Hoch über Bignasco: Piodàu 784m und Sècc 1070m


Publiziert von Seeger Pro , 22. Mai 2009 um 22:26.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Locarnese
Tour Datum:22 Mai 2009
Wandern Schwierigkeit: T3 - anspruchsvolles Bergwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   Gruppo Pizzo Biela 
Zeitbedarf: 5:00
Aufstieg: 660 m
Abstieg: 660 m
Strecke:Bignasco Post – 100m nördlich zur der Brücke über die Bavona – vor der Brücke links etwa 100m – Anfang des Alpweges links oberhalb dem viertletzten Haus – Erster Bildstock auf 640 m – Kapelle von Piodàu und Verzweigung auf 750m – nach rechts nach Piodàu 784m und zurück zur Kapelle - nach links bis zweiter Bildstock auf 1005m – weiter nach Sècc bis auf die Aussichtsterrasse auf etwa 1070 – gleicher Weg zurück.
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Ö.V: Mit FART von Locarno nach Bignasco, Auto: Neben der Post Bignasco gebührenfreie Parkplätze.
Zufahrt zum Ankunftspunkt:dito
Unterkunftmöglichkeiten:Hotel Turisti, Bignasco und Hotel la Posta, Cavergno
Kartennummer:1291 Bosco Gurin

Westlich von Bignasco erhebt sich eine abweisende, von Laubwald überwachsene Seitenflanke des Val Maggia und gleichzeitig Abschluss des Val Bavona. Die letzte zum Val Bavona gehörende Alp Cranzünell  liegt weiter oben: Ihre oberste Hütte – Corte di cima – ist auf 2040m an den Felsenkranz des Costone del Pizzo Rossa 2482m gebaut. Wilde Sache: 2.5 km Luftdistanz und 1600m Höhenunterschied! Ich begnüge mich mit dem Besuch der Maiensässen oder Zwischenalpen auf „nur“ achthundert bis eintausend Metern über Meer.
 
Ich verlasse die Posthaltestelle Richtung Bavonabrücke gegen Cavergno, ohne diese zu überschreiten. Kurz davor führt eine geteerte Strasse linkerhand gegen ein Baugeschäft. Nach etwa hundert Metern oder oberhalb dem viertletzten Haus der linken Häuserzeile beginnt unscheinbar und schwer zu finden der jahrhundertalte Alpweg.
 
Vollkommen im Wald steigt der Weg teils über interessante Treppenanlagen empor. An den Kotspuren müssen hier Geissen sein. Diese finden in den Splüi’s (unter Felsplatten eingegrabene Ställe) bei Unwetter Unterschlupf. Kaum aus dem Wald herausgekommen, erscheint das erste Bildstöckchen auf 640m. Es ist hübsch renoviert und mit einer neuen, sehr schön verarbeiteten Madonna-Figur aus Holz versehen. Der Ausblick auf Bignasco, dem Lavizzara, dem Eingang des Val Bavona und hinunter entlang dem Maggiatal ist grandios. Ein Ausflug nur bis hierher lohnt sich gewiss und ist unschwierig (T2).
 
Das Gebimmel der Ziegenglöckchen begrüsst mich auf der Alpweide. Ohne die Tiere unnütz zu stressen steige ich gleichmässig über Treppen, Platten und Wiesen bis zur Kapelle von Piodàu 750m auf. Die Rundsicht wird immer faszinierender. Hier der Paràula und unterhalb die Monti di Fuori, dort über dem Val Lavizzara der Campo Tencia, der Redorta und der Zucchero. Vis-à-vis die Bergkirche Madonna di Monte, dahinter das Val Chignolasc, Val Piano, Val Serenella, darüber der Pizzo Castello, Sassobello, Bocchetta di Val Spluga…….
 
Die Kapelle hat ein noch intaktes Vordach, der Vorplatz ist jedoch nicht abgesperrt und deshalb verkotet. Der Zustand des Mauerwerkes ist kritisch. Kommt es noch soweit, dass in 20 Jahren auf der Karte nur noch das Ruinenzeichen steht? Nach einer kurzen Trinkpause zweige ich rechts ab und folge den riesigen Steinplatten und –tritten nach Piodàu (Piode=Steinplatten), welches total von Laubwald eingenommen ist. Nora Cattaneo beschreibt Piodàu wie folgt:Die Hütte links des Weges hat ein verglastes Fenster und gekalktes Inneres, ist ausgestattet mit Feuerstelle und dem Schwenkarm für das Käse-Kessi. Gegenüber stehen zwei oder drei Ställe. Bis 1997 war keines der Häuser hergestellt. Jedoch haben ihre Besitzer sie nicht vergessen: Manchmal flicken sie die Dächer, räumen die Umgebung und unterhalten etwas den Weg.“
 
Heutzutage kümmert sich jemand um die Hütten, welche teils in ausgezeichnetem und erstellten Zustand sind. Interessant ist hier die eine Hütte mit Pultdach, wie ich es schon in Chignöö gesehen habe. Der Ziegenstall mit Futterkrippen und Anbind-Brettern ist in Betrieb. Riesige Kastanienbäume zeugen von uralter Kultur.
 
Gleich 200 m nördlich von hier hat sich folgendes zugetragen (Grobübersetzung von „Storie e sentieri di Val Bavona“, Nora und Aldo Cattaneo, vergriffen):
Nicht direkt am Weg, 200 m nördlich (Pkt. 785) stehen die Hütten von Piodàu d’int. Im Winter 1950/51 wurde dort ein Älpler von einer Lawine erfasst und unter extremen Verhältnissen von einer mutigen Rettungsmannschaft halb erschöpft aber dennoch lebend geborgen – dank der mit Heu gefüllten Gerla auf dem Rücken, welche ihm Luft spendete während den langen Stunden unter dem gefrorenen Schnee“.
 
Zurück geht’s zur Kapelle hinunter, um dem andern Weg nach links wieder bergwärts zu folgen. Über Treppenanlagen und in glatte Steinflächen eingemeisselte Tritte (Tacche) steige ich, einen Bach überquerend, wieder im Wald empor bis zum zweiten Bildstöckli auf 1005m. Dieses ist ebenfalls hübsch neu erstellt. Etwas oberhalb finde ich einen sehr alten Kastanienbaum mit hangwärts - Fantasie vorausgesetzt - erkennbarem Gesicht!
 
Nach wenigen weiteren Kehren erreiche ich die erste Wiesenfläche mit verschiedenen sanft renovierten Hütten vom Feinsten. Frischgemähte Wiesen. Vorplatz, bequemes Interieur und sogar bewohnt: Feine Düfte von Grilladen erfüllen die Lüfte. Ich nehme auch mein Mittagessen ein: Menü 1, diesmal mit feinen Schoggiwaffeln aus dem Toggenburg (die originalen). Noch möchte ich den Graben des Ri di Cranzünell – die Gemeindegrenze von Bignasco und somit auch die politische Grenze von Maggiatal/Bavonatal sehen. Dazu steige ich gegen SW empor bis ein weiteres Plateau mit modern ausgebauten Häusern erscheint, welche von einer Gruppe von Leuten belebt sind. Ohne diese zu stören quere ich an den Rand des Grabens. Wow! Diese Aussicht. Der Ri di Cranzünell bildet auf einer Höhendifferenz von rund 800 m abgestuft Wasserfälle, die sich wie Silberbänder durch die grünen Flanken hinabziehen.
 
Glücklich und erfüllt kehre ich nach Bignasco zurück. Die Ziegenherde zieht noch kurz eine Show ab und bewegt sich behend in diesem schwierigen, abschüssigen Gelände. Sogar die Kitzlein könnens! Die sind echt zu beneiden. Dann geht’s den gleichen Weg wieder hinunter. In der Gartenterrasse des Hotel Posta, Cavergno, jenseits der Brücke, kehre ich ein und bewundere nochmals abschliessend den von mir erstiegenen Hang. Das rosa Bildstöckchen leuchtet in der Nachmittagssonne und es scheint, als wolle es mir zuflüstern: „Komm doch bald wieder!“
 
 

Tourengänger: Seeger

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Kommentare (3)


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Henrik hat gesagt: Was für eine behütende
Gesendet am 23. Mai 2009 um 16:13
Betrachtung (ja, das kommt bei mir so an).

Danke.

Seeger Pro hat gesagt: RE:Was für eine behütende
Gesendet am 23. Mai 2009 um 23:00
Ciao Henrik
Mag ein Kompliment sein. Jedenfalls betrachte ich empathisch. Für alle Kreaturen: Lebewesen, Pflanzen und auch Steine. Alles hat ein Leben! Das ist meine Phylosophie und scheint sich zu manifestieren.
Dein Danke freut mich.
A presto!
Andreas

roko Pro hat gesagt: Mit Herz
Gesendet am 24. Mai 2009 um 10:05
Mit offenen Augen betrachtet und mit Herz geschrieben...


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