Über die Nadel auf den Piz Kesch


Publiziert von Delta Pro , 31. Juli 2018 um 08:06. Text und Fotos von den Tourengängern

Region: Welt » Schweiz » Graubünden » Albulatal
Tour Datum:29 Juli 2018
Hochtouren Schwierigkeit: ZS+
Klettern Schwierigkeit: V+ (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR 
Zeitbedarf: 7:15
Aufstieg: 1870 m

Fantastische Klettertour an einem der markantesten Bündner Gipfel

Die Keschnadel ist eine der lohnendsten und auch bekanntesten Klettertouren auf einen Bündner 3000er. Seit fast 20 Jahren träumte ich davon diese Tour einmal zu machen, doch bislang hat es nie gepasst. Mit 3614adrian als ortskundigem Führer klappte es nun an diesem Sommer-Sonntag mit perfekten Bedingungen - ein super Erlebnis!

Die Route zur Keschnadel hat eine Gesamthöhe von ca. 300 Metern, wovon etwas mehr als die Hälfte in sehr schönem, festem Fels geklettert wird (ca. 6 Seillängen). Alle Stände sind gut gebohrt. An schwierigeren Stellen gibt es Bohrhaken, auch wenn diese nur in der steileren Direktvariante (V+) Abstände von weniger als 10m haben. Zusätzliches Sicherungsmaterial kann sich also lohnen. Die Schwierigkeiten übersteigen den vierten Grad nirgends. Nicht unterschätzen sollte man den relativ langen und zerklüfteten Grat zum Hauptgipfel - dies ist keine Sportklettertour, sondern erfordert Erfahrung in wildem Bündner Gelände und teils auch nicht ganz festem Fels.

Für mich ein Novum: Wir gingen die ganze Tour mit den Trailrunning-Schuhen - was uns doch einige erstaunte Blick von anderen Berggängern einbrachte. Zuerst durchaus skeptisch - man braucht doch Bergschuhe für eine Hochtour, oder nicht? - muss ich sagen, dass sich die Entscheidung bei den aktuellen Verhältnissen 100% gelohnt hat: angenehmer, schneller Zustieg, für die Kletterei die Finken schon an den Füssen, gefühlvolleres Gehen über den Grat und wieder schneller Abstieg auf der Normalroute. Leichtsteigeisen passen bestens auf die Trailrunning-Schuhe und reichen auf dieser Tour ohne weiteres aus. Falls man Tour und Verhältnisse allerdings weniger genau kennt
und weniger Erfahrung mit leichten Schuhen in alpinem Gelände hat, empfiehlt sich ein Bergschuh aber nach wie vor!

Vom Parkplatz bei Punts d'Alp bin ich in wenigen Minuten bei Kollege 3614adrian "zu Hause" und wir ziehen im ersten Licht auf dem Wanderweg gegen die Keschhütte. Anstatt den Umweg über die Hütte zu machen, steigen wir direkt durchs Gletschervorfeld auf den Vadret da Prochabella. Mit den Steigeisen den aperen Gletscher hinauf. Erst oberhalb rund 3000 Metern liegt noch etwas Schnee - einmal mehr ein dramatischer Sommer für unsere Gletscher... Nach knapp zwei Stunden sind wir am Einstieg bei der markanten Gratscharte. Der erste Teil der Route kann noch gut seilfrei gemacht werden und ist erstaunlich lang. An einigen Stellen muss geklettert werden (II) und eine kurze Felsschneide unmittelbar vor dem ersten Stand ist exponiert. Anschliessend eine SL (knapp IV) etwas links der Kante, eine einfache SL zum nächsten Stand. Von dort sehr schön wieder etwas links der Kante (IV) hinauf. Der Fels ist perfekt! Nach wiederum einer einfacheren, plattigen SL (II-III) steht man unter dem senkrechten Aufschwung, der einfacher (IV-) rechts umgangen werden könnte. Die Direktvariante ist aber sehr lohnend und relativ gut abgesichert, erfordert aber doch den beherzten Einsatz der Arme und feineres Stehen (V+). Anschliessend zur Gipfelplatte, die mit Spreizschritt erreicht wird und in dieser mit feineren Griffen (IV) zum Gipfel der Keschnadel. Eine super-schöne Kletterroute mit genialen Tiefblicken!

Nach gemütlicher Gipfelrast steigen wir durch eine enge Rinne (II) ab. Dann gleich nach rechts auf einem Band in eine Schuttrinne und in die Scharte. Hier verstauen wir das Seil, da uns das Gehen effizienter und auch sicherer als am kurzen Seil erscheint. Das Gelände ist meist relativ einfach und teils etwas schuttig. Trittspuren zeigen meistens die Route an, die immer in der Nähe des Grates verläuft. An einigen Stellen muss kurz geklettert werden (II- max. III) und Trittsicherheit ist wichtig. An einem Turm wird 10m abgeseilt. Danach nochmals über ein exponiertes Gratstück und einfach zum Hauptgipfel (ca. 45 min von der Keschnadel). Nach längerer Rast, in der Hoffnung die meisten Personen auf dem Normalweg wären unten, steigen wir ab. Relativ viel Geröll liegt herum, geklettert werden muss kaum je richtig. Meistens folgt man mit Vorteil dem Grat. Nach 10 Minuten für die 200 Höhenmeter, nachdem wir uns unten doch noch an einem Bergsteiger-Stau vorbeidrücken mussten, sind wir beim Skidepot - Trailrunning-Schuhe sei dank. Über den Gletscher, wieder mit Steigeisen, und auf dem Hüttenweg zurück nach Chants, wo wir genau richtig zum Mittagessen eintreffen.    

Durchgangszeiten:
Chants: 5.25
Einstieg Keschnadel: 7.30
Keschnadel: 9.00
Piz Kesch: 10.05
Chants: 12.25

Tourengänger: Delta, 3614adrian


Galerie


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Kommentare (8)


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Alpin_Rise hat gesagt: Ganz nach meinem Geschmack
Gesendet am 31. Juli 2018 um 10:25
Sauber durchgezogen, Jungs. Und schöne Doku mit den Fotos!

Müsste auch mal Trailrunners ausprobieren, scheints...

G, Rise

jakobme hat gesagt:
Gesendet am 31. Juli 2018 um 16:37
Cool.
Also Turnschuhe sind für sowas definitiv die richtige Wahl. Bei Leuten mit Bergschuhen kann ich mir eigentlich nur vorstellen, dass die halt einfach zu gerne schwitzige Füsse haben.
Was die Grösse der Rucksäcke betrifft habt ihr aber sicher noch Optimierungspotential ;-)

Delta Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 1. August 2018 um 19:41
Da hast Du recht - die Rucksäcke waren nicht optimiert. Sobald man sich entscheidet, richtig zu sichern, wird's halt schwerer. Auch diese Ausrüstung abzuspecken, wäre dann das nächste Level. Wer dort mitmachen will, muss jeder selbst entscheiden.

jakobme hat gesagt: RE:
Gesendet am 4. August 2018 um 20:46
Das stimmt aber mit einem 30m Halbseil, ein paar Alpinexen und einem 90g Renngurt kann man schon ganz gut die Schlüsselstellen absichern (solange es Bohrhaken hat). Selbst auf solo Touren (wie z.B. letztens am Sustenhorn) habe ich oft eine 30m Rad-Line und den Gurt dabei um im Notfall abseilen zu können.
Ich bin meisst mit einem 20l Rucksack unterwegs der dann auch gleich noch wie eine Trailrunningweste 2 500ml Softflask vorne an den Trägern hat (Salomon Peak 20).
Mit dem kann man dann auch ganz gut joggen wenn das Gelände es zulässt.

georgb Pro hat gesagt:
Gesendet am 1. August 2018 um 16:44
Ein klassischer Delta. Stark gegangen und stark dokumentiert. Und nebenbei einen Trend gesetzt. Ab sofort werden Bergsteiger mit Hochtourenschuhen skeptisch beäugt ;-)

Delta Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 1. August 2018 um 19:38
Besten Dank für die Blumen.
Allerdings möchte ich mich keinesfalls verantwortlich für den Trend zeigen. Er liegt im Wandel der Zeit. Ich kann mich noch gut erinnern, wie vor gar nicht so vielen Jahren hier auf Hikr kopfsalat kritisiert wurde, als er im Jura Steigeisen auf die Turnschuhe montierte. Auch der Vorkommentierer hat schon diverse viel hochalpinere Touren mit leichten Schuhen beschrieben.
Aber eine gute Erfahrung (bei den aktuellen Verhältnissen) war's auf jeden Fall. Und vielleicht traut sich ja manch ein anderer auch einmal die schweren Bergschuhe zu Hause zu lassen.
Gruss Delta

Lu3418 hat gesagt:
Gesendet am 2. August 2018 um 08:55
Danke für den guten Bericht und die tollen Fotos aus meinen geliebten Tuorser Bergen. welche mir von Kindsbeinen an sehr vertraut sind.

Delta Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 4. August 2018 um 20:09
Vielen Dank fürs Kompliment - es war super schön einmal auf dieser Route auf "Deinen" Berg zu steigen.
Gruss Delta


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