Marche funèbre à l'Aiguille Verte


Publiziert von lorenzo Pro , 8. Dezember 2017 um 21:55.

Region: Welt » Frankreich » Massif du Mont Blanc » Chamonix
Tour Datum:10 April 2016
Hochtouren Schwierigkeit: S+
Ski Schwierigkeit: SS+
Wegpunkte:
Geo-Tags: F 
Zeitbedarf: 6:00
Aufstieg: 1120 m
Abstieg: 2665 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Argentière oder mit dem Auto, Seilbahn Grands Montets
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Zahnradbahn Montenvers, cff logo Chamonix, Rückkehr nach Argentière mit Bus, Zug oder Taxi
Unterkunftmöglichkeiten:Réfuge d'Argentière, Réfuge du Couvercle
Kartennummer:Swisstopo 282 S Martigny, 1344 Col de Balme, 292 Courmayeur; www.camptocamp.org

"La Verte est probablement un des sommets du Mont Blanc qui fait le plus
rêver les alpinistes. Aucune voie d'accès n'est aisée. C'est le plus haut
sommet entièrement français si l'on rattache le Mont Blanc du Tacul au
reste du Mont Blanc." (c2c).


Auch ich träumte lange von einem Aufstieg auf die Aiguille Verte über eine der beiden "Normalrouten" durch das Couloir Couturier oder das Couloir Whymper, bisher hatte mich aber die unattraktive Logistik - überfülltes Réfuge d'Argentière und Réfuge du Couvercle oder kaltes Biwak auf Grands Montets - davon abgehalten. Nach verschiedenen Tagestouren von Grands Montets aus auf umliegende Gipfel wie Les Courtes, Aiguille d'Argentière oder Aiguille du Chardonnet, bei denen ich die NE-Seite der Aiguille Verte studieren konnte, gelangte aber die Umsetzung des "grünen Traums" ebenfalls als Tagestour langsam in Griffnähe. Da eine Abfahrt durch das Couloir Couturier à la Dirigo oder Jacquerod für mich aber auch bei besten Verhältnissen wohl immer ein paar Schuhnummern zu gross bleiben würde, schien ein Aufstieg von dieser Seite mit Abfahrt auf die S-Seite die praktikabelste Option zu sein.

Ermutigt durch die Berichte von Marc Leonhard, der mit seinen Kollegen über das sogenannte "Couloir en Z" aufgestiegen und abgefahren war, und von Christophe Jacquerod et Frères Marclay, die dieses
 für den Aufstieg benutzt hatten, und über das Couloir Whymper abgefahren waren, beide Teams mit Benutzung der "première benne" nach Grands Montets, wollte ich bei der nächsten Gelegenheit und hoffentlich weiterhin günstigen Verhältnissen auch einen Versuch wagen.

Zwei Wochen später war es dann endlich so weit, und ich fand mich schon um 7.45 in ArgentIère ein, um ja unter den Ersten für die "première benne" ab 8.30 zu sein. Doch daraus wurde leider nichts, denn bereits um diese Zeit herrschte ein veritabler Massenandrang, so dass ich schliesslich nach geschlagenen 2h 30min Anstehen und Warten 
erst um 10.45  auf Grands Montets die Skier anschnallen konnte.

Tant pis - es gibt Schlimmeres, wie ich kurze Zeit später nach der Abfahrt über den Glacier des Rognons beim Wiederaufstieg zum Couloir Couturier feststellen musste: unter dem Bergschrund sah ich eine Gruppe, die von einem Heli angeflogen wurde. Zuerst dachte ich an einen Eiskurs oder an eine Spaltenrettungsübung, bis mich drei Südtiroler, die sich für den Aufstieg bereit machten, aufklärten, dass vor ihren Augen ein ca. 40-50-jähriger deutscher Alpinist aus dem Couloir Couturier zu Tode gestürzt sei. Wie wir und viele andere hatte er von der Aiguille Verte geträumt und diesen Traum nun jäh mit seinem Leben bezahlt. Die traurige Nachricht hätte mich noch mehr als die kaum mehr zu verantwortende Verspätung eigentlich zum Umkehren bewegen müssen, aber während die Südtiroler schon den Bergschrund überschritten, machte ich mich gefühllos und mechanisch ebenfalls für den Aufstieg bereit, der der beste Weg zu sein schien, um darüber hinweg zu kommen.

Tatsächlich erwies sich das gleichmässige Steigen in der vorhandenen und von den Südtirolern gut ausgetretenen Spur als heilsam für das Gemüt, die Lebensgeister erwachten langsam wieder, und schon bald standen wir auf dem Gipfel. Der E-Grat und das obere Whympercouloir waren dann aber entgegen meinen Erwartungen noch hart, so dass ich dort vorsichtig abrutschen musste. Ab ca. 3800m waren erste Schwünge möglich, gelangen im zerfurchten und schweren Schnee aber nur schlecht als recht, und aufatmen konnte ich erst nach dem kombinierten Abklettern durch das unterste E Nebencouloir und dem Überfahren des Bergschrunds am westlichen Rand. Es folgte eine entspannende Abfahrt über den Glacier de Talèfre, den Glacier de Leschaux und das Mer de Glace durch das eindrückliche Herzstück des Massif du Montblanc hinunter nach Montenvers. In Chamonix traf ich dann die drei Südtiroler wieder, und gemeinsam fuhren wir nach dem überwundenen Schock in einem Taxi zurück nach Argentière.


Aufstieg: Voie Washburn (Couloir en Z)
Von der Bergstation Grands Montets (3295m) über die Eisentreppe hinunter zum Col des Grands Montets (3225m) und Abfahrt auf dem Glacier des Rognons nach SE unter der Petite Aiguille Verte hindurch und an der Einmündung des Couloir Cordier vorbei zum Plateau E P. 3077 bis ca. 3050m. Wiederaufstieg nach S zum Beginn des Couloir Couturier auf ca. 3150-3200m (Bergschrund), 1h. Zuerst durch dieses hoch, dann rechts der unteren NW Begrenzungsfelsen hinauf, Querung nach links und rechts der oberen NW Begrenzungsfelsen zur Calotte (50-55 Grad). Über diese (45 Grad) hinauf und von N direkt zum Gipfel , oder Querung in das obere Couloir Couturier, durch dieses (50 Grad) auf den E-Grat und über diesen auf den Gipfel, 3-6h, S+.

Abfahrt: Couloir Whymper
Vom Gipfel entlang dem E-Grat zum Col de la Grande Rocheuse (3950m). Durch das Couloir Whymper (50 Grad) bis ca. 3650m zur untersten E Begrenzungsrippe, links von dieser durch ein Nebencouloir bis ca. 3600m abklettern oder -seilen und wieder mit Ski hinunter zum Bergschrund (ca. 3500m), der an geeigneter Stelle passiert wird. In einem weiten Linksbogen über den Glacier de Talèfre unter L'Evêque und der Aiguille du Moine  hindurch zum Réfuge de Couvercle (2687m). Durch das Couloir W des Pierre à Berenger (2466m) hinunter auf den untersten Glacier de Leschaux und Ausfahrt über das Mer de Glace bis ca. 1700m. Auf Eisentreppen zur Gondelbahn auf ca. 1750m, 3h, SS+, und mit dieser hinauf nach Montenvers 1906m.

Verhältnisse: sonnig und mild, im Aufstieg Pulver, bei der Abfahrt hart und Sulz.

Ausrüstung: Helm und 2 Eisgeräte zu üblicher Skihochtourenausrüstung.

Fahrplan: 7.45. Argentière, 10.45 Grands Montets, 11.30 Bergschrund, 14 Uhr Aiguille Verte, 15.30 Bergschrund, 16.45 Gondel nach Montenvers, 17.45 Chamonix, 18.30 Argentière.


Tourengänger: lorenzo


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Kommentare (7)


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jfk hat gesagt:
Gesendet am 8. Dezember 2017 um 22:24
Hallo Lorenzo

Herzliche Gratulation zur Verte und der wilden Abfahrt durchs Whympercouloir! An diesem 4000er sieht und erlebt man so einiges. Im Positiven wie im Negativen.

An Ostern vor einem Jahr konnte ich diesen Gipfel ebenfalls via Couloir Couturier und Couloir Whymper überschreiten. Allerdings mit der Warmduschervariante ohne Ski. Zusammen mit der Obergabelhorn Nordwand war das eine meiner schönsten und eindrücklichsten Eistouren. Gerade auch, weil ich wie du solo unterwegs war.

Bereits unten, vor dem Ref. du Couvercle, konnte ich eine gewaltige Lawine beobachten, die während zwei Skifahrer und eine Seilschaft im Abstieg waren, das Couloir hinunterstürzte. Wie durch ein Wunder wurde niemand mitgerissen.

Gruess Jonas

PS: Bist du an Les Courtes die "Voie des Suisses" geklettert?

lorenzo Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 9. Dezember 2017 um 08:16
Hallo Jonas

vielen Dank, obwohl die Abfahrt ja, wie beschrieben, nicht ganz lupenrein war, aber "was man nicht erfliegen kann, muss man (halt) erhinken". Wohl mehr als an manch anderem 4000er hängen hier Chancen und Risiken von den Eis- und Schneeverhältnissen ab.

Dein Kurzbericht von der Verte (wie auch Dein früherer Bericht von der Obergabelhorn N-Wand) hat mich sehr beeindruckt, von wegen "Warmduschervariante": "Kaltschläfervariante" auf Grands Montets und "Hardcoreaufstieg" durch das Couloir Couturier. Vorbildlich fand ich zudem Deine Gelassenheit, (im richtigen Moment) zu entschleunigen.

Übrigens: auf Les Courtes bin ich seinerzeit über die NE-Flanke (Normalroute von der Argentièreseite aus) gestiegen.

Weiterhin gute Touren und herzliche Grüsse

lorenzo

simba hat gesagt:
Gesendet am 9. Dezember 2017 um 12:27
Grande Rocheuse - ähh, grandios! Vielen Dank für die Mitnahme auf diese eindrückliche Unternehmung.

Alexander Dirigo kenne ich aus kurzzeitiger gemeinsamer beruflicher Tätigkeit flüchtig - bereits aufgrund der wenigen Eindrücke ein beeindruckend bescheidener Mensch, für das was er beruflich und in den Bergen zustande brachte. Immer allein zu solchen Unternehmungen loszuziehen, braucht eine beeindruckende Psyche!!
Es läuft mir immer noch jedes Mal eiskalt den Rücken herunter, wenn ich seinen Namen lese und mich an die Geschichte erinnere. Ein Freund von mir arbeitete auch noch mit ihm gemeinsam als er im März 2014 nicht mehr heimkam :(

Beste Grüße und pass alle Zeit immer gut auf dich auf!
Si

lorenzo Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 9. Dezember 2017 um 17:25
Hallo Simba

die Grande Rocheuse hat mich ebenso beeindruckt, das wäre sicher auch ein lohnendes Ziel, sie wurde sogar schon mit Ski befahren.

Es freut mich, von Dir zu hören, dass Du Alex persönlich gekannt hast. Ich bin ihm nur einmal kurz begegnet, als er zur Fletschhorn N-Wand aufstieg. Seine Einträge auf Gipfelbuch habe ich immer mit Interesse verfolgt, obwohl er in einer anderen Liga spielte, und es mir manchmal auch eiskalt den Rücken hinunter lief. Falls Du ihn noch nicht gelesen hast, hier der Link zu meinem Nachruf.

Dir auch alles Gute und herzliche Grüsse

lorenzo

simba hat gesagt: RE:
Gesendet am 10. Dezember 2017 um 09:22
Hallo Lorenzo,

den Nachruf kannte ich noch nicht. Liest sich sehr schön. Die Liste der Skibefahrungen ist auch mehr als beeindruckend.
Beste Grüße
Si

mde hat gesagt: Wolle
Gesendet am 22. Dezember 2017 um 14:56
Hallo Lorenzo,

Bin per Zufall hier vorbeigekommen, der Bericht war mir vorher nicht bekannt. Da bist du wohl unmittelbar nach dem Absturz von Wolle zum Fuss der Aiguille Verte gekommen. So wie du schreibst, war er dir nicht bekannt. Aber die Alpinistenwelt ist klein genug, dass über zwei Ecken mit fast jeder Person eine indirekte Verbindung besteht.

Beste Grüsse, M.

lorenzo Pro hat gesagt: RE:Wolle
Gesendet am 22. Dezember 2017 um 15:21
Hallo Marcel

ja, es muss kurz vorher passiert sein. Die näheren Umstände und die Unfallursache sind mir nicht bekannt. Wie auf den Fotos ersichtlich, waren aber die Verhältnisse im Couloir vermutlich sehr anspruchsvoll.

Danke für den Link, villeicht kann ich ihn bei Bekannten öffnen, da ich nicht auf Facebook bin. Falls Du Wolle gekannt hast, oder sogar mit ihm befreundet warst, hier mein verspätetes Beileid.

Ich wünsche Dir trotzdem gute Feiertage.

Herzliche Grüsse

lorenzo


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