Über den Galletgrat auf das Doldenhorn


Publiziert von Zolliker Pro , 22. Juni 2017 um 16:15.

Region: Welt » Schweiz » Bern » Jungfraugebiet
Tour Datum:17 Juni 2017
Hochtouren Schwierigkeit: ZS+
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-BE 
Zeitbedarf: 9:00
Aufstieg: 1100 m
Abstieg: 2500 m
Strecke:Fründenhütte-Galletgrat-Doldenhorn-Doldenhütte-Kandersteg

Die Besteigung des Doldenhorns über den Galletgrat und der Abstieg über die vergletscherte Normalroute ermöglichen eine der schönsten Hochtouren, die das Berner Oberland zu bieten hat. Eis, Fels und ein spektakulärer Firngrat, eingebettet in einer fantastischen Kulisse. Dank zahlreichen Fixseilen, Sicherungsstangen, einer Strickleiter am Gipfelfelsen und der sicheren Führung von Peter ist der Schwierigkeitsgrad (ZS+) für mich machbar. Ich musste die Eindrücke des Tages zuerst etwas setzen lassen, bevor ich diesen Blogbeitrag schreibe. Sonst wäre der Text zu euphorisch geworden.

Kurz vor halb vier morgens kriechen wir aus unseren Kojen und schleichen in die Essstube der Fründenhütte. Das Frühstück steht für uns bereit. Wir essen schweigend, um eine auf einer Holzbank Schlafsuchende nicht zu wecken. Kurz nach vier schalten wir unsere Stirnlampen ein und steigen auf den Gletscher hinunter. Wir montieren die Steigeisen und queren zu einem schmalen Band in der mächtigen Seitenwand des Galletgrats, der einen überraschend problemlosen (einige Fixseilen helfen) Durchstieg ermöglicht. Ich schüttle ungläubig den Kopf, gestern Abend war mir bei der Betrachtung dieser Wand noch mulmig geworden. Aus der Nähe ist eben immer alles anders.

Es ist inzwischen hell geworden, und wir bestaunen die Morgenröte. Fotosession, Facebook-Post. Dann folgen wir dem Gratverlauf über mässig steiles Gehgelände. Wir suchen Platten und Schneefelder, um dem schweren Schutt auszuweichen. Eine erste Felsbarriere kann einfach überklommen werden, die zweite nicht. Wir ziehen erneut die Steigeisen an und umgehen das Bollwerk westlich über ein immer steiler werdendes Firnfeld. Wir gehen am kurzen Seil und kommen rasch vorwärts. Ausrutschen ist nicht erlaubt, es sei denn, man wünscht sich ein Bad im 1500Hm tiefer gelegenen Oeschinensee.

Jetzt baut sich ein majestätisch wirkender Felsturm vor uns auf, der uns vom Gipfelgrat trennt. Dieser darf jetzt erklettert werden, dank der Ketten und Fixseile im obersten Teil erscheint dies nur mässig schwierig. Inzwischen scheint uns die Sonne im Gesicht, wir erblicken die ersten Walliser Berge und bald den weiten Petersgrat. Die Route folgt zunächst im Blockgelände dem Gratverlauf (Kletterstufe I), schliesslich stehen wir vor dem Turm und spucken in die Hände, jetzt geht’s richtig zur Sache! Dank der stählernen Hilfe bleiben wir im IIer-Bereich, es macht grossen Spass.

Die Kletterei endet in einer Scharte fast zuoberst auf dem Turm. Der Blick wird frei auf den schmucken Firngrat, aber auch auf ein kurzes, extrem ausgesetztes, verfirntes Gratstück, das wir steigeisenlos überschreiten müssen. Erst das kleine Felsplateau dahinter bietet genug Platz um die Dinger zu montieren. Für mich die Schlüsselstelle der Tour. Peter geht vor. Die Abmachung ist, dass er nach links springt, wenn ich nach rechts falle…dank seiner mit dem Pickel herausgeschlagenen Tritte bieten sich jedoch keine Probleme.  Trotzdem muss ich kurz tief durchatmen, als ich wenig später die Steigeisen festzurre. Ohne Peter wäre ich hier chancenlos.

Jetzt folgt ein sehr steiles Stück des Firngrats, das jedoch (noch) gut begehbar ist. Der Schnee ist fest gefroren, aber noch nicht vereist, wir kommen zügig vorwärts. Nur bläst uns jetzt ein bissiger Wind ins Gesicht, der uns bis zum Gipfel begleiten wird. Ich muss immer wieder innehalten, um zu fotografieren. Die enormen Wächten, die grimmige Steilheit der Flanken, die eleganten Schwünge des Grats, ein Traum für jeden Alpinisten. Dann die Fernsicht, die jedes kleine Detail am Weisshorn, Montblanc, Bietschhorn etc. erkennen lässt. Meine Glücksgefühle sprudeln. Dafür nehme ich jede Mühe auf!
 
Konzentration ist auch gefragt. Nicht zu nah am Grat laufen, das Einsinken des Pickels warnt vor Wächtenabbrüche. Das letzte Teilstück des Grat überwinden wir mit der Hilfe von Eisschrauben. Die Wärme und der Regen der letzten Tage haben das Firn vollständig vereisen lassen. Die Tour wird im Laufe des Sommers nicht einfacher werden.

Dann stehen wir vor dem Gipfelfelsen, der dank einer Strickleiter mühelos zu besteigen ist. Ohne sie wäre ich niemals hochgekommen. So stehen wir gut 5 Stunden und 50 Fotos nach dem Abmarsch auf dem Gipfel des Doldenhorns.

Nach einer windbeeinträchtigten, nicht allzulangen Pause machen wir uns an den Abstieg. Wir folgen dem verfirnten, immer steiler werdenden Südgrat. Die Zacken der Eisen halten gut, die Knie müssen hart arbeiten. Dank des frühen Zeitpunktes der Saison, können wir die Seraczonen über gute Schneebrücken vergleichsweise einfach überwinden. Peter erzählt, dass er hier als Heli-Retter im letzten September zwei Damen geholt hat, die die Kraft nicht mehr hatten, in die Spalten ab- und wieder hochzusteigen.

Auf rund 3000 Meter verlassen wir den Gletscher und versorgen das Material. Der Wind ist weg, jetzt genügt ein T-Shirt. Am Gipfel bilden sich derweilen die ersten Wolken, die vom Wind wild herumgejagt werden. Die Tour ist indessen noch lange nicht vorbei. Es erwartet uns ein 1000Hm (!) Abstieg durch nicht mehr aufhören wollende Schuttfelder, der ziemlich an die Kräfte zehrt. Immerhin sorgen der „Spitze Stein“ und der schöne Blick auf den Oeschinensee für ausreichend Abwechslung.

Endlich wird es grün, und wir schlendern entspannt durch die reich beblumte Taigalandschaft zur Doldenhornhütte. Ich lechze nach Schorle und Kohlenhydraten, die bald in Form einer deftigen Rösti serviert werden. Dann ziehen wir uns um und wandern in Shorts und leichten Schuhen zügig die letzten 700Hm nach Kandersteg hinunter.

Mehr Bilder folgen (ich muss sie zuerst alle verkleinern...)

Den vollständig bebilderten Eintrag mit interaktivem Kartenausschnitt findest du auf meinem Wanderblog:
http://www.edwinwandert.com/2017/06/via-galletgrat-auf-das-doldenhorn/

Tourengänger: Zolliker


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Kommentare (6)


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Sherpa hat gesagt: Gratulation
Gesendet am 23. Juni 2017 um 09:25
zur tollen Tour und den spannenden Bericht. Bin gespannt auf die tollen Fotos. Ein Ziel, dass auch noch auf der Liste steht.

Wünsche noch gute Touren.

Gruss Sherpa

Zolliker Pro hat gesagt: RE:Gratulation
Gesendet am 23. Juni 2017 um 18:00
Hi Sherpa
Du findest die Bilder auf dem Blog (link zuunterst)
Gruss Edwin

ufundab hat gesagt: Wunder..
Gesendet am 3. Juli 2017 um 17:38
..bar geschrieben und als Leser ist man mit dabei auf dieser schönen Hochtour! Danke.

Als Zugezogener im Saanenland lese ich deine Berichte immer wieder gerne und sehe, dass es auch dir hier oben gefällt :)

Grüsse

Zolliker Pro hat gesagt: RE:Wunder..
Gesendet am 3. Juli 2017 um 17:50
Lass uns mal zusammen etwas machen im saanenland! Lg Edwin

ufundab hat gesagt: RE:Wunder..
Gesendet am 3. Juli 2017 um 21:48
Mit noch kleinen Kindern bin ich an meist kurze, relativ spontane Zeitfenster gebunden. Vielleicht passt es aber einmal.
Deine Tour aufs Wildhorn würde mich reizen - dies muss ich aus der Nähe anschauen gehen :) Letzte Woche durfte ich es umrunden - seehr zu empfehlen und du kannst in der Lauenen starten (deinem Ferienwohnungdomizil?!).

Grüsse

Zolliker Pro hat gesagt: RE:Wunder..
Gesendet am 3. Juli 2017 um 22:22
bei mir geht es aber etwas langsamer als bei euch.... verrückt wie schnell ihr die Runde absolviert habt....


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