Plattkofel (2964 m) via Oskar-Schuster-Steig


Publiziert von gero Pro , 17. März 2009 um 22:04.

Region: Welt » Italien » Trentino-Südtirol
Tour Datum:28 Juli 2005
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Klettersteig Schwierigkeit: WS
Wegpunkte:
Geo-Tags: I 
Zeitbedarf: 11:00
Aufstieg: 1290 m
Abstieg: 1290 m
Strecke:Sellajoch - Langkofelscharte - Plattkofel - Friedrich-August-Weg - Sellajoch
Kartennummer:Freytag & Berndt WKS 5 - Cortina d'Ampezzo, Marmolada, St.Ulrich

Nachfolgend will ich über die Besteigung des Plattkofels über den Oskar-Schuster-Steig erzählen; mindestens eine diesbezgl. Beschreibung gibt es hier zwar schon, aber vielleicht habe ich doch noch eine kleine Variante beizusteuern: wir haben die Tour von / bis Sellajoch als Tagestour ohne Benutzung der Seilbahn unternommen und außerdem alle drei Plattkofel-Gipfel bestiegen. Dadurch kam eine ganz schön lange, anstrengende Unternehmung zustande, die aber sehr eindrucksvolle und immer wieder unterschiedliche Einblicke in die Langkofelgruppe gewährt.

Als absolute Frühaufsteher starteten mein Freund Walter und ich bereits um 5 Uhr morgens an der Talstation der Kabinenbahn hinauf zur Langkofelscharte, auf 2180m etwas unterhalb des Sellapasses gelegen. Dies war aufgrund der sommerlichen Jahreszeit problemlos möglich - die Sonne war bereits aufgegangen, und die Kalktürme der umliegenden Dolomiten erstrahlten sehr malerisch im Morgenrot. Wir marschierten die 500Hm hinauf zur Langkofelscharte und erreichten das dortige Rifugio Toni Demetz (2685m) um 6:20 Uhr.

Diese Hütte liegt in recht imposanter Landschaft zwischen den Südwänden des Langkofelecks und den Nordabstürzen der Fünffingerspitze. Jenseits der Scharte geht es hinunter in das nicht minder beeindruckende Langkofelkar; schon nach kurzer Zeit zweigt deutlich sichtbar das Fassaner Band ab, das den Aufstieg zum Langkofel vermittelt. Etwa 30 Minuten unterhalb der Langkofelscharte weitet sich das Langkofelkar auf, und um 7 Uhr gingen wir an der Langkofelhütte (2253m) vorbei; hier bereiteten sich gerade die ersten Bergsteiger zum Abmarsch vor. Die Langkofelhütte liegt am unteren Ende des Langkofelkares; sie ist der tiefste Punkt auf der hier beschriebenen Rundtour, sieht man vom Ausgangpunkt an der Seilbahntalstation ab.

Nun hieß es, wieder aufzusteigen: südwärts hinein in das Plattkofelkar, das in Form eines gewaltigen Kessels von den Wänden der Langkofelkarspitze, des Innerkoflerturms, des Zahnkofels und schließlich des Plattkofels umschlossen wird. Es geht zunächst aufwärts in Richtung auf die Zahnkofel- und die Plattkofelscharte, jene zwei (eigentlich sind es drei Scharten: vgl. Bilddokumentation) scharf eingeschnittene Scharten beidseits des Zahnkofels, die dessen skurile Form noch betonen.
Später wird der (übrigens durchweg bestens beschilderte und markierte) Steig durch das Plattkofelkar immer steiler und schwenkt Richtung Westen um; er leitet jetzt unmittelbar an den Fuß der Plattkofel-Nordostwand, durch die der Oskar-Schuster-Steig führt. Man erreicht den Einstieg am oberen Ende einer Geröllreise, die so ziemlich am weitesten in das Gewänd hinaufreicht. Diese Stelle erreichten wir gegen 8 Uhr, also ca. 1 Std. nach der Langkofelhütte; hier legten wir das Brustgeschirr an und setzten den Helm auf. Der Klettersteig ist zwar niemals sonderlich schwierig, hat aber einige drahtseilversicherte Stellen, wo eine Selbstsicherung durchaus zweckmäßig ist; da der Steig zudem sehr häufig begangen wird und der Ausstieg durch gerölliges Gelände führt, ist eine gewisse Steinschlaggefahr nicht zu leugnen.

Der untere Abschnitt des Oskar-Schuster-Steiges führt nun ständig ansteigend Richtung Nordwesten aufwärts; manchmal handelt es sich um reines Gehgelände, dann wieder braucht man an einigen Zweierstellen die Hände für das Gleichgewicht. Er folgt einer natürlich vorgegebenen Routenführung durch Rinnen, aufwärts an Wandstücken und über Absätze. Nach einer weiteren Stunde erreichten wir gegen 9 Uhr die Türmescharte (2760m), eine wiederum eindrucksvolle Einkerbung zwischen der Plattkofelwand und dem III. Turm (2863m) eines Seitengrates, der vom Plattkofel-Mittelgipfel nach Nordosten hinunterzieht. Nordseitig fällt von der Türmescharte die Türmeschlucht steil ab; dort finden sich noch Reste eines Gletscherchens!

Nach der Türmescharte folgt der obere, etwas anspruchsvollere Teil des Klettersteiges. Von der Scharte weg geht es etwas ausgesetzt um eine Felskante herum; hier ist ein Fixseil angebracht. Nun klettert man, immer den Markierungen folgend, auch weiterhin an etlichen Fixseilen entlang; das Gelände ist von wilder Schönheit, und die Felsmassive der Langkofelgruppe werden immer großartiger. Nach einer knappen Stunde nähert man sich dem oberen Ende des Klettersteiges; dort sind keine Fixseile mehr vorhanden, allerdings auch nicht mehr notwendig: der Fels legt sich mehr und mehr zurück, wird leider auch wieder brüchiger, so daß jeglicher Steinschlag unbedingt vermieden werden muß, um Nachfolgende nicht zu gefährden.

Noch vor 11 Uhr hatten wir schließlich den Mittelgipfel des Plattkofels erreicht, der mit 2958m der zweithöchste Punkt des Plattkofels ist. Gleichzeitig ist er der am häufigsten besuchte Gipfel, da von Südwesten, von der Plattkofelhütte her, ein einfacher Bergsteig heraufführt. Ganze Heerscharen besteigen an einem Schönwettertag von dort den Plattkofel-Mittelgipfel, während seine beiden Nachbarn - der NW-Gipfel und erst recht der etwas schwierigere SO-Gipfel - eher selten besucht werden.

Nach kurzer Rast liefen wir auf einfachem Steig hinüber zum Nordwestgipfel (2938m); er ist zwar der niedrigste der 3 Gipfel, hat aber in gewisser Weise die beste Aussicht zu bieten, da man hier auch nordseitig auf die Seiser Alm hinunterblicken kann. Und dann forderte uns natürlich noch der höchste, der Südostgipfel mit 2964m, heraus! Der Übergang ist nicht ganz trivial: man quert auf Steigspuren etwas südseitig unterhalb des Gipfelkammes hinüber, wobei die schwierigste Stelle zuletzt unmittelbar am Gipfelaufbau zu bewältigen ist (II). Dann aber steht man auf dem höchsten Plattkofelgipfel - und ist in gewisser Weise zunächst enttäuscht, da hier die Aussicht nicht ganz so fulminant wie auf den beiden anderen Gipfel ist! Dafür ist man hier mit ziemlicher Sicherheit allein - nur wenige Bergsteiger ersteigen auch diesen Punkt. Für den Übergang vom Mittelgipfel sind etwa 30 Min. anzusetzen.

Irgendwann mußten wir auch diesmal wieder an den Abstieg denken. Fast 700Hm steigt man auf dem Normalweg südwestlich ab Richtung Plattkofelhütte; man muß allerdings nicht bis zu dieser hinunter, sondern kann dort, wo die schuttige Abdachung des Plattkofels in Grasgelände übergeht, südöstlich auf einem Steig direkt zum Friedrich-August-Weg hinuntergehen und dadurch etwas abkürzen. Hat man diesen erreicht, folgt der lange, nach den vorangegangenen Erlebnissen in grandioser Felslandschaft etwas eintönige Rückweg. Man kommt am Rifugio Sandro Pertini (2300m), später dann an der Friedrich-August-Hütte vorbei; inzwischen hat einen die Zivilisation in Form von Hunderten naturbegeisterter Halbschuhtouristen längst wieder eingeholt.

Zugegebenermaßen mit leichten Ermüdungserscheinungen erreichten wir gegen 16 Uhr den Ausgangspunkt an der Talstation der Seilbahn zur Langkofelscharte wieder. Die Überschreitung des Plattkofels konnte ins Tourenbuch eingetragen werden ......

Zu guter Letzt .... ein Vergleich:
der Oskar-Schuster-Steig ist in jeglicher Hinsicht leichter, weniger anspruchsvoll als der Pößnecker-, der Trincee- oder auch der Pisciadu-Steig einzustufen. Man sollte ihn trotzdem nicht unterschätzen; alpine Erfahrung, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind unabdingbar. Es sind durchaus längere (allerdings nicht heikle) Passagen ohne Fixseil zu überwinden, die gelegentlich als I+, wenn nicht sogar als II einzustufen sind und deshalb keineswegs als "Wanderung" im Sinne dieses Wortes bezeichnet werden können. Dazu kommt die Länge dieser Tour .... andererseits will ich nicht dramatisieren: ich habe diesen Steig auch schon mit meinen Kindern begangen, allerdings mit zusätzlicher Seilsicherung.
Insgesamt erscheint mir die Bewertung mit WS angebracht.

Tourengänger: gero

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