir etwas unterhalb des Gasthauses Lütholdsmatt und folgten dem GPS Track aus einem Bericht von User Bombo vom Dezember 2016. Danke für´s bereit stellen.

Nach einem kurzen "Spaziergang" von etwas unter einer Stunde war der Zuweg zum Grat, rechts der Fahrstraße, schnell gefunden. Auf diesem Trampelpfad bewegt man sich allerdings nicht allzu lang, nach ein paar Metern gehts links direkt in steileres Gelände nach oben. Verliert der Trampelpfad an Höhe ist man bereits zu weit gelaufen.

Ab hier kann man den Weiterweg eigentlich nicht mehr verfehlen. Schnell kommt man auf Höhe und genießt bereits nach kurzer Zeit eine tolle Sicht. Kurz vor dem ersten Turm ist eine hübsche Dose mit einem Buch darin zu finden. Ein kurzer Eintrag und weiter gings. Von hier gings nur ein paar Meter runter bevor man links des Turms den Weiterweg beschreiten muss.

Wir machten den Fehler uns rechts herunter zu halten und gelangten an die Kletterrouten der südlichen Steilwand. Nach Kletterei im Fels, die zusehends schwieriger wurde und schnell den dritten Grad erreichte waren wir sicher: Wir sind falsch. Umkehr zurück zum Turm, wieder mit Kraxelei zurück auf den Grat um dann den offensichtlichen Weg zu finden. Zeit verloren, hat aber trotzdem Spass gemacht.

Von nun an wurde es steil abfallend, entlang der Wand nördlich des Turms den man im Anschluss im 2. Grad hinaufklettert. Tritte wurden sorgfältigt geprüft. Verlaufen war nun beinahe nicht möglich, der Grat wurde immer schmaler. Das Brotmesser rückte näher, hier und da galt es mit leichter Kletterei (II-III) ein paar Meter in ausgesetztem Fels abzuklettern und auch anschliessend wieder hinauf. Bis zum Brotmesser hin trugen wir zwar bereits unseren Gurt, aber anseilen war bis hier eigentlich nicht nötig. Wir fühlten uns sicher genug diese Passagen ohne Sicherung zu begehen. Muss jeder für sich selbst entscheiden.

Am Brotmesser selbst sah das anders aus. Die Schneide an der schärfsten Stelle wird links angegangen um dann einen Seitenwechsel kurz nach dem BH vorzunehmen. Da wir nicht wussten wie es hinter der Schneide aussieht, seilten wir an. J. setzte im Vorstieg eine Exe in den BH, kurz danach verschwand er hinter der Schneide. Ab da waren es noch knapp 8m zu überwinden, bis der nächste Stand erreichbar ist. Ich zog nach, drückte die Sohlen meiner Stiefel in die Risse und war froh um jeden Zentimeter mehr, den mein Schuh sich im Fels verankern konnte. Griffe hat es indes genug. Der Blick unterhalb meiner Sohlen in die Tiefe war erschreckend wie auch belebend zugleich. Deswegen bin ich hier: Komfortzone erweitern, das Leben spüren, den Geist befreien. 

Die Exe geschnappt und schwupp, schon war die Seite ebenfalls gewechselt. J. wartete ganz gemütlich, schoss ein paar Bilder während ich mit meinem Glücksgefühl im Bauch die heikelste Stelle überwunden hatte.
Der Blick zurück ist schon fantastisch. Da man aber derart eingeengt ist auf den folgenden Metern des Grats, hat man für Fotos leider nicht viel Spielraum mit der Perspektive. Ich bin der Meinung das jegliche Fotos die ich bisher kenne, kaum das wieder geben zu können was man dort tatsächlich erlebt. Aber ist ja meistens so ;-)

Was mich im Nachinein verwundert hat: Es gab nicht eine Sekunde den Gedanken an eine Umkehr. Lag es an meiner Tagesform, lag es an J. als Begleitung, lag es daran hier schon lange mal hingehen zu wollen? Bestimmt die Summe aus allem.

Wir waren happy und beschritten den Weiterweg gen Matthorn. Und der zieht sich hin. Recht schnell ging der Grat in die Breite, ausgesetzte Stellen waren kaum mehr vorhanden. Das Seil war kurz nach der Schlüsselstelle bereits wieder verstaut.
Anschliessend Vesperpause auf dem Matthorn. Eine Gemse auf dem benachbarten Grat beäugte uns "Anfänger" :-) etwas kritisch und schlief danach weiter. Wir warfen Blicke auf die Horde Menschen am Pilatus gegenüber und genossen die Einsamkeit.

Der Rückweg wurde wie im GPS-Track auf der südlichen Seite gewählt. Man hätte auch auf die nördliche Seite absteigen können. Nachdem wir den Weg gegangen waren bin ich der Meinung, die nördliche Variante ist auch die angenehmere. Hier steigt man zwar anfangs relativ zügig im etwas steileren steinigen Gelände ab, findet sich aber schnell auf einer Fahrstraße zurück zum Lütholdsmatt wieder, die vorbei am Abzweig zum Grats führt. Von der Distanz her dürfte dieser Rückweg kaum länger sein.
Grosser Vorteil: Hier muss man nicht mitten durchs Gemüse über abschüssige Grashänge im Weideland runter.

Eine grossartige Erfahrung hier gewesen zu sein und kein Zweifel bislang, eine der schönsten Touren erlebt zu haben. Das ist mein Fazit.

Tourengänger: Bikyfi


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Kommentare (1)


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jeremy hat gesagt: Fotos vom Ruessigrat
Gesendet am 6. Oktober 2018 um 09:56
Danke fuer den schoenen Bericht!

Fotos von unserer Tour Matthorn via Ruessgrat:

https://flic.kr/s/aHsmiejZvb


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