Harry Hasler's Rippe


Publiziert von danski , 14. Mai 2018 um 22:05.

Region: Welt » Schweiz » Wallis » Oberwallis
Tour Datum:11 Mai 2018
Hochtouren Schwierigkeit: ZS-
Ski Schwierigkeit: AS
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS 
Zeitbedarf: 10:30
Aufstieg: 1300 m
Abstieg: 2400 m
Strecke:Konkordiahütte - Konkordiaplatz - Haslerrippe - Lötschenlücke - Langgletscher - Fafleralp
Zufahrt zum Ausgangspunkt:ÖV zum Jungfraujoch
Zufahrt zum Ankunftspunkt:ÖV ab Fafleralp
Unterkunftmöglichkeiten:Konkordiahütte, Hollandiahütte

Auffahrt = Bergfahrt! Traditionell werden diese vier Tage mit grossen Plänen bespielt. Doch dieses Jahr sollte es wettertechnisch besonders volatil sein. Walliser Hauptkamm oder doch Aletschgebiet? In beiden Regionen schlummert noch so manches Projekt und so spielten schlussendlich die Wetteraussichten das Zünglein an der Waage zugunsten des Aletschgebietes.

Bestimmt mit ein Grund für unsere Entscheidung ist die sehr gute Erreichbarkeit dank der Jungfraubahn. Am Donnerstagnachmittag nahmen wir die immer wieder aufs neue faszinierende Reise auf uns. Zwischen dösenden Indern, die in der Jungfrau-U-Bahn von optischen Reizen einmal verschont werden und vom streng getakteten Euro-Reiseprogramm etwas Erholung finden, ruckelten wir äusserst komfortabel aufs Joch. Leider bot die Aussicht oben angekommen noch weniger Reize als der Tunnel. Kompletter whiteout. In diesen Momenten können einem die weitgereisten Menschen leid tun und man möchte sich als "Eingeborener" am liebsten für die Gemeinheiten des hiesigen Wetters entschuldigen. Nach einem Kaffee am Kiosk, der sich gefühlt beinahe ebenso gut im Victoria Terminus in Mumbai (ebenfalls im UNESCO-Inventar!) befinden könnte, schritten wir durch die langen Stollen dem nebligen Licht entgegen. Spätestens nach dem man die Absperrseile unterfahren hat, lässt man den Rummel hinter sich zurück. Dank vieler Spuren fanden wir uns recht schnell auf der "Piste" zum Konkordiaplatz hinunter. Die sportliche Leistung des Tages bestand zweifellos aus der Ersteigung der Stahltreppen zur Konkordiahütte hoch. Dank des nicht eben sehr freundlich vorausgesagten Wetters war die Hütte nur zu gut zwei Drittel besetzt. Doch das reichte völlig aus, um nicht die erholsamste Nacht zu verbringen.

Haslerrippe hoch...

Um uns die Option Aletschhorn offen zu halten, ist eine frühe Tagwache unabdingbar. Das vertraute Piepsen des Weckers um 03:15 kommt nicht ungelegen, denn so können wir endlich einen Schlussstrich unter diese Nacht ziehen. Es schleichen schon andere Gestalten um diese Zeit durch die Hütte, von denen aber keine denselben Plan verfolgen würde, wie wir ihn zu realisieren gedachten. Frühstück um diese Zeit verdient den Namen zu recht und kostet wie gewohnt die erste Überwindung des Tages. Als erste verlassen wir die Hütte und nehmen uns die Treppen vor. Man sollte es tunlichst vermeiden, in den Halbschlaf zurückzufallen, denn ein Stolpern hätte hier ziemlich ungesunde Folgen. Zügig skaten wir um 04:30 über den Konkordiaplatz und biegen in den Aletschfirn ein. Bergflanken zeichnen sich schemenhaft in der langsam einsetzenden Dämmerung ab, während sich die Gipfel in den Wolken verbergen. Selten ziehen in der Ferne Lichtpunkt an uns vorbei und es fühlt sich ein wenig wie auf einem Ozean an, auf dem nachts von Zeit zu Zeit Frachtschiffe ihren Zielhäfen entgegensteuern. Zu unserem Erstaunen blitzen auch immer mal wieder zwei Stirnlampen am Einstieg der Haslerrippe auf. Rasch erreichen wir per Skis den Bergschrund auf ca. 3080 m, während die besagte Zweierseilschaft sicher bereits 100HM gewonnen hat. Der Blick auf die sich vor einem aufbäumende, mehrheitlich schneebedeckte Eiswand ist zweifellos eindrücklich, auch wenn die obere Hälfte sich immer noch in Wolken hüllt. Mühelos überqueren wir seilfrei den zahmen Bergschrund und gewinnen dank der bereits vorhandenen Treppe rasch an Höhe. Endlich ist man "full on" und findet seinen Rythmus für die kommenden 600HM. Eine kurze, härtere Stelle zu Beginn erfordert die Frontzacken, dann bewegt sich die Einsinktiefe permanent zwischen Schienbein und Hüfte. Die Steilheit nimmt nun doch markant zu und pendelt sich zwischen 45° und 50° ein. Die Spur führt nach dem ersten Sérac immer leicht nach rechts, mit dem Ziel die eigentlich Haslerrippe auf ca. 3500 m zu erreichen und auf dieser bis zum Ausstieg beim P.3718 zu folgen. Im Nachhinein entpuppt sich diese Strategie hinsichtlich der Abfahrt vielleicht als "Fehler", denn mit der Aufstiegsroute wird sogleich die Abfahrt festgelegt. "On sight"-Skibefahrungen sind bei Eiswänden nie eine besonders empfehlenswerte Strategie, da sich unter dem verlockenden Pulver unvermittelt Blankeis verbergen könnte. Dazu gibt es übrigens bestes Anschauungsmaterial von eben dieser Haslerrippe. Herrn de le Rue hätte es hier fast mal kalt erwischt... Würde man sich also östlich der Felsen der Haslerrippe halten, könnte in der Abfahrt diese offene Steilflanke befahren werden. Mit der Verfolgung der Spur unserer Vorgänger machen wir uns diese Option aber von Anfang zunichte. Fairerweise muss aber gesagt werden, dass der Bergführer mit Kunde eine für den Aufstieg optimale Linie gelegt hat, die uns eine Menge Arbeit ersparte, selbst wenn wir ab der eigentlichen Haslerrippe die Spurarbeit übernahmen. Mittlerweile befinden wir uns auf der Rippe, die sich aussergewöhnlich gut eingeschneit präsentiert. Nur ab und zu kratzt man am steinigen Untergrund, was wir uns bei der kommenden Abfahrt ständig zu vergegenwärtigen haben. Auf ca. 3600 m verleitet uns eine scheinbar kurze Traverse gegen Westen zum Verlassen der Rippe. In gutem Trittschnee aber mit gehörig Luft unter dem Allerwertesten kommen wir zwar gut voran, aber Traversen sind immer unangenehm und erfordern unnatürliche Bewegungsmuster. Nach bloss 2.5 Stunden verlassen wir die gähnenden Abgründe der Nordwand westlich des P. 3718. Es ist kurz vor 09:00 und eine Gipfelgang läge bei den optimalen Verhältnissen auf der Normalroute gut drin. Allerdings hüllen uns just in diesem Moment dichte Wolken ein und lassen uns erst einmal abwarten. Auch der Bergführer mit Gast hat mittlerweile das Ende der Rippe erreicht und zieht gleich weiter zum Gipfel mit Ziel Abstieg via Südwestgrat. Unsere Idee, selbst bei diesen Sichtverhältnissen die Haslerrippe zu befahren, beurteilt er gelinde gesagt als "kühn". So schnell wollen wir uns allerdings vom Wetter nicht geschlagen geben, obwohl sämtliche zu Rate gezogenen Wetteranimationen das nächste Wetterfenster um 15:00 prognostizieren. Nach mindestens einer geschlagenen Stunde des Wartens verabschieden wir uns vom Traum Aletschhorn und entscheiden uns für den Heimweg, natürlich via Aufstiegsroute.

...und runter.

Uns allen ist bewusst, dass dies alles andere als der erhoffte, epische "freeride" werden würde und so ist die Anspannung entsprechend hoch. Nach längerer Diskussion entscheiden wir uns wenige Meter unterhalb des NO-Grates zur Haslerrippe zu traversieren und uns dann anschliessend an die Aufstiegsspur zu halten. Diese besagte Traverse führt durch ein hängendes, 50° steiles Schneefeld 700 m über Talgrund. Für alle Fälle halten wir bergseitig den Pickel bereit und arbeiten uns in gebührendem Abstand voneinander zum Grat vor. Der Schnee ist hier von zweifelhafter Güte mit einem Schaum klebrigem Neuschnee auf harter Kruste, was die Funktionsweise der Kanten etwas einschränkt. Es geht gut und so stehen wir wenige Meter direkt unter dem P.3718, bereit den weiten Weg durch den weissen Abgrund zu wagen. Der Platz auf einer Rippe ist naturgemäss beschränkt und so ist jeder turn eine kleine Meisterleistung. Stellenwiese kann im obersten Teil der Rippe nur seitilich abgerutscht werden, wobei die Skikanten teilweise nur noch auf den Steinen aufliegen. Der Pickel in der Berghand vermittellt zumindest etwas Sicherheit. Mir fällt erst einmal ein grosser Stein vom Herzen, als die obersten 50 HM erfolgreich gegessen sind. Von nun an gibts wieder etwas mehr Platz bei immer noch hartnäckig, diffuser Sicht. Fanden wir beim Aufstieg noch nahezu perfekten Pulver vor, hatte sich dieser zwischenzeitlich durch die Feuchtigkeit des Nebels und die diffuse Strahlung der Sonne in eine relative schwere Masse verwandelt, was es uns auch nicht leichter macht. Immerhin ist die Qualität des Schnees äusserst konsistent. Man braucht bloss auf überschneite Steine Acht zu geben. Immer noch langsam, aber stetig kommen wir voran und es schleicht sich nun so etwas wie Routine ein. Stöcke placieren, Oberkörper eindrehen und die Skis mit dosierter Kraft um 180° manövrieren. Auf rund 3500 m gelangen wir endlich unter die Nebeldecke und können von der nun weniger ausgeprägten Rippe in die grosse Flanke queren. Puh, jetzt kommt endlich der vergleichsweise entspannte Teil der Abfahrt! Wir machen unserer Erleichterung Luft und können endlich flüssige, runde turns aneinanderhängen. Skifahren in 45° - 50° steilem Gelände kann so einfach sein, wenn der Schnee und der Kopf stimmt. Um 12:30 haben wir sicheren Grund auf dem flachen Aletschfirn erreicht. Es sind also 3.5 Stunden seit unserer Ankunft beim P. 3718 vergangen. Inwiefern sich diese Zeit aufteilt, bleibt für mich nicht mehr nachvollziehbar. Jedenfalls sind wir alle sichtlich erleichtert und voller Endorphine als wir zurückblicken, ohne die ganze Rippe zu Gesicht zu bekommen, denn der obere Teil verharrt noch immer in diesem fiesen Wolkengebräu. Gegen die Lötschenlücke öffnet sich ein blaues Fenster, welches wir zielstrebig ansteuern. Die Anziehungskraft eines kühlen Kübels Panaché in Blatten ist fast stärker als die Gravitation, die wir soeben auf Skis kontrollierten. Dank der aussergewöhnlichen Schneelage kann momentan noch bis zur Fafleralp gefahren werden.

Anmerkungen

Die Haslerrippe kann man in der Abfahrt auch einfacher haben. Folgt man kontinuierlich der offenen Flanke östlich der Rippe, bewegt sich die Schwierigkeit auf SS+ Niveau. Eine Befahrung der eigentlichen Rippe im oberen Teil ist mit Sicherheit nur bei aussergewöhnlicher Schneelage, wie sie jetzt herrschen, möglich. Ansonsten ist sie zu steinig. Der Aufstieg dürfte aber kaum jemals so einfach zu meistern sein, wie wir ihn "geschenkt" bekamen. Einziger Wermutstropfen bleibt das Nicht-Erreichen des Aletschhorngipfels. Dieser war dann tatsächlich bis ca. 14:00 permanent in Wolken gehüllt. Gut zu wissen, dass ich schon einmal an einem Traumtag oben war. http://www.hikr.org/tour/post80981.html

Ein besonderer Dank gilt meinen finnischen Begleitern, die auch in den unangenehmen Momenten immer einen Spruch oder aufmunternde Worte auf Lager hatten. Speziell Miku Merikanto für die abermals spektakulären fotografischen Impressionen.

http://mikumerikanto.blogspot.ch/
https://www.instagram.com/mikumerikanto/



Tourengänger: danski


Galerie


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Kommentare (6)


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Sputnik Pro hat gesagt: Congrats!
Gesendet am 14. Mai 2018 um 22:18
Eifach zgeil... aber ebe müssti no chli besser chönne Steilwandfahre ;-)

Gruäss Andi

danski hat gesagt: RE:Congrats!
Gesendet am 14. Mai 2018 um 22:47
Danke danke! Üben, üben, üben, aber vielleicht nicht gerade an der Haslerrippe... ;)
Wünsche dir weiterhin viele spannende Touren, an denen du uns bitte bildlich teilhaben lässt.
Gruess Dani

Zaza hat gesagt: Well done!
Gesendet am 15. Mai 2018 um 09:11
Sehr schön! Bei den Bildern sieht man auch, weshalb ambitionierte Fotografen die Tourenpartner gerne in bunten Kleidern haben...

Und den Tourenausklang habt ihr dann hoffentlich in der Pattaya-Bar zu Schwamendingen gemacht ;-)

LG, zaza

danski hat gesagt: RE:Well done!
Gesendet am 15. Mai 2018 um 20:03
Vor allem bei diesen eher trüben Bedingungen. Und man verliert sich definitiv weniger aus den Augen! ;) Den mit der Pattaya-Bar musst du mir aber erklären. Diese lag nämlich in meiner Nachbarschaft und ist jetzt ein ganz unschuldiger Kinderhort...
PS: Und ich wohne nicht in Schwamendingen! ;)

Zaza hat gesagt: RE:Well done!
Gesendet am 15. Mai 2018 um 20:16
Na, das war die Stammbeiz von Harry Hasler. Wenn d weisch wan i mein ;-)

danski hat gesagt: RE:Well done!
Gesendet am 19. Mai 2018 um 19:32
Ach Zaza, entschuldige bitte mein kulturelles Banausentum. Wie konnte ich das bloss vergessen! Harry Hasler seelig...


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