... statt Vernunft ..sich in eine peinliche Lage bringen...Zeitreisekarte als Grundlage...


Publiziert von Henrik , 12. September 2017 um 16:55.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Bellinzonese
Tour Datum:11 September 2017
Wandern Schwierigkeit: T2 - Bergwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI 
Zeitbedarf: 3:00
Aufstieg: 230 m
Abstieg: 480 m
Strecke:Fast die Rega nötig geworden... Peinlich!
Zufahrt zum Ausgangspunkt:ÖV
Zufahrt zum Ankunftspunkt:ÖV
Kartennummer:Zeitreisekarte als Grundlage...

... wie schon am 1. September wähle ich diese Herangehensweise – aber heute ohne die „Flüelen“! Auch scheint mir, dass die Züge nicht ganz so voll sind wie am 1. September. Allerdings, bereits beim zweiten Mal hat der geneigte Reisende oft eine andere Einschätzung. Am 1. September schiffte es, heute schien zumindest vormittags im Norden noch die Sonne, im Süden den ganzen Tag, hingegen fegte am Abend ein eiskalter Wind die Leventina hinunter. Aber diese halbe Stunde, also Abfahrt um 6.31 mit dem  EC nach Olten, macht den Unterschied „am Berg“. Mit Ankunft um 10.39 in Lavorgo war ich eindeutig zu spät „eingestiegen“ – Angeber! Seit wann gehst’s du in die Berge und nutzt deren Vokabular? Ja, ich bin eher Flachländer und Schreiberling!
 
... ich war der einzige Reisende, der in Lavorgo ausstieg. Meine zweite Trinkflasche bat ich am Stellwerk Lavorgo aufzufüllen, dem kamen die ohne Frage sofort nach. Dann schulterte ich meinen Packen, die Finepix um die rechte Hand geschlungen, den Wanderwegweiser gegenüber dem Bahnhof nochmals inspiziert, den Seehund wirklich links liegengelassen. Die Brücke nach Nivo wird zurzeit neu asphaltiert. „Weißt du, diese Bilder, die du da entlang deines Weges wahrnimmst, gehören nicht auf eine Bergseite – lieber erfrorene Hände und vielleicht sogar Ohren vom Mont-Blanc, oder ein verlorenes Zelt in der Gletscherspalte am Mount Vinson...!“. Mir gefiel der Kontrast von Teer und den staubigen Schuhen des Strassenarbeiters, bitte schön.
 
... Nivo hat Niveau – es ist trotz Nähe der Autobahn erstaunlich still, das macht aber das Niveau nicht aus, oder, nein, aber die Wanderrauten sind deutlich angebracht, und das finde ich in winkligen Gassen niveauvoll! So steige ich ENDLICH wieder Wege im Tessin an, wie vor einigen Jahren fast wöchentlich... Und es pulst  am Hals und am Handgelenk – wow. Bald verschwindet auch das Hemd vom Leib, jetzt bin ich geschützt durch mein Brynje-Netzhemd, das Klimawunder auf der Haut.
 
... was bietet denn der Weg hinauf nach Giornico: ein paar Serpentinen der Strasse, die man am Rand touchiert, dann ein grünes Band mir unbekannter Gräser, Blumen und Sträucher, zwei Holzbrücken im guten Zustand, ein paar Stromleitungskandelaber und sehr wohltuend ein kühler Wind. Am Plateau Giornico angekommen, heizt die Sonne auf meinen unbedeckten Nacken. Das Pizzo Forno hat geschlossen (Mo und Di), die Post steht immer noch da und auch die rote Sitzbank. Der Pöstler im schnittigen, schwarzen Audi verteilt Briefe und Päckli und grüsst mit einem lauten BuonGiorno. Am Dorfplatz mit gedecktem Brunnen tauche ich meine Arme in das eiskalte Wasser, eine Erfrischung.  Die Kirche San Maurizio besuche ich nicht, gleich nach der letzten Kurve weißt der Weg nach Giornico.


... obwohl mein topografisches und photografisches Gedächtnis oft von meinen BegleiterInnen als „outstandig“ wahrgenommen wird, meine Planung meist sehr minutiös eingestuft werden darf (...), Umsicht und wohl doch auch immer mit etwas Angst gepaart ist (...), missachte ich gut 500 Meter von Grumo eine gut sichtbare Raute im Haselstrauch und wandere rechts voller Überzeugung den ruppigen Weg nach unten! Nach fünf Minuten Wegstrecke fallen mir die fehlenden Rauten auf – nun, das Tessin ist diesbezüglich eine schweizerische Besonderheit: gelbe Rauten sind äusserst rar angebracht, das weiss ich auch schon seit Jahrzehnten. Ich nehme das gelassen hin (...). Dann verengt sich der Weg, die Steinplatten werden seltener, das Gebüsch dichter, der Weg steiler, keine Rauten, aber ein sichtbarer Weg nach unten. Also weiter, dann züpfle ich die Karte Biasca 1:25 000, Jahrgang 1977 aus der Seitentasche hervor – ja, da ist ein Weg, uups.... Jahrgang 1977 (...), das kann sich seither eigentlich nicht gross geändert haben, also weiter – steil, der Weg wird sehr schmal, und steiler, links fällt der Hang sehr tief ab... ich halte inne: Mo6451 und Seeger kommen mir in den Sinn, am Hals ein heftiges Rauschen, die Hände schweissig, die Knie weich – nein, wie peinlich, nein, das ist der falsche Weg. Umkehr, wo bin ich runtergekommen, nein (...)! Es schiesst durch meinen Kopf – die REGA, he, goht’s no! Ich halte inne, es ist am Hang rechts noch etwas Platz für den Rucksack, ich greife in die Mappe, ziehe die  gedruckte Karte hervor (nicht in Farbe gedruckt, um zu sparen, nur in Graustufen...). Wie eine Erlösung, du hättest links der Raute gehen sollen. Jetzt ganz besonnen den Rück- und Aufstieg in Angriff nehmen, etwa 150 Meter weiter oben entdecke ich meine eigenen Abdrücke im nassen Boden, das kam ja noch hinzu. Und die Stöcke blieben im Rucksack!
 
... als ich beim Haselstrauch ankam, da sah ich weiter unten eine weitere Raute – dass da auch noch ein Bildstock stand, kam mir zu Hilfe,  an dessen Gemäuer ein warmer Platz ... ich setzte mich in die Sonne trank einen halben Liter Wasser aus meiner neuen Stahlflasche (Kivanta). Und stieg ab – der richtige Weg, allenthalben doch überraschend oft Rauten. So gelangte ich nach 45 Minuten zur Chiesa San Pellegrino. Eine Stille erfasste mich, lediglich das plätschern eines Brunnens - der Brunnenkörper voller kalten Wassers, meine Arme tauchte ich bis zu den Achseln hinein.
 
... ich setzte mich auf ein Gemäuer und pausierte: jetzt kam Erleichterung und aber auch Stolz in mir auf – ich bin wieder im Tessin angelangt, was Jahre zeitlich nicht drin lag, kann jetzt wieder kommen. Und insb. das gemsenartige Runterstürmen gelang auch wieder – das Pfaelzer so beeindruckte  bei unserer Wanderung von Dalpe nach Ces hinunter nach Chironico.
 
... die wenigen Meter nach Giornico Borge schaffte ich schlendernd: zwei romanische Brücken verbinden den alten Gotthard-Saumpfad von Chironico - Grumo - San Pellegrino - Altirolo über eine Tessininsel mit dem linksseitigen Dorfteil. Die Brücken sind im 14. Jahrhundert erwähnt und wurden im 16. Jahrhundert restauriert.
 
... auf der Strassenterrasse der Osteria Giornico bestellte ich einen Schwarztee und ein Glas Wasser. Hier endete auch schon mal ein Abstieg – mit fast 2000 Klicks!
 
 ... viele Gotteshäuser, sogar ruinenhafte sind im Tessin aufgrund Vandalismus’ geschlossen. Die Chiesa San Pellegrino gehört auch dazu – wie mir die Gastwirtin in der Osteria Giornico dann im Gespräch erhellte, verwaltet ausgerechnet sie den Schlüssel dazu. Und sie bot mir auch einen Flyer an über das Dorf, das einiges mehr anbietet als eben die Chiesa. Kann ich empfehlen, z. B. die beiden Kirchen am rechtsseitigen Ufer.
 
... mit dem Bus lasse ich mich nach Airolo bringen, hier setze ich mich in den Schatten auf der Terrasse des Hotel-des-Alpes und lese die letzten Seiten dieses Buches: Unorthodox von Deborah Feldman.
 
... um 17.46 verlässt ein leerer RE Airolo – ein eiskalter Wind bläst vom Gotthard herunter, in Göschenen keine Passagiere, in Erstfeld der ZH-Zug und was für ein Geschenk, ein ICN nach Basel. Um 21.30 bin ich wieder zuhause. 
 

Tourengänger: Henrik

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Kommentare (5)


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Mo6451 Pro hat gesagt: REGA
Gesendet am 12. September 2017 um 19:16
Gut gemacht, Henrik.
Das Tessin wartet weiter auf dich.

LG aus Marseille Monika

mong Pro hat gesagt:
Gesendet am 13. September 2017 um 05:38
Was für ein super Bericht !!!

Highlight!

Aber das Zeugs mit den Rauten verstehe ich nicht, sorry ;-)

Henrik hat gesagt: RE:
Gesendet am 13. September 2017 um 07:56
Das ist eine von Tausenden in der Schweiz.... das ist eine Wanderraute.. oder im Allgemeinen eine spitzwinkelige Raute (Rhombus)!

rojosuiza hat gesagt:
Gesendet am 14. September 2017 um 08:04
Gerade wenn es spannend werden will, kehrt der um... Wo wäre man denn hingeraten, wenn man froh und frei weitergegangen wäre auf dem ruppigen Weg?

Seeger Pro hat gesagt: Aha
Gesendet am 14. September 2017 um 20:46
Henrik auf Abwegen ;-)))
Herrlicher Bericht voll Enthusiasmus.
I glaub, es goht langsam aber sicher obsi.
Ein Suchen nach gelben und andern Routen.
Gruss
Andreas


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