Igl Danclèr 2814 m und La Piramida 2964 m - Fingerhut und Pyramide auf einem wilden Grat


Publiziert von Ivo66 Pro , 9. Juli 2017 um 08:00.

Region: Welt » Schweiz » Graubünden » Albulatal
Tour Datum: 8 Juli 2017
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR 
Zeitbedarf: 7:15
Aufstieg: 1200 m
Abstieg: 1200 m
Strecke:Albulapassstrasse - Crap Alv Laiets - Lai Alv - Nordflanke - Westgrat - Igl Danclèr P. 2814 m - P. 2916 m - La Piramida - P . 2916 m - Nordflanke - Lai Alv - Crap Alv Laiets - Albulapassstrasse
Kartennummer:1:25'000 Albulapass

Das vom Engadin leicht ansteigende Val Bever ist durch einen langen und wilden Grat von den über den Albulapass verlaufenden Tälern getrennt. Dieser Grat ist schwer zugänglich und wird deshalb sehr wenig begangen. Wir peilten heute den Abschnitt zwischen dem Igl Danclèr und La Piramida an, mit dem Besuch der beiden Gipfel. Aus dem Rätoromanischen übersetzt bedeutet Igl Danclèr "der Fingerhut", was passend ist, wenn man den Felsklotz von Norden her betrachtet. Die Piramida dürfte ihren Namen erhalten haben, da auf ihrem Gipfel im Gegensatz zu den übrigen Erhebungen drei Grate zusammen treffen, was ihr etwas pyramidenähnliches verleiht.

Die beiden Gipfel werden äusserst selten bestiegen; es sind nirgendwo Spuren menschlicher Begehungen auszumachen, mit Ausnahme der beiden Gipfelsteinmänner. Keiner der beiden Gipfel verfügt über ein Gipfelbuch. Wer den von uns gewählten, ausser Mode gekommenen Zustieg (und noch viel mehr den anschliessenden Abstieg...) aussucht, wird bald einmal das Rätsel der völligen Einsamkeit gelöst haben: Viel unbequemer kann man eine Bergtour kaum gestalten. Insbesondere im Abstieg lösten wir immer wieder kleinere Steinlawinen aus - angesichts der Tatsache, dass man hier mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie einem Menschen begegnen wird, ist dieser Umstand allerdings unproblematisch.

Schon lange haben wir uns mit der Besteigung dieses Gratabschnitts befasst. Unsere Begeisterung für diese völlig einsame Gegend entdeckten wir vor gut sechs Jahren mit der Besteigung des Piz Murtel Trigd. Dessen Gratfortsetzung nach Süden führt ebenfalls zur Piramida, ist aber ein äusserst anspruchsvolles Unternehmen, sodass wir nach anderen Möglichkeiten suchen mussten.

Alleine schon der idyllisch gelegene, glasklare Lai Alv ist ein lohnendes Zwischenziel - man erreicht ihn vom Bergwanderweg, der vom Albulapass über die Fuorcla Crap Alv ins Val Bever hinunterführt, in nicht einmal einer halben Stunde und betritt dort eine in sich abgeschlossene, völlig isolierte Bergwelt.  

Aufgrund des Kartenbilds schien mir ein Aufstieg durch die Nordflanke - eine wenig ausgeprägte breite Rinne östlich von P. 2916 m - zwar sehr steil, als einen Versuch jedoch Wert, denn bei einem Scheitern wären noch Alternativen vorhanden gewesen mit dem Piz Murtel Trigd. Und die tolle Gegend hätte einen Besuch ohnehin gelohnt. Der SAC-Clubführer "Bündner Alpen 6" bezeichnet diesen Aufstieg (Route Nr. 651, Schwierigkeit BG) als einst übliche Route, die nun wegen der Ausaperung der Flanke kraftraubend geworden sei. Diese Feststellung können wir nur bestätigen.

Als sich uns heute vor dem kurzen Abstieg zum Lai Alv die Kette zwischen dem Igl Danclèr und der Piramida öffnete, erschien der geplante Aufstieg auf den ersten Blick kaum begehbar zu sein, derart steil richtet sich dort das ohnehin wenig einladende Schutt- und Geröllhänge auf, gespickt mit einigen plattigen Zonen. Je näher wir der Nordflanke jedoch kamen, desto weniger unfreundlich war der Gesamteindruck. Schliesslich beschlossen wir, den Aufstieg etwas links der ursprünglich ins Auge gefassten Route zu beginnen, wo immer wieder felsige Aufschwünge als Inseln im Schuttgelände ein Hochkommen erleichtern sollten. Selbst ein Durchsteigen des Felsriegels noch weiter links mit direkterem Zustieg zum Igl Danclér schien möglich zu sein.  

Wie immer liess sich die tatsächliche Beschaffenheit und Steilheit des Geländes auch heute nur ganz aus der Nähe beurteilen. Das Durchsteigen der Felsen unter dem Grat liessen wir dann bald fallen, als wir diesem Abschnitt näher gekommen waren. Wir arbeiteten uns auf zum Teil ausgesetzten Querungen nach rechts hoch und erreichten so wieder die ursprünglich geplante Route. Wenn auch die ganze Flanke durchgehend schuttbedeckt ist, mit den wenigen felsigen Ausnahmen, so ist sie dennoch recht gut begehbar, mit der notwendigen Vorsicht und Erfahrung auch im Abstieg, denn der Schutt ist eigentlich recht günstig - teilweise fast wie Trittschnee. Die Befürchtung, es könnte sich um zusammengebackenen feinen Schutt handeln, erwies sich als unbegründet. Die mitgeführten Pickel kamen aus diesem Grund denn auch nicht zum Einsatz.

Unsere Freude war gross, als wir die Grathöhe erreicht hatten, denn nun sollte den beiden Gipfelerfolgen nichts mehr im Wege stehen. Dabei entpuppte sich jedoch die Fortsetzung zum Igl Danclèr als ähnlich grosse Herausforderung; der Zustieg dorthin ist ziemlich umständlich, muss man doch eine Turmgruppe ziemlich weitläufig durch die Südflanke umgehen. Der bisweilen sehr steile Abstieg über Schrofen verlangt dort ordentliche Trittsicherheit; dafür ist man für den Rückweg orientierungsmässig bereits gerüstet - und im Aufstieg sind diese steilen Passagen dann wesentlich angenehmer zu begehen. Der Gipfel des Igl Danclér ist etwas tiefer gelegen, als die Grateinsenkung östlich von P. 2916 m und bildet die letzte Erhebung vor dem tieferen Einschnitt, der Fuorcla Danclér.

Es hätte sich natürlich ein Abstieg ins Val Bever aufgedrängt, doch zeigte ein Blick in den Online-Fahrplan, dass im Falle des Verpassens des anzupeilenden Zugs eine bis zu zweistündige Wartezeit in Spinas auf dem Programm gestanden hätte. Dies wollten wir uns dann nicht antun; den Abstieg durch die Nordflanke hingegen schon... Und schliesslich war die Gelegenheit günstig, die Piramida noch zu besteigen, wenn man schon einmal diesen schwer zugänglichen Grat erreicht hat.

Im Aufstieg zur Piramida zogen immer mehr Quellwolken auf, und inzwischen wehte ein zügiger, kalter Wind. Dementsprechend kurz fiel der Gipfelaufenthalt aus, denn wir wollten vor dem Heranziehen der befürchteten Gewitter wieder sicheren Boden unter den Füssen haben. Dieses Unterfangen gelang dann auch; wir dürfen auf eine unvergessliche, wilde Bergtour zurückblicken in einer derart schönen Gegend, wie man sie nur selten finden kann.

Routenbeschreibung:

Parkplatz Albulapassstrasse P. 2077 m - Crap Alv Lajets (T2)

Der markierte und ausgeschilderte Bergweg ist gleich ab Beginn recht ruppig und verläuft durch eine dschungelähnliche Vegetation. Der Pfad ist im unteren Teil sehr schmal. Nach einem kurzen Flachstück teilt sich der Pfad scheinbar - ein Pfosten mit Markierung weist den Weg nach rechts. Weiter oben überquert der Steig den Bach und führt sogleich wieder nach oben, wo man bald den Wanderwegweiser bei den hübschen Bergseen erreicht.

Alleine schon dieser kurze Aufstieg ist landschaftlich ein absolutes Highlight.

Crap Alv Lajets - Lai Alv (T2)

Man folgt nun zunächst weiter dem markierten Bergweg in Richtung Fuorcla Crap Alv. Auf einer Höhe von ca. 2430 m. ü. M. zweigt der Wanderweg nach links ab. Hier geht man einfach gerade aus, dem Bächlein folgend. Als Orientierungshilfe im allerdings sehr übersichtlichen Gelände dienen auch die gelb-roten Farbstriche, welche die Grenze der Wildschutzzone markieren. Teilweise findet man auch Wegspuren vor. Man erreicht bald einen Sattel, wo der Weg steigähnlich durch das Geröll hindurch führt und in einem steilen Abstieg den langgezogenen Bergsee Lai Alv erreicht (einige Steinmänner). 

Lai Alv - Grathöhe (T5)

Wir folgten vom See einem Bach entlang Richtung eine markante Moräne, auf welche der Zustieg in steilem Schutt und über Schrofen erfolgt (T4). Weiter stiegen wir am linken Rand der markanten Schwachstelle in der Nordflanke hoch. Weiter oben querten wir allmählich nach rechts, stets in instabilem Gelände. Zur Orientierung für den Abstieg setzten wir einige Steinmännchen. Den Grat erreichten wir etwas östlich der Scharte von P. 2916 m.

Fortsetzung über den Grat zum Igl Danclèr (T5)

Der Grat ist zunächst einfach begehbar. Bald einmal stiegen wir aber relativ weit (ca. 50 Höhenmeter) durch eine wenig ausgeprägte Rinne durch die Südflanke ab, wo wir über einen Felssporn querten und nach einem kurzen Aufstieg erneut durch steiles Schrofengelände bis zum Einstieg in eine Rinne abstiegen, welche wieder zur Grathöhe hochführt. Über Schrofen erreicht man in der Folge recht einfach den Gipfelsteinmann.

Schlussaufstieg zur La Piramida (T4)

(Zunächst erfolgt der Aufstieg zur Scharte bei P. 2916 m auf der zuvor begangenen Route).

P. 2916 m braucht man nicht ganz zu ersteigen, sondern kann etwas unterhalb in der Südflanke queren (Schrofen und Schutt). In der Folge hält man sich meistens dem nirgendwo schwierig begehbaren Grat und erreicht den Gipfel.

Tourengänger: Ivo66, Lena


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Kommentare (2)


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Peter23 hat gesagt: Piramiden und andere
Gesendet am 10. Juli 2017 um 10:49
Hallo Ivo und Lena
Zwei tolle, begeisternde Touren habt Ihr da hingelegt. Die Bilder vom faszinierenden Eldorado wecken den Berghunger weiter.
Da erscheinen der Säntis Ostgrat und Hüenerberg (letzte Woche) als kleine, kurze Fische.
Ich wünsche Euch einen weiterhin erlebnisreichen (und heilen) Sommer.
Beste Grüsse Peter

Ivo66 Pro hat gesagt: RE:Piramiden und andere
Gesendet am 10. Juli 2017 um 20:09
Hallo Peter

Vielen Dank:-) Ja, der Bergsommer ist so richtig lanciert. Auch Dir noch viele schöne Touren - der Säntis-Ostgrat ist doch auch immer wieder ein Highlight, wenn auch nicht so einsam wie die Berge der Albulaalpen und des Oberhalbsteins...

Herzliche Grüsse
Ivo und Lena


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