Weißhorn Überschreitung (Nordgrat - Ostgrat)


Publiziert von Matthias Pilz Pro , 8. September 2018 um 17:40.

Region: Welt » Schweiz » Wallis » Oberwallis
Tour Datum:30 Juli 2018
Hochtouren Schwierigkeit: ZS+
Klettern Schwierigkeit: IV (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS 

"Bergsteiger sind auch Liebhaber. Sie sehen das, was sonst keiner sieht, die Schönheit einer Linie, einer Geste, die Schönheit einer Route. Sie verfallen dem Objekt ihrer Begierde, sie kommen nicht zur Ruhe, bis sie dieses Objekt mit Händen greifen können." (Krimhild Buhl in "Mein Vater, Hermann Buhl")

Dieses Zitat über den an der Chogolisa tödlich verunglückten Hermann Buhl fällt wohl jedem Bergsteiger ein, wenn der Blick vom Gipfel des Bishorns Richtung Weißhorn schweift. Ein Grat aus Eis und Fels, der sich wie ein gespanntes Seil hinüber zum vielleicht schönsten Gipfel der Walliser Alpen zieht. Vom Bishorn gleicht die Begehung einem Trapezakt, welcher exponierter nicht sein könnte. Bereits vor 10 Jahren wurde auch ich auf diese vielleicht eleganteste Linie der Alpen aufmerksam. Vor einigen Jahren mussten wir eine Besteigung über den Ostgrat, welcher den Normalweg darstellt, wegen der damals für uns zu hohen Schwierigkeiten abbrechen. Vorgestern genossen wir diesen Drahtseilakt bei idealen Bedingungen, eine ganz besondere Tour für uns!

Unser Aufstieg beginnt mit einer langen Busfahrt von Randa im Mattertal nach Zinal im gleichnamigen Tal. Unsere Tour soll eine Überschreitung werden und die Rückreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist nur bis 17:00 möglich. Werden wir die Tour bis dahin schaffen? Die meisten Tourenbeschreibungen berichten von Ankunftszeiten nach 22:00 - zur Sicherheit parken wir also das Auto am Ankunftspunkt der Tour und nehmen die öffentliche Anreise vor der Tour in Kauf. Daher müssen wir in der größten Mittagshitze auf die Tracuit-Hütte aufsteigen. Fast 5 Stunden lang geht es bis 1600Hm hinauf.
Die Tracuit-Hütte ist zwar neu aufgebaut, dennoch hält sich der Genuss in Grenzen, vor allem, weil uns eine sehr kurze Nacht bevorsteht. Um 02:00 Uhr wollen wir bereits starten. Denn die Tour ist lange, sehr lange, 15,5h haben wir geplant. Die ersten drei Stunden geht es über einen Gletscheranstieg auf das Bishorn, für die meisten Bergsteiger ist hier das Tourenziel erreicht - das Bishorn ist ein eigenständiger 4000er. Für die Begeher des Nordgrates am Weißhorn beginnt hier erst die Tour. In stockfinsterer Nacht steigen wir also im Schein unserer Stirnlampen über die Schnee- und Eishänge knapp 1000Hm hinauf zum Gipfel des Bishorns - genau jetzt beginnen die "normalen" Bishorngeher mit dem Frühstück auf der Hütte. Am Gipfel ist es stockdunkel, daher ist die Pause nur kurz, denn der Wind bläst uns um die Ohren und es ist saukalt.
Hier beginnt nun der Drahtseilakt. Über den scharfen Firngrat geht es hinab ins Weißhornjoch - große Wechten hängen nach links in die Ostwand - wie groß sie tatsächlich sind, lässt sich im Licht der Stirnlampen nur erahnen. Bald steigt der Grat wieder an, wird schärfer und steiler und schlussendlich erreichen wir den ersten Felsabschnitt. Bald darauf bricht der Tag an. Für das Genießen der Morgendämmerung bleibt aber nur ein Augenblick Zeit, denn die Kletterei ist höllisch luftig und bricht beiderseits des Grates mehrere hundert Meter ab. Volle Konzentration ist nun angesagt. Denn der Grat zieht sich in dieser Exponiertheit bis zum Gipfel, bei gutem Vorankommen 5 Stunden entfernt, und unterschreitet die 4000er Marke nicht mehr.

Noch in der Dunkelheit überklettern wir die ersten beiden Grattürme. Am ersten Turm tut sich nun ein fantastischer und zugleich respekteinflößender Blick zum Gipfel und zum vor uns liegenden Grat auf. 
Die Sonne geht auf und wärmt nicht nur den Fels, sondern auch die Herzen der Bergsteiger. Augenblicklich wird der Berg freundlich, die finsteren Abgründe weichen zartrosa beleuchteten Eisflanken.

Mit den ersten Sonnenstrahlen erreichen wir die Schlüsselpassage der Tour. Der Nordgratgendarm muss in zwei Seillängen Kletterei im IV. Grad erstiegen werden. Die vorhandenen Sicherungen sind solide und der Fels fest und trocken. Dennoch ensteht hier kurzer Stau durch andere Bergsteiger. Eine Gelegenheit, diesen Moment festzuhalten.

Der Nordgratgendarm gilt für viele Bergsteiger als eigenständiger Gipfel. Auch wir wollen seinen höchsten Punkt erklettern, heute sind wir die einzigen, alle anderen Bergsteiger queren unter dem höchsten Punkt bereits weiter.

Während der Kletterei genießen wir den letzten Blick zum Weißhorngipfel, denn in Kürze sollten Wolken den höchsten Punkt für heute verdecken. Der Aufstieg lohnt sich, denn gerade als wir den höchsten Punkt des Gendarmen erreichen, beginnt die heutige Thermik. Aus der kalten Westwand strömt eine fantastische Wolkenwalze über den Gipfel des Weißhorns.

Über die unfassbar scharfe Firnschneide steigen wir nun im dichten Nebel hinauf Richtung Gipfel. Vielleicht ein Vorteil, denn so sehen wir die Exponiertheit dieses Abschnitts nicht. Wir steigen langsam und konzentriert auf, wohl wissend, dass ein Fehltritt hier mit Sicherheit 1000 Meter tiefer enden würde. Bald aber erreichen wir den Gipfel.

Das ist aber gerade der halbe Weg, über den Ostgrat geht es nun hinunter ins Tal. Auch diese Route ist anspruchsvoll und der oberste Teil etwa 45° steil. Der Schnee ist hier vielerorts schon dem Blankeis gewichen und der Abstieg erfordert abermals volle Konzentration. Etwas tiefer lichtet sich der Nebel und der Blick auf den Felsteil des Abstiegs wird sichtbar. Die Nebelfetzen unterstreichen den ernsten Charakter der Tour. Der Felsteil ist erreicht. Noch einmal klettern wir gut eine Stunde ab. Von hier geht es noch etwa zwei Stunden über Blockgelände und Gletscher bis zur Weißhornhütte, wo wir nach exakt 12 Stunden unsere erste Rast machen. Das Cola um 6 Franken schmeckt fantastisch! Von hier ist der weitere Weg nur mehr Formsache, 1500 Höhenmeter gilt es noch bis ins Tal abzusteigen. Somit sind es gesamt 3100 Höhenmeter Abstieg an diesem Tag, wie sich unsere Knie bei der Ankunft in Randa fühlen, kann sich also jeder selbst ausmalen. Aber der Sprung ins Kühle Nass des Schalisees lässt bald die Strapazen vergessen und der Blick schweift mit den Gedanken zurück hinauf zu diesem exklusiven Gipfel...

ZUSTIEG: Von Zinal (Endstation Postauto) folgt man dem (nachmittags unendlich lange erscheindenden) Hüttenzustieg zur Tracuit-Hütte. 

ROUTE: Die ersten Meter zum Gletscher sollten am Vortrag erkundet werden. Über den Gletscher quert man nun in eine Mulde, welcher man weiter aufwärts folgt. Zuletzt wird der Hang zunehmend steiler und führt ganz zuletzt über einen kurzen Grat zum Gipfel des Bishorns.
Über den von großen Wechten gesäumten Grat hinab ins Weisshornjoch. Weiter am Firngrat aufwärts, bald muss bei aperen Verhältnissen der erste leichte Felsteil überklettert werden. Bald erreicht man den Felskopf P. 4203m. Von hier 5m abklettern zu Standhaken, von hier wird 20m abgeseilt - derzeit ermöglicht ein Fixseil hier den Rückweg. Ein scharfes horizontales Gratstück leitet in leichter Kletterei (II-III) zur nächsten Abseilstelle. Hier 15m abseilen und weiter dem Grat folgen. Eine Platte (III) liegt oft unter Schnee, knapp danach wird ein Aufschwung links durch eine Verschneidung (III+) erklettert. Der große Aufschwung wird nun zu Beginn in einer 7m Linksquerung begonnen (BH und Stand an weiterem BH). Nun einige Meter gerade aufwärts (Kettenstand) und in eine Verschneidung (nicht links in die Plattenzone). In der Verschneidung kurz aufwärts (IV), gleich aber in einem eleganten Schritt nach rechts über einen steilen Blocküberhang hinaus und in leichteres Gelände, hier Stand bei Kette. Gerade aufwärts, oben nach rechts an eine Kante und höchst exponiert (IV) aber gutgriffig zu Stand. Kurz aufwärts auf den Grat (IV-) und am flachen Grat weiter. Über gestuftes Gelände Richtung Großer Gendarm, ganz zuletzt muss ein schwerer Schritt (IV) bewältigt werden. Vom Gendarm jenseits über brüchigen Fels hinab zum Beginn des Firngrates, hierher auch direkt indem der Gendarmgipfel umgangen wird). 
Entlang des Firngrates (expo!, kurze Stellen 45°) zum Gipfel des Weißhorns.

ABSTIEG: Vom Gipfel über den Ostgrat hinab, zu anfangs im Fels abklettern. Der Übergang zum Eis kann mitunter heikel sein. Über den Firngrat (nicht selten vereist, 40-45°) hinab bis zum Beginn des Felsgrates. Am Grat nun abklettern (max. III) oder abseilen (max. 20m) bis zum P. 3914. Hier nun möglichst immer an der Rippe bleibend abwärts (Steinmänner genau beachten). Ganz unten wird durch eine Verschneidung (25m) abgeseilt. Weiter am Grat (Firn oder Fels) abwärts und je nach Verhältnissen hinab auf den Gletscher - im Zweifel bleibt man am Grat und seilt ganz unten noch einmal 25m von einem Schlingenstand an Block ab. Nun über den Firn hinab und bei Steinmann nach links durch die Felswand über den guten Weg (kurzes Fixseil) hinab und entlang des Gletschers (Spalten) zur Weisshornhütte queren. Weiter auf Hüttenweg nach Randa.

SCHWIERIGKEITEN: ZS+, Fels bis 4a, Firn oder nicht selten auch Eis bis 45°

ABSICHERUNG: +++/++++, Wenngleich einige Passagen zwingend den einen oder anderen Friend erfordern, so sind die meisten Stellen gut abgesichert. In den Firnabschnitten ist eine Sicherung aufwendig und über lange Strecken kaum möglich. Bei Blankeis sichere man angemessen mit Eisschrauben!
 
WETTER: Sonne, ab dem Großen Gendarm Wolkenhülle um den Gipfel.
 
MIT WAR: Tanja
 
Tour beschrieben von Matthias Pilz (mammut-extreme@gmx.at), ©Matthias Mountaineering

Tourengänger: Matthias Pilz


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Kommentare (1)


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dominik hat gesagt:
Gesendet am 10. September 2018 um 08:47
Gratulation zu der tollen Tour!


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