Spontan auf den Pilatus


Publiziert von 1Gehirner , 11. September 2017 um 00:06.

Region: Welt » Schweiz » Obwalden
Tour Datum: 8 September 2017
Wandern Schwierigkeit: T3 - anspruchsvolles Bergwandern
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-NW   CH-OW   Pilatusgebiet   Bauen - Brisen - Bürgenstock 
Zeitbedarf: 5:45
Aufstieg: 1760 m
Abstieg: 90 m
Strecke:10.5 km
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Zug nach Stansstad
Zufahrt zum Ankunftspunkt:SBB Luzern
Kartennummer:map.wanderland.ch

Wenn man zwei kleine Kinder hat, kommt man nicht mehr oft in die Berge. Das letzte Mal, dass ich in diesem Jahr alleine unterwegs war, hatte ich noch Schneeschuhe an den Füssen... Also war ich entsprechend erfreut, als meine Frau mir einen Wandertag frei gab und wir für den abgesprungenen Babysitter gleich einen neuen finden konnten. "Kommet her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist!" steht auf der Tafel am Gipfel des Esel - das gilt auch für wundersam beschaffte Babysitter.

Die Planung gestaltete sich schwierig. Es sollte keine meiner bekannten Touren werden, aber einfach genug für einen Alleingang, denn allfällige Mitgeher waren keine vorhanden bzw. sie hatten anderes zu tun. Bis nach Mitternacht sass ich vor der Karte und verwarf eine Alternative nach der anderen - und endlich fiel mir der Lopper wieder ein, den ich schon mehrmals ausprobieren wollte. Die Idee war, von Stansstad oder Hergiswil loszulaufen und möglichst bis zur Windegg zu kommen. Vielleicht auch nur bis zum Chrummhorn.

Mit dem Zug nach Stansstad. Um 9:45 Uhr ging es am Bahnhof los. Pilatus 6:10h stand dort... da keimte erstmals die Idee auf: das wär ja noch innerhalb der bewilligten Zeit! Mal sehen, wie es auf dem Lopper aussieht - ob ich schneller oder langsamer unterwegs bin...

Los ging's unter der Autobahn durch, über die Schnellstrasse und am versperrten Tunnelausgang vorbei die Treppen hoch zur (hässlichen) Kapelle. Immerhin ist die Umgebung mit Mäuerchen und Sitzbänken schön. Dann weiter den Hang hoch, auf schmalem Wiesenweg. Oberhalb davon in den Wald, den ich jetzt stundenlang nicht mehr oder nur kurz verlassen würde. Hier sehe ich eine Eidechse, die einen Grashüpfer verspeist. Schöner Start!

Der Wanderweg hier oben ist sehr schön angelegt und scheint gut gepflegt. Trotzdem traf ich bis nach dem Chrummhorn niemanden (ausser einer sitzenden Schulklasse vorm Renggpass). Meistens geht er gemütlich deutlich unterhalb des Grats den Hang entlang. Ich vermisse ein paar schöne Aussichtspunkte. Auch das Wetter war nicht wie vom staatlich finanzierten Rate-und Würfeldienst (auch als MeteoSchweiz bekannt) prophezeit wolkenlos sonnig und klar, sondern bis an jeden Horizont komplett bedeckt mit fast gewitterartigen Wolken. Ich hätte es wissen müssen, der Pilatus zieht die Wolken an, egal, was Meteo behauptet. Auch im September, wie's scheint. Naja. Vom Pilatus selber war zu dem Zeitpunkt wirklich nichts erkennbar, er steckte dick in den Wolken.

Das Haslihorn wollte ich eigentlich ersteigen, fand auch den Abzweiger problemlos - aber der Weg danach war vom langen Gras verdeckt und schlecht erkennbar. Aufgrund unguter Tessin-Erfahrungen mit solchen Wegen verzichtete ich auf den weiteren Aufstieg und ging weiter zum Renggpass, einer unspektakulären flachen Einsattelung mit mehreren schönen Grillstellen nahebei. Dann folgte der auf-und-ab-Aufstieg zum Chrummhorn. Hier, gebe ich zu, war es mit meinem Alleingang fast vorbei - die steile Waldtritt-Kraxelei teils nah am Abgrund hatte Ähnlichkeit mit manchen Aufstiegen am Uetliberg und die Hände waren definitiv nicht nur fürs Gleichgewicht in Gebrauch. Ich fühlte mich nicht wirklich wohl und ärgerte mich, dass der kurze Pickel daheim vergessen ging. Umkehren wollte ich aber noch nicht. Also biss ich die Zähne zusammen und zog es durch.

Herausforderung I: Das Chrummhorn
Dann stand ich am Abzweig zum Chrummhorn. Eigentlich sogar schon dem zweiten oder dritten, vom Renggpass kommend. Wäre einer der ersten beiden, undeutlichen der bessere oder richtige gewesen? Die OSM-Karte sagt: Der deutliche ist der richtige. Die LK25 schweigt sich aus. Später lerne ich noch dazu: Der vierte(?) ist der deutlichste und unten am besten zu gehen, vereinigt sich aber schnell mit dem dritten. Jedenfalls gehe ich den dritten hoch.

Anfangs nur steil und hochtrittig, führt der Pfad zu einer abgerutschten Stelle mit zwei parallelen Alternativen, die beide etwas unangenehm, aber sonst gut sind und zu einem grossen Baum führen. Von dort führt ein offensichtliches Aufstiegscouloir etwas nach links und direkt an der senkrechten Kante vom schon sichtbaren Gipfelkreuz weg. Ist das der übliche Weg? Es ist hier der am besten erkennbare, aber er entspricht nicht mehr der Definition von T3+ (was die übliche Bewertung auf Hikr für das Chrummhorn ist). Dafür bräuchte es hier ein Seil oder Eisentritte oder eine Leiter. Auch ist von Gehen nicht mehr die Rede, Dreipunkttechnik ist dran. Entweder habe ich hier den völlig falschen Weg erwischt oder man nimmt es mit den T-Einstufungen nicht mehr so genau... Willy auf der Maur vergibt ein B, was den Gebrauch der Hände zum Klettern ausschliesst und folglich auch nicht passt. Er spricht auch von "deutlichen Pfadspuren" - naja... Wäre weiter rechts/östlich ein leichterer Weg gewesen?

Ich zweifle ein paar Minuten lang. Oft schon bin ich an solchen Stellen umgekehrt, nur um mir später zu denken: Das hättest du schon geschafft, wenn du nüchtern nachgedacht hättest. Diesmal denke ich mir: Gib dir einen Ruck! Du kannst ja bei jedem Stück kontrollieren, ob du's wieder runterkämst.

Von der Klettereinstufung her tue ich mich schwer. Würde ich es mit meinen Kletterhallen-Routen vergleichen, bekäme das Couloir eine IV. Im Fels, heisst es, würde man die Schierigkeit immer zwei Stufen zu hoch einschätzen, also wäre es eine II? Oder ein schweres I? Keine Ahnung. Kein Vergleich jedenfalls mit der einfachen Kraxelei auf der Nordseite der Rigi Hochflue, die wohl mit T4/II(?) bewertet wird. Und definitiv für mich eine Grössenklasse schwerer als ihr Normalaufstieg (T4-).

Immer wieder muss ich kurz pausieren, das Adrenalin abflauen lassen, prüfen, dass die Füsse sicher stehen, und allfällige beginnende Krämpfe in den Waden wegdehnen. Ekliges Gefühl, es ist doch nicht ganz ohne hier. Knapp unter der "Ausstiegskiefer" (oder Lärche oder Föhre?) suche ich länger nach einem guten Griff, bis ich mich weiter traue. Dann bin ich oben. Ehrlich, noch nie war ich so stolz auf einen Gipfel wie auf diesen kümmerlichen Grathügel mit seinen 1254m!!! Natürlich, da ist der Gedanke an den bevorstehenden Abstieg, aber erst einmal geniesse ich es, oben zu sein, trage mich ins Gipfelbuch ein und geniesse das bisschen an Aussicht, die mir das Wetter zugesteht.

Von oben sieht es so aus, als ginge ein breiter Trampelpfad nach links (Osten) vom Gipfel weg. Wieder die Frage: Wäre das der richtige? Ich schaue ihn mir kurz an, entscheide mich dann aber für meinen Aufstiegsweg. Im Couloir murmle ich mein Mantra vor mich hin: Du hast mehrere Stunden Zeit. Nimm sie dir. Such die richtigen Tritte und Griffe. Nur die Ruhe. Und tatsächlich schaffe ich es in einer Viertelstunde, die 20m Luftlinie ohne grossen Adrenalinschub abzuklettern. Dann noch zurück über die abgerutschte Stelle - etwas ekliger als beim Weg hoch - und bin schnell zurück auf dem Wanderweg. Puh, geschafft!

Weiter geht's zur Tellenfadlücke. Natürlich inklusive der langen Serpentinen durch den Buchenwald - eine willkommene Beruhigung. Dann die Stelle mit Seil und rutschiger Holzstiege runter und schon bin ich in der Lücke. Hier ist die Qual der Wahl: Steige ich nach Hergiswil ab? Oder nach Aemsigen? Versuche ich den Aufstieg zur Windegg? Immer wieder hatte ich auch meine Wegzeiten mit den Wegweisern verglichen - ich bin ziemlich genau ein Sechstel schneller als angegeben. Ich hätte also auch Zeit für den Pilatus. Hmmm.

Die Spuren zur Windegg geben den Ausschlag. Ich versenke meine Ambitionen in diese Richtung und schlage den Weg zu Ober Steigli ein. Zeitlich müsste es gut auf den Esel reichen und noch fühle ich mich fit. Hätte ich freilich gewusst, dass ich hier nicht auf den Höhenweg komme (Trugschluss, weil dieser auf der LK nur schlecht in den Felsen erkennbar ist), wäre ich vielleicht doch zur Windegg hoch... naja.

Schnell komme ich aus dem Wald und geniesse den jetzt freien Blick auf die andere Talseite und zur Bahn. Dieses Stück ist das schönste heute, abwechslungsreich fast auf gleicher Höhe rüber zur Mattalp. Dort vertraue ich zu sehr dem wrw Wegweiser nach links und mache einen Umweg durch knöcheltiefe Kuhfladenpfützen, sehr zur Freude einer Bahnladung Chinesen, die mir begeistert zuwinken. Erst danach finde ich zurück auf den Wanderweg, der wohl oberhalb der Hütte durchgegangen wäre. Ich unterquere die Geleise und mache mich an die

Herausforderung II: Der Zickzackweg auf den Pilatus Kulm
Mal ganz ehrlich, viel seelenloser kann man einen Wanderweg nicht anlegen. Wie bei den Erinnerungen an eine Geburt kontrahiert das Gehirn im Rückblick gnädig die langen, ewig gleichen Teilstücke hin und her zu einer kurzen Sequenz. Im Moment des Aufsteigens hat man diesen Luxus leider nicht. Ich baue durch ein paar Abkürzungen einige Auflockerungen ein, um es besser zu ertragen. Endlich bin ich bei den wunderschönen Chilchsteinen und mache mich jetzt erstmals im Leben auf den weiteren Fussweg zum Kulm. Auch hier gilt: Nicht zu genau hinschauen, auch nicht nach oben zum Kulm. Einfach weiterlaufen. Einen Fuss vor den anderen setzen. So langsam lassen auch die Kräfte in den Beinen nach. Ich vermute, dass ich so etwa die 1500hm-Marke geknackt haben müsste, rechne aber nicht nach. Immer wieder kommt plötzlich ein Ausdauerschub und ich wundere mich, woher mein Körper die Reserven nimmt. Endlich, endlich bin ich dann oben! Und stelle überrascht fest, dass ich für die Strecke statt der angesagten 40 nur 20min gebraucht habe.

Wie es oben aussieht, ist sattsam bekannt. Ich breite den Mantel des Schweigens über diese innerschweizerische Betonunsäglichkeit. Für Amusement sorgt das Tor beim Treppeneingang zum Esel mit den "alpinen Gefahren", schliesslich ist die Treppe weniger heikel als manche ausgetretenen Stufen in einer Burg... Wenige Minuten später stehe ich endlich auf dem Esel, für den bei früheren Besuchen irgendwie nie Zeit war. Hurra! Ich geniesse die jetzt endlich bessere Sicht in vollen Zügen und auch den starken Wind, der mir um die Ohren fegt.

Eine halbe Stunde später sitze ich schon in der Seilbahn nach Kriens... kurz drauf in der Linie 1, die mit ihren 10min Verspätung dafür sorgt, dass ich meinen Zug nach Zürich um eine Minute verpasse...

Daheim lasse ich Wanderland.ch nachrechnen und komme auf absurde 1760 Höhenmeter. Kein Wunder, dass mir die Beinchen am Ende etwas den Dienst verweigern wollten...

Die Zeit von 5:45h ist für gemütliches Wandertempo, mit Chrummhorn und ein paar kurzen Pausen sowie etlichen Fotostopps. Längere Pausen hatte ich keine gemacht. Wanderland.ch berechnet 5:37h, das passt also ganz gut. Die Schwierigkeit T3 gilt vor allem für die Strecke Renggpass - Ober Steigli, davor und danach ist es eher T2. Meinen Aufstieg aufs Chrummhorn würde ich anhand bisheriger Wanderungen und ihrer üblichen Bewertungen mit T4+ oder T5- ansetzen, aber das gäbe vermutlich enen Aufschrei... trotzdem würde mich sehr interessieren, wie die T3+ zustande kommt. Sie scheint mir für meine Route viel zu niedrig.

Tourengänger: 1Gehirner


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