Bristen Südgrat


Publiziert von Patricia , 28. Juli 2017 um 11:15.

Region: Welt » Schweiz » Uri
Tour Datum: 4 Juli 2017
Wandern Schwierigkeit: T6 - schwieriges Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-UR 
Zeitbedarf: 10:00
Aufstieg: 2500 m
Abstieg: 2650 m
Strecke:22km

Der Überschreitung des Bristen von Süden nach Norden, diesem so markanten formschönen Kegel oberhalb der Gotthardautobahn, widmete ich schon länger meine Aufmerksamkeit. Allerdings schreckten mich bisher die vagen Aussagen über das Chluserwändli, der Schlüsselstelle, merklich ab. Ich war mir eben nicht sicher, ob ich bereit dazu bin die Tour, wie so oft, im Alleingang zu vollziehen.

Als Andrea eines Morgens mir eine SMS schickte, ob ich Interesse am Bristen Südgrat hätte, der nun durch die Aufnahme in den neuen Silbernagel Führer wieder zum Leben erweckt wurde, war ich natürlich Feuer und Flamme für dieses Vorhaben. Ein wunderschöner Dienstag stand bevor, Abmarsch um kurz nach 6 am Morgen bei der Bushaltestelle Fellital. Abgemacht. Nur das Nötigste im Gepäck, ein 30m 6,9er Zwillingsseil und 3 Bandschlingen, 3 Leichtschnapper und 1 HMS sowie den SKIMO-Gurt.

Im Schatten und kühlen Gelände entlang des Fellibaches geht es ohne viel Höhengewinn zur Treschhütte hinein. Hier lässt sich Tempo machen. Den anschliessenden Anstieg auf hinter Pörtlistäfeli entlang des wenig ausgeprägten rot-weissen Wanderweges zur Pörtlilücke habe ich weniger positiv in Erinnerung. Von wucherndem Kraut und nassen Pflanzen umringt, einem Alpin-Dschungel gleich, gewinnt man auf kurzer Distanz viele Höhenmeter. Dafür wird man ab der Ebene, ab dem hinteren Pörtli endlich mit Sonne verwöhnt und wunderbaren Ausblicken. Ein paradiesisches Plätzchen mit munter plätscherndem Wasser und Almrosen, ideal für ein zweites Frühstück und letzte Stärkung, bevor es ab der Pörtlilücke endlich Richtung Bristen abzweigt.

Als Kletterer schweifen meine Blicke immer wieder hinüber zum Ruchen, da lassen sich einige attraktive Linien finden. Von der Pörtlilücke steigen wir weglos, aber in leichtem bequemen Gelände nach Norden dem Buckel entlang, im Prinzip immer westlich des Felskammes, der von P2800 hinunter zieht. Dort oben wird dann auch zum ersten Mal der Blick frei auf das Bristen Vorhaben. Der Atem stockt, als das Chluserwändli, was als steile grosse Wand markant aus dem Trümmergrat hervorsticht, auftaucht. Ob wir dort mit unserer Minimalausrüstung einen gangbaren Weg finden werden? Und überhaupt schaut der Anstieg bis dorthin schon eher fordernd aus. Und auch nach der Crux, der eigentliche Süd-Grat bis zum Bristen Gipfel ist laaang.

Oft ist es besser, wenn man Schritt für Schritt in den Bergen denkt um sich nicht von der Dimension und Mächtigkeit erschlagen zu lassen. 

Wir tasten uns also langsam näher, ein grasig-schrofiges Verbindungsgrätchen hinüber zur Scharte vor dem Zwächten bringt einige Trittspuren zum Vorschein, denen wir folgen. Es geht im Prinzip immer rechts des Grätchens, oftmals etwas unterhalb in der Flanke. Der Zwächten schaut unheimlich brüchig aus, Bekanntschaft mit dem morschen Gestein macht man auch bei der östlichen Umgehung des Berges um in die Chluserlücke zu gelangen. Vorsicht ist hier angebracht, ein Trümmerhaufen par excellence.

Nebenbei tritt das Chluserwändli auch immer deutlicher in Erscheinung, was mir weiterhin Kopfzerbrechen bereitet, denn je näher man ihm kommt, desto steiler und unpassierbarer wirkt es. Erst als wir unmittelbar davor, auf einer wackligen Steinplatte sitzen, rasten und uns Anstiegsszenarien überlegen, beginnt die gut 60m hohe Wand an Steilheit und Kompaktheit zu verlieren. 

Option 1 wäre die brüchig-schuttige Rinne nach Osten ein paar Höhenmeter hinab zu steigen und dann weiter rechts (also östlich) der  Wand, die dort mehr einem Grat gleicht, zu folgen. 

Option 2 ist der direkte Anstieg über ein System von Verschneidungen, was allerdings mit unserer Ausrüstung für unser Können und Risikobereitschaft keine Option darstellte. Ich vermutete dort eher auf 4+ oder sogar den 5. Grad in wenig zuverlässigem Fels anzutreffen.

Option 3 und damit unsere Variante für das Chluserwändli war folgende:
Ein Schlaghaken als Stand direkt unterhalb dieser wackligen grossen Platte auf der Scharte ist der Startpunkt. Von dort für ca.10m auf gleicher Höhe einem Art Band entlang traversieren, es finden sich immer wieder einigermassen solide Griffe und Tritte. Dann hält man auf eine Verschneidung zu, immer noch traversieren, aber mit leichtem Höhengewinn, bis hinter der Verschneidung ein Köpfel als Standplatz dienlich ist (ca. 25m in Summe). Durch die Verschneidung steil spreizend (10m), danach rechts haltend und immer noch rechts haltend traversierend bis deutlich wird, dass das Gelände flacher wird (20m) und abermals ein Köpfl als Stand herhalten kann. Über ein kurzes Wandl hinauf, danach lehnt sich das Gelände tatsächlich deutlich zurück und im Prinzip hätten wir das Seil wieder verräumen können. Wir sind allerdings am gestreckten Seil mit Köpfelsicherung bis zum höchsten Punkt weiter um sicher zu gehen, dass wirklich keine schwierige Stelle mehr kommt.

Das unangenehme am Chluserwändli ist der morsche misserable Fels, der kaum solide Sicherungspunkte zulässt. Auch wenn wir die volle Klettermontur dabei gehabt hätten mit Camalots und Keilen, ich hätte vermutlich keinen einzigen gelegt, weil er sowieso nicht gehalten hätte. Daher begnüge ich mich in solchem Fels lieber mit wenigen, dafür soliden Sicherungspunkten. In unserem Fall nur von Stand zu Stand 30m. Die angetroffene Schwierigkeit hat sich vermutlich im unteren 4.Grad abgespielt, überwiegend II.

Nach dem Chluserwändli konnte uns nichts mehr aufhalten. Der Fels wurde auch besser, zumindest, solange man sich an die Gratkante gehalten hat. Teilweise war er sogar richtig nett zu kraxln. Nach jedem Aufschwung dachten wir, jetzt sind wir dann oben, aber der Südgrat zum Bristen zieht sicht. Wobei, dieser eigentliche Südgrat macht wirklich Freude. Leichtes Gelände mit II-er Stellen und auch mal einer III-er Passage, wenn man sie denn sucht. Kurz vor dem Hauptgipfel wechselt dann nochmals das Gestein, brüchig orange-rote kantige Felsen, die etwas Aufmerksamkeit erfordern beim Abklettern direkt vor dem Gipfel mit Steinmann.

Die paar Quellwolken um uns herum wabernd bereiten immer wieder interessante Ausblicke. Mal direkt am Grat eine Trennlinie ziehend zwischen dunkel und hell, mal öffnet sich ein Loch in der Wolkendecke und die Sonnenstrahlen treffen einen Ausschnitt im Etzlital. Schön dieses Schauspiel. Und dazu dann noch dieser sagenhafte Tiefblick auf dem Bristen Gipfel selbst. Ich bin immer wieder überrascht wie weit es bis zur Autobahn hinunter ist!

Über den Normalweg (ausgetreten, Wegspuren, Steinmänner) und das letzte spassige Schneefeld für eine rasante Abfahrt in den Trailschuhen erreichen wir die Bristenhütte, welche heute geöffnet hatte. Dankend konsumieren wir eine kühle Schorle und lassen die Gedanken Revue passieren. Der direkte Abstieg hinunter nach Amsteg Post, von wo der Bus uns wieder zurück zum Auto bringt, ist nur noch Formsache. Allerdings brennen die Oberschenkel und Füsse gehörig und gegen ein Eis aus der Dorfbäckerei hatte niemand was einzuwenden, um auf den Bus zu warten;-)


Facts:
  • 2500Hm im Aufstieg, 2650Hm im Abstieg
  • wir haben in Summe 10h für die Tour benötigt
  • viel viel brüchiger Fels
  • auf dem Grat angelangt nach P2800 gibt es eigentlich keine Fluchtmöglichkeit mehr, vorallem nicht mehr nach dem Chluserwändli = stabiles Wetter ohne Gewitter vorausgesetzt!
  • Schwierigkeit am Chluserwändli je nach Wegwahl ab III+, eher IV-/IV ohne ausreichend solide Sicherungsmöglichkeiten. Der Schwierigkeitsgrad ist somit obligat, dazu in unzuverlässigem Gestein (morsche, hohle Schuppen)
  • Vielfach II und I am eigentlichen Grat
  • Tour nur für Liebhaber von einsamen Anstiegen (ist nicht umsonst so einsam, definitiv nicht plaisir!)

Tourengänger: Patricia


Galerie


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Kommentare (2)


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D!nu hat gesagt: Gratulation!
Gesendet am 29. Juli 2017 um 08:08
...zu dieser tollen Tour! ...und danke für Euren ausführlichen Bericht.
Gruss Dinu

dominik hat gesagt: RE:Gratulation!
Gesendet am 31. Juli 2017 um 07:07
dem mag ich mich anschliessen!


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