Tiefenstock (abgebrochen am nördlichen Tiefensattel)


Publiziert von N_Altitude , 6. September 2017 um 16:04.

Region: Welt » Schweiz » Uri
Tour Datum:27 August 2017
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: WS
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Klettersteig Schwierigkeit: WS+
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-UR   CH-VS 
Zeitbedarf: 1 Tage
Aufstieg: 1200 m
Abstieg: 1200 m
Strecke:Hotel Tiefenbach - Albert-Heim-Hütte SAC - Tiefengletscher - Nördlicher Tiefensattel - retour
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Mit MGB bis Andermatt / Realp, mit Postauto bis Tiefenbach (Furka)
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Mit MGB bis Andermatt / Realp, mit Postauto bis Tiefenbach (Furka)
Unterkunftmöglichkeiten:Hotel Tiefenbach, Albert-Heim-Hütte SAC

Nachdem nun meine Finger von meinem ersten Hikr-Beitrag "warm" geschrieben sind, möchte ich von unserer kürzlichen Erfahrung am Tiefenstock bzw. Tiefensattel berichten.

Ich bin ja schon einige Jahre ein begeisterter Berggänger, habe schon viele geführte Hochtouren gemacht und auch selbst ein paar alpine Unternehmungen unter die Füsse genommen. Als ich im Winter in der Region um den Galenstock war, habe ich mir fest vorgenommen, wieder hier her zu kommen und im Sommer eine erste 'eigene' Hochtour zu unternehmen. Im Juli war ich bereits mit 3 Gspähnli aus unserer Hochtourengruppe auf der Albert-Heim-Hütte, jedoch war das Wetter schlichtweg besch...en, und so haben wir im Klettergarten ein bisschen Abseilen geübt und sind danach über den Schafberg zurück zum Tätsch gewandert. Am Mittag diesen Tages kam es dann auch faustdick und es regnete wie aus Kübeln. Gut, haben wir an dem Tag die Tour zum Tiefenstock nicht gemacht.

Nun war es aber soweit; ich und mein Gspähndli fuhren per SBB und Postauto nach Tiefenbach, wo wir uns im Hotel im Doppelzimmer mit eigener Dusche und WC einquartierten. Die Alber-Heim-Hütte war bereits komplett ausgebucht. Aber zurück zum Hotel Tiefenbach: ich kann es nicht glauben, wie toll die das dort machen! Am Abend von 18-21 Uhr Znacht "a la Carte" oder wahlweise als "Halbpensionsmenu" für CHF 29.-. Für den folgenden Morgen wurden wir freundlich gefragt, wann wir denn gerne Frühstück hätten, ich sagte "4 Uhr, geht das?" - und WIE das geht! Pünktlich um 5 vor 4 morgens war jemand vom Team vor Ort und servierte uns Frühstück, brachte Milch und Orangenjus... es ist wirklich toll, wie die das dort machen. Ausgenommen von den SAC-Hütten könnten sich da einige Gasthäuser/Pensionen/Hotels in den Bergen eine Scheibe abschneiden. Man ist an der Passstrasse, aber man ist auch auf Bergsteiger eingestellt und bietet alles dafür... ein grosses *Bravo* hiermit ans Hotel Tiefenbach.

Nun gut, zur Tour. Wetterfenster war prima; Sonntag Morgens sollte es bis gut nach dem Mittag trocken bleiben, und ab dem Mittag evt. ein bisschen Niederschlag geben und bewölkter werden. So war also für mich der Zeitplan schnell klar: 4 Uhr Frühstück, 4:30 Abmarsch, 10 Uhr Gipfel-"Deadline". Mir war klar, dass das sportlich ist für 2 nicht eingespielte Seilpartner, und die zusätzlichen 75 Minuten Aufstieg ab Tiefenbach machten es auch nicht besser. Aber der Reihe nach; also 4:30 Uhr Abmarsch mit Stirnlampe. Wir kamen gut voran, den Weg kannte ich bereits vom Juli und wir sind am Samstag Abend den Weg bis kurz vor die Albert-Heim-Hütte auch nochmal rauf- und runterspaziert, damit wir im Dunkeln den Weg schon "kennen". Das war super, wir waren in einer guten Stunde schon bei der Albert-Heim-Hütte. Hier namen wir den Weg, der über P. 2765 auf den Tiefengletscher führt. Ich denke, das ist der optimale Weg im Sommer, da dieser sehr einfach ist und man zügig voran kommt. Den Weg über den Gletscherabbruch südlich davon habe ich noch nicht begangen, wir sahen aber niemanden über diese "Variante" heraufkommen. Nebst uns zwei Simpel waren noch eine Zweierseilschaft, sowie 2 Vierergruppen unterwegs richtung Tiefengletscher. Eine 4er Gruppe preschte sehr zügig voraus, die andere 4er-Gruppe und die 2erseilschaft spielten mit uns "Ping-Pong", d.h. wir überholten wechselnd und machten dann jeweils Pause.

Ab P. 2765 entschieden wir uns, auf der Mittelmoräne aufzusteigen. Klar, hätten wir Steigeisen montieren können, aber es war grad "gäbig" und zeitlich waren wir "gut dran". Kurz bevor der Gletscher aufsteilt, montierten wir die Steigeisen und ich machte mein Seil parat. Auf Empfehlung eines Gipfelbuch-Eintrags hin habe ich statt dem geplanten 40m-Seil ein 50m-Seil mitgenommen. Ein Kommentar zur Abseilerei hat mich entsprechend darauf hingewiesen (später stellte sich heraus, dass es auch mit dem 40m Seil gut gegangen wäre, sind doch genug Abseilstände und Muniringe zum Sichern vorhanden...). Nun gut, obwohl der Gletscher komplett aper ist, entschieden wir uns, uns bereits anzuseilen (auf etwa 3100m), da danach ein etwas steiler Firnaufschwung folgte. Da wollte ich mein Gspähnli auf jedenfall ans kurze Seil nehmen. Bis zum Einstig des Klettersteigs in den nördlichen Tiefensattel ging alles prima; wir lagen in der Zeit und der Schnee war angenehm hart, es war eine klare Nacht. Mein Gspähnli hatte nun zum ersten Mal ernsthaft seinen Pickel eingesetzt und ich zeigte ihm, wie es geht. Der Aufschwung ist wirklich kurz und nicht schwierig. Am Einstieg zum Klettersteig gibt es eine Randkluft. Mit einem grossen Spreizschritt kamen wir aber gut an den ersten "Postitch"  - ja, wir sagen den Eisenbügeln "Postitch". Gewöhnt Euch an den Ausdruck in meinen Berichten ;)

Zur Einfachheit und damit wir "wendiger" sind, hatten wir beschlossen, Klettersteigsets mitzunehmen für die Kletter-"steig"-stelle. Das erwies sich als sinnvoll. So kamen wir zackig zum ersten "Stand". Auf dem Weg hierhin hatte ich 2 mal feststellen müssen, wie brüchig der Fels ist. Zwei mal habe ich mich nicht an einem Eisenbügel sondern an einem Felsklotz gehalten, und beide male hatte ich einfach eine Art "Duden" in der Hand. Ich musste die Klötze runterschmeissen. Es war niemand mehr nach uns (die eine 4er Gruppe war wohl bereits am Gipfel und die 2erseilschaft auf dem Sattel vor uns, die andere 4er Gruppe kehrte noch vor dem Firnaufschwung um...).

Da wir immer noch gut in der Zeit lagen, entschieden wir uns, "durchzusichern". Erstens, weil wir von der extremen Brüchigkeit des Felses beeindruckt waren und zweitens, weil wir das Handling sowieso "anwenden" (= üben) wollten. Tja, und das hat uns dann den Gipfel gekostet. Nebst der einen 4er Gruppe, die nun schon am Abstieg war und uns kurz aufhielt, hatten wir für den Aufstieg zum nördlichen Tiefensattel viel zu lange gebraucht. Als wir auf dem Sattel ankamen, war es bereits 10:15 Uhr. Ich bin relativ gelassen, wenn etwas mal etwas länger dauert, als geplant, aber da das Wetter nur bis am Mittag wirklich gut angesagt war, und danach mit Niederschlag gerechnet werden musste, blieb ich hart und wir gratulierten uns zum erfolgreichen Aufstieg auf den nördlichen Tiefensattel. Natürlich ärgerte ich mich etwas - da ich diesen Sommer schon einiges an verpatzten Gipfeln (meist wegem Wetter) hatte, aber die Aussicht auf den Rhonegletscher und zu den Berner Alpen war wirlklich schön, und, trotz allem waren wir stolz, es bis hierhin geschafft zu haben - der restliche Aufstieg ist schliesslich nicht mehr schwierig und den hätten wir problemlos gepackt, wenn da nicht die "Zeit" gewesen wäre... ;) Wir waren uns einig, dass wir den Aufstieg sauber durchgesichert haben und ich denke, es ist sicher nicht falsch, das zu tun. Es hält wirklich fast kein Stein hier...

Nach einer kurzen Rast bereiteten wir die Abseilerei vor. Die 2erseilschaft kam gerade vom Gipfel und sie gingen am kurzen Seil miteinander hinunter. Das ging nicht wirklich schneller als bei uns. Und wie's so sein sollte, musste ich 2 mal wieder hoch klettern beim Abseilen, weil ich das Seil nicht so geschickt platziert hatte und es nicht abziehen konnte (scharfe Felskante... ich weiss, Anfängerfehler... nun hab ich es "the hard way" gelernt haha). Auch der Abstieg benötigte mehr Zeit als uns lieb war. Den 'Klettersteig' meisterten wir mit den, immer noch montierten, Klettersteigsets jedoch wiederum zügig. Am oberen Ende des Firnaufschwungs angekommen, seilten wir die erste steile Firnpassage noch ab um dann ein Stück rückwärts abzusteigen, bis es etwas flacher wurde. Wir gingen dann noch bis zur Mittelmoräne weiter und machten dann eine ordentliche Pause. Wir waren ganz schön geschafft, aber glücklich. Das Gefühl, ohne Bergführer, mit meinen erworbenen Kenntnissen und Fähigkeiten diese Tour gemacht zu haben, erfüllte mich sehr und auch wenn wir den Gipfel nicht erreichten, wussten wir, dass wir das "Gros" der Tour 'bestanden' haben.

Den restlichen Abstieg machten wir im Nu und auf dem Hinunterweg machten wir noch in der Albert-Heim-Hütte halt, unsere Trinkflaschen waren leer. Am Tiefenbach angekommen, hatten wir gerade den 16 Uhr Bus verpasst. Wir standen dann aber keine 5 Minuten an der Passstrasse und schon hielt ein Kleinbus mit 2 freundlichen Österreichern an, die zum Klettern am Chli Bielenhorn waren. Wir unterhielten uns sehr gut und sie nahmen uns bis nach Andermatt mit, wo wir auf den Zug umstiegen und dank der beiden Ösis 2 Stunden früher in Zürich zurück waren (vielen Dank nochmal an der Stelle!). Leider wollten sie trotz Feststellung, wie teuer die Schweiz ist, mein letztes 20er-Nötli nicht annehmen, aber nun gut. What goes around comes around. Hätte ich einen Führerschein, würde ich jederzeit alle mitnehmen in den Bergen. Wer weiss, vielleicht kann ich den Gefallen irgendwann zurückgeben...

Unser Fazit: Wir sind dieser Tour definitiv technisch gewachsen gewesen, aber wir haben den Zeitfaktor unterschätzt. Mit etwas mehr Übung und "Routine" schaffen wir es bestimmt bei einem nächsten Versuch. Ich denke, der Aufstieg zum nördlichen Tiefensattel ist ein gutes Beispiel dafür, dass es kein "richtig" oder "falsch" gibt. Wenn jemand ungesichert dort rauf gehen will, ist das okay, genau so wie eine 2er Seilschaft am kurzen Seil. Durchzusichern ist meiner Ansicht nach jedoch genau so gerechtfertigt, hält doch wirklich fast nichts in diesem brüchigen Gelände, und die etwa 40-50 Meter hohe Felswand, die unterhalb der Traverse lauert, ist nun mal da. Wäre das Gelände nicht so brüchtig, dann würde ich wohl auch eher davon absehen, von Stand zu Stand zu sichern, da es sonst eigentlich nicht nennenswert schwierig ist (maximal 3a gemäss Führer - das kann ich gerne bestätigen, so fühlte es sich in der Tat an. Eben, wäre es nicht so brüchig...)

Ich hoffe, mein zweiter Tourenbericht hat Euch gefallen. Auch wenn es keine vollendete Tour war, haben wir an dem Tag viel gelernt und wertvolle Erfahrungen sammeln dürfen - und natürlich einen wunderschönen Tag in der Bergwelt verbracht.

Tourengänger: N_Altitude


Galerie


Slideshow In einem neuen Fenster öffnen · Im gleichen Fenster öffnen

WS II WS+
5 Aug 17
Tiefenstock · D!nu
WS- II WS+
WS II WS+
WS
15 Aug 17
Tiefenstock 3515 m · ALE66
WS
3 Jun 18
Tiefenstock (3515 m) · Laura.

Kommentare (4)


Kommentar hinzufügen

roger_h Pro hat gesagt:
Gesendet am 6. September 2017 um 16:28
Tiptoppe Sache, das mit deinem zweiten Tourenbericht. Mir behagt es ungemein, dass man nicht stur an einem Vorhaben festhält, sondern sich aufgrund vorheriger Planung und Nichteinhalten gewisser Fixpunkte dann auch mal zurückzieht. Aus meiner Sicht habt ihr alles richtig gemacht.

Ich benötigte am Tiefenstock auch zwei Anläufe und kann bestätigen, dass zum Tiefensattel wirklich fast alles lose ist. Ich habe beim zweiten Anlauf mit meinem etwas ängstlichen Kollegen zwar recht viel gesichert, habe aber mittlerweile einige Erfahrung, so dass das Gelände für mich nicht wirklich ein Problem war und wir dementsprechend rasch durch waren.
Beim Nördlichen Tiefensattel hast du ja eh den interessanten Teil der Tour absolviert, der Rest ist dann noch ein knapp halbstündiger Geröllspaziergang, den schaffst du eh bei einem neuen Versuch!

Weiter schöne Touren und Gruss
Roger

N_Altitude hat gesagt: RE:
Gesendet am 6. September 2017 um 16:50
Hoi Roger,
vielen Dank für Deinen netten Kommentar. Ja, bin mir sicher, dass es beim nächsten Mal klappt :)

Auch Dir weiterhin 'e gueti Zyt'!
Gruess,
Nick

Stevo47 hat gesagt:
Gesendet am 7. September 2017 um 00:09
Ein toller, ehrlicher Bericht...und absolut nachvollziehbar. Bei einer Hochtour ist halt der Faktor Zeit ein sehr wichtiges Kriterium, das man nie unterschätzen sollte. Und das zu üben braucht wiederum Zeit ;-). Tolle Tour übrigens die ich auch gerne mal machen würde! Viele Grüsse, Steve

markus1968 hat gesagt:
Gesendet am 11. September 2017 um 13:09
Sali Nick
ich denke auch du hast alles richtig gemacht. Mein Sohn und ich waren letztens auch dort und haben uns mit dem Zeitmanagement verschätzt. Allerdings starteten wir erst um 0715 vom PP und waren um 1215 (mehrere Pausen) am ende des Quergangs nach dem KS. Die uns dort entgegen kommende Seilschaft riet uns davon ab noch weiterzugehen, da es von dieser Stelle sicher noch 1.5 h bis zum Gipfel wären. Somit wären wir dann auch in das frühabendliche Gewitter gekommen. Wir sind dann auch umgekehrt und unversehrt unten angekommen.
Wir sind nicht über den P2765 gegangen und haben am Gletscherabbruch viel Zeit verloren, mit der Wegfindung im losen Geröll. Und auch jetzt im nachhinein, würde ich mit Steigeisen oben weitergehen, da man auf dem Gletscher dann einfach schneller vorwärts kommt. Vielleicht hätten wir dann etwas Zeit gutmachen können. Wie du sagst ist der Fels nach dem KS übelst. Weiterhin viel Spass.
Beste Grüsse Markus


Kommentar hinzufügen»