Reichenstein, Totenköpfl und Kaibling


Publiziert von Michael26 , 4. September 2018 um 21:22.

Region: Welt » Österreich » Nördliche Ostalpen » Ennstaler Alpen
Tour Datum:17 August 2018
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: A 
Zeitbedarf: 8:00
Aufstieg: 800 m
Strecke:Mödlinger Hütte-Totenköpfl-Reichenstein

Zwei Dinge möchte ich meinem Tourenbericht voran stellen.
In die Schule gegangen bin ich in Waidhofen/Ybbs, eine Fahrstunde vom Gesäuse entfernt. Die Gipfel, um die es hier geht, sind also die Berge meiner Kindheit.
Und trotzt der Nähe zu den hohen Felswänden des Gesäuses habe ich meine erste alpine Bergtour erst 1992 gemacht, im Alter von 31 Jahren, und zwar über den Normalweg auf den Reichenstein.
Ins Gesäuse zu fahren ist also ist es nicht irgendeine Bergfahrt für mich, schon gar nicht, wenn es auf den Reichenstein geht, sondern ein sehr spezielles Unternehmen.
 
Was wir gemacht haben, ist schnell beschrieben:
Anfahrt und Übernachtung in Johnsbach, am nächsten Tag Aufstieg auf den Reichenstein mit Überschreitung Totenköpfl Ostgrat und Reichenstein Ostwand, Übernachtung auf der Mödlinger Hütte und zum Abschluß Aufstieg auf den Kaibling über den Westgrat.
All diese Touren sind gut dokumentiert ( https://www.bergsteigen.com/touren/klettern/ostgrat-ostwand-totenkoepfl-reichenstein/, https://www.bergsteigen.com/touren/klettern/kalbling-nordwestgrat/) und ich werde mich darauf beschränken, meine persönliche Erlebnisse zu schildern, anstatt eine exakte Routenbeschreibung zu geben.
 
Früh morgens geht es also aus Johnsbach los, um den Reichenstein zu besteigen. Und ich gebe zu, dass wir die ersten 500 Hm mit dem Auto überwinden, indem wir auf der Mautstraße bis zum Parkplatz der Mödlinger Hütte fahren. Von dort aus geht es zügig hinauf auf die Pfarrmauer. Es ist ein brütendheißer Tag und an der nicht zu verfehlenden Quelle legen wir eine ausgiebige Trinkpause ein. Oben am Grat treffen wir unerwartet früh auf Bohrhaken, die wir in der Schrofenflanke hinauf zum Einstieg nicht erwartet hätten. Kurz sind wir verunsichert (beginnt etwa hier schon die Querung hinaus in die Nordwand ? kann doch nicht sein, die Nordwand bricht hier senkrecht ab), gehen dann aber schnell wieder weiter die Schrofenflanke hinauf, bis wir oben am Absatz den richtigen Einstieg zur Kletterei erreichen. Was nun folgt sind fünf wunderschöne Seillängen, anfangs steil und ausgesetzt, weiter oben flacher und leichter, die uns auf einer Himmelsleiter auf das Totenköpfl führen. Für mich eine Route vom allerfeinsten, weil einerseits herrlich exponiert, andererseits aber nie wirklich schwierig, Genußklettern pur.
 
Oben angekommen wird kurz gegessen und getrunken, denn es ist sehr heiß, und wie wir wissen, haben wir gerade erst einmal die Hälfte des Aufstiegs bewältigt. Daher wollen wir gar nicht viel Zeit mit langem Rasten verbringen, sondern suchen gleich den Abseilpunkt, um hinunter in die Reichensteinscharte zu gelangen. Gefunden ist dieser schnell, aber um ihn zu erreichen, muss ich etwas halsbrecherisch erst links ab- und dann rechts wieder hinaufklettern. Wie wir nachher sehen, geht es deutlich leichter, wenn man sich zuerst rechts hält und den Abseilpunkt umgeht, um erst dann nach links zum Abseilpunkt abzusteigen.
Wie auch immer, mit  unserem 60m Einfachseil kommen wir mit zwei mal Abseilen problemlos in die Scharte hinunter (erste Abseillänge auf ein Band, zweiter Abseilpunkt orografisch rechts, nicht zu übersehen). Viel kürzer sollte das Seil definitiv nicht sein, denn dann müsste man Abklettern, um hinunter zu kommen, was in dem brüchigen und steilen Absturzgelände wohl wenig zu empfehlen ist. Eine uns folgende Seilschaft ist mit einem 30m (!) Seil unterwegs, was ihnen dieses sehr zweifelhafte Vergnügen beschert, wie sie uns später auf der Hütte berichten. Nachmachen wird deutlich nicht empfohlen.
 
Der Aufstieg über die Ostwand auf den Reichensteingipfel ist leider weit weniger interessant als der vorangegangene Grat. Es ist nicht sehr steil oder schwierig (SG II), dafür brüchig und heiß im Brennglas zwischen Totenköpfl und Reichenstein und ohne einen kühlenden Luftzug. Wir mühen uns etwas lustlos hinauf, nur in der letzten Seillänge vor dem Ausstieg wird es noch einmal spannender, denn hier ist es wieder steiler und kaum ein fester Griff ist aufzufinden. Nur gut, dass wir uns gerade als einzige Seilschaft in der Ostwand befinden, denn es ist praktisch unvermeidlich den einen oder anderen Stein loszutreten.
 
Aber dann sind wir oben und werden schlagartig für die Mühen belohnt, zum einen durch den angenehmen Wind, aber vor allem einen wunderbaren Blick auf den sich prächtig präsentierenden Hochtorzug.
Jetzt schweifen meine Gedanken zurück zu Kindertagen im Gesäuse und meiner ersten alpinen Tour, die mich vor fast genau 26 Jahren an den gleichen Ort geführt hat. Damals wie jetzt ist es für mich eine märchenhafte Gegend, sogar noch schöner als etwa der Wilde Kaiser oder die Dolomiten. Denn es ist einmalig hier, dass aus sanft-grünen Hügeln und Wäldern himmelhohe leuchtend-weiße Wände zu schwindelerregenden Spitzen hinauf schießen. Und so stehen Sie sich auf ewig gegenüber,  Hochtor und Buchstein, Reichenstein und Kaibling, wie verzauberte Majestäten im Märchen.
 
Dann geht es an den Abstieg und wir sind überrascht, auf dem „Normalweg“ über längere Strecken steiles Zweiergelände abklettern zu müssen. Ja, in Wirklichkeit ist dieser Abstieg fordernder, als der Aufstieg mit seinen Dreierkletterstellen.
Bei meinem ersten Aufstieg vor 26 Jahren waren wir hier ohne Seil und Helme in einfachen Bergschuhen unterwegs und ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich einließ. Zu Beginn war ich von der ungewohnten Ausgesetztheit wie gelähmt und schon entschlossen umzudrehen, aber mein Bergpartner ging einfach gnadenlos weiter und ich hatte keine andere Chance, als zu folgen. Irgendwann kippte dann meine Gefühlslage und schlug in eine wilde Euphorie um, die die Angst völlig verdrängte und mich auf den Gipfel und wieder zurück ins Tal brachte. Es war ein einmaliges Erlebnis, im nachhinein gesehen aber schon sehr grenzwertig.
Diesmal jedoch, 26 Bergjahre später, kommen wir problemlos, wenn auch sehr durstig, zurück ins Tal.
 
Erwähnenswert sind noch die furchterregenden Spalten und Löcher, die es auf und rund um den Berg gibt. Beispielsweise klafft nahe des Gipfels ein trichterförmiges Loch, das, einige Meter im Durchmesser, senkrecht wer weiß wie tief in den Berg hinabführt. Oder die schwarzen Spalten, die schon nahe der Mödlinger Hütte, wie Risse, den Wald durchziehen. Wehe dem, der in die Luft, statt auf den Weg schaut, und hinein gerät, in diese Werke der Erosion, die das Wasser im Kalk anrichtet.
 
Um die wunderbare Reichensteinüberschreitung abzurunden, hängen wir einen Tage später noch den Kaibling Westgrat dran. Diese ebenfalls sehr schöne Route im SG II gehen wir seilfrei und genießen besonders den hoch in der Luft schwebenden Ausstiegsgrat. Diesmal ist der Abstieg über den Normalweg eine nette Wanderung, die einen herrlichen Gesäuseausflug abschließt.


Tourengänger: Michael26


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