Piz Roseg, 3937m - leider nicht ganz


Publiziert von Linard03 Pro , 9. August 2017 um 07:01.

Region: Welt » Schweiz » Graubünden » Berninagebiet
Tour Datum: 3 August 2017
Hochtouren Schwierigkeit: ZS
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR   Bernina-Gruppe   Piz Bernina 
Zeitbedarf: 2 Tage
Aufstieg: 2100 m
Abstieg: 2100 m
Strecke:Pontresina - Tschierva-Hütte - Eselsgrat - ca. 3600m - retour
Zufahrt zum Ausgangspunkt:per Bike, Kutsche oder zu Fuss bis zum Hotel Roseg. Von da in ca. 1 1/2 Std. zur Tschierva-Hütte

„der schönste Berg der Region“, „die schwierigste Normal-Route im Bernina-Gebiet“, „zu Unrecht einer der am wenigsten besuchten Gipfel im Bernina-Gebiet“ – dies sind alles Aussagen von Bergführern zum Piz Roseg.
 
Er ist in der Tat ein wuchtiger, imposanter Berg, von überall her zu sehen. Allein; die Route ist kompliziert und lang, verlangt einiges ab und schreckt wohl deshalb viele ab. In den vielen Jahren, in denen ich meine Ferien im Engadin verbringe, wurde der Wunsch irgendwann grösser, diesen formschönen Berg zu besteigen.
 
Die grössten Bedenken hatte ich bezgl. der heiklen Traverse von der Schneekuppe zum Hauptgipfel. Aber mein BF meinte am Vorabend, dass man sich den Hauptgipfel i.d.R. sowieso schenke und bei den warmen Temperaturen (und demzufolge weichen Schnee) sei der Hauptgipfel sowieso kein Thema. Aber es kam dann sowieso alles anders …
 
Mit dem Bike fuhr ich von Pontresina ins Val Roseg bis zum Hotel Roseg, wo ich mir ein kleines Mittagessen genehmigte. Danach stieg ich gemütlich bei schönstem Wetter den Wanderweg hinauf zur Tschierva-Hütte (2582m). Am Abend traf ich den BF Martin und wir besprachen den folgenden Tag.
 
03.00 Uhr Frühstück, 03.30 Uhr Abmarsch in finsterer Nacht. An das nächtliche Gestolpere im Geröll werde ich mich wohl nie gewöhnen ... Wir sollten heute die einzige Seilschaft am Piz Roseg sein, während ca. 20-25 Personen dem Biancograt entgegenstürmten ...

Die erste Herausforderung ist das Überqueren eines grossen Baches. Tönt zwar trivial, wird aber von Mal zu Mal komplizierter. Es folgte eine erste Gletscher-Überquerung, danach der eher mühsame Moränenaufstieg. Im Folgenden der komplizierte Aufstieg auf dem Vadret da Tschierva. Das Spalten-Labyrinth ist nicht ohne, das Eis bereits am frühen Morgen aufgeweicht, die Schneebrücken nicht vertrauenswürdig.
 
Man könnte meinen, dass man vom Fusse des Piz Umur direkt zu den Felsen des Eselgrates aufsteigen könnte. Davor sollte man sich jedoch hüten; man würde direkt auf die grosse Spaltenzone zusteuern. Anstelle dessen holten wir in einem grossen Rechtsbogen aus und stapften etwas mühsam im bereits tiefen Schnee voran.
 
Nach langen 3 ½ Std. erreichten wir schliesslich den Einstieg des Eselgrates. Nun folgte der schönste Teil der Tour; das Klettern in gutem Fels des Eselgrates. Von weitem sieht der Grat relativ harmlos aus, ist aber recht anspruchsvoll. In einem Auf und ab werden die Türme überklettert. Mir machte dies grossen Spass und hatte eigentlich nur an 2, 3 Stellen etwas Mühe. U.a. an der Schlüsselstelle, wo man sehr ausgesetzt ums Felseck klettern musste, praktisch ohne Griffe und Tritte – hätte ich ungesichert im Vorstieg niemals gemacht … Als ich die Stelle gemeistert hatte und beim BF ankam meinte dieser schmunzelnd „ja, das war die Schlüsselstelle“ ;-)).
 
Schliesslich erreichten wir nach ca. 2 Std. Kletterei den Ausstieg bzw. den Gletscher der Schneekuppe (2 Std. tönt nach viel, aber der BF sicherte überall ab, was zeitintensiv war). Fast alles Blankeis im ersten, steilen Aufstieg; dies spielte jedoch keine Rolle. Unterhalb des eigentlichen Aufstiegs auf die Schneekuppe, auf ca. 3600m erreicht man die letzte Querspaltenzone. Und genau diese sollte uns zum Verhängnis werden …
 
Bereits die letzten zwei Schneebrücken waren zweifelhaft. Nun standen wir vor der letzten Querspalte vor dem Aufstieg zur Schneekuppe. Diese Spalte war sehr breit und die Stelle, wo die letzten Fussspuren auszumachen waren, schien nicht mehr passierbar zu sein. Wir stapften der Spalte entlang um zu sehen, ob es andere Möglichkeiten gab. Da war jedoch nichts. Also gingen wir zu besagter Stelle zurück und der BF setzte eine Eisschraube, um sich dann auf den Knien vorzutasten. Er brach aber den Versuch ab, denn der völlig aufgeweichte Schnee hielt an dieser Stelle nicht (mehr); man wäre mind. 2m in die Spalte abgesackt.
 
Der BF sah keine Möglichkeit, über die Stelle hinwegzukommen, weshalb auf ca. 3600m Schluss war. Schade! Heute hätte ich den Gipfel (bzw. die Schneekuppe) gepackt, bei mir hat heute alles gepasst. Aber manchmal stoppen einen halt äussere Einflüsse.
 
Somit kehrten wir um, stapften zum Grat zurück und hielten erst mal eine längere Pause. Danach stiegen wir über den Grat wieder ab, bzw. seilten an insgesamt fünf Stellen ab. Der BF liess mich jeweils runter, danach seilte er sich selbst ab. Dies benötigte natürlich auch wieder entsprechend Zeit. Die letzte Abseilstelle führt direkt zum Bergschrund, welche je nach Bedingungen fast nicht überwunden werden kann. Ich dachte zunächst, ich könnte mich am Seil hinüberschwingen; es reichte aber nicht ganz. So musste ich mich aus dem „Loch“ etwas hochkämpfen; der weiche Schnee war alles andere als ideal. Trotzdem fand ich eine griffige Stelle und konnte mich hinüberhieven.
 
Der lange Gletschermarsch zurück war etwas ermüdend, die Moräne bei Sicht (im Gegenteil zum Morgen) dann problemlos. Eine letzte Gletscherüberquerung, ein letztes Hindernis (der Bach!), dann waren wir wieder zurück in der Tschierva-Hütte. Ich war selbst etwas überrascht, dass ich nicht mal richtig müde war ...

In der Hütte vernahmen wir von einem weiteren, tragischen Unglück am Biancograt (3 Leute abgestürzt, nachdem bereits am Vortag eine Frau abgestürzt war – zudem musste mind. eine Person im Mittelteil des Biancogrates ausgeflogen werden, was wir selbst beobachten konnten). Mindestens 2 Seilschaften sind deshalb am Bianco umgekehrt und wieder zur Hütte abgestiegen und haben der Polizei Bericht erstattet.
 
Nach einer Erfrischung stieg ich mit dem BF bis zum Hotel Roseg ab, wo wir uns verabschiedeten und individuell mit den Bikes nach Pontresina zurückfuhren.
 
Martin, herzlichen Dank für die kompetente Führung!
 
Fazit:
Klar bin ich enttäuscht, dass es nicht ganz zum Gipfel gereicht hat. Zumindest lag es nicht an mir; heute hätte alles gepasst - das Wetter, die Fitness, etc. Allein, heute war's wohl  „höhere Gewalt“, dass es nicht reichte …
Ich war aber froh, hatte ich einen sehr erfahrenen BF an meiner Seite; ein „junger Draufgänger“ hätte es ev. auf Biegen und Brechen versucht …
Eine der ganz grossen Touren im Kanton GR. Sie ist „kompliziert“ (wie die BF sagen), beinhaltet aber alles, was das Hochtourenherz begehrt.

Bedingungen:
die Bedingungen waren diese Woche im Berninagebiet sehr schlecht; d.h. viel zu warm. Wenn die 0-Grad-Grenze bei 4500m liegt und man deshalb bereits um 6 Uhr morgens im Pflotsch läuft, ist das gar nicht gut ... Der BF meinte, dass z.B. der Verbindungsgrat vom Palü-Ostgipfel zum Hauptgipfel momentan sehr heikel sei, da im weichen Schnee gar keine richtige Spur mehr gelegt werden kann bzw. die gelegte Spur einfach absäuft ...
 
Bemerkungen:
obwohl ich den Gipfel nicht bestiegen habe, wollte ich den Wegpunkt „Piz Roseg“ trotzdem erwähnen, damit der Erfahrungsbericht in Bezug auf den Piz Roseg wieder gefunden wird.
 
Zahlen:
Bike Pontresina - Hotel Roseg: 38 Min., 6.6km
Hotel Roseg - Tschierva-Hütte: 1 Std. 50 Min., 5.4 km
Tschierva-Hütte - P.3600 - Tschierva-Hütte: 11 Std., 1300Hm, 23.5 km

Tschierva-Hütte – Einstieg Eselsgrat: ca. 3 ½ Std.
Eselsgrat: ca. 2 Std.

Tschierva-Hütte - Hotel Roseg: 1 Std. 20 Min., 5.4 km
Bike Hotel Roseg - Pontresina: 15 Min., 6.6 km

Tourengänger: Linard03

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Kommentare (13)


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rojosuiza hat gesagt:
Gesendet am 9. August 2017 um 11:05
Nicht ganz, und doch ganz. Guter Bericht, sehr schöne Fotos - eine Freude!

Linard03 Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 9. August 2017 um 18:56
gute Zusammenfassung ... ;-)
Jedenfalls danke für Deine Rückmeldung; freut mich, wenn's gefallen hat!

TeamMoomin hat gesagt: Hey Richard
Gesendet am 9. August 2017 um 20:15
auch wenns nicht ganz zum Gipfel gereicht hat so scheint es doch eine tolle Tour gewesen zu sein und ein toller BEricht ist dabei entstanden, danke für die Inspiration!

Und wer weiss vielleicht im zweiten Versuch.

Lg Oli und Moomin

Linard03 Pro hat gesagt: RE:Hey Richard
Gesendet am 9. August 2017 um 22:49
absolut, es war auf jeden Fall eine geniale Tour!
Ob's für mich einen zweiten Versuch geben wird, weiss ich nicht ...

LG, Richard

Renaiolo hat gesagt:
Gesendet am 11. August 2017 um 08:54
Richard, danke für diesen tollen Bericht. Meinen Respekt für die Demut am Berg - ganz gross! Noch einen schönen Bergsommer wünscht Ruedi

Linard03 Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 11. August 2017 um 19:07
Merci, Ruedi! Demut; ein Wort, das ich in meinem Bericht nicht verwenden wollte, weil es u.U. falsch verstanden worden wäre ... - aber genau darum geht es letztlich!
Dir (Euch) wünsche ich ebenfalls noch einen schönen Rest-Sommer! LG, Richard

amphibol Pro hat gesagt: Herzliche Gratulation
Gesendet am 12. August 2017 um 08:18
Der Piz Roseg ist ein wunderbarer Berg! Schade hat's nicht ganz geklappt. Wir wollten den Roseg auch besteigen, hatten uns aber bereits vorher wegen dem miesen Wetter entschieden, einen Tag später anzureisen und ihn auszulassen..

Allerdings habt Ihr das Pièce de Resistance der eigentlichen Tour ja bereits hinter euch gebracht..

Viele schöne Touren weiterhin, auch mit Gipfelerfolg! :-)
LG Raphael

Linard03 Pro hat gesagt: RE:Herzliche Gratulation
Gesendet am 12. August 2017 um 10:09
genau; die grössten Schwierigkeiten waren gemeistert, wir wurden eigentlich um's Dessert gebracht ... ;-)

Den Entscheid des BF's hatte ich aber zu keinem Zeitpunkt hinterfragt; es war klar, dass die Vernunft siegen musste. "Null-Risiko" gibt's beim Bergsteigen natürlich nicht, aber man muss es ja nicht herausfordern ...

Dir (Euch) ebenfalls weiterhin schöne Touren!
LG, Richard

WoPo1961 Pro hat gesagt:
Gesendet am 14. August 2017 um 10:28
Hi Richard, nachträglich auch aus Flachlandhausen noch ein paar Worte. Wenn die Natur einem ein Schnippchen schlägt, dann kann man nix machen. Ihr habt alles versucht, mehr war am besagten Tag eben nicht möglich. Von daher,bloß nicht ärgern! Bei guten Verhältnissen wärst du mit Sicherheit locker dort herauf schawenzelt. Also, gefühlt warst du oben und von daher: herzlichen Glückwunsch zu dieser definitiv nicht ganz einfachen Tour.
Grüße aus Flachlandhausen
WoPo

Linard03 Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 14. August 2017 um 20:17
Hallo WoPo,
genauso ist es; die Natur setzt die Grenzen und das ist gut so.
Und gefühlt war ich tatsächlich oben; an diesem Tag hätte mich nichts gestoppt (ähm, ausser eben die eine Gletscherspalte ...).
Gruss, Richard

P.S. man munkelt, dass WoPo heimlich in die Schweiz eingereist sei ...?

WoPo1961 Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 14. August 2017 um 22:44
Och, sooo heimlich war das garnicht. Der Baselbieter Sputnik hatte ja diesbezüglich schon ein paar Zeilen auf Hikr publiziert. Mittlerweile hat der Schweizhutträger aber leider schon wieder die schöne Schweiz verlassen. 2 Wochen sind einfach viel zuwenig!! Und nun sitze ich in Flachlandhausen und hab Heimweh. Ich sag dir, so ein WoPo-Leben ist nicht immer einfach.

Cubemaster hat gesagt: Never give up!
Gesendet am 25. September 2017 um 11:19
Hi,
zuerst einmal Respekt vor der Entscheidung umzudrehen, diese Möglichkeit muss immer im Hinterkopf verankert sein! Auch ich wollte dir noch etwas verspätet zu Tour und Bericht gratulieren und dir meine Erfahrungen weitergeben:

Ich habe drei Anläufe für den Piz Roseg benötigt (Sommer 2012, 2015 und 2016). Besonders ärgerlich war der zweite Versuch, als wir erst am finalen Grat zum Hauptgipfel wegen einer Pulverschneeauflage umdrehen mussten, in der man gar keinen Halt mehr finden konnte. (Es waren keine 30m mehr bis zum Gipfel, aber da machste nix!!!) Letztlich habe ich im Spätsommer 2016 einen Tag mit perfektem Wetter und Verhältnissen erwischt und wurde für meine Geduld belohnt.

Es war ein unglaublich tolles Gefühl nach den langen Mühen (und nicht wenig Geld für Bergführer) endlich dort oben zu stehen. Ich möchte dich deshalb zu einem weiteren Versuch motivieren. Natürlich kann es immer passieren, dass man wieder umdrehen muss, so ist das eben...


Linard03 Pro hat gesagt: RE:Never give up!
Gesendet am 25. September 2017 um 18:17
Hi,
herzlichen Dank für Deinen Kommentar und das Teilen Deiner Erfahrung am Piz Roseg.
3 Versuche ... - da gilt der Respekt ganz meinerseits! Ich glaube nicht, dass ich die Motivation für 3 Versuche aufbringen würde ... Man hat (oder zumindest ich hätte) immer auch die Mühen im Hinterkopf, welche nur schon bis zum Einstieg zum Eselsgrat zu bewältigen sind ... (der Eselsgrat selbst macht ja Spass).

Ev. ergibt sich ja doch noch die Möglichkeit für einen 2. Versuch; never say never ... Aber dieses Jahr ist sowieso gelaufen und nächsten Sommer habe ich anderes vor.
Also, schaun'mer'mal ...


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