Tödi - unfinished business finished


Publiziert von faehm78 Pro , 17. Juli 2017 um 14:54.

Region: Welt » Schweiz » Glarus
Tour Datum:16 Juli 2017
Hochtouren Schwierigkeit: WS
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GL   Tödigruppe   CH-GR   Bifertengruppe 
Zeitbedarf: 11:00
Aufstieg: 1600 m
Abstieg: 2400 m
Strecke:Camona Punteglias - Porta Gliems - Piz Russein - Gelbe Wand - Fridolinshütte - Hinter Sand
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Mit Taxi Mario von Tavanasa zur Alp da Schlans
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Taxi Zimmermann bis Linthal
Unterkunftmöglichkeiten:Camona Punteglias Fridolinshütte

Der Tödi stand schon lange auf unserer Liste. Von zuhause bei schönem Wetter sichtbar, thront er zuhinterst im Glarnerland - da muss man einfach mal oben gestanden haben. Letzten September mussten wir das Unterfangen aufgrund fehlerhaftem Material meines Tourenpartners abbrechen (Wer genaueres wissen will, fragt den Hüttenwart Reto nach Rick und seinen Schuhen). So standen wir am Samstagnachmittag vor der kleinen, aber feinen und äusserst gut bewirteten Punteglias-Hütte und wurden von zwei netten jungen Burschen empfangen, die während den Schulferien in der Hütte helfen (Hüttenwacht nennt man das - was für eine sinnvolle Beschäftigung für vor- bis pubertierende Jungs...). Offenbar hat sich das Materialmalheur schnell herumgesprochen, denn wir wurden sofort erkannt.

Nach einer kurzen aber nicht allzuschlechten Nacht klingelt der Wecker um 2.50h. Nachdem wir zwanghaft den Zmorge hinuntergedrückt und mit Instant-Kaffe nachgespült hatten, standen wir um 3.40 vor der Hütte und marschierten los. Wenn man ca. weiss, wo die Route verläuft, kann man die guten Wegspuren und Steinmännchen praktisch nicht verfehlen (siehe unten). Nach etwa 1.5h erreichten wir - mit nicht vernachlässigbarem Aufstossen des Kaffees - die Fuorcla Punteglias bei bereits genügend Tageslicht, etwa 30min später nach - diesmal erfolgreicher und richtiger - Querung die Zunge des Gliems-Gletschers, wo wir uns etwas stärkten, die Steigeisen montierten und anseilten.

Obwohl der Gletscher gegen oben etwas steiler wird, hielten wir die Spaltengefahr für höher als die Ausrutschgefahr, und so gingen wir am langen Seil. Der Gletscher ist jedoch, insbesondere im oberen steileren Teil bereits grösstenteils blank. (Gemäss Hüttenwart herrschen jetzt Mitte Juli bereits Verhältnisse wie normalerweise Ende August). Den Aufstieg zur Porta da Gliems bewältigten wir mit Steigeisen, was sich dank den Ketten problemlos gestaltete und angesichts der zwischendurch steilen und eisigen Passagen als richtig erwies. Grossartig dann die Aussicht durch die Porta, die wir nach ca. 3h 45' erreichten, auf den Bifertengletscher mit den riesigen Seracs und Spalten. 50km Luftlinie von Zürich, und man hat das Gefühl, in der 4000er-Landschaft des Wallis, wenn nicht im Himalaia zu sein. Auch der Blick zurück zu den Bündner Gipfeln war nicht minder fantastisch. Eine kleine Fotosession musste sein und auch ein kleines Frühstück - diesmal mit Marschtee statt aufstossendem Kaffee - haben wir uns genehmigt.

Anschliessend verliert man ca. 90hm, bis man auf die Spur von der Fridolinshütte trifft. Die letzten 450hm ziehen sich in die Länge, z.T. anstrengend, wenn etwas steiler, dann wieder flacher beim Umgehen der grösseren Spalten. Die letzten Kehren hinauf zum Verbindungsgrad zwischen Glarner Tödi und Piz Russein haben es nochmals in sich. Um 9.15 standen wir auf dem Gipfel - die Freude war riesig! Welch grandiose Landschaft und welch atemberaubender Ausblick auf alle Seiten. Und das beste: Während einige 4000er im Wallis regelrecht von Seilschaften überrumpelt werden und die Normalrouten einem Tatzelwurm ähneln, waren wir auf der Bündnerseite die einzigen und auch auf der Route vom Glarnerland waren nur 4 Seilschaften unterwegs, eine davon kam die Ostwand hoch (Respekt).

Abstieg bis zur Gelben Wand dank Spur probemlos. Weiter unten ist der Gletscher aper und man holt in Abstiegsrichtung relativ weit rechts aus, bis man sich auf der Höhe des dank der grossen roten Markierung gut erkennbaren Einstiegs in die Wand befindet und quert dann parallel zu den Spalten Richtung Fels. Der Übergang vom Eis zum Fels ist noch sehr gut machbar, die Kette eine grosse Hilfe. Wir haben diese Passage wie folgt bewältigt: Der Vorsteiger ist am langen Seil bis zum Ende der Kette geklettert und hat in der Kette 2-3 Expressen angebracht. Der Nachsteiger wurde dann mittels HMS von oben gesichert. Dann folgt ein überaus hässliches Stück Schutt. Man quert um den Fels und steigt dann parallel zur Schneerus auf rutschigem Material auf einem mehr oder minder steilen Band ab. Dank den weissen Pfeilen kann man die richtige Route nicht verfehlen. Eine grössere weisse Markierung weist den Weg in ein schmales Band, das mit Stahlseilen befestigt ist. Es empfiehlt sich, hier eine Selbstsicherung in das Stahlseil einzuhängen. Ein Ausrutscher wäre verheerend. Die Schlüsselstelle ist ein mit Stahltritten versehenes leicht überhängendes kurzes Stück Fels, das auf ein weiteres Band herunterführt. Auch hier ist es nicht die dümmste aller Ideen, sich mit einem Karabiner in die vorhandene Kette einzuhängen, um ein allfälliges Ausrutschen abzufangen. Das letzte Stück bis hinunter zum Firn bewältigt man auf Stahltritten, von denen zwei ziemlich weit auseinanderliegen. Hier haben wir wiederum von oben gesichert und in die Tritte bzw. In eine vorhandene Schlinge Zwischensicherungen angebracht.

Da das folgende Eisfeld relativ steil ist, ist der einzige mögliche Platz für das Anschnallen der Steigeisen gleich beim Übergang vom Fels aufs Eis - später im Sommer vermutlich anspruchsvoller wie heute. Die Grünhornhütte wird schnell sichtbar. Beim Übergang auf den Fels kann nun von der Hochtouren- auf die Wanderkonfiguration umgestellt werden. Der Aufstieg ist erneut mit Ketten gesichert, diese sind aber sogar für mittelmässige Alpinisten wie wir nicht unbedingt erforderlich. Um 13.15, also nach gut 9.5h haben wir die nette und wunderschön gelegene Fridolinshütte erreicht. Die Käseschnitte ist genauso zu empfehlen wie die Aprikosenwähe. Angeschriebene Zeit bis Linthal 4 3/4h! Also haben wir ein Taxi nach Hinter Sand bestellt - zügige Absteiger benötigen noch ca. 1h 15min.

Fazit:
Einmalige und grandiose aber lange Tour! Nicht schwierig, trotzdem ernsthaft. Helm in der Porta Gliems und Gelben Wand empfehlenswert

Bemerkungen zur Routenfindung
Ohne Schnee und bei Dunkelheit ist die Routenfindung nicht immer trivial:

1) Zur Fuorcla Punteglias. In der Dunkelheit bei Neumond kann es schwierig sein, den Weg nach der Bachquerung zu finden. Im letzten September haben wir uns in der Geröllhalde wiedergefunden, nachdem wir irgendwann und irgendwie vom Weg abgekommen sind. Der Weg verläuft nach der Bachquerung über weite Strecken parallel dem Bach entlang. Weiter hinten beim Einbiegen ins Tal verläuft er in Aufstiegsrichtung rechts auf einer leicht erkennbaren Moräne und nicht durch die Schuttmulde. Weiter oben wenn sich die Wegspuren verlaufen und auch keine Steinmänner mehr sichtbar sind, hält man sich am besten etwas rechts im Hang.

2) Von der Fuorcla Punteglias zum Glatscher da Gliems
Auch hier ein Verhauer im letzten September. Im Schein der Stirnlampe ist der logische Weg der Fallline entlang hinunter, zumal man meint, Spuren ausfindig zu machen, die wir dann irgendwann nicht mehr fanden. Dann haben wir rechts rüber gequert und sind bis zur Mulde Pt. 2669 abgestiegen, von wo wir uns dann über Schutt wieder aufwärts zum Einstieg zum Gletscher hochequält haben. Das wäre nicht nötig! Nach 2-3 Kehren entlang der Fallinie biegen die Wegspuren scharf rechts ins gelbliche Gestein ab. Diese Stelle ist mit einem gelben Punkt und zwei blauen Stangen markiert, also unbedingt Ausschau halten danach. Die Wegspuren verlaufen dann leicht fallend auf ca. 2750m unter dem Sporn hindurch. Man verliert dann nochmals maximal 20-30m bevor es eine kleine Mulde rechts umgehend wieder hoch geht und man oberhalb eines geschliffenen Felsabbruchs flach zum Gletschereinstieg traversiert.

Beide Fehler kosteten uns letzten September fast 1.5h.

3) Übergang zum Fels unterhalb der Grünhornhütte Man hält sich auf dem Gletscher in Abstiegsrichtung links dem Fels entlang und nicht rechts was logischer erscheint. Ein Bergführer mit seinen zwei Gästen hinter uns haben uns dies zugerufen. Rechts hindurch folgt ein Spaltengewirr, das zwar nicht unmachbar ausschaut, aber sicher nicht ideal ist

4) Gelbe Wand. Falls man dies in umgekehrter Richtung vorhat, würde ich sicherstellen, dass es zumindest dämmert, wenn man in den Fels einsteigt. Der Einstieg ist nicht markiert und befindet sich relativ weit oben. Man erkennt ihn an den Tritten und Stiften, die vermutlich in der Dunkelheit und bei aperem Gletscher ohne Spuren schwierig zu finden ist.

Tourengänger: faehm78

Galerie


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Kommentare (1)


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Primi59 hat gesagt:
Gesendet am 17. Juli 2017 um 22:01
toller und amüsanter Bericht. Gratulation der gelungen Besteigung des Tödis.
(zwei Bilder müssten noch gedreht werden)


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