Oberalpstock 3328m: Rundtour ab Bristen


Publiziert von Bergamotte Pro , 2. Februar 2018 um 17:44.

Region: Welt » Schweiz » Uri
Tour Datum:31 Januar 2018
Ski Schwierigkeit: S+
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR   CH-UR 
Zeitbedarf: 7:15
Aufstieg: 2500 m
Abstieg: 2500 m
Kartennummer:256S (R. 860d/e)

Den Oberalpstock hatte ich lange Zeit kaum auf dem Radar. Denn der mickrige Aufstieg aus dem Skigebiet Disentis schien mir der epischen Abfahrt ins Maderanertal mehr als unwürdig. Die umständliche ÖV-Anreise in die hintere Surselva (>3h) und der teure Bähnlimarathon hoch zum Piz Ault haben der Tour den Rest gegeben.

Erst kürzlich stiess ich auf die Berichte von lorenzo und chrismo77, welche den Gipfel kurzerhand ab Bristen bestiegen haben - Problem gelöst! Tatsächlich erweist sich die Route über den Bächenfirn als tolle Aufstiegsvariante für den konditionsstarken Tourengänger. Das Gelände ist mit Ausnahme der extrem steilen Schlüsselstelle ideal und homogen geneigt und bietet wenig Schwierigkeiten. Dies im Gegensatz zur Staldenfirn-Route, welche im unteren Teil kaum vernünftig zu begehen ist. Selbstredend erfordert die nordexponierte Rundtour sehr sichere Verhältnisse.


Um 5:40 laufe ich los von der Talstation der Golzernbahn. Geschlafen habe ich kaum angesichts der Nervosität, aber ich fühle mich topfit. Der Vollmond scheint hell über Bristen, aber sobald ich ins enge Etzlital einbiege, verschluckt mich die Dunkelkeit. Bis Herrenlimi trage ich die Skier fünfzehn Minuten über die apere Alpstrasse. Diese verlasse ich - im Gegensatz zur offiziellen Route - bereits bei Chrützsteinrüti und folge dem Wanderweg. Die Orientierung fällt auch dank Tierspuren überraschend leicht, trotzdem gibt das GPS Sicherheit. Vorübergehend trage ich im steilen, verwachsenen Gelände die Skier, um anschliessend Rüteli (1506m) zu erreichen. Kurze Pause und erste Zufuhr von Kohlenhydraten.

Im Übergang zur Alp Sellenen gibt's eine weitere Extrawurst: Ich folge dem Weg über den Kamm statt demjenigen weiter nördlich. Meine Variante geht auch, erfordert aber zuletzt eine Traverse im Steilgelände. Und dann stehe ich zu Füssen des riesigen Kessels westlich vom Oberalpstock. Vor mir türmen sich die 1400Hm in die "Bächenfirnlücke" wie eine Wand auf, dabei bin ich ich bereits seit zwei Stunden unterwegs. Bis hierhin konnte ich von einer tragfähigen, griffigen Unterlage profitieren. Das ändert nun schlagartig. In der kurzen Steilstufe (>35°) zur Oberalp (1895m) sind Harscheisen zwingend. Anschliessend wechseln die Verhältnisse ständig zwischen hart und windgepresst (nicht tragend).

Der Routenverlauf ist bei guter Sicht gegeben, sofern man nicht fälschlicherweise die Oberalplücke statt der "Bächenfirnlücke" anpeilt... Vor der Lücke steilt das Gelände zusehends auf und verengt sich schliesslich bis in ein Couloir. Dieses ist extrem steil (>45°) und kann im Aufstieg nur zu Fuss begangen werden. Bei idealen Verhältnissen (viel Schnee) kann man es in der Abfahrt abrutschen. Steigeisen und Pickel gehören in beiden Fällen zwingend ins Gepäck. Auch bei Trittschnee wie heute hab ich angesichts der Steilheit gerne darauf zurückgegriffen. Sicherungspunkte zum Abseilen wären vorhanden. Oben in der "Bächenfirnlücke" (ohne Name und Kote) erwartet mich ein kräftiger Wind und die Sonne steckt hinter den Wolken. Dann wird halt weitergefroren...

Der Übergang zum Staldenfirn über abgeblasenes Geröll präsentiert sich heute unschwierig, sprich keine Randkluft. Recht mühsam, weil beinhart, ist dagegen die "Einfahrt" in den Staldenfirn gleich im Anschluss. Zur Sicherheit trage ich die Skier ein paar Meter. Jetzt steht (bzw. von dieser Seite eher liegt) er vor mir, der Oberalpstock (3328m). Kurze Querung zum steilen, SE-exponierten Gipfelhang (>35°). Die Anspannung ist nun gewichen, so machen sich auch die Beine bemerkbar. Und dann, nach knapp 2500Hm und 5:50 erreiche ich um halb zwölf zufrieden das Gipfelkreuz. Zur Belohnung gibt's einen kleinen Schokoriegel und ein grossartiges Rundumpanorama - auch wenn eine vorüberziehende Wolkendecke die Stimmung etwas trübt. Die drei Gruppen auf der Normalroute befinden sich zu diesem Zeitpunkt übrigens noch auf dem Brunnifirn.

Nun folgt die gigantische 2200Hm-Abfahrt nach Stössi im Maderanertal. Bis Mitte Gemsplanggen sind die Verhältnisse gut: Pulver windgepresst, aber immerhin so etwas wie Pulver. Was nachher folgt, ist wenig erbaulich, schon gar nicht mit meinen schweren Beinen: bis zur Ligegg dicker, nicht tragender Harschdeckel. Und in den Milchplanggen kommt's noch schlimmer: steinharte, ruppige Unterlage in über 40° steilen Hängen (hier rührt die Bewertung S+ her), anschliessend Lawinenkegel. Auf Stössi (1187m) kann aufgeatmet werden: sanftes Ausgleiten talabwärts über den bestens eingeschneiten Wanderweg bis kurz vor Bristen. Kurze Vollzugsmeldung an die Partnerin und dann ab zur Kalorienaufnahme. Und natürlich studiere ich bereits am Düssi rum...

Tourengänger: Bergamotte


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Kommentare (4)


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D!nu hat gesagt: Wow! :-D
Gesendet am 2. Februar 2018 um 19:28
Gratuliere zu dieser grossartigen Tour!
Gruss Dinu

Bombo hat gesagt:
Gesendet am 2. Februar 2018 um 20:58
Tolle Erinnerungen an eine fantastische Abfahrtsvariante - wenn auch nicht ohne gewesen ohne Seil... Gratuliere zu Deiner Leistung!

lorenzo Pro hat gesagt:
Gesendet am 2. Februar 2018 um 22:03
Runde Sache!

El Chasqui Pro hat gesagt: gratuliere
Gesendet am 6. Februar 2018 um 18:03
wow, herzliche Gratulation zu dieser tollen Leistung!


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