Rotwand Südwestgrat: Gleiselstein → Klammstein → Kirchstein → Alte Rotwand → Rotwand → Nebelwand


Publiziert von Vielhygler Pro , 22. Juli 2018 um 22:13.

Region: Welt » Deutschland » Alpen » Bayrische Voralpen
Tour Datum:14 Juli 2018
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: I (UIAA-Skala)
Mountainbike Schwierigkeit: L - Leicht fahrbar
Wegpunkte:
Geo-Tags: D 
Aufstieg: 1100 m
Abstieg: 1100 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Von Enterrottach in die Valepp. Von der Bushaltestelle Johannesbrücke (hier Car-Depot) mit dem Bike auf der für KFZ gesperrten Teerstraße bequem entlang der Roten Valepp zur Waitzinger Alm (Winterstube) hinauffahren. Anfahrt ist ebenso von Spitzingsee möglich.
Zufahrt zum Ankunftspunkt:dito
Unterkunftmöglichkeiten:Rotwandhaus
Kartennummer:DAV BY 15 Mangfallgebirge Mitte

JUNG ist immer gut! Junge Mode, junges Gemüse, junges Glück. Ganz anders bei ALT! Altes Denken, alter Krempel, alter Sack. Doch keine Regel ohne Ausnahme! Guter alter Cognac zum Beispiel, sowie alter Gouda oder die Alte Rotwand, die kein Getränk und schon gar kein alter Käse ist, sondern ein schöner Berg, ein Seelenziel. Leicht ist die "Oide" Rotwand über freie aussichtsreiche Wiesen zu erreichen, doch allzu leicht wollte ich es mir heute auch wieder nicht machen, denn unter meinem sinnesfrohen Genußwander-Ego ist noch ein weglos erkundungsfreudiges und viel leidensbereiteres Alter Ego verborgen...

Vorgenommen habe ich mir heute also nicht nur die weit oben liegende, schöne Grasbergüberschreitung vom Kirchsteinsattel über die Alte Rotwand zur Rotwand, sondern den vielgipfeligen Anstieg von der Waitzingeralm über den gesamten Südwestgrat auf die beiden Gipfel. Dieser Anstieg hat sich in einigen stacheligen, verkrauteten und sehr mühseligen Passagen heute als veritabler Jungbrunnen für den alten Vielhygler erwiesen und das noch bevor das eigentliche Wandervergnügen an Kirchstein, Alter Rotwand und Rotwand überhaupt beginnen sollte.  

Wegbeschreibung

Mit dem Bike fahre ich von der Johannesbrücke bequem auf Teer die Rote Valepp hinauf zur Waitzingeralm. Von hier geht es, beschildert u.a. mit "Rotwand", eine Forststraße nach Süden in Richtung Pfanngraben. Gleich an der ersten Kurve nach Osten (mit Gatter), gehe ich weglos über Wiesen nach links (Norden) einen Wiesenbuckel hinauf. Er bildet die erste, kleine Erhebung am Südwestgrat der Rotwand. Über die Tiertritte freier Almflächen geht es nun in östlicher Richtung zu einem schön gelegenen, auch in der Karte (ohne Namen) eingetragenen Almgebäude. Links befindet sich schon der Anstiegswald zum Rotwand-Südwestgrat hinauf. Rechts fallen die Almwiesen zum Pfanngraben ab.

Von der Hütte aus gehe ich nach Nordosten, bis ich am Waldrand einen Bach erreiche (siehe Karte und Bild). Links (westlich) von diesem Bachgraben geht es weglos im Tannenwald nach Norden zum Südwestgrat hinauf. Dieser soll dann laut Karte über drei kleine, etwa gleich hohe (ca 1220 m) Waldgipfelchen in nordöstlicher Richtung ansteigen. Genauso finde ich es dann auch. Der erste, weglos erreichte Waldbuckel ist sehr breit und es folgt in nordöstlicher Richtung eine auffällige grüne Senke. Zwischen dem ersten und zweiten Tannengipfelchen quert ein Pfad den immer noch breiten Südwestgrat. Der zweite Buckel ist ein fast esoterisch anmutender Steinkreis und unmittelbar drauf kommt schon der dritte Waldbuckel in Sicht. Östlich von ihm macht der Südwestgrat einen Schwenk nach Norden zum Gleiselstein. Nach ein paar weglosen Schritten vom dritten Buckel nach Osten in eine Senke steigt sogar eine ausgeholzte Schneise direkt nach Norden an. Diese gehe ich nun in Richtung Gleiselstein hinauf, den ich wie geplant, auf seiner östlichen Seite erreiche. Unschwierig geht es schließlich in ein paar Schritten empor zum höchsten, Punkt, der von blickdichten Tannen umstellt ist. Doch der kleine W-O-Gipfelgrat des Gleiselsteins hat durchaus schöne, nach Süden sehr aussichtsreiche Stellen zu bieten, die ich für eine gemütliche Rast nutze.

Direkt oberhalb (nördlich) des Gleiselsteins treffe ich weglos jenseits einer Wiese auf die Forststraße und somit auf den Normalweg vom Spitzingsee zur Rotwand. Hier geht es von der Straße aus gleich in nordöstlicher Richtung auf dem Südwestgrat weiter, bei einem Hochsitz (s. Foto) erfolgt der Einstieg. Es geht nun weglos am Südwestgrat auf auf den P. 1467 zu. Diese Passage ist von der Stimmung her etwas düster, melancholisch und sehr mühsam zu gehen. Viele umgestürzte Bäume, Tannen mit stacheligen Ästen, matschige Abschnitte, Brennnesseln, Disteln und viel Gestrüpp prägen hier die Gratwanderung. Hinzu kommt, daß ich wegen der vielen Steine im hohen Gras fast nirgendwo sehen kann, wo ich eigentlich hintrete...einmal quert ein Steig den Grat, ich komme fast in Versuchung, auszu-"steigen". Der schließlich erreichte, vollkommen blickdichte P. 1467 ist ein Gipfel vom Typ "Stilles Ziel": hier dominiert die Schau nach Innen. Sein "Gipfelzeichen" ist ein markierter Baum (Foto).

Vom P. 1467 geht es ein paar Schritte zu einem der obersten Ausläufer des Waidgrabens hinunter (man kann den Bach unter dem hohen Gras hören). Das ist, was die Wegfindung betrifft, die Schlüsselstelle! Um hier nicht auf einen nach Norden ziehenden Gratast zur Oberen Wallenburgalm und zum Schweinsbergl zu geraten, sondern auf dem Südwestgrat zu bleiben und zum Klammstein anzusteigen, gilt hier: den Bach auf der Stelle überqueren und an einer direkt gegenüberliegenden auffälligen Gratkante wieder ansteigen!

Nun geht es am Südwestgrat zum Klammstein hinauf. Zunächst etwas stachelig, aber dann erst einmal bequemer: endlich gemütliches Gehgelände! Zudem ist dies ein interessanter, abwechslungsreicher Gratabschnitt, mitunter ist er sogar felsig! So stelle ich mir eine schöne weglose Gratwanderung vor!  Aber ich freue mich zu früh, denn es wird am Klammsteingrat noch ein weiteres Mal sehr mühsam. Schließlich ein Lichtblick: die oberen Klammsteinfelsen sind ausichtsreich und endlich beginnt auch gleich oberhalb sanftes Almgelände.

Es geht nun nach den Klammsteinfelsen am Südwestgrat stets über Wiesen einen Weidezaun entlang bequem empor. Gelegentlich stehen auch noch oberhalb des Klammsteins wuchtige Felsen auf den Almflächen. Deren höchster ist der Kirchstein direkt am Grat und fast schon am Wanderweg Taubenstein-Rotwandhaus. Ein wirklich dekoratives Kleingemäuer! Zum Kirchsteingipfel gehe ich auf der Südseite einen einfachen weglosen Schrofenanstieg hinauf (etwa T3+, m.E. keine I' er Stelle). Es sind nur wenige Schritte, aber es lohnt sich! Ich schaue mich um: die höchsten Ziele des Südwestgrats sind jetzt schon deutlich nähergerückt. Von den folgenden drei, noch vor der eigentlichen Rotwand gelegenen felsigen Grasgipfeln kann ich vom Kirchstein aus nur die ersten zwei sehen: ein vorgelagertes Grasbergl und dahinter die Alte "Oide" Rotwand (auch "Rotwandkopf"genannt). Die eigentliche Rotwand sieht man vom Kirchstein noch nicht.

Vom vielbevölkerten Kirchsteinsattel gleich oberhalb des Kirchsteins geht es auf schwachen Pfadspuren am Rotwand-Südwestgrat den Zaun entlang weiter. Von links trifft ein weiterer Weidezaun mit Pfad von der Gratschneide des Lämpersbergs auf den Südwestgrat. Nun wird der Steig etwas deutlicher. Er führt über ein vorgelagertes Grasbergl hinweg am Grat bis unter die Alte Rotwand. Der Steig quert auf der Nordseite der "Oiden" weiter nach Osten in Richtung Rotwand, doch ich gehe weglos und einfach zum kleinen Gipfelkreuz der Alten Rotwand hinauf. Das Kruzifix ist etwas lädiert, es fehlen Teile des rechten Arms, die Buchtüte hingegen ist nagelneu und strahlend weiß-blau.

Statt zum Pfad wieder zurückzugehen, bleibe ich am Grat. Der direkte, kurze Abstieg von der Alten Rotwand nach Osten in einen kleinen Sattel hinab ist allerdings etwas luftig (m.E. höchstens T4, I). Ich erreiche so natürlich auch wieder den Pfad. Am Sattel bin ich nun bis vor die westliche Seite eines unbenannten, aber schneidigen Zwischengipfels gekommen, der noch vor der Rotwand steht. Ich gehe vom Sattel aus ein paar Schritte am Pfad nach Osten, folge einer Steigspur zum Grat und lande auf einem kleinen, grasigen Zwischenabsatz. Der folgende, sehr ausgesetzte Übergang zum Fuß des obersten, fast vertikalen Felsaufschwungs wäre vielleicht mit einem Grastritt linkerhand noch gegangen, aber die Gratschneide hat mir zu scharf ausgesehen. Mich würde aber interessieren, ob jemand diese Dirittissima gegangen ist. Vielleicht habe ich ja zu früh aufgegeben? (Nachtrag: siehe Bildkommentar) Ich gehe also wieder hinunter und verfolge, zunächst etwas rumpelig absteigend (T3+), die querenden Pfadspuren auf der Nordseite zur Rotwand, die über einen steilen Wiesenaufschwung (T3) leicht erreicht wird.

Das schönste an der Rotwand ist ihr wunderbares, vielgipfeliges Gebiet, aber nicht eigentlich ihr höchster Punkt. Aber klar, sie ist schon ein ansehnlicher Grasberg. Ich bleibe dennoch nur kurz und quere vom Abstiegsweg zum Rotwandhaus als Abstecher noch weglos und einfach über Gras zur Nebelwand hinüber. Von der Nebelwand kann ich im Rückblick die Grasbergkette des obersten Abschnitts des Rotwand-Südwestgrats besonders gut sehen.

Ein vielfach gestufter Ausklang beschließt die Tour:

Ein (durchaus trinkbarer) Milchkaffee im Rotwandhaus. Der genußreiche Abstieg über die freien Almen der Kümpflalm und den beeindruckenden Pfanngraben hinab. Schließlich mit dem Bike ausrollen auf gutem bayerischen Teer zur Johannesbrücke zurück. Und last not least: in Gmund  im Tegernsee schwimmen gehen ("platsch!"). Schließlich hat Agip nebenan immer ein gutes Schneider-Weißbier eingekühlt, das stell' ich mir dann kippelsicher in den Bergschuh und "zisch"...nach Bad Tölz zurück. Schön war' s wieder! 

Bemerkungen, Stimmungen, lohnt sich' s?

Von der Waitzinger Alm weglos über den Südwestgrat zum Gleiselstein? Mir gefallen solche Erkundungen und mühsam oder schwer zu finden war es ja nicht. Doch empfehlen kann ich diesen Anstieg anderen Wanderern nicht wirklich. Eher: von der markierten Forststraße (Wanderweg zum Rotwandhaus) den Gleiselstein (1332 m) als nettes, aussichtsreiches und einsames Gipfelchen abseits des Trubels "mitnehmen, es sind ja nur weglose, leichte 5 Minuten dothin.
Die nächste Passage am Südwestgrat zum P. 1467 und weiter zu den höchsten Felsen des Klammsteingrats?
Ich war von der Landschaft dort wirklich beeindruckt. Was für ein wildromantisches Durcheinander! Melancholisch, düster, abweisend...das sind Stimmungen, die ich auf meinen sonstigen weglosen Erkundungen oft überhaupt nicht finde, denn diese sind meistens in lichtem Bergmischwald hell und heiter. Nicht so auf dieser Passage am Südwestgrat: hier bestimmen stachelige Totholzpassagen, mannshohe Brennnesseln, morastige Trittgruben, bemooste, rutschige Steinbrocken inmitten dichten Buschwerks und vieler umgestürzter Bäume das Bild. Für mich ist das ok und gehört zum Wandern in meiner Freizeit einfach mit dazu. Schlimmer fände ich es, wenn ich zuhause oder in meiner Arbeit ständig solchen weglosen Passagen ausgesetzt wäre!
Klammstein  - Kirchstein? Es lebe der Kontrast! Vollkommen anders als in der vorangegangenen Passage präsentiert sich der Südwestgrat im Abschnitt vom Klammstein zum Kirchstein, denn hier geht es über freie Almwiesen sehr aussichtsreich weiter. Diese Gratpassage kann als weiter oben liegender Einstieg in das Südwestgratvergnügen bestimmt auch weglos auch über die Wildfellalm erreicht werden. Ich habe das noch nicht probiert, aber wenn die Kälber hinauffinden...
Der Kirchstein ist ein schöner, ruhiger Fels, der auch als Mini-Abstecher von der stark frequentierten Rotwandhaus-Highway gemacht werden kann.
Kirchsteinsattel - Alte Rotwand - Rotwand? Am Südwestgrat direkt über drei grasige Vorgipfel zum höchsten Gipfel: für mich eindeutig der schönste Anstieg, weil er den Grasbergcharakter der Rotwand am besten herausarbeitet!
Einsame Oide Rotwand: ein Seelenziel! Ich war überrascht, daß ich hier heute keinen einzigen anderen Wanderer getroffen habe, obwohl das Rotwandhaus nur einen Steinwurf entfernt ist und der grasige Südwestgrat direkt über dem Wanderweg vom Kirchsteinsattel dorthin verläuft.
Nett war noch die Nebelwand (1820 m), die natürlich nicht mehr zum Rotwand-Südwestgrat gehört. Auf der Nordseite ein sanfter Grasbuckel, ist sie mit schroffen Felsen auf der Südseite (Kümpflalm) sehr auffällig. Wäre die Rotwand schwieriger, höher oder weiter weg, wäre die Nebelwand bestimmt der Hüttengipfel des Rotwandhauses mit einem riesigen Kreuz, Münz-Fernglas usw...wie gut, daß es nicht so ist!
Abstieg über Kümpflscharte - Kümpflalm - Pfanngrabensteig - zur Waitzingeralm? Sehr abwechslungsreicher, relativ langer Ab- (oder Anstieg). Ein Highlight ist der Pfanngraben: wirklich eindrucksvoll!

Tourengänger: Vielhygler


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